Außer Atem

Fast schon ein Wunder

Kurz vorgestellt: Der Wettbewerb der Berlinale. Von Ekkehard Knörer
06.02.2008. Ein furchterregend intensiver Daniel Day Lewis, Musik drin mit Papa Scorsese, Madonna und Patti Smith, handgemachte Basteleien eines Videoclipgenies, wenig aus Deutschland, viel aus dem fernen Osten. Nach dem Absturz der letzten Berlinale hoffen wir nun ganz stark auf diese. Morgen geht's los, und wir berichten wie immer täglich.

Keith Richards in Martin Scorseses "Shine A Light", Eugene Hutz in Madonnas "Filth And Wisdom", Neil Young alias Bernard Shakey in "CSNY Deja vu"

Musik ist drin in der Berlinale 2008, so viel steht schon mal fest. Den Auftakt, und zwar des Wettbewerbs, machen die Stones, dokumentiert von Martin Scorsese ("Shine a Light"), in Nebenreihen sind in weiteren Dokumentationen Neil Young (der als Bernard Shakey eine Tour von "Crosby, Stills, Nash & Young" präsentiert) und Patti Smith "Dream of Life" mit von der Partie. Und dann ist auch Madonna dabei, die nach eher erfolgloser Zweitkarriere als Darstellerin mit "Filth and Wisdom" nun ihr Drittkarrieren-Debüt als Regisseurin wagt. Das hat noch nicht unbedingt etwas mit gutem Kino im engeren Sinne zu tun und, gewiss, es ist alles auch nicht gerade der letzte Schrei. Andererseits sind Papa Scorsese und Mama Smith ja nicht die schlechtesten Eltern.


"Patti Smith: Dream Of Life", Panorama Dokumente

Und schlecht wäre noch ungefähr das freundlichste Adjektiv, mit dem man den Wettbewerb des letzten Jahres, der von Tiefpunkt zu Tiefpunkt jagte, in der Erinnerung belegen möchte. Festivalleiter Dieter Kosslicks schamlose Orientierung an den Prinzipien Proporz, Pseudopolitik und Prominenz und das damit verbundene offenkundige Desinteresse an Qualitäts- und ästhetischen Kriterien hatten mit fast schon wieder erfreulicher Konsequenz beim letzten Mal endgültig zum künstlerischen Offenbarungseid geführt. Schlimmer geht's nun nimmer und man kann vorsichtig optimistisch konstatieren, dass der aktuelle Jahrgang auf dem Papier jedenfalls um einiges viel versprechender aussieht.


Daniel Day Lewis in P.T. Andersons "There Will Be Blood"

In Sachen Qualität über allen Zweifel erhaben ist P.T. Andersons Öl-Epos "There Will Be Blood", mit einem offenbar mal wieder furchterregend intensiven Daniel Day-Lewis. Der Oscar für ihn ist schon abgemacht, der Deutschlandstart des Films noch während der Berlinale allerdings auch. Hollywood findet ansonsten vor allem in der widersinnigen Kategorie "Wettbewerb außer Konkurrenz" statt, die man oft am besten als: "Wenn wir die Stars kriegen, buchen wir auch die zweite Liga" übersetzt. Kombipakete wie "The Other Boleyn Girl" mit Scarlett Johansson und Natalie Portman oder "Fireflies in the Garden" mit Julia Roberts, Willem Dafoe, Emily Watson und Carrie-Ann Moss sind da die Sorte Angebot, die die Berlinale nicht auschlagen kann. Auch das Musikvideo-Genie Michel Gondry ("Vergiss mein nicht") ist mit "Be Kind, Rewind" in der entsprechenden Rubrik gelandet. In seinem Fall aber darf man zwar ganz gewiss nicht auf einen stringenten Plot, dafür aber auf die entzückendsten handgemachten Filmbasteleien hoffen: Er erzählt von einem Videothekar (Jack Black), der nach versehentlicher Löschung aller Bänder die Filme in Billigstversionen einfach selber nachdreht und damit erstaunliche Erfolge erzielt.


John Malkovich in Damian Harris' "Gardens of the Night", Sally Hawkins in Mike Leighs "Happy-Go-Lucky und JimMyron Ross in Lance Hammers "Ballast"

Aus dem Independent-Sektor der USA kommen Lance Hammers beim Auftritt in Sundance sehr freundlich besprochenes Debüt "Ballast" (hier die Kritik der New York Times), ein Familienporträt, das im Mississippi-Delta spielt, sowie Damian Harris' "Gardens of the Night", der von zwei jahrelang gefangen gehaltenen und missbrauchten Kindern erzählt und mit John Malkovich punkten kann. Ebenfalls auf Englisch hat erstmals Erick Zonca gedreht, dessen "La vie revee des anges" auch nach zehn Jahren noch in bester Erinnerung ist. Zonca zeigt nun den Thriller "Julia" mit der großen Tilda Swinton als Frau auf Abwegen. Mit Vorfreude darf man auch Mike Leighs neuem Film, der Komödie "Happy-Go-Lucky" entgegenblicken, denn darauf, dass Mike Leigh ein bestimmtes Niveau nicht unterschreitet, ist Verlass. Eher sympathische alte Berlinale-Bekannte als wirklich große Meister ihres Fachs sind der Japaner Yoji Yamada und der Franzose Robert Guediguian, der nach dem etwas missratenen Mitterand-Porträt "Le promeneur du champ du Mars" (2005 in Berlin zu sehen) mit "Lady Jane" wieder an jenen Ort zurückkehrt, an dem seine Filme zuvor überzeugend verwurzelt waren, nämlich nach Marseille.


Tilda Swinton in Erick Zoncas "Julia"

Mau sieht es aus mit Filmen Made in Germany. Die aufregendsten AutorInnen des jüngeren und jüngsten deutschen Films haben gerade nichts Neues fertig, Dominik Graf hat mal wieder nur fürs Fernsehen gedreht, da bleiben dann Doris Dörrie mit ihrer Lebensabschiedsgeschichte "Hanami - Kirschblüten" und Luigi Falornis Verfilmung von Senait Meharis Lebensbericht "Feuerherz", der gerade für Schlagzeilen sorgt, weil er in seinem Wahrheitsgehalt heftig angezweifelt wird.


Kelly Lin in Johnnie Tos "The Sparrow"

Die eigentlichen Höhepunkte könnten in diesem Jahr aus dem ferneren Osten kommen. Der seit Jahren interessanteste Hongkong-Chinese Johnnie To präsentiert eines jener Herzensprojekte (wie zuletzt "PTU", vor fünf Jahren nur im Forum zu sehen), die er zwischen der oft genug auch hervorragenden kommerzielleren Ware produziert. Vier Jahre schon ist mit vielen Unterbrechungen der Thriller "Sparrow" in der Mache, man darf also einiges erwarten. Das vielleicht Erfreulichste ist aber die Aufnahme von Hong Sang-soos neuem Film "Bam Gua Nat" (Nacht und Tag) in den Wettbewerb. Der Koreaner (mehr hier) gehört zu den eigenwilligsten und aufregendsten Vertretern des aktuellen Weltkino-Betriebs. Ein männlicher Künstler, der in Liebesverwicklungen gerät: soweit das Übliche bei Hong, dessen Werk von der Variation des Vertrauten, nicht der ständigen Neuerfindung lebt. Diesmal aber hat Hong seine Heimat verlassen und das Ganze von Seoul nach Paris verlegt. Fast schon ein Wunder: Zu dieser spannenden Begegnung einander fremder Welten kommt es in Berlin, nicht in Cannes. Es sieht wirklich so aus, als stünden die Sterne für einen guten Jahrgang günstig.

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