Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

966 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 97

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2022 - Design

Katharina J. Cichosch denkt in der taz über das Protestpotenzial von Mode nach. Den Anlass liefern ihr russische Raumfahrer, die Mitte März in ukrainischen Farben die Raumstation ISS betraten, was diese aber als schlicht pragmatische Lösung abtaten. In Russland sehe man dennoch vermehrt Menschen, die Blau und Gelb in ihr Outfit integrieren - und wenn es nur kleine Akzente sind. "Mode ist Zeichensprache, deren potenzielle Zielgruppe vorab nie ganz genau bestimmt werden kann. Je verfahrener die politische Ausgangslage, desto diffiziler muss das Close Reading ausfallen", entnimmt Cichosch dabei Camille Bendas aktueller Studie "Dressing the Resistance: The Visual Language of Protest Through History".
Stichwörter: Mode, Protestmode, Benda, Camille

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2022 - Design

In der NZZ erzählen Oliver Camenzind und Cian Jochem wie der Grafiker Max Miedinger und Edouard Hoffmann, Chef bei der Haas'schen Schriftgiesserei AG, in den 50ern die Helvetica-Type gestalteten und damit einen ungeahnten Siegeszug hinlegten: "Nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs soll die Welt ruhiger werden und einfacher." Miedinger "ahnt, dass der Zeitgeist nach puristischen Formen verlangt, und trifft damit ins Schwarze: Die Werbebüros großer Basler Pharmaunternehmen sind sofort begeistert, Tausende weitere werden folgen. Auf den Schildern in der New Yorker U-Bahn kommt bald die Neue Haas Grotesk - unter dem Markennamen Helvetica - zum Einsatz, Notausgänge, Toiletten, Wegweiser oder Theaterplakate werden weltweit in Helvetica beschriftet." Sie wird zur "Schrift des Fortschritts".
Stichwörter: Typografie, Helvetica, Toilette

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2022 - Design

Angelica Blechschmidt, Nachtblaues Satinkleid, Chanel, H/W 2004, MK&G, Foto: Anne Schönharting


"Dressed - 7 Frauen - 200 Jahre Mode" heißt die aktuelle Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Sie "erzählt in Baumwolle, Seide oder Leder gearbeitete Geschichte der Mode selbst, aber auch der Frauen und ihrer Schicksale", schreibt Niklas Berger in der taz. Das Spektrum reicht von höchst repräsentativer Mode bis zu "echtem Individualismus: Ines Ortner entwarf und fertigte ihre Outfits selbst; unter dem Nom de guerre 'Rapunzel' ist sie im Hamburger Punk und Theater in den 1980er-Jahren bekannt geworden. Ein Minirock, der von Weitem noch wie ein Kettenhemd anmutet, entpuppt sich aus der Nähe als zusammengesetzt aus Bierdosen-Aufrisslaschen. Ortners Kleidung widerstrebt der Ästhetik des Establishments, sucht die Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Normen - dass sie genau damit Mainstream-Trends inspiriert haben könnte, gehört zum besonderen Charakter der Mode."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2022 - Design



Mann trägt wieder Rüschen, nimmt Marion Löhndorf von der NZZ aus der von Gucci gesponserten Ausstellung "Fashioning Masculinities" im Victoria and Albert Museum als Erkenntnis mit. "Da Luxusmode auch Spaß machen soll und verkauft werden will, geht die Schau ihre Kampfansage an die Uniformen toxischer Maskulinität spielerisch-kokett an, im Verführungsmodus sozusagen. Denn um nichts Geringeres als Luxusmode durch die Jahrhunderte geht es in dieser Schau. Sie besitzt tadellosen Chic und Schliff, und ein gutgelaunter Soundtrack begleitet vier clever gegliederte Kapitel des Parcours, die sich um verschiedene Stadien des männlichen Aus- und Angezogenseins drehen."

Autos der Gegenwart sind eine einzige, gestalterische Zumutung, stöhnt Gerhard Matzig in der SZ. Um wieviel schöner war das das Autodesign der Siebziger: "Es beschreibt so zukunftsbesoffen wie ernsthaft optimistisch eine Welt der technoiden Sehnsucht. Eine Alles-wird-gut-Welt, in der keilförmige, flache, abenteuerlich orthogonal geformte und zum Niederknien berauschende Autos zu Zeitmaschinen und Utopien ihrer selbst werden. Samt Sicherheitsgurt dann von 1974 an. Und Deutschland wird auch noch Fußballweltmeister. Es ist offenbar reine Magie. Zu Raum- und Zeitkapseln mit Warp-Antrieb werden Autos, die nicht mal richtig Wumms unter dem Hubraumdeckel haben; aber guckt man sie auch nur an, ist man schon auf Speed. Die Frauen, die werbewirksam nach alter Väter Sitte auf den bettengroßen Motorhauben liegen, sind gar nicht nötig, um das Begehren zu wecken."

Besprochen wird die Schau "Blanc de Blancs" in der Villa Schöningen in Potsdam (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2022 - Design

Bei Roland Barthes war Plastik noch "magische Materie", heute ist der Werkstoff der "Bad Guy der Gegenwart", schreibt Gerhard Matzig in der SZ anlässlich der großen Ausstellung zur Geschichte des Plastiks im Vitra Design Museum bei Basel (unser erstes Resümee). Und dennoch: Wer durch diese Hallen läuft, "durchschreitet mit großem Vergnügen die überaus komplexe, rasend ernste Geschichte eines einst verehrten, später verdammten Materials, das wie kein anderer Stoff von schillernder, sehnsuchtsvoller und zugleich apokalyptischer Natur ist." Immerhin kann man hier auch Diskussionen verfolgen, "was alles zu tun ist, um aus dem Plastikelend einer verschrotteten Kunststoffwelt in die existenzielle Sphäre der Umweltverträglichkeit zu gelangen. Leicht wird das nicht. Um hier abzukürzen: Vor allem wird es nicht gehen ohne eine andere Art von Ökonomie. Das billige Plastik muss zum preisbewussten Wert-Stoff an sich werden. Statt zum Endlager-Teppich."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2022 - Design

Eero Arnios legendärer Kugelsessel. Bild: Vitra Design Museum
Plastik - Segen und Fluch. Das denkt sich NZZ-Kritikerin Sabine von Fischer beim Schlendern durch die Ausstellung über den Werkstoff im Vitra Design Museum bei Basel, die sie zum Anlass nimmt, die Plastik-Geschichte nicht nur als Wissens-, sondern auch als Kolonial- und Ökologiegeschichte zu erzählen. "Die petrochemische Welt konnte nicht nur aufmuntern, sie rettete Leben, man denke nur an die Einwegverpackungen in Spitälern. Die Ausstellungswände im Hauptraum von 'Plastik. Die Welt neu denken' allerdings sind dunkel bemalt: Wenn die Kuratoren mit dem Wissen von heute auf die Ära der Plastikbegeisterung zurückschauen, sehen sie offensichtlich schwarz. ... Das Versprechen des einfacheren und effizienteren Lebens endet noch vor der Schutzscheibe um das historische Relikt. In der Gegenwart sind Milliarden von Plastikflaschen im Umlauf, nicht nur in Supermarktregalen, sondern im Meer und im Wüstensand."
Stichwörter: Plastik, Vitra Design Museum

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2022 - Design

Das Modelabel Vetements liebt die grelle Provokation. Die aktuelle, auf der Pariser Fashion Week präsentierte Kollektion gibt sich martialisch und aggressiv, die Modells stampften auf, als Musik gab es dazu Metal, berichtet Daniel Haas in der NZZ. Zu sehen gab es "Kastensakkos, ironische Marlene-Dietrich-Hosen, Ballonseidenplusterboleros. Dazu Stiefel im Army-Stil mit Sohlen, für die mindestens ein Autoreifen dran glauben musste. Auch auf den Köpfen Military-Zitate: Schiffchen aus Satin. Als hätte Gaultier für die Luftwaffe designt. Die kriegerischen Anspielungen gab es auch bei der Inszenierung: So manches Model hatte eine Narbe oder eine Schürfwunde ins Gesicht geschminkt. ... Doch man kann der Modebranche die Bezugnahme auf den Ukraine-Konflikt nicht wirklich übelnehmen. Die Zeiten, in denen Couture in einer Parallelwelt des apolitischen Luxus existierte, sind vorbei."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2022 - Design

Amber Pinkerton: "Nadia, Girls Next Door", 2020. (Digital C-Type © Amber Pinkerton, Courtesy Alice Black Gallery, London)

Die Ausstellung "Female View" in der Lübecker Kunsthalle St. Annen stellt sich die Frage, wie Modefotografinnen auf weibliche Models blicken. Die ausgestellten Fotos sind an sich großartig, schwärmt taz-lerin Jenni Zylka. In manchen erblickt sie gar eine "rein weibliche, schwesterlich-intime Verbindung". Dennoch bleibe die Ausstellung ihrer Fragestellung nach "vage", zumal übergeordnete Strukturen - männliche Vorstandsgremien der Modeindustrie und der redaktionelle Auswahlprozess in den Magazinen - keine Rolle spielen. "Die Tatsache, dass sich die mehr als 150 abgebildeten Frauen bis auf wenige Ausnahmen (eine davon ist Alice Springs' Bild der legendären Moderedakteurin Diana Vreeland) erstaunlich ähneln, nämlich fast allesamt jung und normativ-wohlproportioniert sind, unter 50 Kilo wiegen und (größtenteils) weiße Haut haben, wäre ebenfalls unter dem Aspekt des *female view' zu analysieren gewesen: Ist Liv Liberg die einzige, die ihre Models selbst wählt, und kann man seine Zukunft in der Branche vergessen, wenn man eine Post-Wechseljahr-Frau mit fisseligen Haaren in ein Yamamoto-Kostüm stecken möchte?"

Besprochen wird außerdem Ulinka Rublacks Studie "Die Geburt der Mode". Eine Kulturgeschichte der Renaissance" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2022 - Design

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Ein Beitrag geteilt von Jean-Paul Audouy (@roodoodoo974)


Wenn das Modedesign in die heiligen Hallen der Kunstmuseen abwandert - wie jetzt in Paris zu sehen, wo sich eine Yves-Saint-Laurent-Schau über gleich sechs Häuser verteilt (unser Resümee) -, dann vollzieht das Modedesign nach, was der Kunst seit der Renaissance gelang: sich vom schnöden Handwerk abnabeln, kommentiert Catrin Lorch in der SZ. "Es ist die Aura des Genies, des einsamen Künstlers, die auf das Label abstrahlen soll. Und die gibt es nur im Kunstmuseum. Ein so außergewöhnlicher, hochbegabter Designer wie Yves Saint Laurent hat zu Lebzeiten bei aller Arroganz nie beansprucht, Künstler zu sein." So bleibe in Paris "bei aller Euphorie eben auch unübersehbar: Piet Mondrians so reduzierte, blaupausenflache Gemälde stellen sich nach einem knappen Jahrhundert im Museum ihren Nachbarn aus Impressionismus, Fauvismus, Expressionismus immer noch mit schlichter Kühle in den Weg. Sie sind ein neuer Entwurf des Sehens und Fühlens. Mondrian wusste, dass wenn diese Reduktion gelingt, die Verhältnisse neu gemischt werden. Und die so ähnlichen Linien und Farbflächen auf dem Kleid sind eben doch nur ein Muster. Gemacht für Schaufenster, Boulevards oder Restaurants."

"Ein fantastisches Vergnügen" ist diese Ausstellung aber eben doch, schreibt Tanja Rest ebenfalls in der SZ und unterstreicht: "Es schadet einem Picasso-Cape des Göttlichen nicht, wenn es neben einem echten Picasso hängt und von ihm ein klein wenig zurechtgestutzt wird. Sie sind ja auch keine Zwillinge, sondern entfernte Verwandte." Eindrücke der Ausstellung finden sich unter diesem Instagram-Hashtag.

Besprochen wird außerdem Konstantin Grcics Ausstellung "New Normals" im Berliner Haus am Waldsee (FAZ, mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2022 - Design

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Ein Beitrag geteilt von Berlinische Galerie (@berlinischegalerie)


Dem Verhältnis zwischen Mode und Kunst geht die Ausstellung "Modebilder - Kunstkleider" in der Berlinischen Galerie nach. Die Reise geht aus dem frühen 20. Jahrhundert, als Anna Muthesius mit dem "Eigenkleid" die Frau aus dem Korsett befreien sollte, bis zum Berlin der Achtziger und darüber hinaus, schreibt Jenni Zylka in der taz. "Bilder von Sibylle Bergemann undbeeindruckende vestimentäre Kostümoriginale aus dem Netzwerk 'Allerleirauh' dokumentieren dazu die Szene Ost-Berlins. Und Künstler:innen wie Wiebke Sim, deren Hüte skulpturale, bunte Objekte sind, holen die Kunst nah an den menschlichen Körper der Gegenwart. ... Käthe Kruse hatte 2013 ein 'neues Kostüm' für das 'Naturkatastrophenballett' gebastelt, das die Gruppe Die Tödliche Doris in den 80er-Jahren auf dem unbebauten, mit Pfützen übersäten Potsdamer Platz aufführte. Jetzt werden die Katastrophen anscheinend mit blauen Lackgummistiefeln losgetreten. Das sieht, man darf es ruhig sagen, eh fast noch besser aus."