Außer Atem: Das Berlinale Blog

Träumende Schnurrbärte: Guy Maddins 'The Forbidden Room' (Forum)

Von Thomas Groh
06.02.2015.


Ein Traum in einem Traum, ein Buch in einem Buch, ein Film hinter (und aus) 1000 Filmen, pulsierendes Material, Farben über Farben, Kratzer, Schrift, Erinnerungen in Erinnerungen, eine assoziative Reise bis in tiefste Schichten, bis in vulkanische Suberdkrusten-Höhlen, hinein - was bei Guy Maddin auch immer heißt: in die Emulsionen des Filmmaterials, auch wenn der einstige Materialschinder dieses seit geraumer Zeit nurmehr digital simuliert. Ein Film, der zuckt und bebt und glüht, der in immer noch verborgenere Räume führt, von der Badewanne zum U-Boot, dort in immer neue Räume hinter Schleusen, in immer neue Erinnerungen, Käfige, Geschichten, Filmgeschichten und -ästhetiken. Man kennt Guy Maddins Methode der fiebrig-assoziativen Wucherungen mittlerweile ja. Doch in "The Forbidden Room" potenziert er nun endgültig die digitalen Instrumente, die ihm seit einigen Jahren zur Verfügung stehen, reizt sie völlig und lustvoll aus. Toll und aufregend anzusehen ist das schon im gespenstischen Vorspann, der sämtliche ästhetischen Insignien des Hollywood-B- und -Precode-Films abruft und dazu schaurig-schöne verrauscht-wabernde Musik abspielt, die so klingt als höre man sie durch die Bauchwand direkt aus dem Darm der Filmgeschichte hervorglucksen. Sehr hauntologisch, dieses Palimpsest.

In der Retrospektive kann man gerade das Glühen der Technicolor-Meisterwerke neu lieben lernen. In "The Forbidden Room" hat sich Guy Maddin ganz und gar in das frühe, fahl rot-grüne Twostrip-Technicolor-Verfahren verliebt - oder wenigstens in dessen ästhetischen Effekt. Und überhaupt in die ganze Poesie und Mystik des frühen Hollywood-Tonfilms. In dessen melodramatische Posen, dessen schwülstige Exotik, dessen glühende Erotik, Neurosen, Blicke und Gesten.

Toll, wie Maddin diese längst vergangenen, obsoleten Film- und Abenteuerwelten mit seinen eigenen Neurosen auflädt und durchspielt. Wie es im Schatten des tropischen rot-blau leuchtenden Pappmaché-Vulkans zu bizarren Ritualen kommt, wie in der Höhle der Wolfsmenschen Schwänze auf die Waage gelegt werden und Udo Kier sich in einer völlig umwerfenden Nachtbar-Musical-Nummer von einem Mad Scientist bis tief ins Gehirn fisten lässt, um sich sein zwanghaftes Verhältnis zu Frauenärschen weglobotomisieren zu lassen. Wie Schnurrbärte zu träumen beginnen und ganz eigene Geschichten entwerfen. Wie sich alles obsessiv verschachtelt und Guy Maddin sich an den Überlieferungen der Filmgeschichte nur insoweit entlang hangelt, wie die Defekte des alten Materials und dessen Zurichtungen einen ganz eigenen Traumbild-Reiz entwickeln (den man natürlich erst im Zeitalter des digitalen Kristallbilds als solchen wirklich voll und ganz zu schätzen beginnt) und die emotionalen Tropen des obsoleten Kinos unsere Vorstellungen von Gefühlen im psychischen Apparat kolonisieren. Eine Geschichte? Man erspare sich das Suchen nach einer Geschichte (und mir den zum Scheitern verurteilten Versuch, eine solche nachzuerzählen), lieber stürze man sich kopfüber in diesen Ozean einer verrauschten Knister-Knaster-Neurosenwelt.

Gut, dass dieser Bilderbogen ganz zu Beginn des Festivals steht. Mit noch vielen Energiereserven kann man diese Flut gut genießen. Zugleich stellt sie eine Aussicht auf den Zustand dar, in dem man sich spätestens nach Halbzeit des Festivals befindet: Wenn die Bilder und Eindrücke verschwimmen, wenn man sich man cine-fiebrig von einem Reiz zum nächsten hangelt, unfähig zu sagen, wo der eine Film anfängt und der andere aufhört. Ein Film in einem Film, ein Traum in einem Traum, ein Buch in einem Buch.

Guy Maddin, Evan Johnson: "The Forbidden Room". Mit Roy Dupuis, Clara Furey, Louis Negin, Céline Bonnier, Karine Vanasse, Caroline Dhavernas, Paul Ahmarani, Mathieu Amalric, Udo Kier, Maria de Medeiros, Charlotte Rampling, Geraldine Chaplin. Kanada 2015, 130 Minuten. (Vorführtermine)