Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2024 - Kunst

Honoré Daumier: Le Passé - le présent - l'avenir, 1834 ©Privatsammlung

Im Frankfurter Städel ist derzeit eine Auswahl der Arbeiten des französischen Karikaturisten und Malers Honoré Daumier zu bewundern. FAZ-Kritiker Stefan Trinks hält Daumier für einen der einflussreichsten europäischen Künstler des 19. Jahrhunderts überhaupt. Von Picasso bis zur Titanic hat sich praktisch alle Welt bei seinem Schaffen bedient. Kaum jemand prägte außerdem das politische Frankreichbild so sehr wie der Karikaturist: "Durch Daumier kommt die innerfranzösische Politik europaweit zur Aufführung, wird der Börsenmakler Robert Macaire zum Inbegriff des Wirtschaftsliberalen und werden der verschlagene Napoleon III., das politische Stehaufmännchen Émile Ollivier, das mehrere Regimes überlebte und zeitweilig sogar Ministerpräsident Frankreichs war, und natürlich vor allem die 'Parlamentarier' die mit ihren unverwechselbaren Charakterköpfen sowohl grafisch als auch in Bronze gegossen in der Ausstellung präsent sind, zum Stammpersonal auf allen Karikatur-Bühnen des Kontinents - sei es in der belgischen Ausgabe des Charivari oder selbst des Punch in England, der im Untertitel die Abkunft von Daumiers Hauptblatt benannte."

In der FR zeigt sich Lisa Berins vor allem fasziniert von Daumiers Arbeitsweise: "Seine detailliert ausgearbeiteten Charakterköpfe zeichnete Daumier spiegelverkehrt und mit sicherer Hand auf den Lithographiestein, der vom Kurier schnell zum Verlag gebracht wurde. Statt mit zeichnerischen Vorstudien arbeitete Daumier mit plastischen Modellen, die er selbst aus Ton entwarf und die posthum in Bronze gegossen wurden. Die physiognomischen Eigenheiten der Politiker modellierte er in kleinen Büsten überspitzt heraus: lange Nasen, Knollengesichter, verfettete Kinn-, wulstige Stirnpartien."

Nein, stellt Thomas Grist in Monopol klar, Marcel Duchamps berühmte "Fountain", das zum Kunstwerk erhobene Pissoir, ist keineswegs eigentlich ein Kunstwerk seiner Freundin Elsa von Freytag-Loringhoven, wie zuletzt unter anderem Glyn Thompson und Julian Spalding insinuierten. Sondern eben ein Kunstwerk Marcel Duchamps. Grist zeichnet die aus seiner Sicht gut belegte Genese des Werks dar und kritisiert die versuchte Umdeutung: "Bei Thompson und Spaldings versuchter Neuzuweisung steht eben nicht Aussage gegen Aussage sondern dünne Vermutungen gegen harte Fakten. So räumt [der die Geschichte aufgreifende] Rauterberg schließlich selbst ein, 'sehr wenig spricht für die Baroness als Fountain-Erfinderin'. Aber die Geschichte um das Urinal ist eben kein 'Wettbewerb der Unwahrscheinlichkeiten' und mitnichten ein vollends freies Spiel der Zuschreibungen. Vor allem war Duchamps 'Fountain' nie eine 'Heldengeschichte ohne jedes Fragezeichen', die nun erstmals angezweifelt werden darf. Die Fragezeichen hat Duchamp stets selbst zuhauf gestreut und am Helden (französisch 'héros') hat den wortspielenden Kanon-Zerschmetterer stets nur der 'Éros' interessiert." 

Weitere Artikel: Olga Kronsteiner und Katharina Rustler beschäftigen sich im Standard mit der aktuellen Lage im Wiener Mumok, das derzeit saniert wird und eine neue Leitung sucht.

Besprochen werden eine Fotoausstellung des senegalesischen Künstlers Omar Victor Diop im Berliner Fotografiska (Tagesspiegel) und die Schau "Vogelkäfig" des Kollektivs Pegasus Product in der Showroom Galerie Georg Nothelfer (taz Berlin)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2024 - Kunst

Henri Toulouse-Lautrec: At the Circus: The Encore, 1899
Black and coloured chalks on paper. 35.5 x 25 cm. Collection of David Lachenmann

FAZ-Kritiker Kevin Neuroth ist verblüfft: Die Werke der großen französischen Impressionisten kennt er, aber die Royal Academy of Arts in London schafft es mit der Ausstellung "Impressionists on Paper" nochmal einen ganz neuen Blick auf "Degas bis Toulouse" zu werfen, in dem sie vor allem die Skizzen der Künstler zeigt. Fasziniert schaut der Kritiker in dieser Schau dem Impressionismus "beim Werden zu": "Der letzte Teil der Schau widmet sich denn auch einigen jener Künstler der Neunzigerjahre des neunzehnten Jahrhunderts, die in ihren Zeichnungen die Ideen des Impressionismus aufgegriffen und weiterentwickelt haben. Dazu gehört Henri de Toulouse-Lautrec, der in den Varietétheatern, Bordellen und Cafés des Montmartre die Inspiration für seine Werke fand. Eine meisterhafte Zeichnung von ihm aus dem Jahr 1899 zeigt eine grotesk wirkende Zirkusprobe, in der Abgründigkeit und Unterhaltung zusammenfließen. Ebenso sensationell sind die traumwandlerischen Arbeiten von Odilon Redon, der wie Monet eine Faszination für gotische Kathedralen hatte. Auf einer seiner Zeichnungen sticht zunächst ein blau-golden leuchtendes Kirchenfenster aus einer düsteren Szenerie hervor. Je näher man herantritt, desto intensiver werden jedoch die Konturen der umgebenden Dunkelheit, bis die Verwitterung der opulenten, mit dunkelgrau-schwarzer Kohle gezeichneten Säulen und Fensterrahmen geradezu greifbar scheint."

Besprochen wird die Ausstellung "Meredith Monk. Calling" im Haus der Kunst München (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2024 - Kunst

In der FAZ beleuchtet Konstantin Akinscha die Vereinnahmung sakraler Kunst durch die russisch-orthodoxe Kirche. Unlängst ließ Putin die berühmte Ikone der "Alttestamentlichen Dreifaltigkeit" von Andrej Rubljow aus der Tretjakow-Galerie entfernen und übergab sie an die Kirche: "Das macht klar, dass sowohl der Patriarch als auch der Präsident Wunder erwarten. Die 'militärische Spezialoperation' ist Putins Kreuzzug geworden, der dabei göttlichen Beistands bedarf." Seitdem sind sakrale Symbole auch an der russischen Front in der Ukraine allgegenwärtig, so Akinscha: "Bemühungen, die religiösen Bedürfnisse der angeblich nach Christus dürstenden Truppen zu erfüllen, beförderten Innovationen wie eine aufblasbare Gummizeltkirche, die für Fallschirmjägertrupps entwickelt und auf der Rüstungsausstellung 'Army 2023' vorigen August präsentiert wurde. Die aufblasbare Kirche kann zusammen mit Priestern an jedem gewünschten Ort abgeworfen werden. Zudem nutzt man moderne Technologien wie den 3-D-Druck zur Massenproduktion von Reliefikonen aus Kunststoff, die in großer Zahl an die Front geschickt werden. Ukrainische Soldaten melden, in von den Russen zurückeroberten Schützengräben fänden sie neben Exkrementen und Müll Unmengen solcher Plastikikonen und Kreuzen vor."

In der Welt fragen sich Swantje Karich und Jan Küveler, was man von der Bespielung des deutschen Pavillons durch die israelische Künstlerin Yael Bartana und dem deutsche Theaterregisseur Ersan Mondtag (unser Resümee) zu erwarten hat. Das Ergebnis, wird sicherlich provozieren, meinen sie, aber es liegt viel Potential in dieser Zusammenarbeit: "In Erinnerung an die Ausstellung im Jüdischen Museum scheint der Deutsche Pavillon für Yael Bartana der perfekte Ort, um sich abzuarbeiten - an der Nazi-Geschichte, dem 'Germania'-Schriftzug am Architrav. Und sie wird es anders machen als alle vor ihr. Viele Künstler haben es schon mit Ablehnung versucht, ihn umgeschrieben oder ganz getilgt, den Boden herausgerissen oder nur das Dach bespielt. Yael Bartana aber wird vielleicht die erste Künstlerin sein, die keine Angst hat vor der Schuld, Propaganda, nicht vor historischen Traumata, politischen Symbolen. Und auch Mondtag scheut keine Auseinandersetzung, ist sich seiner Verantwortung aber bewusst."

Weiteres: Ebenfalls in der Welt zeichnet Tilman Krause die Geschichte der "Venus von Milo" nach.

Besprochen wird die Ausstellung "Lay down with me" von Madeleine Roger-Lacan in der Berliner Galerie "Eigen+Art" (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2024 - Kunst

Wir haben uns so an den "White Cube" im Museum gewöhnt, also an den "neutralen, sachlichen Ausstellungsraum", dass wir ihn nicht mehr hinterfragen, bekennt in der FAZ (Bilder und Zeiten) Georg Imdahl, für den dann Brian O'Doherty Essay von 1976, "Inside the White Cube", ein Augenöffner war. Und Doherty ist inzwischen nicht mehr der einzige, der die Neutralität des White Cube in Frage stellt: "Der White Cube, in den Worten des Berliner Kritikers und Kurators Hans-Jürgen Hafner, ist ein 'für die Kunst zugerichteter und diese selbst zurichtender Ort' - ein architektonischer, 'idealtypischer Funktionsapparat' für eine 'von aller Schlacke befreite Kunst'. Tatsächlich wird diese anders wahrgenommen und fühlt sich auch ganz anders an, wenn man ihr im Atelier des Künstlers oder einer Kunstakademie begegnet. Oder in einer privaten Sphäre, wo sie in persönliche Lebensströme eingebunden ist und sich der Fokus nicht unbedingt allein auf sie richtet; wenn Kunst beiläufig sein darf, um dann eher unvermittelt ins Blickfeld zu geraten. Im White Cube hingegen gleichen sich die Konditionen der Wahrnehmung überall auf der Welt an, sie suggerieren Objektivität, und wenn der Eindruck nicht täuscht, sind die Museen seit dem Erscheinen des Essays vor knapp fünfzig Jahren noch stromlinienförmiger geworden. Früher, so Hafner, 'waren sie rumpeliger', will sagen: individueller, weniger stylish und angepasst."

Sophie Jung unterhält sich für die taz mit der Kuratorin Çağla İlk über deren Auswahl für den deutschen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig: "Kein Beitrag für den deutschen Pavillon kann der faschistischen Architektur des Pavillons entkommen. Dieses Gebäude spricht die Sprache einer Ideologie von Endgültigkeit und Ewigkeit. Mit 'Thresholds' setzen wir der statischen Machtgeste des Hauses drei Szenarien entgegen. Thresholds, das soll die Perspektive unserer Besucher sein. Die Schwelle interessiert uns als Punkt zwischen einer Vergangenheit, die verschwindet, und einer Zukunft, die ich noch nicht betreten habe. Räumlich bedeutet Thresholds in unserer Arbeit das Infragestellen von nationalstaatlichen Konstruktionen und eine Sehnsucht nach Deterritorialisierung der politischen Fantasie."

Zu den Künstlern, die Ilk ausgewählt hat, gehören Yael Bartana und Ersan Mondtag. Nicola Kuhn erwartet sich im Tagesspiegel viel von den beiden: "Sofort mobilisiert sich eine Vorstellung davon, wie die beiden Künstler den Pavillon rocken könnten. Es dürfte krachen, aber auf eine konstruktive Art: nicht beckmesserisch mit erhobenem Zeigefinger, sondern als starker Eindruck, Irritation, wildes Denken, das gerade in Zeiten eines polarisierten Kulturbetriebs gebraucht wird, den Meinungsmacher und Bekenntnisträger dominieren."

Weiteres: Nach dem Streit um ihre offenbar etwas undurchsichtige Ernennung, ist jetzt die Kuratorin Iwona Blazwick von der Leitung der privat organisierten Istanbul-Biennale zurückgetreten. Es ist der zweite Schlag für die Biennale, nachdem sie die für den Herbst geplanten Ausgabe auf das Jahr 2025 verschieben musste, erklärt Ingo Arend in monopol. Ebenfalls in monopol: Maja Goertz stellt die Malerin Harriet Backer vor, der das Nationalmuseum Stockholm demnächst eine Ausstellung widmet. Jens Hinrichsen gratuliert Cindy Sherman zum Siebzigsten, Saskia Trebing gratuliert Kiki Smith ebenfalls zum Siebzigsten. Besprochen wird eine Ausstellung mit den Alben-Covern der britischen Design-Agentur Hipgnosis in der Ludwiggalerie Oberhausen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2024 - Kunst

Jan Davidsz. de Heem, Memento mori. Ein Totenkopf neben einem Blumenstrauß, um 1655/60. Bild: Gemäldegalerie Dresden/Elke Estel und Hans-Peter Klut.

Im Tagesspiegel freut sich Nicola Kuhn, dass die Ausstellung "Zeitlose Schönheit. Eine Geschichte des Stilllebens" nach langer Vorlaufzeit nun endlich in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister zu sehen ist: Sie erlebt eine beeindruckende Schau, "die zwar um ein einziges Genre kreist, durch die Untergattungen aber in viele Richtungen weist. Vor allem hält sie die Zeit für einen Moment fest, lässt den Sturm da draußen vorübergehend vergessen. Was schlicht mit einer Madonna mit Kind und zwei Heiligen von Lorenzo di Credi Anfang des 16. Jahrhunderts begann, zu deren Füßen ein kleiner Strauß in einer Vase steht, so dass es für die Kirchenbesucher wie ein realer Altarschmuck aussah, führte im 17. Jahrhundert zu opulenten Arrangements, überladenen Bouquets. Auch wenn das Stillleben an die Vergänglichkeit und Gottesfürchtigkeit gemahnt, in Bescheidenheit übten sich dessen Maler nicht." Und sie lernt: "Im 17. Jahrhundert erlebte das Stillleben einen Boom. Das zu Wohlstand gekommene Bürgertum dekorierte seine neuen Häuser großzügig mit Malerei, um es dem Adel gleichzutun. Rund zwanzig Werke schmückten im Goldenen Zeitalter durchschnittlich einen Haushalt, in den prosperierenden Städten gab es ebenso viele Maler wie Bäcker."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.01.2024 - Kunst

Zwölf Jahre nach seinem Freitod würdigt eine große Retrospektive das Werk des amerikanischen Künstlers Mike Kelley. Derzeit zu sehen in der Pariser Pinault Collection, danach in Düsseldorf, London und Stockholm gibt die Ausstellung die Möglichkeit, das Grenzsprengende in Kelleys Kunst zu entdecken, die stets Verdrängtes ans Tageslicht holte, versichert Martina Meister in der Welt: "Kelley, als fünftes Kind einer streng katholischen Unterschichtsfamilie erzogen, wird sich in den vierzig Jahren seines Schaffens an Amerika abarbeiten, am amerikanischen Traum vom Eigenheim, an der weitläufigen Spießigkeit der US-Gesellschaft, am Katholizismus, an der Erziehung zum guten Katholiken und guten Kapitalisten, an den verdrängten Traumata des Kollektivs, an den von der Gesellschaft vorgegebenen Geschlechterrollen. Jahre später widmete er sich den damals typisch weiblichen Tätigkeiten, dem Stricken, Nähen und Häkeln. Aus selbstgemachten, im Sperrmüll oder in Secondhandläden gefundenen Plüschtieren schuf er Altäre oder Flickenteppiche falsch verstandener Zärtlichkeit wie das Mammutwerk 'More love hours than can ever be repaid'. Es kann als eine Anspielung auf Jackson Pollocks 'drip paintings' gelesen werden, deren chaotische Dichte Kelley in Wolle und Plüsch übersetze, um die weiblichen Transferleistungen innerhalb der Familie infrage zu stellen."

Camille Pissarro: "Rue Saint-Honoré, dans l'après-midi. Effet de pluie"

Mehr als zwanzig Jahre zog sich der Restitutionsprozess um Camille Pissarros Gemälde "Rue Saint-Honoré Après-midi, Effet de Pluie" mit einem Schätzwert von 20 Millionen Euro hin, verkauft hatte es Lilly Cassirer, um dem Konzentrationslager zu entgehen, Eigentümer bleibt nach dem jüngsten Urteil eines Bundesberufungsgerichts in Kalifornien der spanische Staat, berichtet Hans-Christian Rössler in der FAZ: "Das Thyssen-Museum feierte den Gerichtsbeschluss als 'gute Nachricht', die zu mehr Rechtssicherheit beitrage. Doch Pissarros 'Regennachmittag' ist nicht irgendein Gemälde, es hat eine traumatische Geschichte. Der Streit zeigt, wie unsensibel Spanien, wo seit 2018 die Linke regiert, mit Kunstwerken umgeht, die Holocaust-Überlebenden gehörten - Lilly Cassirer musste das Bild auf ihrer Flucht für 900 Reichsmark verkaufen." Aber: "Weder die Erben noch die Madrider Kanzlei wollen die Entscheidung der Kammer in Pasadena allerdings tatenlos hinnehmen. … Die Cassirers wollen damit auch 'Spaniens anhaltendes Beharren auf der Beherbergung von Nazi-Raubkunst anfechten'."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2024 - Kunst

Der deutsche Pavillon der kommenden Kunstbiennale in Venedig wird von der israelischen Künstlerin Yael Bartana und dem deutschen Regisseur Ersan Mondtag bespielt. Das dürfte interessant werden, mutmaßen Swantje Karich und Jan Küveler in der Welt. Vor allem Bartana, die sich oft mit erinnerungspolitischen Themen auseinandersetzt, hatte mit vergangenen Projekten für Aufregung gesorgt, wie etwa auf der Biennale 2011 im polnischen Pavillon: "Damals setzte sie eine Utopie in Szene, das 'Jewish Renaissance Movement in Polen', für das 3,3 Millionen Juden aus Israel nach Polen zurückkehren sollten. Ein Kongress fand ein Jahr später dazu im Berliner Hebbel-Theater statt. Für die einen damals eine unerträgliche Umsiedlungsphantasie, für die anderen eines der beeindruckendsten Kunstprojekte der letzten Jahre. (...) Yael Bartana könnte also auf ihre sehr eigene Weise zur Herausforderung werden für die deutsche Staatsräson, das Existenzrecht Israels vollumfänglich und treu zu verteidigen. Aber im Gelingen der Zusammenarbeit mit Ersan Mondtag und den anderen Künstlern steckt eine große Chance, deren Kraft man in der aktuellen Lage nicht zu großeinschätzen kann. Mondtag hingegen will nämlich 'dem monumentalen Charakter des Pavillons eine fragmentarische, scheinbar kleine Erzählung entgegensetzen'." Elke Buhr kommentiert auf Monopol: "Klingt verheißungsvoll".

Kunsthalle Prag: "Read", Ausstellung von Elmgreen & Dragset, © Vojtěch Veškrna

Haben Bibliotheken eine Zukunft? Ja, haben sie, hofft das Künstlerduo Elmgreen & Dragset und kuratiert in der Kunsthalle Prag die Gruppenausstellung "Read", in der die beiden, wie Ursula Scheer in der FAZ zu Protokoll gibt, auch eigene Werke präsentieren: "Elmgreen und Dragset lassen Regale kopfüber von der Decke hängen und eine Schimpansenfigur auf einem Bücherstapel nach einer goldenen Banane haschen wie Eva nach dem Apfel. 'Fruit of Knowledge' (2011) heißt diese bekannte Arbeit des Duos, neben der nun eine zerstörte Treppe zu einer Tür mit dem Hinweis 'Philosophie' ins Nichts führt und die Bademeisterfigur 'The Guardian' (2023), in ein Buch vertieft, jegliche äußere Wachsamkeit vermissen lässt. Das hat durchaus etwas Resignatives. Umgekehrt wird das Buch als immer noch relevantes Streit- und Lustobjekt ausgestellt, wobei man letzteren auch überdrüssig werden kann. Schier endlos erscheint die Reihe identischer Taschenbuchexemplare des einstigen Bestsellers 'Fifty Shades of Grey', die Simon Fujiwara in seinem laufenden Projekt 'Fifty Shades Archive' sammelt: erst heiße Ware, dann Altpapier."

Weitere Artikel: Die Wiener Albertina erhält im Gebäude des einstigen Essl-Museums einen neuen Standort, berichtet Michael Wurmitzer im Standard. Endlich verhandeln Vertreter von Bund und Ländern mit Repräsentanten Kameruns über eine "Roadmap" bezüglich der Rückgabe von Raubkunst aus der Kolonialzeit, freut sich Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Der ehemalige Generalvikar des Bistums Chur, Martin Grichting, macht sich in der NZZ angesichts eines Bildes des Renaissance-Malers Joachim Beuckelaer Gedanken über das Verhältnis von Moderne und Christentum.

Besprochen werden die Ausstellung "Galka Scheyer und die Blaue Vier" im Städtischen Museum Braunschweig (taz Nord, ab 23.2.), die Schau "Sieh! Dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit" im Kunstmuseum Stuttgart (taz) und Sarah Entwistles Soloschau "What am I aiming for" in der Berliner Galerie Barbara Thumm (taz Berlin).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2024 - Kunst

Ausstellungsansicht Ben Shahn. On Nonconformity, Museo Reina Sofía, 2023. Foto: Museo Reina Sofía.

Ein "nie erlahmendes Gerechtigkeitsgefühl" spricht für FAZ-Kritiker Bernhard Schulz aus den Werken des jüdischen Sozialrealisten Ben Shahn, dem das Museo Nacional Reina Sofía in Madrid eine Retrospektive widmet. Im New York der Zwanziger Jahre machte er sich rasch einen Namen, so Schulz: "Er trat mit einem Paukenschlag auf die Kunstszene: mit seiner Bilderreihe 'Die Passion von Sacco und Vanzetti', die den Leidensweg der beiden 1927 als Anarchisten hingerichteten italienischen Einwanderer darstellt. Weithin als Justizmord kritisiert, hatte das Urteil weltweite Massenproteste zur Folge. Fünf Jahre nach der Hinrichtung zeigte Shahn seine Bilder, nicht in plattem Naturalismus, sondern eher stilisiert und auf das Wesentliche der Figuren konzentriert. Das Adjektiv 'plakativ' kommt einem in den Sinn, und tatsächlich hat Shahn zahlreiche Plakate entworfen. Sosehr die Gemälde, die Shahn zumeist in Gouache oder Tempera ausführt, zum Plakativen neigen, so sehr reichen umgekehrt die Plakate ins Malerische. Es gibt zwischen beiden Medien bei Shahn nur graduelle Unterschiede. Beide sollen den Betrachter wortwörtlich ansprechen."

In der Welt fragt sich Manuel Brug, warum Kunstausstellungen immer noch so schambehaftet sind, wenn es um die Thematisierung von Bi- und Homosexualität geht. Gerade, wenn die Alten Meister ausgestellt werden, so Brug, traut man sich wenig: "Soll es groß und publikumstauglich werden, halten sich die (nicht selten selbst schwulen) Kuratoren auffällig zurück. Schwelgten die Rezensionen über die fantastische Donatello-Retrospektive in der Berliner Gemäldegalerie noch so sehr über den schamlos in antiken Chaps vorne wie hinten blank dargebotenen Bronzeunterleib von dessen gefährlich jungem David (einer gay icon seit alters her), als schwul wurde sein Schöpfer in der ganzen Ausstellung nie angesprochen, nicht mal mutmaßlich. Der neue Mensch der Renaissance, der freie Blick auf den unverhüllten, erstmals seit der Antike wieder nackten Körper, es ist kein nur rationaler, sondern auch ein atmend durchpulster emotionaler Vorgang."

Weiteres: Philipp Meier teilt in der NZZ die neuesten Entwicklungen im Skandal um das angebliche Leonardo-da-Vinci Gemälde "Salvator Mundi": Der russische Oligarch Dmitri Rybolowlew verklagt das Auktionshaus Sotheby's, ihm das Bild zu teuer verkauft zu haben - und das, obwohl er es seinerseits zum stolzen Preis von 450 Millionen Dollar an die Kulturbehörde Abu Dhabi veräußern konnte.

Besprochen wird die Ausstellung "Modigliani. Moderne Blicke" in der Staatsgalerie Stuttgart (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2024 - Kunst

Besprochen werden die Ausstellungen "Begegnung in der Bewegung" im Kunstturm Wolfratshausen mit Werken von Temel Nal und Enzo Arduini (SZ), "Esthetic Places. Idyllen in Franken" im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt (FAZ), "Henri Matisse, André Derain und ihre Freunde" im Kunstmuseum Basel (tsp) und eine Ausstellung von Werken der für den Gottfried-Brockmann-Preis nominierten Künstler und Künstlerinnen in der Stadtgalerie Kiel (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2024 - Kunst

Bild: Persische Landschaft, Paesaggio persiano, 1966, Foto: Antonio Idini

Wie ein Wiedergänger von William Turner erscheint dem FAZ-Kritiker Stefan Trinks der deutsche Maler Max Peiffer Watenphul, dem die Casa di Goethe in Rom derzeit eine exzellente Schau widmet. Dabei war der Maler vor allem von seinen Bauhaus-Lehrern Paul Klee, Lionel Feininger, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky beeinflusst: "Sein Gemälde 'Auf dem Kapitol' (…) ist beredter Ausdruck dafür: Der kapitolinische Rossebändiger blickt vom linken Rand in die Stadt, der Marmor leuchtet in der gewittrigen Stimmung unnatürlich auf, der Himmel birst fast vor rotierenden Sonnen, Sternen und kleehaften Ritzungen der Oberfläche. Und trotzdem möchte man genau in dieser energetisch-knisternden Luft auf Michelangelos Kapitol stehen, man kriecht geradezu in das Bild hinein, um dabei zu sein. Die persischen Landschaften von Goethes West-Östlichem Divan wiederum versetzt er 1966 an den Vesuv, flutet den Golf von Neapel mit Purpur und die Berge und weißen Kubushäuschen mit Konturen in Rosétönen."

Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ unterhält sich Astrid Kaminski mit Kerstin Ehmer, die eine Biografie über die britische Bildhauerin Kathleen Scott verfasst hat.

Besprochen wird die Ausstellung "Frida Kahlo. Ihre Fotografien" in den Opelvillen Rüsselsheim (FAZ).