Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2026 - Literatur

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Nach vielen Jahrzehnten, in denen der Roman ungelesen im Regal stand, ist es dem Schriftsteller Burkhard Spinnen doch noch gelungen, ans Ende von Flauberts "Bouvard und Pécuchet" zu gelangen. In der WamS rät er uns eindringlich, es ihm gleich zu tun. Denn diese legendär als unlesbar geltende Farce aus dem späten 19. Jahrhundert über zwei Männer im übermütigen Wissenstaumel, die sich über das Liefersystem der französischen Buchhandlungen sämtliche Provinzen der Wissenschaft einverleiben und doch ratlos darin untergehen, liest sich für Spinnen wie die Prophezeiung unserer Medienrealität: "Das sogenannte Informationszeitalter steckt zwar um 1870 noch in seinen Anfängen, aber Bouvard und Pécuchet benehmen sich bereits genau so wie der durchschnittliche Internetnutzer unserer Gegenwart. Überfülle, Verwirrung, Konzentrationsschwäche, Ungeduld! Während ich dies schreibe, tappen gerade Millionen Menschen durch den Informationsdschungel des Internets auf der Suche nach verbindlichen Antworten" und stoßen dabei auf "ein Tohuwabohu von seriösen Erkenntnissen, alerten Halbwahrheiten und dreisten Lügen. Leider sind sie nicht dafür ausgebildet, das eine vom anderen zu trennen. Vielmehr sind sie wie Bouvard und Pécuchet erfüllt von dem Irrglauben, ein jeder könne auf einfachste Art und Weise zu wertvollen und nützlichen Erkenntnissen gelangen."

Außerdem: Sarah Pines porträtiert in der WamS die Schriftstellerin Lily Brett. Melanie Mühl spricht in der FAZ mit der Schriftstellerin Raphaela Edelbauer über deren Youtube-Kanal. Peter B. Schumann blickt fürs Literaturefeature im Dlf Kultur auf neue literarische Stimmen aus Lateinamerika. Eva Brandstädter führt in "Bilder und Zeiten" der FAZ durch Leben und Werk des georgischen Schriftstellers Konstantine Gamsachurdia. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch versenkt sich für das "Literarische Leben" der FAZ in Heinrich von Kleists "Verlobung in St. Domingo". Sophia Coper hat für die FAZ Diary Slams besucht, bei denen sich wildfremde Menschen aus den eigenen Tagebücher aus Teenagerzeiten vorlesen. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Jens Ulrich Eckard daran, wie der Schriftsteller Knut Hamsun 1943 Hitler besuchte. Peter Rawert blickt für "Bilder und Zeiten" der FAZ in die Geschichte der "Verwandlungsbücher", die in der frühen Neuzeit eine Jahrmarktsensation für Gaukler waren. In der "Langen Nacht" von Dlf Kultur befasst sich Christian Blees mit Jack London.

Besprochen werden unter anderem die von Kateryna Mishchenko und Katharina Raabe herausgegebene Anthologie "Geteilter Horizont. Die Zukunft der Ukraine" (FR), Nora Gomringers "Am Meerschwein übt das Kind den Tod" (FR), Pascal Merciers "Der Fluss der Zeit" (NZZ), Michal Ajvaz' "Die andere Stadt" (taz), Josh Winnings Thriller "Verbrenn das Negativ" (taz), Annette Pehnts Geschichtenband "Einen Vulkan besteigen" (FAZ) und Tara Sullivans "The Bitter Side of Sweet" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Jürgen Wehrs über Matthias Claudius' "Nach der Krankheit":

"Ich lag und schlief; da fiel ein böses Fieber
Im Schlaf auf mich daher,
Und stach mir in der Brust ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2026 - Literatur

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Petra Schellen unterhält sich für die taz mit der nach Deutschland ausgewanderten russischen Schriftstellerin Marija Stepanova, die in ihrem neuen Roman "Der Absprung" von einer Russin im Exil erzählt, die sich zunehmend Selbstvorwürfe macht aufgrund einer "subjektiv empfundenen Bürde von Schuld. Denn abgesehen davon, dass man sie als Repräsentantin des Staates sieht, aus dem sie floh, fühlt sie sich selbst schuldig. Sie fragt sich, inwieweit sie Teil der Gesellschaft des angreifenden Landes war. Gibt es etwas in ihr, das sie auf unbewusste Art brutal macht?" Dennoch sei sie "dagegen, Sprache verantwortlich zu machen oder bestimmte Nationen oder Sprachen als besonders anfällig für Grausamkeit zu betrachten. ... Sprache ist eher ein Opfer. Die offizielle Presse in Russland etwa übt gerade einen Akt der Brutalität gegenüber der Sprache."

Außerdem spricht Petra Schellen für die taz mit der Grönländerin Laali Lyberth, die mit ihrem Inuit Verlag der Literatur ihres Heimatlandes ein Forum in Deutschland bieten will. Besprochen werden unter anderem Volker Weidermanns "Wenn ich eine Wolke wäre" über die Dichterin Mascha Kaléko (FR), Mirinae Lees "Die acht Leben der Frau Mook" (FR) und die von Hans Pleschinski herausgegebenen und übersetzten Erinnerungen von Marie Antoinettes Kammerfrau Henriette Campan (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2026 - Literatur

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Alexander Cammann erzählt in der Zeit von seiner Begegnung mit dem Autor Marko Martin in Berlin, dessen schillerndes Leben ihm sichtlich imponiert. Denn "so jemand wie Marko Martin ist eigentlich nicht vorgesehen im Repertoire unserer Gegenwart. ... Sein Mix von Lebensthemen ist außergewöhnlich: Als Autor lässt er seine Erzählungen in aller Welt von Lateinamerika bis Syrien oder Südostasien spielen, inspiriert von seinen Reisen und Erfahrungen. Als Reporter hat er sich den globalen Freiheitsbewegungen verschrieben. ... Und er ist an den Küchentischen Ostmitteleuropas zu Hause, befreundet mit vielen Ex-Dissidenten, den Heroen des 89er-Umbruchs. Womit wir beim engagierten Intellektuellen und Essayisten Marko Martin wären: Er kreist in dieser Rolle um die Freiheit, in Gegenwart und Geschichte, auch hierzulande. Sein jüngstes Buch heißt denn auch doppelsinnig 'Freiheitsaufgaben', ein kluger Essay, in dem er sein Nachdenken über die Gefährdungen von Freiheit und seine Erlebnisse in einer virtuosen Montage zusammenschneidet."

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Weitere Artikel: In der Zeit porträtiert Katharina Teutsch den französischen Schriftsteller Aurélien Bellanger, der in seinem Roman "Die letzten Tagen der Linken" mit den französischen Sozialisten abrechnet. Willi Winkler spricht in der SZ mit dem Schriftsteller Julian Barnes, dessen aktuelles (und in der NZZ rezensiertes) Buch "Abschied(e)" tatsächlich sein letztes sein soll, unter anderem über philosophische Gottesbeweise und das Leben nach dem Tod. Patrick Bahners (FAZ) und Martin Zips (SZ) schreiben zum Tod des "Dilbert"-Cartoonisten Scott Adams.

Besprochen werden unter anderem Peter Waterhouses "Z Ypsilon X" (FAZ) und Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (Zeit, FAZ, SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau.
Stichwörter: Martin, Marko, Freiheit

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2026 - Literatur

Sicher, "man sollte Kunst nachträglich nicht heroisieren, Gedichte werden nicht automatisch gut, nur weil die Autorin unfreiwillig zur Protagonistin einer amerikanischen Tragödie wurde", schickt Marlene Knobloch in der Zeit in ihrem Text über Renee Good voraus, die in Minneapolis von einem ICE-Beamten erschossen wurde. Trotzdem stellt sie fest: Bei Goods 2020 preisgekröntem Gedicht "On Learning to Dissect Fetal Pigs" handelt es sich um "ein gutes, ein merkwürdiges Gedicht", das vor allem Good als Individuum vor den Überlagerungen durch Medien, Öffentlichkeit und politischen Fraktionen rettet: Ihr Gedicht "erzählt von einem Menschen, der mit Ideen rang, damit, wie man dieses Leben verstehen soll. Der mit Versen nach Erkenntnis tastete. Der an der nackten biologistischen Definition der Existenz zweifelte, der auf der Suche nach dem Eigensten, Innersten war, nach dem, was da noch liegen könnte oder mal gelegen hat."

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Sehr fasziniert durchstreift Dietmar Dath im FAZ-Porträt die Science-Fiction-Welten von Aiki Mira. Bei deren Lektüre lernt er: "Sprache kann Gebiete der Imagination, die kein Fuß je betreten wird, besetzen, befreien, bewohnen oder aufgeben." Schon sieht Dath eine Internationale der Science-Fiction sich bilden: "Alyxandra Margaret Dellamonica (alias L. X. Beckett) ... in Kanada, Olga Ravn in Dänemark, Alain Damasio in Frankreich, Quifan Chen in China ... stehen wie Aiki Mira gegen die blödsinnigen Entwürfe illiterater Big-Tech-Hasardeure, die Aiki Mira unbeeindruckt ins Visier nimmt: 'Marskolonialismus, ewiges Leben, Privatstädte. Musk, Bezos, Thiel arbeiten an ihren persönlichen Fluchtfantasien. Autoritäre SF baut keine Zukunft, sondern ein Museum ihrer Macht. Mit Eintrittspreis. Ich möchte dieser Vision viele lebbare Zukünfte entgegensetzen: Körper, die nicht erobern, sondern sich verweben', inklusive 'Wesen, die schon hier sind, auch die nicht-menschlichen."

Schon auch bedauerlich findet es Susanne Messmer in der taz, dass sich die wegen Umbauten und Renovierungen bedingte 18-monatige Tournee des Literaturhauses Berlin quer durch die Hauptstadt nun dem Ende zuneigt. Dieses "Literaturhaus ohne Haus" wäre jedenfalls eine patentreife Idee, findet sie: "Denn egal, ob der Rapper AMEFU am Tag der Bücherverbrennung im SO36 Paul Celans 'Todesfuge' las oder ob Mikael Ross seine Graphic Novel 'Der verkehrte Himmel' mitten in jenem Wohngebiet in Lichtenberg vorstellen konnte, wo sie spielt: Literatur wartet meist viel zu lang darauf, entdeckt zu werden, statt selbst vor die Tür zu gehen."

Weiteres: Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tsp) schreiben Nachrufe auf den "Dilbert"-Cartoonisten Scott Adams. Besprochen werden unter anderem Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (FR), Elizabeth Jenkins' "Die Nachbarin" (FR) und Marcel Nobis' Streifzug durch die Geschichte der Kneipenkultur des alten West-Berlins (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2026 - Literatur

Die Feuilletons sind zu zahm, die Redaktionen zu ängstlich und im Zuge Kulturkritiken zu fad geworden, findet auch der Autor Jonathan Guggenberger in der taz. Was an Kanten in Kritiken vorhanden ist, werde erst rausredigiert, nur um dann verdutzt aus der Wäsche zu schauen, weil Reichweiten einbrechen, während im Netz jedem Dampfplauderer klar ist, dass Aufreger und Kontroversen ersehnte Klicks bringen. Aber auch die junge Generation selbst sei an der Zahmheit schuld: Nur niemanden vor den Kopf stoßen, nur keinen Verriss schreiben, "man weiß ja nie, vielleicht schreibt man bald selbst einen Roman". Guggenberger fordert daher "mehr Verrisse" und zwar "selbstbewusste, elegant geschriebene, mit unerwarteten Thesen". Außerdem "müssen wir wieder 'intellektuelle Marktschreier' werden. Und wenn alles nichts hilft? "Dann müssen wir eben unsere Köpfe zusammenstecken, unsere Stimmen und unsere Portemonnaies in den Ring schmeißen und eigene Zeitungen, Magazine oder Plattformen gründen." 

Außerdem: Tobias Lehmkuhl liest für die FAZ die teils preisgekrönten Gedichte von Renee Nicole Good, die von einem ICE-Agenten in Minneapolis erschossen wurde. Matthias Heine verzweifelt in der Welt daran, dass immer mehr Schulen "Faust" nur noch in vereinfachter Form verabreichen. Sebastian Borger erinnert im Standard an Agatha Christie, die vor 50 Jahren gestorben ist.

Besprochen werden unter anderem Sebastian Strombachs Comic "Jeck" (FAZ.net), Elli Unruhs "Fische im Trüben" (FR), eine Ausstellung über Kleist und die Musik im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder (FAZ), Bodo Kirchhoffs "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt" (FAZ) und neue Comicadaptionen von Theaterstoffen, darunter Nele Heaslips "Faust"-Bearbeitung (SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2026 - Literatur

Im Standard-Essay tut sich der Schriftsteller Stefan Kutzenberger schwer mit der Vorstellung, dass man Bücher in den Wettbewerb um eine Auszeichnung schicken kann oder gar sollte, "denn Kunst kann alles sein, nur nicht messbar, sonst wäre sie keine". Mladen Gladic sorgt sich in der Welt um die Zukunft der Übersetzungszunft, nachdem der auf Liebesromane spezialisierte, französische Verlag Harlequin angekündigt hat, beim Übersetzung zukünftig auf KI zu setzen. Sebastian Borger (FR) und Paul Jandl (NZZ) erinnern an Agatha Christie, die vor 50 Jahren gestorben ist. Lukas Kapeller (Standard), Hans Peter Roth (Berner Zeitung) und Willi Winkler (SZ) schreiben Nachrufe auf den Science-Fiction-Autor Erich von Däniken.

Der Blattmacher Alf Mayer zählt zu jenen Internet-Idealisten, ohne deren beeindruckendes Engagement für die Möglichkeiten des Netz-Kulturjournalismus das Internet ein ärmerer Ort wäre. Sein CrimeMag, das in beeindruckender Konsequenz seit vielen Jahren jeden Monat neu erscheint und dabei gefühlt immer umfangreicher wird, legt davon beeindruckend Zeugnis ab. Das Onlinemagazin Gespenster der Freiheit hat ihm nun ein schönes Videoporträt spendiert:



Außerdem frisch im Netz: unser Bücherbrief mit Hinweisen zu den wichtigsten Büchern des Monats. Besprochen werden Ádám Bodors Erzählband "Waldohreule" (NZZ), Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (NZZ) und Peter Wawerzineks "Rom sehen und nicht sterben" (online nachgereicht von der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2026 - Literatur

Zwei Monate nach seiner Freilassung aus der algerischen Haft hat Boualem Sansal Berlin besucht. Im Gespräch mit Katharina Teutsch für die Zeit warnt der Schriftsteller westliche Demokratien eindringlich vor der Gefahr durch den Islamismus. "Als der Islam sich in den Neunzigerjahren in Algerien zum Islamismus entwickelte, gab es dort eine große Debatte: Soll man islamistische Parteien tolerieren? Wenn man das täte, so sagten damals viele, dann würde bald nicht mehr die Verfassung die Leitprinzipien liefern, sondern der Koran." Doch "dann kam der Moment, in dem die islamistische Bewegung so stark wurde, dass es nicht mehr möglich war, darüber offen zu sprechen. Und seither habe ich dann in Richtung Europa gesagt: Ihr müsst aufpassen, dass euch das nicht auch passiert. ... Die Linke hat damals geglaubt, dass die Leute, die aus arabischen Ländern nach Frankreich kommen, sich schon nach und nach integrieren werden. ... Der Islamismus ist aber nicht nur eine Denkweise, er ist eine Art, die Welt neu zu gestalten. Er hat eine auslöschende Seite."

Mit seiner Begnadigung will Sansal sich nicht zufrieden geben, weshalb er nach Algerien gerne zurückkehren möchte, verrät er Lena Bopp von der FAZ: "Offiziell bin ich noch immer ein Krimineller, denn ... eine Begnadigung hebt die Strafe nicht auf." Damit "bleibe ich ein Ziel für Islamisten, Verrückte, die sagen: Er ist ein Spion Israels, man muss ihn töten. Wenn ich nach Algerien gehe, werde ich innerhalb eines Tages ermordet." Aber "ich möchte zurückkehren, um eine öffentliche Verhandlung mit ausländischen Beobachtern, ein neues Urteil mit echten Richtern und Anwälten zu fordern. Wenn ich dann verurteilt werde - okay. Aber wenn nicht, gehe ich als freier Mann. Und jeder wird wissen, dass ich unschuldig bin." Für die SZ porträtiert Sonja Zekri Sansal.

Vor 30 Jahren, im Januar 1996, erschien in der SZ Peter Handkes "Winterliche Reise" nach Serbien und damit der Urtext von Handkes anhaltender Relativierung und Infragestellung des genozidalen Massakers von Srebrenica der Serben an den Bosniern. Heute liest sich der Text, wie "die Vorgeschichte des Krieges gegen die Tatsachen, in dem wir heute zu kämpfen haben", schreibt Alexander Schimmelbusch in der FAS. "Es ist alles schon da: Whataboutism, NATO-Bashing, der Bückling vor Kriegsverbrechern, die Herabwürdigung der Opfer brutaler Übergriffe, die Entwertung von Expertise und Analyse zugunsten von Affekt und Bauchgefühl, Jähzorn gepaart mit Weinerlichkeit sowie einer passiv-aggressiven Opferhaltung und so weiter. Und natürlich die Klage über gelenkte Mainstream-Medien, während man in einem solchen die Geschichte umschreibt, um Erfundenes in der politischen Debatte salonfähig zu machen und sich völlig frei, wie zuletzt im Kindergarten, eine eigene Fantasie-Realität ausdenken zu können, eine private Wirklichkeit."

Viele sind sich dessen kaum "bewusst, was für eine Lücke da bis heute klafft in dem, was Ostdeutsche über die eigene Geschichte wissen", schreibt der in der DDR aufgewachsene, in den Achtzigern aber in die Bundesrepublik abgeschobene Schriftsteller Martin Ahrends in "Bilder und Zeiten" der FAZ, "weil bestimmte Bücher verboten waren zu Zeiten, als es wichtig gewesen wäre, sie zu lesen. Der ostdeutschen Öffentlichkeit fehlen wichtige Teile der eigenen Entwicklungsgeschichte. Stimmen, die verzagten und verstummten, Stimmen, die sich nie frei entwickeln konnten, Stimmen, die aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden. ... Die Politik des Herausschneidens und Herauszerrens hat Spätfolgen: ein löchriges Geschichts- und Selbstbewusstsein. Schuld daran tragen nicht diejenigen, die es benennen, sondern die Selektoren von einst. Das Selbstbild der Ostdeutschen, das Dirk Oschmann in seinem Bestseller beklagt, hat weniger mit dem westdeutschen Blick als mit dem zerbrochenen Spiegel zu tun, den die SED-Kulturpolitik hinterlassen hat."

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Weitere Artikel: Annabelle Hirsch spricht für die FAS mit Leïla Slimani über deren neuen Roman "Trag das Feuer weiter" und über Fragen der Identitätszugehörigkeit als Franko-Marokkanerin. Clemens Böckmann denkt in der taz über den Boom der Autofiktion in den letzten Jahren nach. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Dankesrede, die der Schriftsteller Éric Vuillard zur Auszeichnung mit dem Ernst-Bloch-Preis gehalten hat. In der FAZ gratuliert Paul Ingendaay dem Schriftsteller Antonio Muñoz Molina zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Florian Illies' "Wenn die Sonne untergeht" über die Familie Mann in Sanary (Standard), Auður Ava Ólafsdóttirs "Eden" (FR), die sieben Bände umfassende Ausgabe von Robert Walsers Feuilletons (Welt), Anne Sterns Krimi "Die weiße Nacht" (Welt), Michael Angeles "Ein deutscher Platz" über den Stuttgarter Platz in Berlin (FAZ) und Julian Barnes' "Abschied(e)" (WamS, FAS).

In der Frankfurter Anthologie schreibt Ulrich Greiner über Sarah Kirschs "Die Nacht streckt ihre Finger aus":

"Die Nacht streckt ihre Finger aus
Sie findet mich in meinem Haus
Sie setzt sich unter meinen Tisch ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2026 - Literatur

In der Literarischen Welt (online nachgereicht) erklärt die russische Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa, welche Bücher sie besonders geprägt haben. Darunter befindet sich auch "Marschroute eines Lebens" von Jewgenia Ginsburg: "Seit meiner Kindheit war ich von Freundinnen meiner Großmutter umgeben, die den Gulag überlebt hatten. Natürlich setzte sich niemand neben mich, um mir eigene Geschichte zu erzählen. Es waren Halbsätze, Bruchstücke von Erinnerungen. Als ich das Manuskript von Jewgenia Ginsburg las, war das genau die Art von Erzählung, die ich immer hatte hören wollen: wie eine junge, gebildete Frau, die an den Kommunismus und an die Partei glaubte, in die stalinistischen Gefängnisse geriet; wie sie allmählich erkannte, dass alles, was ihr widerfuhr, das Ergebnis des von Lenin und Stalin geschaffenen Systems war. Gefängnisse, Verhöre, der Gulag auf der Kolyma - für mich war dieses Buch die Beleuchtung des schwarzen Raums der Vergangenheit, in den ich eintreten wollte."

Besprochen werden unter anderem Sayaka Muratas "Schwindende Welt" (taz), Jolán Földes' "Die Strasse der fischenden Katze" (NZZ), Molly Thynnes Krimi "Eingeschneit mit einem Mörder" (FR) und Viktor Martinowitschs "Das Gute siegt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2026 - Literatur

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Im Perlentaucher ist Angela Schader tief beeindruckt von Son Lewandowskis Mitte des Monats erscheinendem Debütroman "Die Routinen", für den die Kölner Autorin "hartes Faktenmaterial in ein sprachlich und emotional vibrierendes, dichtes Werk überführt" hat. Es geht um die Entbehrungen und Versehrungen von Kunstturnerinnen. "Die Sprache wechselt zwischen Ich-, Du- und Wir-Form, geschmeidig und spannungsvoll, mit ihren gelegentlichen sprachakrobatischen Einlagen bestens aufs Thema abgestimmt. 'Ich' steht für Amik, 'Du' für Izzy, 'Wir' fürs große Kollektiv der Kunstturnerinnen: In dieser Konstellation werden nicht nur die prekären Beziehungen unter den Sportlerinnen gefasst, die gegensätzlichen emotionalen Kräften - der zentrifugalen des Konkurrenzdrucks, der zentripetalen einer Leidensgemeinschaft - ausgesetzt sind, sondern auch ein Aspekt, den Lewandowski immer wieder herausstreicht. Die Tatsache nämlich, dass den Turnerinnen die individuelle Stimme genommen wird, dass ihnen Karriere-Narrative quasi auf den Leib geschrieben, ihre eigenen Notrufe derweil überhört werden." Hier eine Leseprobe aus dem Roman.

Im Manga-Bereich ist vor allem das "Boys Love"-Segment sehr erfolgreich, das von der romantischen Liebe zwischen jungen Männern erzählt. Den Großteil des Publikums bilden allerdings Mädchen und Frauen, stellt Monika Rathmann in der SZ erstaunt fest und versucht dem auf den Grund zu gehen. Das Phänomen zeigte sich schon in den Siebzigern, erfährt sie von der Japanologin Katharina Hülsmann: "Die Leserinnen waren begeistert. Im Gegensatz zu ihrer patriarchal geprägten Realität konnten sie beim Lesen Romantik und sexuelle Begierde ohne eine weibliche Figur und damit ohne Sorge um traditionelle Geschlechterrollen oder gesellschaftliche Erwartungen zur Familienplanung erleben.  ... Leserinnen versetzten sich in einen der Partner hinein und konnten so ihr Verlangen vom eigenen Geschlecht trennen." Aus der schwulen Szene gibt es aber auch Kritik: "BL-Geschichten seien keine realistische Darstellung von Homosexualität, sondern die Fetischisierung von schwulen Beziehungen."

Besprochen werden Peter Truschners "Wie ein Messer" (jW), Jon Fosses "Vaim" (NZZ), Nele Heaslips Comicadaption von Goethes "Faust" (FAZ), Andreas Molitors Göring-Biografie (NZZ), die Memoiren des Star-Anwalts Matthias Prinz (Zeit), Alina Bronskys "Essen" (FAZ) und Tezer Özlüs "Die kalten Nächte der Kindheit" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.01.2026 - Literatur

Besprochen werden unter anderem László Krasznahorkais "Zsömle ist weg" (online nachgereicht von der Welt), Anna Prizkaus "Frauen im Sanatorium" (FR), Maria Lazars "Gedankenstrahlen" (Standard)David Szalays "Was nicht gesagt werden kann" (NZZ), Audur Ava Olafsdottirs "Eden" (NZZ), Andreas Möllers "Am Rande Berlins lebt die Intelligenz" (Welt), Carlo Emilio Gaddas "'Im grausamen Pandämonium der Geschichte'. Tagebuch aus Krieg und Gefangenschaft (1915-1919)" (FAZ) und Hermann Hesses "'Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende'. Die Briefe 1958-1962" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.