Peter Esterhazy

Keine Kunst

Erzählung
Cover: Keine Kunst
Berlin Verlag, Berlin 2009
ISBN 9783827008152
Gebunden, 252 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Terezia Mora. 1985 hatte Esterhazy in den "Hilfsverben des Herzens" vom Sterben seiner Mutter erzählt. Jetzt erweckt er sie wieder zum Leben. Fast jeden Tag sieht er sie, während er diese Erzählung schreibt, sie essen zu Mittag, reden. Und er erfährt neue Geschichten - über die fünfziger Jahre, über die Fußball-"Wundermannschaft" von Bern, ihre Freundschaft mit den Fußballgöttern Hidekuti und Puskas, der ihr den Hof machte und dem es 1951 gelang, die Familie vor der Deportation zu bewahren. "Fußball ist ihr ganzes Leben, die Welt setzte sich im Kopf meiner Mutter aus den Vierecken des Fußballplatzes zusammen." Auf diesem Spielfeld lässt der Ich-Erzähler die uns bekannten Figuren aus seiner Familiengeschichte, Vater, Mutter, die Geschwister, auflaufen, aber in neuer Formation. Und wenn die Mutter ihm am Schluss den Text ihrer Todesanzeige diktiert hat, verlässt die Sprache das Spielfeld.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.07.2009

Klar, man muss es mögen, sagt ein etwas essouflierter Andreas Isenschmid am Ende seiner euphorischen Kritk. Aber wenn man's mag, das Tiefe und Leichte, Vertrackte und schamlos Genaue an Esterhazys Literatur, oder es wenigstens versucht, dann wird man von diesem Stück Literatur über die Mutter des Autors überreich belohnt. Einen Erzählfaden gibt es kaum. Isenschmid zitiert Imre Kertesz, der gesagt hat, dass bei Esterhazy die Sprache die Rolle der Handlung übernimmt. Und es gibt laut Isenschmid einen Reichtum an Denk-, Lebens- und Erzählfiguren, die einen assoziationsreichen Blick auf alle möglichen Phänomene zulässt: die Angst im Sozialismus, die körperliche Schönheit der Mutter und ihren Verfall, Fußball.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.06.2009

Staunend und begeistert blickt Helmut Böttiger auf diesen Roman von Peter Esterhazy, in dem er eine Kreuzung aus Mutter- und Fußballbuch und noch viel mehr entdeckt hat. Nachdem der Autor 1985 das Sterben seiner Mutter beschrieben hat, schildert er sie im vorliegenden Buch als fußballbesessene Frau, die in ihrer Liebesbeziehung zum Fußballnationalspieler Puskas "Erotik und Fußball miteinander verschmelzen" lässt und dennoch über eine "krude Männerfantasie weit hinausgeht", wie der Rezensent klar stellt. Die ungarische Geschichte seit den 30er Jahren, die tragische Figur seines Vaters, das schwer fassbare Altern seiner Mutter oder die sozialistische Gesellschaft Ungarns, dazu unzählige literarische Anspielungen, alles findet in diesem Roman Platz, schwärmt Böttiger. Dabei solle man sich vom Plauderton, der "alles Ernste in etwas Leichtes" verwandelt, und vom Titel nicht täuschen lassen, denn um nichts weniger als die Kunst gehe es hier, so der Rezensent überzeugt. Sehr überzeugend findet Böttiger auch die Übersetzung von Terezia Mora, die die listenreiche Sprache des Autors in adäquates Deutsch gebracht hat.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2009

Eine Kunst schon, aber - anders als auf dem Cover behauptet - kein Roman. So Rezensent Hans-Ulrich Gumbrecht über dies jüngste Buch des ungarischen Autors Peter Esterhazy. Kein Roman, weil: einen roten Faden, eine Erzählung, die zusammenhält, was der Autor hier ausstreut, gibt es nicht. Um dieses und jenes geht es, den Vater, eine Krankenschwester, Impressionen aus den kommunistischen Jahren. Gumbrecht allerdings konzentriert sich sehr schnell auf ein einziges Thema und Motiv: das Fußball-Weltmeisterschafts-Endspiel des Jahrs 1954, in dem Ungarn "unverdient" und völlig unerwartet gegen Deutschland verlor. Dies wird, scheint es, von Esterhazy meisterlich wieder heraufbeschworen. Ansonsten wird der Rhythmus gelobt, ein Fortgang des Erzählens, den Gumbrecht als "lebhaft springend und manchmal sogar elektrisierend" beschreibt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.04.2009

Peter Esterhazys Roman "Keine Kunst" hat Rezensentin Ilma Rakusa vollauf begeistert. Sie liest das Werk als ein Mutterbuch, als eine Hommage des Autors an seine Mutter, die im Roman als eine fussballbegeisterte alte Dame auftritt und dem Ich-Erzähler, ihrem Sohn, Geschichten über Geschichten erzählt. "Auf zutiefst anrührende und komische Weise", so die Rezensentin, "zaubert Esterhazy aus dieser Beziehung eine zärtliche Fiktion, die dem Tod hartnäckig Paroli bietet". Doch der Roman ist für sie nicht nur ein Buch über eine Mutter-Sohn-Beziehung, sondern auch eine kleine Familiensaga, in der das Ungarn der fünfziger Jahre, die Revolution, das Klima der Angst lebendig werden. Auch sprachlich bringt dieser Roman des "Wortvirtuosen" Esterhazy die Rezensentin zum Schwärmen. Sie würdigt ihn als "wunderbar vielstimmiges Sprachkunstwerk" voller Witz, Ironie und Wortspiele. Mit hohem Lob bedenkt sie in diesem Zusammenhang auch die exzellente Übersetzung von Terezia Mora. Ihr klares Urteil: "Kunstgenuss erster Güte".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.03.2009

Rezensentin Sigrid Löffler spendet Peter Esterhazy Beifall für seinen Anekdotenroman "Keine Kunst", in dem der Autor seiner vornehmen Mutter als ruppigen Fußballfan ein Denkmal setzt. Wie die sonst so elegante Frau Esterhazy einen Schiedsrichter an Gotteslästerung grenzend beschimpft oder während eines Kartenspiels zum "Mann ehrenhalber" ernannt wird, hat Löffler bei der Lektüre in heitere Verzückung versetzt. Anders als in seinem ungarischen Familienroman "Harmonia Caelestis", in dem der Autor jeden einzelnen männlichen Vorfahren als "Meinvater" bezeichnet hatte, sei seine Darstellung der "Meinemutter" Lili "auf heitere Weise anzüglich", auch wenn der Sohn Esterhazy befürchtet, seine Mutter liebe nur den Fußball in ihm. "'Keine Kunst' ist Hohe Kunst", verkündet die Rezensentin eingenommen.
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