Außer Atem

Berlinale 8. Tag

Von Ekkehard Knörer
17.02.2005. Pornografie, metaphorische Melonen und eine Leiche - Tsai Ming-Liangs Wettbewerbsfilm "The Wayward Cloud".
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Metaphorische Melonen: Tsai Ming-Liangs "The Wayward Cloud" (Wettbewerb)

Boy meets girl und geht dabei über Leichen. Nein, das stimmt nicht: Es ist nur eine Leiche, aber das macht die Sache nicht besser. Das eigentliche Problem ist freilich, dass auch Tsai Ming-Liangs "The Wayward Cloud" über eine Leiche geht und man nicht sagen kann, weil es der Film selbst auch nicht sagt, ob er das Entsetzliche, was geschieht, denunziert oder selbst am Entsetzlichen Teil hat, und sei es nur über die Bilder, deren Anstößigkeit er nutzt, um selbst zum Höhepunkt, der das Ende ist, zu kommen.

Es gibt drei Arten von Bildern in "The Wayward Cloud" und im Grunde auch drei Filme, in die er weniger zerfällt, als er die Frage nach dem Zusammenhang dieser Filme ständig vor sich her schiebt, um zuletzt zu einer außerordentlich verstörenden Antwort zu kommen. Film eins ist die Geschichte von Boy meets Girl. Sie sehen sich wieder, auf einer Schaukel. "Verkaufst du noch Uhren?" fragt sie und es wird klar, dass es sich um das Paar aus Tsais "What Time is it there?" handelt. Gespielt wiederum von den Schauspielern Lee Kang-sheng und Chen Shing-chyi, mit denen der Regisseur immer wieder arbeitet. "Nein", sagt der junge Mann und beinahe reden sie mehr nicht miteinander im ganzen Film. Die Frau trägt als Fetisch, der komödiantisch, aber nicht mit Sinn aufgeladen wird, eine Melone unter dem Herzen. Das Wasser ist knapp, die Melonen sind es nicht. Ein Scherz, ein running gag, der seinen Verzicht auf tiefere Bedeutung ausstellt. Damit könnte man leben.

Film zwei zeigt, wie Szenen zu Porno-Filmen gedreht werden, zu Beginn mit einer Melone, die die Darstellerin als ins Große geschwollene Metapher ihrer Vagina zwischen den Beinen hält. Später geht es ohne Melone zur Sache. Der Pornodarsteller ist der junge Mann, der in Film eins zum Sympathieträger durchaus taugt. Das Verhältnis der Bilder Tsai Ming-Liangs zu diesen Porno-Bildern jedoch bleibt unklar. Oder nein: Eigentlich erlaubt er sich mehr als einen Scherz zu viel auf Kosten der armseligen Bedingungen, unter denen hier gedreht wird, um nicht selbst, mit Absicht oder nicht, in den Porno-Dreh hinein zu geraten. Film drei ist sozusagen die Ausfaltung der metaphorischen Melone der ersten Pornoszene: In Zwischenstücken hält der Film inne und bricht in Gesang und Tanz aus, zunächst als Solo des Protagonisten, später mit Melonenschirmen und schwer angeschrägten Tiller Girls, die zwischen Camp und Busby Berkely zu Cantopop der gefälligen Art choreografiert werden. Die Ambivalenz dieser Inszenierungen kann man durchaus genießen, wenngleich auch hier das Mulmige dem Vergnüglichen sehr eng benachbart bleibt.

Drei Filme also. Am ersten lässt sich die beträchtliche, immer wieder auch recht großartige Überraschungseffekte bereit haltende Inszenierungskunst Tsai Ming-Liangs genießen, am dritten der Wille zur grotesken Überschreitung der von ihm bisher gepflegten Konvention des stillen, fast dialoglosen Kunstfilms. Mit diesen beiden allein überragt "The Wayward Cloud", von "Gespenster" mal abgesehen, den bisherigen Wettbewerb an Kunstverstand um ein Beträchtliches. Der zweite Film aber ist von Beginn an problematisch. Am Ende begegnen sich die drei Filme, sie treffen sich in einer Szene, deren Abgründigkeit außer Zweifel steht. Es beginnt damit, dass die Frau, in die der Protagonist sich verliebt hat, im Fahrstuhl die offenbar tote, jedenfalls leblose Pornodarstellerin findet. Sie schleppt sie in ihre Wohnung, sie isst schmatzend eine Melone.

Von der Melone und dem Schmatzen ist es nicht weit zur Pornografie, in "The Wayward Cloud". Der Pornoregisseur kennt kein Vertun und lässt seinen Darsteller mit der Leiche weiterdrehen. Das leblose Stück Fleisch genügt allemal, die gefilmte, nicht die filmende Kamera muss nur den richtigen Ausschnitt wählen. So weit, so schrecklich. Hinter der Wand jedoch, in der sich ein vergittertes Fenster befindet, steht die junge Frau und beobachtet den jungen Mann, der die mutmaßliche Leiche vögelt. Ihre Blicke treffen sich. Sie schweigt, die Kamera beobachtet ihre Gesichter, zeigt die Wand, die zwischen beiden liegt. Dann beginnt die Frau orgasmisch zu stöhnen. Der Mann wird zusehends erregt. Er löst sich von der Leiche, stürzt auf das Fenster zu und ejakuliert in den Mund der Frau jenseits des vergitterten Fensters. Lange verweilt die Kamera auf diesem pornografischen Bild. Boy meets Girl. Schnitt. Die Kamera hat ihr Schlussbild gefunden: Von hinten ist die Frau in einer Totalen zu sehen, dahinter, ausgeschnitten durch das Fenster, der Mann, seinen Schwanz in ihrem Mund. Musik setzt ein, Cantopop, der Titelsong "The Wayward Cloud". Die drei Filme sind sich begegnet und ich habe das entsetzliche Gefühl, dass Tsai Ming-Liangs Film, der eigentliche Film, einverständig mit der Pornografie selbst für den Fall, dass er sie eigentlich denunzieren will, im Mund seiner Protagonistin kommt.

Ekkehard Knörer

"Tian bian yi duo yun - The Wayward Cloud". Regie: Tsai Ming Liang. Mit Shiang Chyi Chen, Kang Sheng Lee, Yi Ching Lu u.a., Taiwan, China, Frankreich 2004, 112 Minuten. (Wettbewerb)