Außer Atem

"Man muss nur die richtigen Züge machen"

Ein Abschlussbericht zur Berlinale 2005. Von Ekkehard Knörer
19.02.2005. 2005 wird als flauer Jahrgang in die Geschichte der Berlinale eingehen. Programmatische Ahnungslosigkeit in Sachen Ästhetik, wenig Hollywoodstars und dürftige Autorenfilme. Wer konnte die Sache gerade noch mal retten? Die Chinesen! Ein Abschlussbericht. Und alle Bären auf einen Blick: Der Goldene Bär geht an "U-Carmen eKhayelitsha" von Mark Dornford-Mays.
Für mich war es die Berlinale des chinesischen Films. In den letzten Jahren waren gewiss interessante, ehrenwerte, aufschlussreiche Underground-Produktionen zu sehen - nun kommen aber künstlerisch herausragende Werke aus der sich entfaltenden Independent-Szene des zunehmend kapitalistischen Großreichs hinzu. Und nachdem die Stars der sogenannten Fünften Generation wie Zhang Yimou und Chen Kaige mit überangepassten Hollywood- und Martial-Arts-Spektakeln viel von ihrem Kredit bei der internationalen Kritik verloren haben, machen nun auch wieder Werke im Westen auf sich aufmerksam, die sich von der chinesischen Zensur einen gewissen Eigensinn nicht haben austreiben lassen.

Die größte Überraschung war ein winzig kleines, im Forum gezeigtes Werk der Pekinger Filmstudentin Liu Jiayin, die mit "Oxhide" (Kritik) ein Homemovie gedreht hat, wie es noch keines gab. Sie lässt ihre Eltern ihre Eltern darstellen, ihre Wohnung ihre Wohnung und ihre Katze ihre Katze - dank der rigiden Kadrierung der Bilder, der Starrheit der Kamera und der Distanzierung durch das geschriebene Skript entsteht aber für keine Sekunde der Eindruck unzulässiger Intimität oder fehlender Relevanz. Dieses Porträt einer Familie berührt und überzeugt zugleich durch jede der formalen Entscheidungen, die die jüngste überhaupt auf dem Festival vertretene Regisseurin hier getroffen hat. Im Publikumsgespräch saß die 23-Jährige dann kein bisschen eingeschüchtert auf der Bühne, fast wie ein unbekannter Provinzschachspieler, der gerade den Weltmeister geschlagen hat und nun nonchalant meint: "Man muss nur die richtigen Züge machen." In der Tat. Liu Jiayin erhielt für ihren Film den Caligari-Preis.

Größer gedacht, aber auch ein wenig gröber gemacht als "Oxhide" ist der auf der tibetischen Hochebene angesiedelte Antilopen-Western "Kekexili" (Kritik) des Regisseurs Lu Chuan, der seine Helden immer tiefer in Eis, Schnee und Wüsten-Ödnis treibt. Der Verzicht auf manche ihm vom amerikanischen Produzenten offenbar angesonnene Drehbuch-Konvention sorgt dafür, dass einem Tod und Verderben, Wind und Wetter und die Rettung der tibetischen Antilope näher rücken, als man sich vorher hätte träumen lassen. Beeindruckend, ebenfalls im Forum, der Dokumentarfilm "Before the Flood" (Kritik) der Regisseure Li Yi-Fan und Yan Yu, die die letzten Wochen einer sterbenden Stadt ohne jede pompöse Geste in den Blick nehmen. Mit Sorgfalt, Neugier und Respekt beobachten sie, wie die Bewohner der legendären Stadt Fengjie, die für eine Staudammprojekt geflutet werden soll, an ihrem Schicksal weniger verzweifeln als verstummen und verhärten. Der zuständigen Jury war das den renommierten Wolfgang-Staudte-Preis wert.

Weitere Höhepunkte des Forums waren, das nun allerdings weit weniger überraschend, die Werke zweier Altmeister. James Benning lehrte mit "13 Lakes" und "10 Skies" (Kritik) jene Teile des Publikums, die zu bleiben bereit waren, das Hören und Sehen, bis es ihnen vor Glück verging. Und der französische Fotograf und Regisseur Raymond Depardon drehte mit dem zweiten Teil seiner Bauern-Trilogie "Profils Paysans" (Kritik) eine Dokumentation, an der sich manch andere, aufgeregt herumfuchtelnde Produktion ein Beispiel nehmen könnte. Getragen von Respekt und Neugier, Mitgefühl, dabei stets den für die Beobachtung nötigen Abstand wahrend, bringt Depardon dem Betrachter Menschen und Leben nahe, die ihm fern sind.

Auch im denkwürdig schlechten Wettbewerb stammte einer der schönsten Filme aus der Volksrepublik, der ganz zu Recht den Großen Preis der Jury erhielt (also die Silbermedaille). Am letzten Tag, als vorletzter Film, war "Peacock" (Kritik) zu sehen, das Debüt des längst renommierten Kameramanns Gu Changwei, das zu bieten hatte, was der Mehrzahl der anderen Bewerber um den Goldenen Bären abging: Genauigkeit, Liebe fürs Detail und die Figuren, Verzicht auf falsche Versöhnlichkeiten und kunstfernen Politgestus. Überhaupt wurde in diesem Jahr deutlicher als zuvor, wie verheerend sich Dieter Kosslicks simplistisches Verständnis vom Politischen im Film für die Berlinale als cineastische Veranstaltung auswirkt. Einen so groben Fehlgriff wie die Imre-Kertesz-Verfilmung "Fateless" (Kritik), die mit ihrem verheerendem Sinn für schöne Bilder mit dem Entsetzen des Holocaust Schindluder treibt, hat es noch selten gegeben. Dass der Film erst nachträglich ins Programm gehoben wurde, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil.

Leider war dieses Desaster kein Ausrutscher, sondern verdankt sich gerade den Auswahlkriterien des Wettbewerbsgremiums. Nicht überall, wo Politik draufsteht, ist auch ein politischer Film drin. Schlimmer noch, oft genug ist unter der politischen Geste nichts anderes als ein ins falsche Medium verirrter Leitartikel verborgen. Dies etwa ist der Fall bei der von einem großen Teil der Presse auch noch für ehrenwert befundenen palästinensischen Selbstmordattentäter-Geschichte "Paradise Now" (Kritik), die mit durchschlagender Biederkeit und ohne jeden Sinn für die Form ein paar Szenen aus den letzten Stunden ihrer Helden vorführt. Vom orffisch dräuenden Musikeinsatz im Ruanda-Drama "Sometimes in April" von Raoul Peck war ich nach einer halben Stunde derart angewidert, dass ich nicht anders konnte, als fluchtartig den Saal zu verlassen.

Zur programmatischen Ahnungslosigkeit in Sachen Ästhetik kam in diesem Jahr doppeltes Pech: Zum einen hat Hollywood aus Termingründen sein Interesse an der Berlinale als Sprungbrett für die europäische Auswertung verloren - der Sponsor VW soll schon deutlichen Unmut gezeigt haben ob der vergleichsweise geringen Zahl von Stars in diesem Jahr. Zum anderen hat auch das Autorenkino - nach Maßgabe jedenfalls des im Wettbewerb Gezeigten - einen ziemlich schwarzen Frühling erwischt. Andre Techines "Les temps qui changent" (Kritik) hatte Catherine Deneuve und Gerard Depardieu zu bieten und sonst gar nichts. Wes Anderson erwies sich mit "Die Tiefseetaucher" (Kritik) als durchaus begabter Epigone seiner selbst - was für einen großen Film aber auch nicht reicht.

Etwas enttäuschend fiel Christian Petzolds "Gespenster" (Kritik) aus. Weite Teile der deutschen - keineswegs aber der internationalen - Presse glaubten zwar jene große Elegie um sich verfehlende und begegnende Leben rund um den Tiergarten und Potsdamer Platz gesehen zu haben, die der Film gerne wäre, zu der er auch alle Anlagen hat - die er zuletzt aber doch nicht ist. An "The Wayward Cloud" (Kritik), der mal sehr stillen, mal ziemlich schrägen Sex- und Melonen-Groteske des großen Tsai Ming-Liang gab es manches zu bestaunen, auch zu bewundern: Zuletzt aber wurde wenigstens ich das ungute Gefühl nicht los, dass die angestrebte Verstörung angesichts bedenkenloser pornografischer Verwertung von Körpern und Bildern selbst in den Strudel dieser Verwertung gerät. Mit den letzten Bildern begibt sich der gewiss wagemutigste Film des Wettbewerbs in eine moralische Grauzone und kommt darin um, weil er die eigene Schaulust von der Schaulust der Pornografie nicht zu trennen willens oder in der Lage ist.

Und doch: Es war, neben "Gespenster", der einzige der Filme des Wettbewerbs, die ich gesehen habe, der den Streit, die Diskussion überhaupt lohnte. Die Verleihung des Adolf-Bauer-Preises, der für den innovativsten Wettbewerbsbeitrag vergeben wird, ist die einzig mögliche Konsequenz. Mit der Verleihung des Goldenen Bären an den südafrikanischen Film "U-Carmen eKhayelitsha" landete die Jury unter der Leitung des "großen Künstlers" (Dieter Kosslick) Roland Emmerich zum Abschluss noch einen großen Überraschungs-Coup. Diese Verfilmung einer Carmen-Inszenierung in den Townships hatte nun wirklich niemand auf der Rechnung. Ich habe ihn nicht gesehen, aber die Gelegenheit dürfte sich nach dieser Auszeichnung in einem Kino in meiner und Ihrer Nähe bald ergeben.

Auf dem dritten Platz landete mit gleich zwei Silbernen Bären - für den Regisseur Marc Rothemund und für die Hauptdarstellerin Julia Jentsch - das deutsche Drama "Sophie Scholl". Der Preis für Julia Jentsch war schon lange abgemachte Sache, die Titelseiten auf dem Boulevard waren da derselben Meinung wie ein großer Teil der Feuilletons. Und ganz zu Recht, wir zitieren noch mal aus der Perlentaucher-Kritik zum Film: "Julia Jentsch ist toll. Wenn sie um ihr Leben lügt, um ihr Leben weint und es schließlich aufgibt, um Höheres zu verteidigen, dann wird sie nie theatralisch, bleibt ganz zurückhaltend, ein junges Mädchen von 21 Jahren, dessen heiliger Ernst einem das Herz zuschnürt." Also doch: ein versöhnlicher Abschluss.



Die Bären

Goldener Bär: "U-Carmen eKhayelitsha" von Mark Dornford-May

Großer Preis der Jury - Silberner Bär: "Kong Que - Der Pfau" von Gu Changwei

Silberner Bär für die beste Regie: Marc Rothemund für seinen Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage"

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Julia Jentsch für ihre Rolle in dem Film "Sophie Scholl"

Silberner Bär für den besten Darsteller: Lou Taylor Pucci für seine Rolle in dem Film "Thumbsucker" von Mike Mills

Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Tsai Ming Liang für das Drehbuch zu seinem Film "Tian Bian Yi Duo Yun - The Wayward Cloud"

Silberner Bär für die beste Filmmusik: Alexandre Desplat für die Musik zum Film "De battre mon coeur s'arrete - Der Schlag, der mein Herz verspielte" von Jacques Audiard

Der AGICOA-Preis "Der Blaue Engel" für den besten europäischen Film, geht an: "Paradise Now" von Hany Abu-Assad

Der Alfred-Bauer-Preis geht an einen Film, "der neue Perspektiven der Filmkunst" eröffnet: "Tian Bian Yi Duo Yun - The Wayward Cloud" von Tsai Ming Liang

Eine Liste aller im Perlentaucher besprochenen Berlinalefilme finden Sie hier