Wir haben uns so an den "
White Cube" im Museum gewöhnt, also an den "neutralen, sachlichen Ausstellungsraum", dass wir ihn nicht mehr hinterfragen, bekennt in der
FAZ (Bilder und Zeiten) Georg Imdahl, für den dann
Brian O'Doherty Essay von 1976, "Inside the White Cube", ein Augenöffner war. Und Doherty ist inzwischen nicht mehr der einzige, der die
Neutralität des White Cube in Frage stellt: "Der White Cube, in den Worten des Berliner Kritikers und Kurators
Hans-
Jürgen Hafner, ist ein 'für die Kunst zugerichteter und diese selbst zurichtender Ort' - ein architektonischer, 'idealtypischer Funktionsapparat' für eine 'von aller Schlacke befreite Kunst'. Tatsächlich wird diese anders wahrgenommen und fühlt sich auch ganz anders an, wenn man ihr im Atelier des Künstlers oder einer Kunstakademie begegnet. Oder in einer privaten Sphäre, wo sie in persönliche Lebensströme eingebunden ist und sich der
Fokus nicht unbedingt allein auf sie richtet; wenn Kunst beiläufig sein darf, um dann eher unvermittelt ins Blickfeld zu geraten. Im White Cube hingegen gleichen sich die Konditionen der Wahrnehmung überall auf der Welt an, sie suggerieren Objektivität, und wenn der Eindruck nicht täuscht, sind die Museen seit dem Erscheinen des Essays vor knapp fünfzig Jahren
noch stromlinienförmiger geworden. Früher, so Hafner, 'waren sie
rumpeliger', will sagen: individueller, weniger stylish und angepasst."
Sophie Jung
unterhält sich für die
taz mit der Kuratorin
Çağla İlk über deren Auswahl für den
deutschen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig: "Kein Beitrag für den deutschen Pavillon kann der faschistischen Architektur des Pavillons entkommen. Dieses Gebäude spricht die Sprache einer
Ideologie von Endgültigkeit und Ewigkeit. Mit 'Thresholds' setzen wir der statischen Machtgeste des Hauses drei Szenarien entgegen. Thresholds, das soll die Perspektive unserer Besucher sein. Die Schwelle interessiert uns als Punkt zwischen einer Vergangenheit, die verschwindet, und einer Zukunft, die ich noch nicht betreten habe. Räumlich bedeutet Thresholds in unserer Arbeit das Infragestellen von nationalstaatlichen Konstruktionen und eine
Sehnsucht nach Deterritorialisierung der politischen Fantasie."
Zu den Künstlern, die Ilk ausgewählt hat, gehören
Yael Bartana und
Ersan Mondtag. Nicola Kuhn
erwartet sich im
Tagesspiegel viel von den beiden: "Sofort mobilisiert sich eine Vorstellung davon, wie die beiden Künstler den Pavillon rocken könnten. Es
dürfte krachen, aber auf eine konstruktive Art: nicht beckmesserisch mit erhobenem Zeigefinger, sondern als starker Eindruck, Irritation,
wildes Denken, das gerade in Zeiten eines polarisierten Kulturbetriebs gebraucht wird, den Meinungsmacher und Bekenntnisträger dominieren."
Weiteres: Nach dem Streit um ihre offenbar etwas undurchsichtige Ernennung, ist jetzt die Kuratorin
Iwona Blazwick von der Leitung der privat organisierten Istanbul-Biennale zurückgetreten. Es ist der zweite Schlag für die Biennale, nachdem sie die für den Herbst geplanten Ausgabe auf das Jahr 2025 verschieben musste,
erklärt Ingo Arend in
monopol. Ebenfalls in
monopol: Maja Goertz stellt die Malerin
Harriet Backer vor, der das
Nationalmuseum Stockholm demnächst eine Ausstellung widmet. Jens Hinrichsen
gratuliert Cindy Sherman zum Siebzigsten, Saskia Trebing
gratuliert Kiki Smith ebenfalls zum Siebzigsten. Besprochen wird eine Ausstellung mit den Alben-Covern der britischen Design-Agentur
Hipgnosis in der
Ludwiggalerie Oberhausen (
SZ).