Exzellenter Copthriller: Jude Law in "The Order" JustinKurzels Thriller "The Order" mit JudeLaw macht einem auch die letzten nach Trumps zweitem Amtsantritt verbliebenen Haare grau, schwärmt David Steinitz in der SZ. Der zu seinem Bedauern nur auf Amazon und nicht im Kino gezeigte Film über eine reale, von BobMathews geleitete rechtsradikale Terrorgruppe aus den Achtzigern "zeigt die Ursprünge des Wahnsinns, zu dem viele Trump-Anhänger und Neo-Rechte heute bereit sind." Der Film "funktioniert über weite Strecken bestens als astreinerCop-Thriller à la 'Heat'. ... Gleichzeitig fängt der Film pointiert die etwas verschlafen wirkende Zeit in den Jahren 1983 bis 1984 ein. Eine Zeit, in der die Behörden nicht auf die technischen Hilfsmittel der Gegenwart zurückgreifen konnten und ein fast schon absurdes Bild der Überforderung abgeben bei ihrer Fahndung. Eine Zeit, in deren Nachlese die Politik komplett verpennt zu haben scheint, dass sich in aller Seelenruhe Gruppierungen formen konnten, die die US-Demokratieoffeninfragestellen und herausfordern - und die es heute mehr oder weniger indirekt bis ins Weiße Haus geschafft haben."
Außerdem: Die Welt hat Georg Stefan Trollers Erinnerung an seine Begegnung mit RobertoRosselini online nachgereicht. In der FRgratuliert Daniel Kothenschulte dem Film-Avantgardisten WilhelmHein zum 85. Geburtstag. Besprochen werden LouiseCourvoisiers Jugendfilm "Könige des Sommers" (FAZ), die ARD-Kriminalserie "Spuren" (taz) und Stephan LambysARD-Film "Die Vertrauensfrage" (FAZ, Zeit Online).
Dass Karla Sofía Gascón als oscarnominierter Star in JacquesAudiards "Emilia Pérez" (unsere Kritik) nun wegen teils zehn Jahre alter Tweets von der Social-Media-Öffentlichkeit geschlachtet, von Netflix in den USA im Stich gelassen und vom Regisseur öffentlich getadelt wird, gehttazlerin Doris Akrap richtig gegen den Strich. "Das Allererstaunlichste ist, dass ausgerechnet 'Emilia Perez' von der Unmöglichkeit handelt, der eigenen Vergangenheit zu entkommen. ... Dass Audiard, der sich diesen Plot ja so ausgedacht hat, seiner Hauptdarstellerin nun wegen ein paar dummen Tweets, die sie nicht mal verteidigt, derart in den Rücken fällt (...) ist der größte Skandal in dieser Geschichte. Hat er vergessen, was die Botschaft seines eigenen Films ist? ... Wegen irgendeines Schrotts auf Twitter so zu tun, als sei das kurz vor einem Verbrechen gegen die Menschheit, und ständig zu fordern, sich zu distanzieren, sobald irgendwas nicht ganz okay ist, scheint inzwischen zu einem Bild vom Menschen geführt zu haben, das in 'Emilia Perez' unter anderem anhand der Schönheits-OP-Industrie kritisiert wird: Perfektion. Der Fall Gascón ist ein groteskes und trauriges Beispiel dafür."
Außerdem: Das Team von critic.degibt Tipps zur Berlinale. Besprochen werden DrewHancocks "Companion" (Standard, unsere Kritik), PabloLarraíns "Maria" mit AngelinaJolie als MariaCallas (JungleWorld, unser Resümee), LucaGuadagninosBurroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (NZZ, unsere Kritik), BeatOswalds schweizerischer Dokumentarfilm "Tamina" über das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch (NZZ), JamieRoberts' ZDF-Doku "Der Feind in den Wäldern - Ostfront Ukraine" (FAZ) und die ARD-Polizeiserie "Spuren" (BLZ).
Nicht mehr weit bis zur Berlinale: Lars Eidinger in Tom Tykwers "Das Licht" Die Feuilletons reißen sich um TomTykwer, dessen neuer Film "Das Licht" am 13. Februar die Berlinale eröffnet. Darin spielt LarsEidinger einen Vater einer vierköpfigen Familie in Berlin, deren Leben durch eine syrische Haushaltshilfe umgekrempelt wird. Auch Tykwer ist Vater einer vierköpfigen Familie, notiert Bert Rebhandl in der FAZ. "Man kann 'Das Licht' wohl wirklich als den Versuch einer Summe oder einer Bilanz sehen." Auffällig ist "ist vor allem, dass Tykwer sich nun sehr stark in einem Generationenverhältnis sieht. 'Wir sind durch zwei Jahrzehnte getaumelt, ohne zu merken, wie sich das System von unseren Einflüssen abgekoppelt hat', sagt Tykwer. 'Die globale Ökonomie hat eine neue Runde gedreht, befeuert durch die Digitalisierung. Wir können schwer anerkennen, dass wir dadurch völligüberfordert sind. In einer behauptetenLässigkeit haben wir das niemals wirklich durchdrungen. Und plötzlich verstehen wir, dass dieses interessante, widersprüchliche Konstrukt von unseren Kindern als Scherbenhaufen gesehen wird."
Auf diesen Aspekt geht Tykwer auch im Gespräch ein, das er Welt-Filmkritiker Hanns-Georg Rodek gegeben hat: "Der Konflikt, den meine Generation gerade durchlebt, besteht darin, dass wir uns ein stabil aussehendes progressives Haus gebaut haben, das unsere Identität begründet, allerdings auf einer zwar kritischen, aber letztlich widerstandslosen Anpassung an den Kapitalismus beruht. Die Sache mit dem Wohlstand hat einigermaßen geklappt, aber wir merken langsam, dass wir in eine Falle tappen, die wir nicht vorhergesehen haben, weil wir in unserem Denken fahrlässig geworden sind. Das ist es, was unsere Kinder uns nun um die Ohren hauen." Für den Filmdienstführt Hanns-Georg Rodek durch Tykwers Karriere.
Sein Film "soll zum Ausdruck bringen, was ich mir selbst vom Kino wünsche und von einem Kinofilm erwarte", verrät Tykwer dem SZ-Kritiker David Steinitz, nämlich "die wirklich substanzielle Hingabe zu den Figuren, zum Sujet und zu ästhetischen Herausforderungen, denen sich ein Kinofilm heute stellen muss. Wir können inzwischen so unendlich viel anschauen, die Streamer, die Mediatheken, das Handy, wir werden zugeballert mit Erzählungen in jeglicher Form." Aber "ich will ins Kino, weil ich denke, dass dort die Filme laufen sollten, in denen es um etwas geht, die einen Diskurs anzetteln. ... Das bleibt der Vorteil eines Kinofilms. Man kann besser darüber sprechen."
Weitere Artikel: Ronja Wirts spricht für Zeit Online mit BenjaminGutsche über dessen deutsche Science-Fiction-Serie "Cassandra", die auf Netflix gezeigt wird. Valerie Dirk fasst für den Standard die Kontroversen um die "Emilia Perez"-Hauptdarstellerin KarlaSofíaGascón zusammen, die als erste Trans-Frau überhaupt für "beste Darstellerin" oscarnominiert ist, aber wegen alter Polter-Tweets ins Gespräch gekommen ist. Bei Dreharbeiten in Paris wird genau darauf geachtet, dass am Set keine sexuellen Übergriffe stattfinden, berichtet Stefan Brändle im Standard. Sofia Teresa Müller blickt für den Standard auf die aktuelle Fördersaison im österreichischenFilm. In der FAZgratuliert Maria Wiesner MiaFarrow zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Gints Zilbalodis lettischer Animations-Katzenfilm "Flow" (Standard), JamesMangolds "Like A Complete Unknown" mit ThimothéeChalamet als BobDylan (FAS) und LætitiaDoschs französische Komödie "Hundschuldig" (SZ).
Jazz als Werkzeug amerikanischer Politik: "Soundtrack to a Coup d'Etat" von Johan Grimponprez JohanGrimonprezʼ oscarnominierter "Soundtrack to a Coup d' Etat" begeistert die Kritiker: Dieser Essayfilm "ist eine überwältigende, ideenreiche Reise, die amerikanischenJazz, Geopolitik und imperialistischeMachenschaften der Fünfziger- und Sechzigerjahre miteinander verwebt", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. So handelt der Film nicht nur von Musik, sondern vom "Kalten Krieg, den postkolonialen Massakern und Bürgerkriegen in Afrika, von der Ermordung von Patrice Lumumba, dem linken Hoffnungsträger und Premierminister der neu unabhängigen Demokratischen Republik Kongo, im Jahr 1961. ... Der Jazz in diesem ambitionierten Werk von schwindelerregendem Tempo dient gleichzeitig als Soundtrack für den Film, gibt ihm Rhythmus, Ton und Intensität vor, fungiert aber auch als kultureller und historischer Kommentar. Schwarze US-amerikanische Jazzmusiker, allen voran LouisArmstrong und DizzyGillespie, sind nicht nur Vorboten der Emanzipation oder Schöpfer und Interpreten der amerikanischen Soft-Power, des US-Kulturimperialismus, sondern auch direkte Werkzeuge der Zwecke amerikanischer Politik."
Dieses "dokumentarische Meisterwerk" ist ein "Puzzle, wo jedes Teil der Anfang oder Ende sein könnte und sich das Gesamtbild erst nach und nach zusammensetzt", schreibt Jakob Hayner in der Welt. "Es ist ein feines Netz politischer und kultureller Beziehungen, das Grimonprez durch die Montage zum Vorschein bringt, in dem es um die inneren Widersprüche der USA und des Westens geht. Die Synkopen des Jazz zeigen, wie das Selbstverständnisder 'freienWelt' aus dem Takt gekommen ist."
Florian Weigl von critic.deist hingegen durchaus skeptisch: "Am Ende des Films hat man für ein Leben genug Aufnahmen von Menschen gesehen, die lächelnd aus einem Flugzeug steigen. Dass Agitprop mehr auf den reinen Affekt als auf die didaktische Wirkung abzielt, ist Teil seines Charmes, aber die tatsächlichen Thesen des Filmes bleiben dann doch etwas unterentwickelt. Allzu platt führt der Film vor, dass ein Friedenscorps selten Frieden bringt und dass die UNO, wie alle Institutionen, im Zweifelsfall ihren Selbsterhaltungstrieb über die eigenen hehren Ziele stellt. Man darf sich auch fragen, wie weit Grimonprez diese Sitzungen tatsächlich als das Politiktheater entlarvt, das sie sind, und wie weit er hier nur bekannte Sehmuster verstärkt."
Zeigt Formen der Pflege und Fürsorge: Juri Rechinskys "Dear Beautiful Beloved" JuriRechinskys "Dear Beautiful Beloved" startet vorerst nur in Österreich - offenbar ein Verlust fürs deutsche Kinopublikum: Der Dokumentarfilm erzählt von Opfern und Leid auf der ukrainischen Seite durch die russische Invasion. Standard-Kritikerin Valerie Dirk ist sehr beeindruckt: "Rechinsky webt ein feines Netz aus verschiedenen Formen der Pflege und Fürsorge während des Ausnahmezustands. Eine Engländerin und ihr Mann evakuierten alte Ukrainerinnen aus der bombardierten Region Donezk. Sie werden mit Zügen in notdürftige Altenheime weiter westlich gebracht. ... Ein anderer Beobachtungsstrang begleitet Soldaten beim Bergen und Identifizieren von Leichen. Minutiös werden Körperteile von Explosionsopfern zusammengesucht, penibel darauf achtend, dass keines in den falschen Leichensack kommt. Dann wechselt Rechinsky die Tonalität, zeigt Mütter und Kinder, die an Bahnhöfen warten, um Züge nach Westen zu besteigen. Allein, ohne ihre Männer. Die sind im Krieg."
Weiteres: Keine Ehrenbär-Gala mehr und der Wettbewerb endet bereits nach knapp einer Woche: Mit dieser Raffung der Berlinale begehe die neue Festivalleiterin TriciaTuttle "strategische Fehler", kommentiert Christiane Peitz im Tagesspiegel. Dunja Bialas berichtet auf Artechock vom FilmfestivalRotterdam. Rochus Wolff befasst sich im Filmdienst mit den Körperbildern in Filmen mit und über Rechtsextremen. Besprochen werden Pablo Larraíns "Maria" (Standard, critic.de, Artechock), PatriciaFonts "Der Lehrer, der uns das Meer versprach" (critic.de, Artechock), TsuiHarks aktuell bei Mubi gezeigter Film "Shanghai Blues" von 1984 (critic.de) und die Netflix-Serie "Apple Cider Vinegar" (FAZ).
"Nonkonform" ein Leben lang: Dietrich Kuhlbrodt, Oberstaatsanwalt a.D., Filmkritiker, Schauspieler. DietrichKuhlbrodt hat für drei oder mehr gelebt und tut das noch immer, schwärmt Thomas Groh im Perlentaucher nach Arne Körners Porträtfilm "Nonkonform": Der heute 92-jährige war Filmkritiker, Oberstaatsanwalt, Volksbühnen-Schauspieler und in den Splatter-Undergroundmovies von ChristophSchlingensief mitunter Nazi, mitunter kettensägenschwingender Massenmörder, während er in den Fünfzigern und Sechzigern noch als Staatsanwalt Nazis auf die Schliche kam. "Das alles und noch viel mehr plaudert sich in 'Nonkonform' so nebenbei weg. Lapidar, jovial, jung - ohne Pathos und Roten Teppich. Dieser Film hätte eine schlimm ehrwürdige Hommage werden können - "Unser Dietrich!" -, zum Glück ist er das nicht geworden, sondern adäquatlocker, verspielt, nahdran. Hohles Pathos bitte nicht bei Kuhlbrodt, dafür ist er viel zu sehr Spielkind geblieben, gerade in der alten Bundesrepublik, die insbesondere in ihren jungen Jahren vor allem das Lebensmodell 'Frühvergreisung' vorsah. Am Ende von 'Nonkonform' sehen wir Kuhlbrodt im Techno-Club, inmitten junger Leute." Weitere Besprechungen in Filmdienst und taz.
Außerdem: Anne Schumacher berichtet in der FAZ vom Filmfestival in Göteborg. Besprochen werden DrewHancocks Science-Fiction-Horror-Thriller "Companion" (Perlentaucher, FR, SZ), JohanGrimonprez' Essayfilm "Soundtrack to a Coup d'Etat" über die Ermordung des kongolesischen Premiers PatriceLumumba im Jahr 1961 (Freitag, taz, Zeit), PabloLarraíns "Maria" mit AngelinaJolie als MariaCallas (taz, FR, Welt, mehr dazu hier und dort), Claude Barras' Stopmotion-Animationsfilm "Ma vie de Courgette" (NZZ), die DVD-Ausgabe von IngemoEngströms "Flucht in den Norden" nach Klaus Mann aus dem Jahr 1985 mit KatharinaThalbach (taz) und der Dokumentarfilm "Im Schatten der Träume" über den Komponisten MichaelJary und den Texter BrunoBalz, die unter anderem für ZarahLeander geschrieben haben (Welt, queer.de). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die aktuellen Kinostarts.
Bei BradyCorbets "The Brutalist" (unsere Kritik) kam auch KI zum Einsatz, um die auf Ungarisch gesprochenen Passagen zu perfektionieren und um der gezeigten Architektur Details hinzuzufügen - was hier und dort bereits zu einigen Kontroversen führt. Unnötigerweise, findet Chris Schinke im Filmdienst. Für Filmemacher, "die mit limitierten Mitteln arbeiten, kann der Einsatz von KI den entscheidenden Unterschied machen - vorausgesetzt, die Technologie wird verantwortungsvoll und als Ergänzung zur menschlichen Kreativität eingesetzt. 'Der Brutalist' kann dabei durchaus als Symbol für einen Paradigmenwechsel verstanden werden. Der künstlerisch ambitionierte Film zeigt eindrucksvoll, wie KI-Technologie als ein technisches Werkzeug unter anderen den kreativen Prozess sinnvoll unterstützen kann, ohne dessen Essenz und Schöpfungskraft zu schmälern oder den Menschen gleich ganz zu ersetzen." Detaillierte Informationen zum Einsatz von KI in dem Film bietet dieses Gespräch mit dem Editor DávidJancsó, in diesem Statement reagiert der Regisseur auf die Vorwürfe.
Das Berlinale-Programm und der Spielplan stehen fest, am 10. Februar beginnt der Online-Run auf die Tickets. Christiane Peitz und Andreas Busche blicken im Tagesspiegel-Gespräch mit der neuen Festivalleiterin TriciaTuttle auf deren ersten Jahrgang. Dass in diesem Jahr zumindest eine kleine Handvoll Hollywood-Filme im Programm läuft - wenn auch nicht als Weltpremieren -, lässt aufmerken. "Wir brauchen die großen Hollywoodfilme", sagt Tuttle. "Natürlich möchten wir langfristig die Weltpremieren von solchen Filmen, keine Frage. Aber im Moment geht es darum, zu zeigen, wie aufregend die Berlinale ist. ... Die gesamte Filmindustrie hat sich seit der Pandemie verändert. Die Studios mussten selbst eine neue Strategie finden, um zu rekalibrieren, welche Filme in die Kinos kommen, welche einen Plattformstart erhalten, und welche Rolle Festivals dabei spielen. Ein Film wie 'A Complete Unknown' wäre vor ein paar Jahren vielleicht nur auf Disney+ herausgekommen, nun hat er acht Oscar-Nominierungen und große Einspielergebnisse. Die Studios werden mehr in das Kino und in Festivals investieren."
Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit PabloLarraín über dessen neuen Film "Maria" mit AngelinaJolie als Maria Callas (mehr zum Film bereits hier). Musikkritikerin Eleonore Büning ist in der beistehenden Kritik entzückt: "Jolie ist Callas ist Jolie: perfekt." Andreas Kilb seufzt hingegen in der FAZ: Das ist doch vor allem Kunstgewerbe. "Man weiß nicht, was trauriger ist: Larraín dabei zuzusehen, wie er Maria Callas ein Denkmal aus Zuckerguss errichtet, oder Angelina Jolie, wie sie auf dessen Sockel steigt."
Weitere Artikel: Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Reihe "Trickreiches Wirtschaftswunder: Westdeutsche Animationsfilme der 1950er Jahre" im Berliner Zeughauskino. Besprochen wird Lucy Ashtons Geflüchteten-Doku "Caravan" (Standard).
"The Journals of Knud Rasmussen" von Zacharias Kunuk Trumps Ankündigungen, sich Grönland schnappen zu wollen, macht eine Filmreihe in Bern zur arktischen Insel schlagartig überregional interessant, schreibt Patrick Holzapfel in der NZZ. Neben Filmen, die die Kolonialisierung der Region entweder zeigen oder selbst von einem kolonialenBlick informiert sind, gibt es auch solche, "in denen Inuit zu Wort kommen und ihren Blick auf das Leben in Grönland zeigen können. Eine solche Ausnahme stellt etwa das Kino von Zacharias Kunuk dar, dessen 'The Journals of Knud Rasmussen' die Begegnung mit den dänischen Forschern Anfang der Zwanzigerjahre aus der Sicht eines Inuit-Schamanen und seiner rebellischen Tochter erzählt. Dieser Perspektivwechsel offenbart, wozu das Kino in der Lage ist, wenn es tatsächlich 'zu Hause bei den fernsten Dingen' agiert. Dann führen die Filme vor Augen, wie wenig in den politischen Debatten und imperialen Ansprüchen an die in einem Gebiet lebenden Menschen gedacht wird. Drohen sie in den Nachrichten über die Ankündigung des US-Präsidenten in einer kaum zu greifenden Abstraktion zu versinken, erschrickt man in den Filmen fast über ihre körperliche und emotionale Präsenz."
Außerdem: Die Agenturen melden, dass die Schauspielerin MelisaSözen in der Türkei kurzzeitig verhaftet wurde, weil sie in einer TV-Serie eine Kurdin gespielt hat, weshalb ihr nun ein Strafverfahren wegen "Propaganda" droht. Besprochen werden AlexanderHorwaths "Henry Fonda for President" (Jungle World, taz, mehr zum Film bereits hier), PabloLarraíns "Maria" mit Angelina Jolie als Maria Callas (Presse, mehr dazu hier) und die auf Sky gezeigte Animationsserie "Common Side Effects" (FAZ).
In Hollywood dürfte es "gerade diverse Krisensitzungen geben", glaubt David Steinitz in der SZ. Der Grund: Von der spanischen Schauspielerin KarlaSofíaGascón, gerade gefeiert für Jacques Audiards Trans-Musical "Emilia Pérez" (unsere Kritik) und dafür auch als ersteTrans-Frau in der Oscar-Geschichte in der Kategorie "beste Hauptdarstellerin" nominiert, sind diverse Tweets ausgegraben worden, in der sie unter anderem gegen Muslime wettert, aber auch George Floyd runterputzt. "Es ist eine Geschichte voll beißender Ironie", meint dazu Andreas Scheiner in der NZZ: "Gascón wäre das perfekte Aushängeschild für eine Industrie, die sich für die Marginalisierten zuständig fühlt. Doch auch dagegen wetterte Gascón in früheren Wutanfällen auf Social Media. 2021 zog die Schauspielerin über die damalige Oscar-Verleihung her, in der die chinesisch-amerikanische Regisseurin Chloé Zhao mit dem Drama 'Nomadland' ausgezeichnet wurde. 'Eine Zeremonie für Independent- und Protestfilme' sei das, schrieb Gascón verächtlich. Es komme ihr vor, als würde sie am Fernsehen eine 'Black Lives Matter'-Veranstaltung schauen. Oder 'ein afro-koreanisches Festival'. Das Auftauchen der alten Social-Media-Posts dürfte Karla Sofía Gascóns Chancen auf einen Oscar als beste Hauptdarstellerin erheblich schmälern."
Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst die 60. SolothurnerFilmtage. Mariam Schaghaghi spricht für die Presse mit der Schauspielerin DelfinaChave über ihre Rolle in der ZDF-Serie "Máxima". Besprochen werden Halina Reijns Erotikthriller "Babygirl" mit NicoleKidman (NZZ, unsere Kritik), MarielleHellers "Nightbitch" (Jungle World) und LouiseCourvoisiers Jugendfilm "Könige des Sommers" (SZ).
Angelina Jolie gibt die Callas: "Maria" von Pablo Larraín Kommenden Donnerstag startet "Maria", der dritte Film in einer inoffiziellen Trilogie von PabloLarraín über große Frauen des 20. Jahrhunderts, die der chilenische Auteur in Momenten großer Krisen zeigt. Diesmal geht es um die letzte Lebenswoche im Leben der Callas. "Larraín möchte die Momente der Souveränität finden, die es einmal gab", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Die Momente der Perfektion, nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf der Welt, die Maria Callas für einige Jahrzehnte zu Füßen lag." Dass AngelinaJolie den legendären Opernstar spielt, hält Rebhandl zwar für einen durchaus interessanten Besetzungscoup, "doch Jolie kann nicht einmal so singen wie die Callas, als sie nicht mehr so singen konnte, wie sie einmal gesungen hatte. So tappt 'Maria' ein wenig unbeholfen durch die Zeiten, lässt Maria Callas in Sentenzen sprechen und kann sich nicht entscheiden, in welche Richtung dieses dann doch recht konventionelleDementi eines klassischen Biopics gehen soll."
Susan Vahabzadeh steht in der SZ auch eher ratlos vor dem Ergebnis: "Um wirklich die Vergangenheit auferstehen zu lassen, ist das alles viel zu glatt und zu abgeschlossen von der Zeit, in der es spielt. 'Maria' bleibt vorwiegend in einer merkwürdigen Ménage-à-trois stecken" und "eine große Erkenntnis findet Larraín bei seinem Blick in die Vergangenheit auch nicht".
Das Kino entdeckt nach einer langen, keuschen Phase den Sex wieder, schreibt Valerie Dirk im Standard und bezieht sich dabei auf Filme wie "Babygirl", "Queer", "The Substance", "Anora", "Love Lies Bleeding" oder, wenn auch schon etwas her, "Poor Things" und "Challengers". "Das Ausprobieren ist eine Gemeinsamkeit all der aktuell erfolgreichen Filme, die vor Sex nicht zurückschrecken. Eine andere ist, dass viele der Regieführenden weiblich und europäisch sind. Dieses Kino ... lernt, es experimentiert, es problematisiert. Es ist selbstbewusst und sieht Sex nicht länger als reinen Lusteffekt an, sondern als erzählerisches Mittel, das komplizierte menschliche Beziehungen auslotet. Es geht um junge, alte, queereKörper genauso wie um Macht und Konsens und vielseitige Gefühlslagen."
Weitere Artikel: Martin Scholz spricht für die WamS mit AdrienBrody über dessen Hauptrolle in "The Brutalist" (unsere Kritik). In der Zeitspricht Thomas Mießgang mit AlexanderHorwath über dessen Essayfilm "Henry Fonda for President" (mehr zum Film bereits hier). Georg Stefan Troller erinnert sich in der LiterarischenWelt an seine Begegnung mit RobertoRossellini. Besprochen werden DouglasWilsons Kinderfilm "Paddington in Peru" (FAZ) und IanWhites Dokumentarfilm "Mutiny in Heaven" über TheBirthdayParty, die erste Band von NickCave (FAS).
Alexander Horwaths dreistündiger Essayfilm "Henry Fonda for President" kommt nun, nachdem Arte eine lächerlich gekürzte Rumpfversion des Films zeigte, regulär in die deutschen Kinos (hier unser Resümee zum österreichischen Filmstart). Der Filmhistoriker verbindet darin die Familiengeschichte und Biografie HenryFondas, die Geschichte der USA und die Filmografie des Schauspielers in einem beeindruckend dichten Gesamtbild der Staaten - und dies "auf so umfassende, immer wieder überraschende und hochspannende Weise, dass in diesen drei Stunden das Zeitgefühl ein anderes wird", schwärmt Cosima Lutz in der Welt. "Gleichzeitigkeiten scheinen auf, mit Linien bis ins Heute, und die Sedimente amerikanischer Geschichte(n) werden wie ein offenes Buch lesbar, gespiegelt nur an einer einzigen Person. ... Dass das so gut funktioniert und nie ins geschwätzige Biopic abrutscht, liegt an Horwaths umfassender Kenntnis, seinem hellwachen Forscherinteresse und archivalischen Findeglück, an dem auch Regina Schlagnitweit mit ihren Recherchen entscheidenden Anteil hat."
Dieser Film ist "brillant, im besten Sinne ausufernd", jubelt Daniel Moersener auf Zeit Online. "Fonda verkörperte ein Amerika, das im besten Sinne heldenhaft war. Ein Mann mit feinen Zügen, aber eben nicht aristokratisch oder bürgerlich. Kein Gesicht der Herrschenden, sondern derer, die sich nicht mehr beherrschen lassen wollen. In Momenten des Schmerzes oder Verlusts bedeckt seine Hand die Augenpartie, im Grunde eine Strategie der Nichtkommunikation, die alles kommuniziert: 'Ein Schrei, denerniegeschrienhat, ein Lachen, das er nie gelacht hat', heißt es an einer Stelle im Film."
Außerdem: Josef Nagel hat für den Filmdienstaufgeschrieben, welche Film-Ausstellungen 2025 auf uns zukommen. Kathleen Hildebrand fragt sich in der SZ, warum in Film und Literatur - aktuelles Beispiel Kino-Beispiel: "Nightbitch" von MarielleHeller mit AmyAdams - Frauen den Weg in die Waldeinsamkeit antreten oder gar vollends zuPflanzenmetamorphisieren. Besprochen werden YaseminŞamderelis Sportdrama "Samia" (Standard), DougalWilsons Kinderfilm "Paddington in Peru" (Presse) sowie die Netflix-Serien "Außer Kontrolle" (Freitag), "American Primeval" (FR) und "Mo" (FAZ).