Außer Atem: Das Berlinale Blog

Fantasieambitioniert: Anja Salomonowitz' 'Spanien' (Forum)

Von Nikolaus Perneczky
11.02.2012.

"Spanien", der Titel von Anja Salomonowitz’ Spielfilmdebüt ist ein Täuschungsmanöver. Filme, die die Namen ferner, glückversprechender Orte in sich tragen, dann aber in Wien und Umgebung spielen, partizipieren in der Regel an demselben (nennen wir es das "österreichische") Gefühl, so dehnbar diese Gestimmtheit im Einzelnen auch sein mag - vom Melancholischen ("Indien") übers Schicksalhafte ("Antares") bis zum Dystopischen ("Der siebte Kontinent"). "Spanien" dagegen will anders sein, ein kalkulierter Ausbruchversuch aus diesem Gefühlszusammenhang und genauer aus der sozialrealistischen Umgangssprache, die den österreichischen Film seit geraumer Zeit durchherrscht; ein Versuch, der dabei aber trotzdem auf das dramaturgische Klischee par excellence des (nicht mehr ganz) neuen österreichischen Films rekurriert: "Spanien" erzählt seinen Plot um einen in Niederösterreich gestrandeten Migranten (Claire Denis' Grégoire Colin) und eine Handvoll ähnlich deplatzierter/deklassierter Gestalten in losen Episoden, die sich nach und nach zu einem zusammenhängenden Knäuel verheddern.


"Spanien", der Titel von Anja Salomonowitz’ Spielfilmdebüt ist ein Täuschungsmanöver. Filme, die die Namen ferner, glückversprechender Orte in sich tragen, dann aber in Wien und Umgebung spielen, partizipieren in der Regel an demselben (nennen wir es das "österreichische") Gefühl, so dehnbar diese Gestimmtheit im Einzelnen auch sein mag - vom Melancholischen ("Indien") übers Schicksalhafte ("Antares") bis zum Dystopischen ("Der siebte Kontinent"). "Spanien" dagegen will anders sein, ein kalkulierter Ausbruchversuch aus diesem Gefühlszusammenhang und genauer aus der sozialrealistischen Umgangssprache, die den österreichischen Film seit geraumer Zeit durchherrscht; ein Versuch, der dabei aber trotzdem auf das dramaturgische Klischee par excellence des (nicht mehr ganz) neuen österreichischen Films rekurriert: "Spanien" erzählt seinen Plot um einen in Niederösterreich gestrandeten Migranten (Claire Denis' Grégoire Colin) und eine Handvoll ähnlich deplatzierter/deklassierter Gestalten in losen Episoden, die sich nach und nach zu einem zusammenhängenden Knäuel verheddern.

Leider will aus dem Ausbruch kein Aufbruch werden. Kein zweiter Film auf der diesjährigen Berlinale ist mit einem derartigen Aufwand auf so vielen Ebenen gescheitert (aber die Woche ist ja noch jung). Das hat vor allem damit zu tun, dass Salomonowitz und ihr Koautor Dimitré Dinev sehr viel wollen: Schwebende Kamerabewegungen, die in einer beeindruckenden Szene neben menschlichen Darstellern auch Insekten als Mitspieler in ihre trotzdem passgenaue Choreografie miteinbeziehen; aber auch anti-naturalistisches Spiel und einen artifiziellen Sprechduktus, angesiedelt irgendwo zwischen ORF-Hauptabendprogramm und dem Burgtheater; weiters sprechende oder symbolträchtige Namen, Gesten, Dekors (die Kiste voller Hirschgeweihe als Seitenhieb gegen den üblichen Ausstattungs-Miserabilismus; die gelb getünchte Versicherungsagentur, in der gelbhäutige Menschen in gelben Pullundern Formulare mit gelben Kugelschreibern ausfüllen; die fälschlich für eine "Hure" gehaltene Ikonenmalerin Magdalena, die ihrem Mann früher die Füße wusch etc.). Weil "Spanien" aber auf keiner dieser Ebenen so recht zu überzeugen weiß, ist der Film in den Momenten, da dieser ganze gestaute Stilwillen zur Synthese seiner Teile drängt, oft überhaupt nicht mehr auszuhalten.

"Was ist mein Leben schon wert?", fragt ein unglücklicher Spieler die Ikonenmalerin, als ihre zunächst gesondert verlaufenden Erzählstränge endlich zueinander gefunden haben. "Da müssen Sie schon eine Lebensversicherung fragen," kommt es zurück. In Kalauern, Non Sequiturs, flights of fancy gibt sich das Drehbuch als fantasiebegabt zu erkennen, oder zumindest doch als fantasieambitioniert. Dass hier jemand einen Ausweg aus dem Konsens der mimetischen Alltagssprache sucht, stimmt erst erwartungsvoll, rasch aber wird deutlich, dass dieses ganze Unterfangen zu mehr als wohlfeiler Schrägheit nicht hinreicht. Es ist sofort einsichtig, was für einen Film Salomonowitz nicht drehen wollte, aber dagegen zu sein ist halt doch nur die halbe Miete.

Nikolaus Perneczky

"Spanien". Regie: Anja Salomonowitz. Mit Grégoire Colin, Tatjana Alexander, Cornelius Obonya, Lukas Miko u.a., Österreich 2012, 102 Minuten. (Vorführtermine)