Der
Schriftsteller Hermann Peter Piwitt ist im Alter von 90 Jahren gestorben. "In den Siebzigerjahren zählte er zu den Autoren der
Neuen Subjektivität, die nach den Erfahrungen der Studentenrevolte eine andere, an Herbert Marcuses Schlagwort von der 'Neuen Sensibilität' orientierte Poetologie ausprobierten", schreibt Hilmar Klute in der
SZ. "Piwitt hat es verstanden,
das Aroma jener späten Nachkriegsjahre in seinen Erzählungen zu konservieren. ... Die Distanz zu seinem späteren Milieu, die sanfte Zurückweisung der Achtundsechziger und ihrer
blechfroschhaften literarischen Ästhetik, die Hinwendung zur mit Sinnlichkeit versüßten Politik Italiens, all dies hat Piwitt schon 1976 in seiner Essaysammlung "Boccherini und andere Bürgerpflichten" gespiegelt. Es ging ihm, da war er seinem Freund Nicolas Born nicht unähnlich, um die Empfindungen hinter den Parolen,
die Verletzungen hinter den politischen Kämpfen."
"Piwitt konnte
alle Zustände der Menschenseele schildern", staunt Dietmar Dath in der
FAZ. "Was ihn quälte, war die Außenwelt, aber auch Inneres, zu viel Mitleid mit Natur, zu wenig Geduld mit denen, die alles mitmachen, und so genau er beschreiben konnte, wie sich etwas von innen anfühlt, so transparent war ihm dann doch auch
die andere Seite menschlichen Hirnlebens, das Argumentieren, Begründen, Folgern."
Etwas deutlicher schrieb
Hans-Christoph Buch vor einem Jahr im
Tagesspiegel zum 90. Gebuurtstag Piwitts. Er hätte zwar den
ästhetischen Kahlschlag der Neodogmatiker in der 68er Zeit nicht mitgemacht, "aber er geriet in
schlechte Gesellschaft in Hamburg, dessen linke Szene von der Zeitschrift
konkret und der
DDR-hörigen DKP dominiert wurde, während in Westberlin Maoisten die Agenda bestimmten... Auch wer sich wie Piwitt weigerte, rote Fahnen zu schwenken, zollte dem Zeitgeist Tribut. Statt sich wie sein Freund
Nicolas Born frei zu machen von fremdbestimmten Ansprüchen, versuchte Piwitt, politische Einsichten zu verbinden mit avancierten Erzählformen, die Quadratur des Kreises, an der vor ihm schon andere gescheitert waren."
Literaturklassiker in
einfacher Sprache als Handreichungen für Deutschlehrer und deren Schüler gibt es schon seit Jahrzehnten, von daher ist die aktuelle, kulturkämpferische Aufregung zu diesem Thema Jens Jessen in der
Zeit nicht sonderlich einsichtig. Zumal das Problem doch eh schon woanders anfange, nämlich an den Universitäten: "Die
Germanistikstudenten, aus denen ja größtenteils Deutschlehrer hervorgehen sollen, sind nämlich ihrerseits schon
eher unwillig, sich dem Anspruchsniveau der klassischen Literatur zu stellen", was sich "schon in den Siebzigerjahren" beobachten ließ. "Wie also sollte man von Schülern verlangen, was schon den Lehrern in ihrer Jugend eine Last war? ... Es hat etwas Unredliches, den schulischen Umgang mit alten Texten zu kritisieren, ohne diese gesellschaftliche Atmosphäre mitzudenken, die dem
klassischen Erbe moralisch misstraut."
Weitere Artikel: Das publizistische Nachbeben zu
Peter Handkes umstrittener "winterlichen Reise" aus den Neunzigern ist komplizierter als Alexander Schimmelbusch es in der
FAZ darstellt (
hier unser Resümee),
schreibt Mladen Gladic in der
Welt. Yannic Walter
resümiert in der
taz einen
Fitness-
Abend im Literarischen Colloquium Berlin. Andreas Platthaus gratuliert in der
FAZ dem
Schriftsteller Julian Barnes zum 80. Geburtstag. Dessen heute erscheinendes
Buch "Abschied(e)"
rezensiert Judith von Sternburg in der
FR.
Besprochen werden unter anderem
Jens Harders Comic-Epos "Gamma … visions" (
taz),
Harald Jähners "Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955-1967" (
NZZ) und neue Hörbücher, darunter
Kai Grehn mit erheblichem Aufwand realisiertes Hörspiel "Die Causa Jeanne d'Arc" (
FAZ).
Mehr in unserer Bücherschau.