Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

3674 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 368

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2026 - Literatur

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Mit seinem neuen Roman "Bambino" schildert Marco Balzano anhand eines Jungen, der bei den Schwarzhemden Karriere als Schläger macht, den Aufstieg des historischen Faschismus in Italien. Dass er dabei keinen politischen Player porträtiert, sondern eine völlig nebensächliche Figur der Geschichte, ist eine bewusste Entscheidung, verrät der italienische Schriftsteller im SZ-Gespräch: "Ich wollte zeigen, wie es ist, die Welt aus der Perspektive von einem zu betrachten, der am Bösen beteiligt ist. Oder, wie Hannah Arendt es genannt hat: die Banalität des Bösen. ... Er ist ein x-beliebiger Faschist, kein Mussolini, kein Hitler, kein Stalin, er hat nicht mal eine ausgeprägte eigene politische Meinung. ... Diktaturen setzen auf Leute wie Bambino, die schwach sind und sich anpassen."

Außerdem: Mit regem Interesse verfolgt Eva Goldbach in der FAZ neue Forschungsmethoden, die es gestatten, die Tinte in Hölderlins Handschriften zu analysieren und damit insbesondere undatierte Manuskripte zeitlich präziser zu verorten und den verschiedenen Aufenthaltsorten Hölderlins exakter zuzuordnen. Erstaunt nimmt Nils Minkmar in der SZ zur Kenntnis, dass Michel Houellebecq nun auch unter die Chansonniers gegangen ist, auch wenn der Schriftsteller in einem französischen Radiointerview kürzlich zu Protokoll gab, Chansons zwar zu lieben, selbst aber gar nicht singen zu können. Auf dem für März angekündigten Album geht es wie bei Houellebecq zu erwarten um "Krieg, Untergang und Verderben".



Besprochen werden unter anderem Ully Arndts Comicadaption von Heinz Strunks Roman "Der goldene Handschuh" (taz), Roberto Grossis Comic "Die große Verdrängung" (FAZ.net), Anke Feuchtenbergers Comic "Der Spalt" (Jungle World),  Alexander Schnickmanns Lyrikband "Gestirne" (FR) und Joan Didions "Notizen für John" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.01.2026 - Literatur

Alexander Menden resümiert in der SZ das Kölner Lyrikfestival Poetica. Im Standard schreibt Alexandra Millner zum Tod der Lyrikerin Emily Artmann, die nur 50 Jahre alt wurde. In der FAZ kann sich Tilman Spreckelsen gut vorstellen, dass Joachim Kaufmann als neuer Leiter die zuletzt sichtlich gebeutelte Frankfurter Buchmesse wieder nach vorne bringen kann, zumal Kaufmann bereits den Carlsen Verlag durch beherzte Strukuränderungen erheblich anwachsen lassen konnte. Unter dem Insta-Hashtag #iceoutcomics dokumentieren Indie-Comickünstler Eindrücke von ICE-Übergriffen und zivilgesellschaftlicher Gegenwehr, berichtet Lars von Törne im Tagesspiegel.

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Besprochen wird unter anderem Wolfram Lotz' "Träume in Europa" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2026 - Literatur

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Zum Holocaust-Gedenktag erinnert Dirk Schümer in der Welt  an Imre Kértesz' Roman "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind": "Das Großartig-Niederschmetternde dieses 1990 erschienenen Buches liegt in der Schrift gewordenen Erkenntnis des Autors, dass sich nicht mehr in beschreibenden Worten von den Abläufen im Vernichtungslager erzählen lässt, dass Opfer wie Täter, Farben wie Gerüche, Verbrechen wie Heldentaten angesichts der wahren Begebenheiten als Literatur zu Kitsch verkommen. Also spricht Kertész von der großen Verneinung wie früher Theologen vom unnennbaren Gott: verhüllt, in Umschreibungen und Umwegen, in der Negation. Erst spät entdeckte Kertész, wie er selber erklärt hat, in der radikal subjektiven Prosa von Thomas Bernhard den grimmig-ironischen Fließtext, in der er sein eigenes Erzählprojekt vom Nichts bewerkstelligen konnte. Im Kaddisch erkennt Kertész - gerichtet an eine zärtlich umschriebene Leere - nurmehr die Literatur 'als geistige Existenzform, genauer als Existenzform des Überlebens, die ein gewisses Überleben nicht mehr überlebt.'"

Außerdem bringt die FAZ zum Holocaust-Gedenktag mit "Stützpunkt Ponary" eine Erzählung von Józef Mackiewicz, die laut Teaser "in Polen ... als einer der wichtigsten literarischen Texte über die Shoa" gilt, in Deutschland aber bislang nur einmal 1992 veröffentlicht wurde.

Besprochen werden unter anderem Anatoli Kusnezows "Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen" (taz, unsere Kritik), Dimitré Dinevs "Zeit der Mutigen" (NZZ), Elias Hirschls "Schleifen" (Standard) und Margaret Atwoods Memoiren "Book of Lives" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.
Stichwörter: Shoah, Holocaust, Kertesz, Imre

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2026 - Literatur

Fürs Literatur-Feature von Dlf Kultur hat sich Miriam Zeh in die Welt von BookTok begeben. Michael Schmitt erinnert in der FAZ an die Kinderbücher von James Krüss, der vor bald hundert Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem Eli Sharabis "491 Tage. In den Tunneln der Hamas" (Jungle World), Peter Payers Biografie über den einst sehr populären, von den Nazis ermordeten Schriftsteller Ludwig Hirschfeld (Standard), Rie Qudans "Tokyo Sympathy Tower" (NZZ), Philippe Collins "Der Barmann des Ritz" (Standard) und Kristina Ohlssons Kinder-Thriller "Flammenrad" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2026 - Literatur

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Im Literaturfeature von Dlf Kultur porträtiert Wiebke Porombka den Schriftsteller Kaleb Erdmann, der mit seinem Roman "Die Ausweichschule" den Erfurter Amoklauf von 2002 verarbeitet, den er selbst überlebt hat. In "Bilder und Zeiten" der FAZ denkt die Schriftstellerin Olga Martynova über Joseph Brodksy nach und was den russischen Nobelpreisträger, der zeitlebens alles andere als ein russsischer Nationalist gewesen ist, in den frühen Neunzigern zu seinem (allerdings nie publizierten, sondern nur vorgetragenen) sarkastischem Schmähgedicht "Auf die Unabhängigkeit der Ukraine" getrieben haben mag. In der Welt porträtiert Mladen Gladic den Verleger und Lektor Sebastian Guggolz, der seit letztem Herbst auch dem Börsenverein des deutschen Buchhandels vorsteht. Die Welt hat Sarah Pines' Porträt der Schriftstellerin Lily Brett online nachgereicht. Fedora Wesseler (NZZ) und Wulf Segebrecht (im "Literarischen Leben" der FAZ) erinnern an E.T.A. Hoffmann, der heute vor 250 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem neue Bücher von Artur Becker (FR), Viktor Martinowitschs "Das Gute siegt" (taz), Fran Locks "Manifest für eine Arbeiter:innen-klassenpoetik" (taz), Andrej Platonows Erzählband "Der Staatsbewohner" (Standard), Henning Köhlers "Das Haus Koerfer. Eine Familiengeschichte im 20. Jahrhundert" (NZZ), Stefanie Sargnagels "Opernball - Zu Besuch bei der Hautevolee" (FAS), Marie-Janine Calics "Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa" (FAZ) und David Hugendicks Essay "Jetzt sag doch endlich was. Über das Stottern" (WamS). Mehr in unserer Bücherschau.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Peter-André Alt über Hans Magnus Enzensbergers "das herz von grönland":

"ich wollte das nordlicht loben,
denn es ist schön
und wird nicht zuschanden ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2026 - Literatur

Julia Encke schreibt in der FAZ über Leben und Werk der Schriftstellerin Leïla Slimani. Gregor Dotzauer blickt im Tagesspiegel auf 250 Jahre E.T.A. Hoffmann.

Besprochen werden unter anderem César Airas "Der Hase" (FR), Mariam Naiems, Yulia Vus' und Ivan Kypibidas Comic "Eine kurze Geschichte eines langen Konflikts. Ukraine und Russland" (taz), Saba Sams' "Wir sind das Leben" (FR) und Peter Schneiders "Die Frau an der Bushaltestelle" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2026 - Literatur

Gegen die Seelenlosigkeit der KI-Text-Schwemme hilft nur der Rückzug in die Lyrik, ist Jens Ulrich Eckard in der Welt überzeugt. Das wird die KI zwar nicht aufhalten, schafft aber Resilienz: "Generative KI macht uns einmal mehr klar: Der Mensch ist nichts Besonderes, seine Kommunikation ist reproduzierbar und sein 'Haus des Seins', wie Heidegger die Sprache nannte, hat er sich fortan mit den Algorithmen zu teilen. Gegen die Schwemmgebiete im Digitalen, die sprachliche Landschaften aus Kies und Geröll hinterlassen, hilft somit nur die Ausweichbewegung in die Höhe. Das Gedicht als karstiger Fels, in dessen Spalten züngelnde Salamander hausen. Wer Weltfremdheit aushält, wird dort oben eine schöne Zeit haben."

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Mit seinem autobiografisch grundierten Roman "Babyn Jar" erinnert Anatoli Kusnezow an den Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion und an das Massaker, das ein deutsches Sonderkommando in der Schlucht Babyn Jar an 33.000 Juden verübt hat. Ursprünglich erschien der Roman 1965 in der Sowjetunion - und wurde dort prompt schwer zensiert. Gut, dass Kusnezow in der nun vorliegenden deutschen Fassung "die ursprünglich zensierten Teile kenntlich gemacht hat und die Zensurbehörden der Sowjetunion in all ihrer Absurdität vorführt", schreibt Perlentaucherin Benita Berthmann. "Als die Deutschen in Kiew einziehen, lässt er eine Anwohnerin einen deutschen Soldaten als 'jung und so hübsch' beschreiben. Hübsch ist gestrichen, hübsch darf er nicht sein, der Deutsche, zumindest wenn es nach der Zensur geht. Das löst einerseits Kopfschütteln aus und macht andererseits den unendlich wichtigen doppelten Dokumentencharakter des Buches sichtbar: Den Geschehnissen in Babyn Jar wird ebenso ein Denkmal gesetzt wie der strammen Zwangsjacke der finsteren sowjetischen Zensurpolitik. Kusnezow fordert damit aber auch von seinen Leserinnen und Lesern, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu denken: Auf der des Kindes im Krieg, auf der des Schriftstellers in der immer noch antisemitisch geprägten Sowjetunion der 1960er-Jahre, auf der des Exilierten, der seinen Text fernab der krakenhaft darüber wachenden Behörden im Westen überarbeitet."

Alle sprechen über Trad-Wives - Frauen also, die sich auf Social Media bewusst nach traditionellen Rollenbildern inszenieren und diese auch propagieren -, aber niemand über Weird Girls. Darauf stürzt sich gerade BookTok, berichtet Amely Wild in der SZ. "Zeitgenössische Romane, in denen Frauen zu extremen Mitteln greifen, Außenseiterpositionen einnehmen, sich durch und durch merkwürdig verhalten, gibt es bereits seit einigen Jahren. Doch ausgerechnet jetzt werden diese Bücher in den sozialen Medien wiederentdeckt, verstärkt rezipiert und gefeiert. ... Nach kurzer Suche stößt man dort auf Tausende, meist englischsprachige Videos" zum Thema. "Die Bandbreite der Romane, die in den kurzen Clips empfohlen werden, ist enorm, umfasst sowohl Neuerscheinungen als auch Wiederentdeckungen.  Und natürlich wurde in diesem Jahr längst der #weirdgirlwinter ausgerufen."

Weiteres: Timo Posselt porträtiert in der Zeit Laali Lyberth, die mit ihrem Inuit Verlag der grönländischen Literatur in Deutschland ein Forum bieten will. Dirk Knipphals macht sich in der taz Gedanken darüber, ob der zünftige Verriss wirklich noch das Eingangstor in die Welt des Feuilletons darstellt. Patrick Bahners berichtet in der FAZ von einem Marbacher Abend mit Michael Krüger. Judith von Sternburg schreibt in der FR einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler und Dichter Karl Riha.

Besprochen werden unter anderem Son Lewandowskis "Die Routinen" (NZZ), Jegana Dschabbarowas "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt" (taz), Lili Körbers "Abschied von gestern" (FR), Michal Ajvaz' "Die andere Stadt" (taz), Camille Jourdys Comic "Pippin & Olivia" (FAZ.net), Andrej Platonows Erzählband "Der Staatsbewohner" (Zeit), Magnus Wielands "Schreibmaschinen. Eine Geschichte des Tippens" (FAZ) und Stefan Hertmans' "Dius" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2026 - Literatur

Alexander Schimmelbusch antwortet in der Welt auf Mladen Gladic, der ihn dort mit teils eher raunenden Argumenten für einen in der FAZ veröffentlichten Text über Peter Handke kritisiert hat. Schimmelbusch hatte Handke als eine Art Vorreiter heutiger Diskursstrategien von Populisten gezeichnet (unser Resümee). Zum Vorwurf macht Gladic Schimmelbusch unter anderem, dass dieser auf ein Interview zurückgegriffen hat, von dem Handke sich Jahre später distanziert habe. Handke aber, entgegnet Schimmelbusch, distanziert sich immer mal wieder von Aussagen, nur um sie später doch wieder durch die Hintertür zu bekräftigen und sei es durch angebliche Verhaspelungen. Schimmelbuschs Beleg: Dass Handke über Jahre hinweg mit geschmacklosen Gleichsetzungen immer wieder den Holocaust relativiert hat - etwa als er 1999 meinte, dass kein Volk im 20. Jahrhundert so gelitten habe, wie die Serben und dass deren Leid, anders als der Holocaust, eine "Tragödie ohne Grund" sei. "Moment mal, soll das heißen, bei den Juden gab es einen Grund? Was will Handke hier genau sagen? Okay, er hat sich auch davon distanziert, aber: So etwas kommt einem Menschen doch nicht über die Lippen, wenn es ihm nicht im Kopf herumgeistert? Mal ganz konkret: Wem ist das noch passiert, dass er das angebliche Leid irgendeiner Gruppe wie der Serben ohne Absicht sowie entgegen der eigenen Überzeugung im Zuge eines Interviews im Fernsehen über jenes der europäischen Juden gestellt hat? Das wird man ja wohl noch fragen dürfen! "

Außerdem: In der FR denkt Aleida Assmann über das Verschwinden der Handschrift als Kulturtechnik nach. Besprochen werden unter anderem Hans Wollschlägers Romanfragment Der Fall Adams" (Jungle World), der fünfte Band des Briefwechsels zwischen Sigmund Freud und Martha Bernays (NZZ), Mick Herrons Krimi "Down Cemetery Road" (FR) und Scholastique Mukasongas "Sister Deborah" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.

Außerdem ist die neue Folge unseres Podcasts "Bücherbrief Live" online: Benita Berthmann und Lukas Pazzini haben in unserem aktuellen Bücherbrief gestöbert und sprechen über den neuen Roman "Zsömle ist weg" des frischen Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai und über Aya Jaffs Sachbuch "Broligarchie. Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern". Letztere ist auch zu Gast im Gespräch. Und Sie wissen ja: In unserem Bücherbrief stellen wir für Sie jeden Monat die wichtigsten Bücher des Monats zusammen. Am komfortabelsten kommt er als Newsletter per E-Mail zu Ihnen nach Hause.
Stichwörter: Handke, Peter

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2026 - Literatur

Dass Literaturklassiker in einfacher Sprache auch an Gymnasien Einzug halten, wo sie doch ursprünglich für den Deutschunterricht an anderen Schulen (Grundschule, Hauptschule etc.) gedacht waren (mehr dazu hier), hat nach Ansicht von Heike Schmoll in der FAZ auch damit zu tun, dass das "Gymnasium längst zu einer Art Einheitsschule geworden ist, die mit unterschiedlichsten Schülern und Sprachniveaus zurechtkommen muss." Hinzu kommt, dass Literatur im Deutschunterricht lediglich "funktionalisiert" werde, "um sprachliche, kommunikative und mediale Fähigkeiten einzuüben. ... Dabei bietet die Schule für die meisten Schüler die einzige Möglichkeit, die Hürde zu einer fremd wirkenden sprachlichen Welt zu überwinden. Die erste Lektüre eines klassischen literarischen Textes erfordert Anstrengung, mehrfaches Lesen, Sicheinlassen auf eine andere, neue Welt, sich auf eine gedankliche Erkundung zu begeben." Die Folge? Auch "viele Studenten beherrschen den Umgang mit schwierigeren Texten nicht."

Außerdem: Marc Reichwein zieht es für die Welt mit Thomas Mann und Hermann Hesse auf die Skipiste. Besprochen werden unter anderem Stéphane Betbeders und Rémi Torregrossas Comic-Biografie über Romy Schneider (FD) sowie Patricia Thomas gemeinsam mit Jugendlichen der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg gestalteter Comic "Im Jugendarrest" (taz). Mehr in unserer Bücherschau.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2026 - Literatur

Der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt ist im Alter von 90 Jahren gestorben. "In den Siebzigerjahren zählte er zu den Autoren der Neuen Subjektivität, die nach den Erfahrungen der Studentenrevolte eine andere, an Herbert Marcuses Schlagwort von der 'Neuen Sensibilität' orientierte Poetologie ausprobierten", schreibt Hilmar Klute in der SZ. "Piwitt hat es verstanden, das Aroma jener späten Nachkriegsjahre in seinen Erzählungen zu konservieren. ... Die Distanz zu seinem späteren Milieu, die sanfte Zurückweisung der Achtundsechziger und ihrer blechfroschhaften literarischen Ästhetik, die Hinwendung zur mit Sinnlichkeit versüßten Politik Italiens, all dies hat Piwitt schon 1976 in seiner Essaysammlung "Boccherini und andere Bürgerpflichten" gespiegelt. Es ging ihm, da war er seinem Freund Nicolas Born nicht unähnlich, um die Empfindungen hinter den Parolen, die Verletzungen hinter den politischen Kämpfen."

"Piwitt konnte alle Zustände der Menschenseele schildern", staunt Dietmar Dath in der FAZ. "Was ihn quälte, war die Außenwelt, aber auch Inneres, zu viel Mitleid mit Natur, zu wenig Geduld mit denen, die alles mitmachen, und so genau er beschreiben konnte, wie sich etwas von innen anfühlt, so transparent war ihm dann doch auch die andere Seite menschlichen Hirnlebens, das Argumentieren, Begründen, Folgern."

Etwas deutlicher schrieb Hans-Christoph Buch vor einem Jahr im Tagesspiegel zum 90. Gebuurtstag Piwitts. Er hätte zwar den ästhetischen Kahlschlag der Neodogmatiker in der 68er Zeit nicht mitgemacht, "aber er geriet in schlechte Gesellschaft in Hamburg, dessen linke Szene von der Zeitschrift konkret und der DDR-hörigen DKP dominiert wurde, während in Westberlin Maoisten die Agenda bestimmten... Auch wer sich wie Piwitt weigerte, rote Fahnen zu schwenken, zollte dem Zeitgeist Tribut. Statt sich wie sein Freund Nicolas Born frei zu machen von fremdbestimmten Ansprüchen, versuchte Piwitt, politische Einsichten zu verbinden mit avancierten Erzählformen, die Quadratur des Kreises, an der vor ihm schon andere gescheitert waren."

Literaturklassiker in einfacher Sprache als Handreichungen für Deutschlehrer und deren Schüler gibt es schon seit Jahrzehnten, von daher ist die aktuelle, kulturkämpferische Aufregung zu diesem Thema Jens Jessen in der Zeit nicht sonderlich einsichtig. Zumal das Problem doch eh schon woanders anfange, nämlich an den Universitäten: "Die Germanistikstudenten, aus denen ja größtenteils Deutschlehrer hervorgehen sollen, sind nämlich ihrerseits schon eher unwillig, sich dem Anspruchsniveau der klassischen Literatur zu stellen", was sich "schon in den Siebzigerjahren" beobachten ließ. "Wie also sollte man von Schülern verlangen, was schon den Lehrern in ihrer Jugend eine Last war? ... Es hat etwas Unredliches, den schulischen Umgang mit alten Texten zu kritisieren, ohne diese gesellschaftliche Atmosphäre mitzudenken, die dem klassischen Erbe moralisch misstraut."

Weitere Artikel: Das publizistische Nachbeben zu Peter Handkes umstrittener "winterlichen Reise" aus den Neunzigern ist komplizierter als Alexander Schimmelbusch es in der FAZ darstellt (hier unser Resümee), schreibt Mladen Gladic in der Welt. Yannic Walter resümiert in der taz einen Fitness-Abend im Literarischen Colloquium Berlin. Andreas Platthaus gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Julian Barnes zum 80. Geburtstag. Dessen heute erscheinendes Buch "Abschied(e)" rezensiert Judith von Sternburg in der FR.

Besprochen werden unter anderem Jens Harders Comic-Epos "Gamma … visions" (taz), Harald Jähners "Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955-1967" (NZZ) und neue Hörbücher, darunter Kai Grehn mit erheblichem Aufwand realisiertes Hörspiel "Die Causa Jeanne d'Arc" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.