Außer Atem: Das Berlinale Blog

Grandios stoisch: David Zellners 'Kid-Thing'

Von Elena Meilicke
11.02.2012.

Ein ländlicher Vorort von Austin in Texas: hier lebt Annie, 10 Jahre alt, blond, sommersprossig, ein bisschen moppelig. Sie trägt ein immer gleiches weißes T-Shirt mit Airbrush-Motiv und isst ausschließlich regenbogenfarbene Industrienahrung. Als die Schule wegen eines Gaslecks geschlossen bleibt, erdenkt sich Annie ihre ganz eigenen 'extracurricular activities': sie stromert herum, beklaut Tante-Emma-Läden und behinderte Mädchen und lässt ganz allgemein ihrer Zerstörungswut freien Lauf. Pulen und hauen und stechen und kratzen und reißen und schlagen und schleudern - das sind einige ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Kurz: Annie ist ein richtiger Satansbraten. Eines Tages stolpert Annie im Zuge ihrer Eskapaden über ein Loch im Waldboden, aus dem eine Frauenstimme um Hilfe ruft. Ob aber dieses Loch im Wald real oder imaginiert ist oder ob da unten vielleicht gar der Teufel persönlich residiert, das lässt "Kid-Thing" auf angenehme Weise offen und hält die Schwebe zwischen Realismus und Märchen.


Ein ländlicher Vorort von Austin in Texas: hier lebt Annie, 10 Jahre alt, blond, sommersprossig, ein bisschen moppelig. Sie trägt ein immer gleiches weißes T-Shirt mit Airbrush-Motiv und isst ausschließlich regenbogenfarbene Industrienahrung. Als die Schule wegen eines Gaslecks geschlossen bleibt, erdenkt sich Annie ihre ganz eigenen 'extracurricular activities': sie stromert herum, beklaut Tante-Emma-Läden und behinderte Mädchen und lässt ganz allgemein ihrer Zerstörungswut freien Lauf. Pulen und hauen und stechen und kratzen und reißen und schlagen und schleudern - das sind einige ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Kurz: Annie ist ein richtiger Satansbraten. Eines Tages stolpert Annie im Zuge ihrer Eskapaden über ein Loch im Waldboden, aus dem eine Frauenstimme um Hilfe ruft. Ob aber dieses Loch im Wald real oder imaginiert ist oder ob da unten vielleicht gar der Teufel persönlich residiert, das lässt "Kid-Thing" auf angenehme Weise offen und hält die Schwebe zwischen Realismus und Märchen.

"Kid-Thing" ist das Gemeinschaftswerk zweier Brüder, der vierte Langfilm, den David und Nathan Zellner aus Austin, Texas, gemeinsam produziert haben. Beide sind Ende Dreißig und drehen seit den späten 90ern Filme und Musikvideos. Für "Kid-Thing" hat David Zellner das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, während Nathan Zellner produziert und darüber hinaus die Rolle von Annies Vater Marvin übernommen hat. Auf den ersten Blick erinnert "Kid-Thing" stark an eine ganze Reihe von US-Indie-Produktionen, die in den letzten Jahren entstanden sind und zum Teil ebenfalls im Forum der Berlinale präsentiert wurden, wie etwa David Gordon Greens "George Washington" (2000), Jeff Nichols' "Shotgun Stories" (2007) oder zuletzt Matt Porterfields "Putty Hill" (2010). Alle diese Filme drehen sich um kindliche oder jugendliche Protagonisten von sozial schwacher Herkunft und spielen in marginalisierten Landstrichen abseits der großen Metropolen. Tendenziell neigen diese Filme - und das gilt auch für "Kid-Thing" - zu Dialogarmut und einem gewissen Lyrizismus im Bildlichen, es gibt weite Himmel, viel Orange und Rosa und starkes Gegenlicht, das verstrahlte Lichtreflexe auf die Linse zaubert. Es ist, als ob sich hier unter der Hand ein eigenes Genre innerhalb des amerikanischen Independent Films entwickelt hat, ein Genre, das im Gegensatz zum urbanen "Mumblecore"-Kino eines Andrew Bujalski etwa - hier geht es meist um hippe und hyper-artikulierte Mittzwanziger, die ihre Beziehungen und Befindlichkeiten zu Tode analysieren - noch keinen Namen hat.

Es hört sich jetzt vielleicht ein bisschen so an, als ob "Kid-Thing" eine Art Malen nach Zahlen sei, ein Film nach Rezept: man nehme 1 Kind, 1 desolate Müllhalde, 1 tollen Himmel und 1 Runde Paintball. Aber so ist es nicht gemeint. "Kid-Thing" ist durchaus ein Film, der sich von den oben genannten absetzt und sein eigenes "Ding" macht, ein "Zellner Bros. Thing" eben, wie es auf ihrer Website heißt. "Kid-Thing" ist schelmischer und gewitzter, mit sichtbarer Freude am Abseitigen und Idiosynkratischen: in einer Szene etwa bringt Marvin seiner Tochter bei, wie man ein Huhn mit pinkfarbenen Kreidestrichen hypnotisiert. Ich vermute mal MTV Jackass und den Neo-Folkpop des 'New Weird America' als gleichwertige, wenn auch heterogene Einflüsse (der ziemlich gute Soundtrack von "Kid-Thing" stammt von so einer Band, "The Octopus Project", ebenfalls aus Austin, Texas).

Was "Kid-Thing" darüber hinaus zu einem richtig tollen Film macht, ist einerseits ganz klar die Figur von Annie, grandios stoisch gespielt von der zwölfjährigen Sydney Aguirre, und andererseits die Tatsache, dass "Kid-Thing" auch als eine Art unorthodoxer Intensivkurs in Sachen Materialkunde funktioniert. Ob Porzellan oder Holz, Bananen oder Brötchenteig, Maden oder Kuhkadaver – permanent jagt Annie Dinge in die Luft, zerstückelt sie und haut kaputt, aber mit Karacho. Und die Zellner-Kamera hält mit der sprichwörtlich kindlichen Neugierde drauf: wie reagiert was, wenn es mit bloßen Händen, Baseballschlägern oder Paintballpistolen bearbeitet wird? Wie verformt es sich, welche Geräusche macht es dabei, was bleibt übrig? Annies Testreihen der Zerstörung erforschen die Textur von Dingen, sie zergliedern das Rohe und das Gekochte, das Weiche und Harte, das Mürbe und Schleimige, das Lebendige und Tote. In diesem Sinne ist "Kid-Thing" eine Apotheose purer Dinglichkeit: die Dinge sind da, die Welt ist voll von ihnen und bietet Gesellschaft, auch wenn man allein ist – und Annie ist fast immer allein, aber eben nicht einsam. Und für die Zuschauer von "Kid-Thing" ist es auf vielleicht regressive Weise einfach ziemlich befriedigend, dem Aufprallen und Zerplatzen von Annies Paintball-Kugeln zuzusehen.

Elena Meilicke

"Kid-Thing". Regie: David Zellner. Mit Sydney Aguirre, Susan Tyrrell, Nathan Zellner, David Zellner, David Wingo, Mary Cameron House u.a., USA 2012, 83 Minuten. (Vorführtermine)