Bücherbrief

Mitreißend, hinreißend, herzzerreißend

06.05.2009. Roman des Monats ist für uns Mohammed Hanifs "Eine Kiste explodierender Mangos", der bisher nur von der NZZ sehr nachdrücklich empfohlen wurde. Zu den Sachbüchern gehört Irmtrud Wojaks Biografie über Fritz Bauer. Schön auch Florian Werners "Die Kuh - Leben, Werk und Wirkung".
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Weitere Anregungen finden Sie in den älteren Bücherbriefen, unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Frühjahr 2009, Ekkehard Knörers Krimikolumne Mord und Ratschlag, den Leseproben in Vorgeblättert und in den Büchern der Saison vom Herbst 2008.


Literatur

Mohammed Hanif
Eine Kiste explodierender Mangos
Roman
A1 Verlag, München 2009, 22,80 Euro

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In Großbritannien wurde Mohammed Hanifs Roman "Eine Kiste explodierender Mangos" enthusiastisch aufgenommen und sowohl für den Man Booker Preis wie auch für den First Book Award des Guardians nominiert. Von den deutschsprachigen Medien hat ihn bisher nur die kosmopolitische NZZ besprochen, dies aber sehr nachdrücklich (sie hat auch einen eindringlichen Essay von Hanif über die Einführung der Scharia im pakistanischen Swat-Tal gedruckt). Hanif, der nach zehn Jahren in London nun als BBC-Korrespondent nach Karachi zurückgekehrt ist, rollt in dem Roman noch einmal das Netz aller möglichen Komplotte und Geheimdienst-Intrigen gegen Pakistans früheren Diktator Zia ul-Haq auf, der tatsächlich unter bis heute nicht geklärten Umständen bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam. Einfach "perfekt" findet die NZZ diesen dramaturgisch ausgefeilten, hochaktuellen "Thriller mit Witz", der sie allerdings immer wieder auch an der Gurgel packte.


Verena Roßbacher
Verlangen nach Drachen
Roman
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2009, 19,95 Euro

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In Begeisterung versetzt hat die 30-jährige Österreicherin Verena Roßbacher die Kritik mit ihrem Debütroman "Verlangen nach Drachen". In seinem Mittelpunkt steht die Aushilfskellnerin Klara, die im Neugröschl ein ganzes Kaffeehauspanoptikum an exzentrischen Männern um sich versammelt, auserwählt und wieder fallen lässt. Die taz ist hellauf entzückt, wie fulminant Roßbacher von der Unmöglichkeit des Lebens und der Liebe erzählt. Die FAZ reiht den Roman in die großer Wiener Literatur ein. Und die Zeit findet diese Szenerien einfach "mitreißend, hinreißend, herzzerreißend".


Peter Esterhazy
Keine Kunst
Erzählung
Berlin Verlag, Berlin 2009, 22 Euro

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In seinem großen europäischen Familienroman "Harmonia Caelestis" hatte Peter Esterhazy seinem Vater ein Denkmal gesetzt, in "Keine Kunst" nun erzählt er von seiner Mutter, und sie scheint von recht ausgelassener Natur zu sein: Die aristokratische Lili Esterhazy hat nicht nur ausgesprochen hübsche Beine, sondern auch eine Leidenschaft für Fußball, die fast schon plebejisch anmutet: Wenn sie den Schiedsrichter beschimpft, grenzt dies an Gotteslästerung. Kein Wunder, dass die Stürmer Puskas und Hidegkuti ganz verrückt nach ihr sind! Die NZZ ist einfach hingerissen von dieser zärtlichen Fiktion: "Das mag absurd klingen und ist es auch." Die FR frohlockt ebenfalls über die heiter-anzügliche Geschichte: "'Keine Kunst' ist Hohe Kunst." Sehr und ausdrücklich gelobt wird die kunstvolle Übersetzung von Terezia Mora.


John Updike
Die Witwen von Eastwick
Roman
Rowohlt Verlag, Reinbek, 2009, 19 Euro

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"Die Witwen von Eastwick" ist der letzte Roman des im Januar gestorbenen John Updikes, der darin die einst erfolgreich verfilmten "Hexen von Eastwick" noch einmal zusammentreffen lässt. Gealtert und verwitwet müssen sie sich nun mit Seniorensex, Pauschalreisen und anderen Vergnügen unserer "gottverlassenen Wirklichkeit" begnügen, wie sich die Rezensenten freuen. Die taz zeigt sich gerührt und unterhalten. Die Zeit ist geradezu ergriffen von der monströsen Klarheit dieses Kaltnadelradierers. Und die FAZ warnt davor, den Roman nur als Satire somit unter seinem Niveau zu lesen.


Lyrik

Steffen Popp
Kolonie Zur Sonne
Gedichte
Kookbooks Verlag, Idstein 2008, 19,90 Euro

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Auf den 1978 in Greifswald geborenen Lyriker Steffen Popp haben die Kritiker regelrechte Lobeshymnen gesungen. Für die FR ist Popp der "sprachschöpferischste Autor der jungen Gegenwartslyrik", der erfolgreich an der "poetischen Wiederverzauberung" unter nüchternen Bedingungen arbeite. Die SZ staunt geradezu ungläubig, wie Popp hohen Ton mit feiner Ironie und überraschender Pointe verbindet, und dabei auch noch Minnesang, Klassik und Moderne anklingen lässt. Und auch für die FAZ ist Popp eine der "wichtigsten und markantesten Stimmen" unter den jungen Lyrikern.


Sachbuch

Perry Anderson
Nach Atatürk
Die Türken, ihr Staat und Europa
Berenberg Verlag, Berlin 2009, 19 Euro

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In mehreren großen Essays hat sich der britische Historiker Perry Anderson in der London Review of Books mit der modernen Türkei auseinander gesetzt. Und dass diese nun in deutscher Übersetzung vorliegen, kann Gustav Seibt in der SZ dem Berenberg Verlag gar nicht hoch genug anrechnen. Denn stilistisch mögen die Essays, "trocken, scharfzüngig und witzig" sein, inhaltlich findet Seibt sie erbarmunglos und teils von atemberaubender Kraft. Auch der Freitag bewunderte die Brillanz der Essays. Wer die Essays lieber auf Englisch lesen möchte, findet sie allerdings auch noch bei der LRB (hier und hier). Und hier gibt es eine Leseprobe beim Perlentaucher.


Irmtrud Wojak
Fritz Bauer 1903-1968
Eine Biografie
C. H. Beck Verlag, München 2009, 34 Euro

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Fritz Bauer wurde 1903 in eine jüdische Familie geboren. Er war Mitglied der SPD, 1933 für einige Monate im KZ Heuberg inhaftiert, emigrierte 1936 nach Dänemark und später weiter nach Schweden. Bekannt wurde er nach dem Krieg vor allem, weil er als Generalstaatsanwalt von Hessen den Frankfurter Auschwitzprozess (1963-65) vorbereitete. "Sein Ziel war es vielleicht weniger die Täter zu bestrafen als die Öffentlichkeit zum Hinsehen zu bringen. Eichmann, Bormann und Mengele sowie die Täter des riesigen Komplexes 'Auschwitz' waren aus der deutschen Gesellschaft gekommen, und diese Gesellschaft sollte es wissen und innerlich verarbeiten", schreibt der Historiker Michael Stolleis in seinem Vorwort zum Buch. Die Kritiker in den Zeitungen zeigten sich ausnahmslos erfreut, dass Irmtrud Wojak mit ihrer Biografie Fritz Bauer, der nach seinem Tod 1968 fast vergessen war, endlich ins verdiente Licht rückt. Die NZZ lobt die umfassenden Recherchen der Autorin, ihre Würdigung von Bauers juristischem und publizistischem Lebenswerk und ihre Darstellung des historischen Kontexts. Der taz wurde auf "deprimierende Weise" deutlich, "wie wenig man im Nachkriegsdeutschland geneigt war, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen". Die FR unterstreicht vor allem Bauers Rolle bei den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt 1963 sowie die von ihm angestrengten weiteren Verfahren gegen Nazi-Verbrecher, die Wojak "minutiös" aufführe. Und für die SZ spiegeln sich in Bauers Leben die Verwerfungen der deutschen Geschichte.


David Rieff
Tod einer Untröstlichen
Die letzten Tage von Susan Sontag
Carl Hanser Verlag, München 2009, 17,90 Euro.

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Bücher über das Sterben naher Verwandter lösen oft zwiespältige Gefühle aus: Entweder man wirft ihnen einen zu kalten Blick vor oder man kritisiert, dass das Mitgefühl den Blick gerade verstellt. Rieffs Buch hat gleich beide Reaktionen provoziert. In der Zeit vermisst Susanne Mayer bei David Rieff, dem Sohn Susan Sontags, ausgerechnet jenen Respekt vor dem Kranken, den Sonntag selbst in ihren berühmten Schriften über das Thema eingefordert hat. Ursula März meint dagegen in der SZ, dass der allzu mitfühlende Sohn dem eigentlich sehr scharf analytischen Essayisten Rieff im Weg steht. Oliver Pfohlmann gibt in der FR allerdings zu bedenken, dass Rieff selbst die Ängste und Widersprüche bei dieser Art der Hommage selbst mit reflektiert und lobt das Buch für seinen Mut. Im Internetmagazin Salon.com hat Rieff in einem schönen Interview mit Steve Paulson die Gefühle bennant, die vielleicht jeder empfindet, der einen geliebten Menschen verloren hat: "Ich konnte ihr nie Adieu sagen. Ich will das Lebensende nicht romantisieren, aber ich konnte nie die Art Gespräch mit ihr führen, die ich mir gewünscht hätte."


Florian Werner
Die Kuh
Leben, Werk und Wirkung
Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2009, 19,90 Euro

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Der Musiker und Autor Florian Werner hat eine kleine Kulturgeschichte der Kuh geschrieben, die vor allem die Beziehung des Menschen zu dem großäugigen Tier untersucht. Die FR ist beeindruckt von den vielen Fakten und Beispielen, die Werner aus "Gedichten, Filmen, Gemälden, Werbeplakaten, Karikaturen" zusammengetragen habe. So hat sie zum Beispiel gelernt, dass "kuhäugig" mal als Kompliment galt. Die NZZ würdigt das Buch als Denkmal für ein wunderbares Tier, das uns seit Jahrtausenden mit Milch, Fleisch und Leder versorgt. Auch heikle Fragen, etwa danach, welche sexuellen Phantasien die Menschen mit Kuheuter und -vulva verbanden, spare Werner nicht aus. Nur die FAZ ist unzufrieden: Sie hätte sich von Werner weniger Fakten und dafür eine "Idee für die Kuh in künftiger Zeit" gewünscht.


Tobias Rapp
Lost and Sound
Berlin, Techno und der Easyjetset
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 8,50 Euro

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Tobias Rapp, einst Autor für Spex und taz, jetzt Spiegel-Redakteur, hat ein Büchlein über die Ausgehkultur in Berlin geschrieben oder genauer: die Techno-Party-Szene in Berlin, zu der inzwischen Menschen aus ganz Euro mit Easyjet anreisen. Die SZ hat sich bei der Lektüre hervorragend unterhalten und auch einiges gelernt, zum Beispiel über die Clubszene als starke Wirtschaftskraft in Berlin und wie ein Techno-Plattenlabel funktioniert. Auch die Zeit hat sich gut unterhalten, hätte sich aber etwas mehr Theorie gewünscht. Die fehlt dem Jura-Studenten Hans überhaupt nicht, er lobt in seinem Blog den politischen Bezug, den Rapp immer wieder herstelle. Etwa wenn er von den Touristen erzählt, "die nicht nur die Clubs, sondern auch diverse andere Projekte/Unternehmen am Leben halten". Oder von den Berlinern, "die feiern, aber (oder auch 'und nur') politisch werden, sobald ihr Kiez, ihre Freunde, ihre Clubs betroffen sind". Auch der Bayerische Rundfunk lobt die "gründlich recherchierten Fakten". Und Laura Ewert ist für den tip mit Rapp eine Nacht um die Häuser gezogen.