Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2025 - Film

Adrien Brody in "The Brutalist"

Mit zehn Nominierungen geht Brady Corbets im 70mm-Vistavision-Verfahren gedrehtes, dreieinhalbstündiges Epos "The Brutalist" als einer der großen Favoriten ins Oscarrennen. Der Film erzählt (lose nach dem Vorbild der Lebensgeschichte von Marcel Breuer) die Geschichte eines von Adrien Brody gespielten, jüdisch-ungarischen Architekten, der den Nazis nur knapp entkommt und in die USA flieht. "Corbet fächert ein riesiges Gemälde auf", schreibt Perlentaucher Patrick Holzapfel, "in dem sich an W.G. Sebald erinnernde Traumatakorridore in einer kollektiven Malaise verlieren, die Prinzipien brutalistischer Nachkriegsbaukunst auf die filmische Form und das Gesicht Adrien Brodys gegossen werden, die Kompromisslosigkeit eines genialistischen Künstlers, die Erfahrung von Fremdheit, der korrupte Traum einer Freiheit in den USA und die falschen Versprechen des Kapitalismus sich in einem riesigen Klotz vermengen, der vor allem sein eigenes Gewicht bewundert. ... Wie bei manch brutalistischem Bauwerk wähnt man sich an der Türschwelle einer unendlich komplexen Struktur, nur um festzustellen, dass sich dahinter nichts befindet, als die Schonungslosigkeit und Potenz massiven Betons."

Der Film ist "ein Kompositum", schreibt Alan Posener in der Welt. "Eine Untersuchung der Schwierigkeiten des Neuanfangs; eine Kritik der Abhängigkeit der Kunst vom Geld; eine Feier des Immigranten und seines Genies; eine Verteidigung des Brutalismus; ein Plädoyer für den Zionismus. Er ist aber all dies nur in Ansätzen, so als habe er Angst, irgendeinem dieser Themen allzu intensiv nachzugehen. Und es ist diese Verzagtheit, die letztlich den Film so lang macht. Weniger wäre mehr gewesen." Rüdiger Suchsland hält alldem auf Artechock mit einem sehr detaillierten Longread entschieden dagegen: Dies "ist am Ende ein Film, der in der alptraumhaften Dunkelheit Europas und des europäischen Zivilisationsbruchs wurzelt. Moderne und Klassik sind auch hier kein Gegensatz sondern ineinander verschränkt. Corbets Ehrgeiz, ein kultiviertes, geduldiges und scharfsinniges Epos in einer von Ignoranz und Aufmerksamkeitsdefiziten geprägten Zeit ins Kino zu bringen, ist unverkennbar." Weitere Kritiken schreiben Daniel Kothenschulte (FR) und Andreas Kilb (FAZ).

Kinky Bilder im Mainstream: "Babygirl" von Halina Reijn

Ausgerechnnet bei Antonio Banderas kommt Nicole Kidman in Halina Reijns "Babygirl" in sexueller Hinsicht das große Gähnen. Als sich ihr die Möglichkeit einer BDSM-Affäre mit einem halb so jungen Praktikanten ergibt, fügt sie sich bald dem Spiel von Dominanz und Unterwerfung. "So ganz ernst nehmen lässt sich diese Geschichte einer BDSM-Beziehung freilich nicht", wägt Kamil Moll im Perlentaucher ab. "Zu beliebig scheint das Verhältnis zwischen Dom Samuel und Sub Romy. ... Dafür leistet der Film etwas, was anderen Filmen zuletzt nicht mehr gelungen ist und möglicherweise wertvoller sein dürfte: Er macht kinky Bilder mainstreamfähiger und allgegenwärtiger." Tazlerin Arabella Wintermayr ist von diesem Versuch, das zuletzt sehr brach liegende Genre des  Erotikthrillers zu aktualisieren, nicht überzeugt: Zwar gibt sich die Regisseurin alle Mühe "um sich sowohl das Prädikat 'emanzipatorisch besonders wertvoll' als auch 'erotisch' zu verdienen. Tatsächlich aber ist ihr Film letztlich weder das eine noch das andere. Das liegt vor allem an Reijns spürbarem Bemühen, bloß alles richtig zu machen. Kopflastigkeit erstickt Leidenschaft - und in 'Babygirl' wirkt vieles konstruiert, vor allem die Figurenzeichnungen. ... Im Grunde bedient Halina Reijn vor allem eine plumpe 'Girlboss'-Mentalität."

Diese Romy "bleibt eine Frau, der alle gesellschaftlichen Widersprüche ihres Geschlechtes eingeschrieben sind", schreibt Kira Kramer in der FAZ: "Schön sein zu müssen, während sie arbeitet wie ein Tier, sexuell verfügbar sein zu müssen, auch wenn ihr nicht danach ist, sich zu kümmern, obgleich das Gegenüber erwachsen ist. Dass es Kidman gelingt, diese Gleichzeitigkeit aus Stärke und Verletzlichkeit, Lust und Sorge, Liebhaberin und Mutter zu balancieren, ist der eigentliche Clou von Reijns Film." Weitere Kritiken in der Berliner Zeitung, im Standard und auf Artechock.

Rüdiger Suchsland resümiert auf Artechock das auf deutschen Nachwuchs spezialisierte Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. Sehr zurecht hat die Filmkritik-Jury Laura Laabs' "Rote Sterne überm Feld" (unser Resümee) ausgezeichnet, schreibt er (die Laudatio hielt übrigens Perlentaucher-Kritikerin Katrin Doerksen). Umso ärgerlicher findet er, dass die Hauptjury die Qualitäten dieses Films nicht erkennen wollte. "Auch war die Auswahl in Saarbrücken so gestaltet, dass 'Rote Sterne...' ein Außenseiter-Film bleibt, ein ästhetisches Ausnahmeprogramm in einem Programm, das inhaltistisch und privatistisch daherkam. ... Filme mit einem Form-Bewusstsein gibt es fast gar keine, sondern es gibt immer wieder den mittleren Realismus, immer wieder diese Fernsehspielhaftigkeit des deutschen Kinofilms."

Außerdem: Georg Seeßlen schreibt auf Zeit Online eine Nachruf auf Horst Janson. Pascal Blum resümiert für den Tages-Anzeiger die Solothurner Filmtage. Besprochen werden Alexander Horwarths Essayfilm "Henry Fonda for President" (FR), Mo Harawes "The Village Next to Paradise" (taz), Désirée Nosbuschs Regiedebüt "Poison" (Tsp, FD), Dougal Wilsons Kinderfilm "Paddington in Peru" (Artechock) und der Arte-Doku-Fünfteiler "Mafiajäger" (taz). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die Filmstarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2025 - Film

Frauen im Dienst des IS: "Rabia" von Mareike Engelhardt

Auch Frauen folgten vor zehn Jahren dem Ruf des IS, die Waffen in die Hand zu nehmen und für ein islamo-faschistisches Regime zu kämpfen. Mit "Rabia" hat die deutsch-französische Regisseurin Mareike Engelhardt über dieses Phänomen einen Film gedreht - es ist ihr Kinodebüt. Im Welt-Gespräch mit Hanns-Georg Rodek erzählt sie von jungen Frauen, die die Brutalitäten der Scharia kompromisslos durchsetzen. "Ein Vorurteil, das ich hatte, war, dass die Frauen notwendigerweise die Opfer waren und naiv dorthin fuhren, um sich mit einem Märchenprinzen zu verheiraten. Solche Aussagen haben Frauen in Prozessen oft benutzt, um Strafminderung zu erhalten. Unzählige Gespräche, die Journalisten und ich geführt haben, ergeben ein anderes Bild: Diese Frauen sind genauso radikalisiert wie die Männer. Sie sind informiert wie die Männer, sie sind brutal wie die Männer. Das ist ein wichtiger Punkt, der häufig untergeht: Gewalt ist nicht geschlechterspezifisch. Wir haben ein großes Problem damit, zu akzeptieren, dass Frauen genauso gewalttätig sein können, wie Männer - wenn die Umstände es ihnen erlauben. Auch Frauen sind Täterinnen."

Weitere Artikel: Der deutsche Filmnachwuchs zeigt sich beim Festival Max Ophüls Preis in Saabrücken politisch und provokativ, resümiert Wolfgang Hamdorf im Filmdienst. Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem Regisseur Matthieu Delaporte und der Schauspielerin Adèle Simphal über deren "Graf von Monte Christo" (unsere Kritik). Andreas Scheiner rät in der NZZ den Schweizer Filmemachern sich auf Zeiten einzustellen, in denen die Fördertöpfe versiegen. Christian Schröder (Tsp) und Harald Hordych (SZ) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Horst Janson. In Deutschland kennt man ihn ja vor allem als "Bastian" und von der "Sesamstraße", aber für diesen Perlentaucher bleibt er mit seinem Gastauftritt im britischen Horrorfilm als degenschwingender Vampirjäger Captain Kronos in Erinnerung:



Besprochen werden Brady Corbets Oscarfavorit "Der Brutalist" (taz), Frauke Lodders' Evangelikalen-Drama "Gotteskinder" (taz), Ramon Zürchers "Der Spatz im Kamin" (Presse) und Dougal Wilsons Kinderfilm "Paddington in Peru" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.01.2025 - Film

Georg Diez befasst sich auf Zeit Online zum gestrigen Holocaust-Gedenktag  ausführlich mit Julia von Heinz' "Treasure" und Jesse Eisenbergs "A Real Pain" (unsere Kritik), die beide von Reisen zu den Orten des Massenmords der Deutschen an den Juden erzählen. Die Figuren in beiden Filmen "sind geprägt von der Verstörung, vom Fehlen von Menschen, von der Abwesenheit, die sich nicht füllen lässt, indem man anwesend ist, an die Orte geht, selbst für sich sucht. 'A Real Pain', mehr noch als 'Treasure', schildert diese Unmöglichkeit, sich zu verbinden, über das Grauen hinweg. Dieses Grauen bleibt abwesend, muss es wohl bleiben - auf andere Art als in anderen Zeiten. Wir leben in einer psychologischen Epoche, mit viel Introspektion und Selbstversicherung und Selbstzweifel und Selbstverbesserung. Folglich ist auch die Betrachtung des Holocausts psychologisch, therapeutisch, von heute ausgehend - im Fall der beiden Filme von denen, die nachgeboren sind und die immer noch mit den Fragen und Folgen der Überlebenden wie der Toten umgehen. Der Holocaust wird privatisiert, weil alles privatisiert wird."

Demi Moore ("The Substance"), Nicole Kidman ("Babygirl", unser Resümee) und Pamela Anderson ("The Last Showgirl", unser Resümee) werden gerade in Hollywood für Filme auch preisverdächtig gefeiert, in denen es um das Altern von Frauen(körpern) geht. Zeichnet sich hier ein Sinneswandel in der Branche ab? Susan Vahabzadeh ist in der SZ nicht überzeugt, zumal zumindest Kidman und Moore seit vielen Jahren gegen den Lauf der Natur mit allerlei Eingriffen anarbeiten. "Die Frauen in Hollywood befinden sich seit der Erfindung des Kinos in einem Kampf gegen die Zeit." Doch "dieser Kampf ist verloren. 'The Substance', 'The Last Showgirl' und 'Babygirl' sind keine Anzeichen eines Wandels in Hollywood - sie sind eine Kapitulation. Den Zwang zur Perfektion, von dem sie erzählen, bilden sie ab. Aber sie haben ihm nichts entgegenzusetzen. Die ultimative Objektifizierung dürfte eingetreten sein, wenn sogar Frauen selbst ihren Körper als ewige Baustelle sehen (und das thematisieren) ... Jamie Lee Curtis und Emma Thompson gehören zu den Schauspielerinnen, die das Alter offenbar Alter sein lassen. Sie sind aber Ausnahmen, und sie zahlen einen Preis dafür, man sieht sie nur noch selten in größeren Rollen."

Außerdem: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit der Regisseurin Frauke Lodders über deren Film "Gotteskinder", der von jungen Menschen in evangelikalen Gemeinden erzählt. Der deutschsprachige Filmnachwuchs setzt auf Authentizität und Emotion, beobachtet tazlerin Jenni Zylka beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube der Schauspielerin Marthe Keller zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Brady Corbets "The Brutalist" (NZZ, Standard, SZ), Frauke Lodders' "Gotteskinder" und Benjamin Pfohls "Jupiter", die beide von Jugendlichen in Glaubensgemeinschaften handeln (Zeit Online) und Matthew Rankins "Universal Language" (taz, mehr zum Film bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2025 - Film

"Beinahe mit jedem seiner Filme löste der französische Regisseur Bertrand Blier zuverlässig einen Skandal aus", schreibt Josef Schnelle in seinem Nachruf beim Filmdienst. Blier "entdeckte Gérard Depardieu, als der noch ein ungeschliffener Rohdiamant war, und wurde für seine eleganten, aber dennoch zupackenden Dialoge bewundert." Er "beherrschte in den Siebziger- und Achtzigerjahren die Debatten um das französische Kino. Sein Publikum war dabei in der Regel gespalten. Die einen beklagten seine chronische Misanthropie. Die anderen lobten die Zärtlichkeit und Originalität seiner Inszenierungen. Das Hauptthema in seinen rund 20 Filmen waren die menschlichen Begierden, die er mit viel Sinn für das Abgründige und einer gehörigen Portion schwarzen Humors aufspießte."

Weiteres: Patrick Holzapfel erinnert in der NZZ online nachgereicht an Paul Newman, der vor 100 Jahren geboren wurde. Helene Slancar fragt sich im Standard, warum die Monster des klassischen Horrorfilms gerade wieder so ein Kino-Comeback erleben. Jörg Seewald berichtet in der FAZ vom Filmbrunch beim BR. Besprochen werden Leigh Whannells "Wolf Man" (SZ, FD), Georges Gachots Dokumentarfilm "Misty" über den Jazzpianisten Erroll Garner (taz) und die ARD-Serie "The Next Level" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2025 - Film

Wer dominiert hier eigentlich wen? Nicole Kidman und Harris Dickinson in "Babygirl"

In der SZ ist Philipp Bovermann ziemlich begeistert von Halina Reijns "Babygirl", in dem sich Nicole Kidman als Karrierefrau auf eine BDSM-Beziehung mit einem halb so alten Praktikanten einlässt - wohlgemerkt als Sub. "Wieder mal zeigt sich, nach 'Tár' (unsere Kritik), nach 'Anatomie eines Falls' (unsere Kritik) etwa, dass einige der interessantesten Geschichten im Kino eben nicht von sogenannten starken Frauen erzählen, zu denen Mädchen aufblicken können, sondern von mächtigen Frauen, die auf alle herabblicken. So viel Kompliziertes, Erzählenswertes ist los, wenn das passiert, und 'Babygirl' fängt das in teils sehr klugen Szenen ein. Die Frage, wer hier eigentlich wen dominiert, wenn er der Untergebene ist, aber zugleich der Dom, der jederzeit ihre Karriere beenden kann, indem er das Verhältnis öffentlich macht; die Frage nach weiblicher Schuld; die terra incognita einer Macht nach dem Patriarchat."

Lukas Foerster spricht für critic.de mit dem Kurator Sebastian Schwittay über dessen Frankfurter Reihe mit Filmen, die mit ihren ursprünglichen, dann aber doch abgelehnten Soundtracks gezeigt werden: "Nicht selten kommt es im Zuge eines solchen Musiktauschs zu einer völligen Neuausrichtung des Films. Das betrifft musikalische Figurencharakterisierungen wie auch Genre-Verortungen. Elmer Bernsteins abgelehnte Musik zu Walter Hills 'Last Man Standing' (1996) verortet den Film etwa in einer klassischen Western-Tradition, während Ry Cooders saxophon-lastiger Ersatzscore die Erzählung näher an den Film Noir rückt. John Coriglianos abgelehnte Musik zum Mel-Gibson-Thriller 'Edge of Darkness' (2010) spendiert der Figur der ermordeten Tochter ein wunderschönes Thema, das am Ende in ein musical-ähnliches Tableau mit Solo-Sopran mündet. Howard Shores eher funktionale Ersatzmusik hält sich mit komplexer Figurenausleuchtung hingegen sehr zurück."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek hat sich für die Welt das mit Ach und Krach nach Ampel-Aus doch noch gerade so verabschiedete Gesetz zur Filmförderung genau angesehen und dabei festgestellt: Fiel der Begriff "Diversität" im ersten Entwurf noch fast 70 mal, ist davon im Endergebnis kaum mehr etwas zu finden. Eva Könighofen berichtet im Filmdienst von einem Symposium zum Thema "Dokumentarfilm und Zeitlichkeit". Andreas Kilb gratuliert in der FAZ dem Regisseur Olivier Assayas zum 70. Geburtstag. Elmar Krekeler porträtiert in der WamS die Schauspielerin Jeanette Hain.

Besprochen werden Matthieu Delaportes und Alexandre de La Patellières Dumas-Neuverfilmung "Der Graf von Monte Christo" (Standard, unsere Kritik), Matthew Rankins "Universal Language" (Standard, unsere Kritik), Adam Elliots Animationsfilm "Memoir of a Snail" (Presse), die Science-Fiction-Serie "Pantheon" (taz) und die ARD-Serie "The Next Level" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2025 - Film

Hat gut feiern: "Emilia Perez" wurde für 13 Oscars nominiert

Die Oscarnominierungen stehen fest. Wie zu erwarten, gehen Jacques Audiards "Emilia Perez" (hier unsere Kritik) mit 13, Brady Corberts Epos "The Brutalist" (unser Festivalresümee) und  Jon M. Chus Musical "Wicked" (unsere Kritik) mit jeweils zehn und Edward Bergers "Konklave" (unser Resümee) mit acht Nominierungen als große Favoriten ins Rennen. Mohammad Rasoulofs iranisches Drama "Die Saat des heiligen Feigenbaums" (unsere Kritik) ist - aus rein formal-produktionstechnischen Gründen - für Deutschland als bester internationaler Film nominiert. Moritz Binder und Tim Fehlbaum sind für die deutsche Produktion "September 5" (unsere Kritik) fürs beste Drehbuch nominiert. Edward Berger, der zwar 2023 für "Im Westen nichts Neues" den Oscar für Deutschland gewonnen hat und seinen Arbeitsschwerpunkt auch hier hat, wird von vielen Feuilletons zwar kurzerhand zum deutschen Regisseur hochgejubelt, ist allerdings ein österreichisch-schweizerischer Staatsbürger - und sein Film eine britisch-amerikanische Produktion.

In der SZ staunt David Steinitz über den Nominierungserfolg von "Emilia Perez": "So viele Nominierungen hat eine Produktion, die außerhalb der USA entstanden ist, noch nie erhalten." Entsprechend zweifelt Carolin Ströbele auf Zeit Online, dass Rasoulofs "Saat des heiligen Feigenbaums" als bester internationaler Film ausgezeichnet werden wird: "So verdient Rasoulofs Nominierung ist, so schwer wird es für den Film sein, sich gegen die bereits mit Preisen überhäufte Konkurrentin 'Emilia Pérez' durchzusetzen."

Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche setzt seine Hoffnungen ganz auf "The Brutalist": "Corbet hat mit gerade mal 38 Jahren im Grunde schon das definitive Werk seiner noch jungen Karriere vollbracht. ... Es wäre ein wichtiges Signal in Richtung der Studios, solche Großproduktionen abseits von Franchises in Zukunft weiter zu ermöglichen." Rüdiger Suchsland schwärmt auf Artechock von der Vorführung von Brady Corbets "The Brutalist" im Rahmen der Viennale im vergangenen Oktober mit nur Cinephilen im Saal, inklusive enthusiastischer Debatten in der Pause: "So muss Kino einmal gewesen sein, zur Hochzeit des Neorealismus oder der Nouvelle Vague - als man den Sinn des Lebens auf der Leinwand fand." Kevin Gensheimer von der Berliner Zeitung staunt zwar über die Monumentalität von "The Brutalist", fand den Film zum Ende hin dann aber doch "enttäuschend". Mariam Schaghaghi hat für die FAZ mit Hauptdarsteller Adrien Brody gesprochen. Der Film startet in Deutschland am 31. Januar.

Unerwartete Bilder: "Rote Sterne überm Feld" von Laura Laabs

Schnitt zum Festival Max Ophüls Preis in Saarbrücken, wo Laura Laabs' "Rote Sterne überm Feld" gerade für mächtig Aufsehen sorgt. Rüdiger Suchsland ist auf Artechock vollkommen begeistert: "Für solche Filme ist der Max-Ophüls-Preis gemacht! Für unerwartete Bilder und Bilder des Unerwarteten, des Crossover von Genre und Autorenkino. ... Eine Geisterbeschwörung, ein Zeitreisen-Film, so könnte man diesen Film beschreiben. Das deutsche 'Inception', das Porträt einer deutschen Gesellschaft kurz vor dem Kipppunkt." Die Regisseurin "wirft erstaunlich sinnvoll Einfälle aus Philosophie und Politik, Geschichte und Gegenwart, Utopie und Zeitgeist zusammen, zitiert Sixties-Agitprop und UdSSR-Kino, DDR-Musik und Heimatschnulzen. ... In dem Film kommt die Idee einer 'ästhetischen Linken' vor. Man kann durchaus darüber nachdenken, inwieweit dieser Film selbst Ausdruck oder Statement einer solchen ästhetischen Linken ist. Stilistisch erleben wir ein fragmentarisches Spiel mit Ebenen der Form, des Film-Formats, aber auch der Schrift."

Weitere Artikel: Valerie Dirk fragt sich im Standard, warum Billy Wilders Film-Noir "Sunset Boulevard" Donald Trumps Lieblingsfilm ist. Besprochen werden Benjamin Pfohls Sektendrama "Jupiter" (FAZ, Artechock), Matthew Rankins "Universal Language" (Artechock, mehr zum Film hier), Alexandre de la Patellières und Matthieu Delaportes "Der Graf von Monte Christo" (Perlentaucher, Welt, Artechock), Adam Elliots Animationsfilm "Memoir of a Snail" (Standard), Rich Peppiatts "Kneecap" (Artechock), die Netflix-Serie "Night Agent" (FAZ) und die Sky-Miniserie "Lockerbie" (taz). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die aktuellen Kinostarts.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2025 - Film

"Universal Language" von Matthew Rankin

Der kanadische Filmemacher Matthew Rankin "trägt die Lynchsche Fackel eines ganz persönlichen Surrealismus sehr behutsam weiter", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR zum Kinostart von Rankins "Universal Language", einer sehr persönlichen wie eigenwilligen Liebeserklärung an seine Heimatstadt Winnipeg. Gelungen ist Rankin damit "eine Perle am Wegesrand der Filmgeschichte", die auch deshalb verblüfft, weil in Winnipeg hier ausnahmsweise alle Farsi sprechen, die Achtziger wieder angebrochen zu sein scheinen und Rankin sich auch ansonsten der Mittel des iranischen Exilkinos bedient. "Das Besondere an Rankins poetischen Irritationen liegt darin, wie behutsam und doch wirkungssicher er mit ihnen hantiert, dabei frei von jeder Herablassung. Wenn sich Rankin überhaupt über etwas amüsiert, dann ist es ein spezifisch kanadischer Minderwertigkeitskomplex über die vermeintliche Provinzialität. Staunenswert und wirklich lynchhaft ist vor allem, wie Rankin hundert hinreißende Ideen in einen zusammenhängenden filmischen Erzählstrang webt, ohne sich in Kleinteiligkeit zu verlieren."

Dieser Film bietet die "Gelegenheit, einen neuen Hoffnungsträger des Weltkinos kennenzulernen", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ, "einen tatsächlich verschrobenen, keineswegs aber mittelmäßigen Visionär", der sich tief vor Abbas Kiarostami verneigt. "Zugleich wird dessen Inspiration aber weitergedacht. Denn es geht nicht nur darum, den trügerisch einfachen Neorealismus, den das iranische Kino nach der Revolution unter den Bedingungen der Zensur weiter entwickelte, nach Kanada zu importieren. Rankin sucht nach einer Form, wie man in einem komplizierten Land von Identität erzählen kann."

"Wenn 'Universal Language' die Vermessung einer Stadt ist (Unwirtlichkeit, Überdimensionen etc.)", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher, dann "ist es zugleich eine Liebeserklärung, die weniger dem Winnipeg des Real Life als der Möglichkeit eines Ortes gilt, der mehr als eine Stadt enthält, mehr als eine Welt und eine Sprache, und der ohne das Prinzip der Diaspora in keinem Fall zu denken ist."

Außerdem: Dietrich Leder schwärmt in seiner Filmdienst-Kolumne von Dominik Grafs aktuellem "Polizeiruf"-Thriller "Jenseits des Rechts" (hier in der Mediathek, mehr dazu bereits hier): "Selten war ein klassischer Whodunit so konsequent zu Ende erzählt und zugleich ad absurdum geführt." Hanns-Georg Rodek spricht für die Welt mit Edgar Reitz über dessen "Filmstunde_23" (mehr zu dem Film hier). Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur und Drehbuchautor Matthieu Delaporte über seine Dumas-Adaption "Der Graf von Montechristo". Urs Bühler porträtiert in der NZZ die Casterin Corinna Glaus.

Besprochen werden die zweite Staffel des Apple-Erfolgs "Severance" (taz), Morgan Nevilles Biopic "Piece by Piece" über Pharrell Williams (taz), Rich Peppiatts irische Rap-Komödie "Kneecap" (Freitag) und die ARD-Serie "A Better Place" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2025 - Film

Die Berlinale hat ihren Wettbewerb bekannt gegeben. Die neue Leiterin Tricia Tuttle steht bei ihrem ersten Jahrgang "vor ähnlichen Problemen wie ihre Vorgänger", seufzt David Steinitz in der SZ: Fast keine großen Namen - sowohl, was die Filmkunst betrifft, aber auch den Glam auf dem Roten Teppich. "Das muss nicht heißen, dass die Filmauswahl schlecht ist", doch "nach einem A-Festival, das die Berlinale ja ist und sein will, fühlt sich das Programm nur bedingt an." Auf "das ganz große Kreischpotenzial" stößt tazler Tim Caspar Boehme eher im Nebenprogramm, wo Superstar Timothée Chalamet im Bob-Dylan-Biopic "The Complete Unknown" zu sehen ist, das für den Wettbewerb nicht infrage kommt, weil es keine Weltpremiere darstellt.

"Mit der Wahl für die ehemalige Leiterin des umtriebigen London Film Festival ging auch die Hoffnung einher, wieder mehr Stars nach Berlin zu locken", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel mit nun allerdings ernüchtertem Blick auf dieses Programm. Immerhin: "Mit dem amerikanischen Regisseur Richard Linklater, zuletzt 2014 mit 'Boyhood' auf der Berlinale vertreten, kehrt ein alter Bekannter zurück, Ethan Hawke und Margaret Qualley spielen die Hauptrollen in seinem Musik-Biopic 'Blue Moon' über den Broadway-Komponisten Lorenz Hart. Die ehemaligen Preisträger Radu Jude, der 2021 den Goldenen Bären mit 'Bad Luck Banging or Loony Porn' gewann, und Stammgast Hong Sangsoo sind ebenfalls mit neuen Filmen im Wettbewerb vertreten."

Marius Nobach vom Filmdienst sieht die Problempunkte, zeigt sich aber dennoch hoffnungsvoll: "Die Auswahl des Wettbewerbs lässt sich als interessant bis unkalkulierbar bezeichnen", aber vielleicht könnte er auch "Entdeckungen bereithalten, die noch niemand auf der Rechnung hat". Außerdem fällt Nobach "die Bandbreite der Genres" auf: "Neben Beziehungs- und Gesellschaftsdramen legen die Filmankündigungen auch Abstecher in Thriller, Fantasy, Science-Fiction und Epos nahe."

Weitere Artikel: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit dem mexikanischen Regisseur Alonso Ruizpalacios über dessen Gastronomie-Drama "La Cocina". Die Agenturen melden, dass der französische Autorenfilmer Bertrand Blier gestorben ist. Besprochen werden Morgan Nevilles mit Lego-Figuren gestaltetes Biopic über Pharrell Williams (FAZ, SZ), Matthieu Delaportes und Alexandre de La Patellières Neuverfilmung von "Der Graf von Monte Christo" (taz) und die Apple-Serie "Prime Finder" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2025 - Film

Valerie Dirk blickt für den Standard zurück auf die lange Geschichte des Hasses extremer Konservativer, christlicher Fundamentalisten und Antisemiten auf Hollywood, die heute mit gar nicht mehr so insgeheimer Freude auf die Waldbrände in Kalifornien blicken. Weitere Nachrufe auf David Lynch (siehe auch hier und dort unsere Resümees) schreiben Dierk Saathoff (Jungle World) und Karl Fluch (Standard).

Besprochen werden Taylor Sheridans auf Paramount gezeigte Serie "Landman" ("Ist das etwa die erste Serie für den zweiten Turn von Donald Trump", fragt FAZ-Kritikerin Nina Rehfeld entsetzt), Jesse Eisenbergs "A Real Pain" (NZZ, unsere Kritik), Rich Peppiatts irische Rap- und IRA-Komödie "Kneecap" (SZ-Kritiker Joachim Hentschel verspricht "mehr als nur ein weiterer turbulenter Working-Class-Rumsbumsspaß") und der vorerst nur in der Schweiz startende Animationsfilm "Reise der Schatten" des Schweizer Künstlers Yves Netzhammer (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2025 - Film

Mit seinen meist mit Katharina Adler verfassten "Tatort"-Krimis hat Rudi Gaul in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt. Er fühlt sich beim Sonntagabendkrimi der ARD "fast wie beim Autorenfilm", sagt der Regisseur gegenüber Matthias Dell im Gespräch für Zeit Online. Mit dem Kino hingegen hat er trotz Filmfestivals und Auszeichnungen weniger gute Erfahrungen gemacht: Dies liegt "auch an den Förderstrukturen, der Gremienkultur, aus der bei uns Kino entsteht. Ich habe damals viel zu spät registriert, wie viele Kompromisse man eingehen muss, damit der Film am Ende finanziert wird. Es herrscht eine große Angst, dass etwas nicht funktioniert auf dem Kinomarkt. ... Ich kann verstehen, dass es Maßstäbe braucht, aber da fängt man schon an, sich zu verbiegen. ... Beim 'Tatort' hat man idealerweise eine starke Redakteurin wie Brigitte Dithard oder Katharina Dufner beim SWR. Die sind Ansprechpartnerinnen mit einer klaren Haltung. Wenn du dich auf dieser Ebene verstehst, es da ein Vertrauensverhältnis gibt, in dem kontrovers diskutiert werden kann, dann ist das viel einfacher." Gestern Abend lief sein SWR-Tatort "Verblendung".

Weiteres: Michael Theil empfiehlt in der FAZ den Podcast "Close Up" der Deutschen Filmakademie, in dem Filmemacher übers Filmemachen sprechen. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Regisseur Gianni Amelio zum 80. Geburtstag. Besprochen wird Clint Eastwoods "Juror #2" (FAZ, unsere Kritik).
Stichwörter: Tatort, Gaul, Rudi, Deutscher Film, ARD