Außer Atem

Berlinale 10. Tag

Von Thierry Chervel, Sascha Josuweit, Ekkehard Knörer
15.02.2002. Nichts als Wunsch oder Alptraum: Kim Ki-duks "Bad Guy". Eingebrockt, aber nicht ausgelöffelt: Christopher Roths Anreas-Baader-Film. Beglückende Oase der Ruhe: "The Deserted Valley" von Pham Nhue Giang. Exempel für Gewaltdarstellungen: "Go" von Isao Yukisada. Ohne viele Worte: Iwan Pawlows "Ein Rattendasein".
Freitag, 21.30 Uhr

Nichts als Wunsch oder Alptraum
: Kim Ki-duks "Bad Guy" (Wettbewerb)

Nimmt man Kim Ki-duks Film "Bad Guy" auf der schlichten Plot-Ebene, wird allein die Erzählung jede aufrechte Feministin - zu Recht - auf die Palme treiben. Han-ki, ein kleiner Gangster und Zuhälter, begegnet auf der Straße der jungen Kunst-Studentin Son-hwa. Als er sie mit Blicken bedrängt, wendet sie sich angeekelt ab. Er rächt sich durch einen langen, brutalen Kuss; als ihn die herbeigeeilte Polizei von Son-hwa losgezerrt hat, spuckt sie ihm ins Gesicht. Um Rache zu nehmen zwingt Han-ki die Studentin (mit einer hinterhältigen Intrige, die der Film nur andeutet) in die Prostitution. Das Bordellzimmer hat einen Spiegel, durch den er sie beobachtet, nach und nach wird Son-hwa gefügiger, es entwickelt sich eine, wenngleich seltsame Liebe zwischen den beiden.

Eine Liebesgeschichte mit Widerhaken hatte Kim Ki-duk bereits in seinem derzeit durch die deutschen Programmkinos reisenden "The Isle" erzählt und auch da schon die Gemüter durch die politisch wenig korrekte Darstellung einer gegenseitigen Abhängigkeit erregt. Beide Filme aber funktionieren nicht, auf jeden Fall nicht primär, innerhalb der Konventionen des Realismus. Die doppelte Demütigung des Beginns - der aufgezwungene Kuss, das Angespuckt-Werden - schürzt den Knoten für alles weitere. Liebe und Hass, Ekel und Zärtlichkeit sind im Verhältnis von Han-ki und Son-hwa ganz unentwirrbar ineinander gemischt. In einer ihrer ersten gemeinsamen Szenen im Bordell streichelt er sie, während sie schläft, sie erwacht und kotzt ihm auf die Schulter. Zumeist kommt es jedoch nicht zur direkten Begegnung der beiden: der Spiegel trennt die beiden und wird zum Symbol der Asymmetrie der Beziehung, nach und nach aber auch der Annäherung.

Han-ki, der Voyeur, eilt zur Hilfe, wenn die Kunden gewalttätig werden - und doch vergewaltigt er sie später selbst -, er küsst sie (ohne dass sie es weiß), als sie ihr Gesicht an den Spiegel presst. Er scheint zwischen Schuldbewusstsein und dem Wunsch zur Forsetzung seiner Rache zu schwanken. Was wirklich in ihm vorgeht, erfahren wir nicht: Han-ki, der eine vernarbte Schnittwunde am Hals hat, ist, mit der Ausnahme einer einzigen, mit eunuchenhafter Stimme gesprochenen Dialogzeile am Ende, sprachlos. Und diese Sprachlosigkeit ist ihm wie dem Zuschauer eine Qual, ausdrucksvolles Mittel der Ambivalenz der Figur, deren Motive und Gefühle bis zuletzt rätselhaft bleiben.

Das Milieu Han-kis, in das Son-hwa verschleppt wurde, ist von barbarischen Gewaltausbrüchen geprägt. Mehrfach werden den Charakteren zugespitzte Gegenstände in den Leib gerammt, es gibt Schlägereien und Morde. Andererseits insistiert der Film auf Momenten der Zärtlichkeit. Den Wunsch, das Phantasma der möglichen Aufhebung der Trennung wird hinübergespiegelt auf eine surreale Ebene. Bei einem gemeinsamen Ausflug an den Strand findet Son-hwa Fragmente einer Fotografie im Sand, ein Paar, nur die Köpfe fehlen. Diese Fotografie ist nichts als Wunsch oder Alptraum, Son-hwa klebt die Bilder auf den Spiegel, Kim Ki-duk montiert durch die Wahl der Kameraperspektive ihren und Han-kis Kopf hinein.

Tatsächlich werden die beiden am Ende zueinanderfinden, die Fotografie scheint Wahrheit zu werden. Der Film spielt mehrere Versionen durch, vom Verzicht über die glückliche Beziehung - bis dann zur Zweisamkeit, die die ursprüngliche Struktur perpetuiert. Die beiden fahren mit einem zum Bordell umgebauten Kleinlaster durch die Gegend, Han-ki fungiert weiterhin als Zuhälter. Man sollte freilich dieser Auflösung ebenso misstrauen wie allen eindeutigen Interpretationen der Geschichte. Kim Ki-duk ist ein Regisseur, der stets der tiefen Ambivalenz den Vorzug gibt - und diese vor allem in Bilder von rätselhafter Kraft einzutragen versteht. Es ist nicht schwer, mit den besten moralischen Gründen die Auseinandersetzung mit "Bad Guy" zu verweigern. Wer das tut, bringt sich aber um eine Verstörung, die sich lohnt. Kim Ki-duks neuer Film besitzt nicht die Geschlossenheit des Entwurfs, die "The Isle" zum Meisterwerk gemacht hat. Eine Herausforderung, die die Mehrzahl der gut gemeinten Wettbewerbsbeiträge überragt, ist er allemal.
Ekkehard Knörer
"Bad Guy", von Kim Ki-duk mit Cho Jae-Hyun, Seo Won, Kim Yoon-Tae, Korea 2001, 100 Minuten.
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Freitag, 14.30 Uhr

Eingebrockt, aber nicht ausgelöffelt: Christopher Roths "Baader"-Film (Wettbewerb)

Auf der Pressekonferenz wird offenbar, was man sich während der über zweistündigen Projektion noch kaum einzugestehen wagte: Christopher Roths "Baader" ist ein Projekt von überraschender Unbedarftheit. Warum - so hatte man sich gefragt - nun noch einmal dieser historische Bilderbogen, und warum dieses Bestehen auf einer quasi dokumentarischen Qualität der Bilder, wenn Roth und sein Drehbuchautor Moritz von Uslar die Geschichte in zwei entscheidenden Episoden verfälschen - in einem Treffen zwischen Andreas Baader und dem BKA-Chef Horst Herold, das so nie stattgefunden hat, und in der Festnahme Baaders, die uns doch aus einprägsamen Fernsehbildern noch in Erinnerung ist. Aber Roth zeigt nicht, wie Baader im Polizeigriff abgeführt wird - er lässt ihn gleich hier sterben, im Kugelhagel der Polizei, wie einen heiligen Berserker.

Anders als sonst bei Pressekonferenzen üblich zielen die Fragen der Journalisten unablässig ins Herz des Problems. Warum er den Film mit seinem Ende ruiniert habe, fragt ein Journalist. Ob er im Ernst glaube, dass man der Geschichte etwas hinzufügen müsse, um aus ihr zu lernen, setzt ein dänischer Kollege nach. Ob vielleicht eine Heroisierung damit bezweckt werde, ob man in den Film vielleicht eine Sehnsucht nach entschiedeneren Zeiten, nach Handlung hineinlesen dürfe, fragt ein Brite. Roth tut sein Bestes, um die aus allen Richtungen anfliegende Irritation zu niederzukämpfen. Man habe halt deutlich machen wollen, dass es sich hier um einen Spielfilm handelt, um eine Version der Geschichte. Nein, eine Heroisierung bestrebe man nicht, man sehne sich keineswegs nach diesen Zeiten zurück. Auch die "Faszination", die "Ambivalenz" der Figur beschwört Roth. Seine Antworten kommen mit derart marshmellowhafter Freundlichkeit, dass man bald ahnt: Da steckt wohl kein Kern drin.

Diesen Verdacht hegte man wie gesagt bereits bei der Projektion. Episode um Episode wird die Karriere der Gruppe abgespult, von der Kaufhausbrandstiftung über das palästinensische Ausbildungslager bis zur "Erschießung" Baaders. Der Film konzentriert sich in blaugrau getönten Bildern auf die Gruppe, die sich bemüht, im damaligen Jargon zu reden. Die Texte wirken dabei wie aufgesagt - und dass dieser distanzierende Ton beabsichtigt ist, merkt man spätestens, als die Akteure Brecht-Gedichte in ihre Konversation einstreuen. Es fehlt eine Motivierung der Gruppe aus historischen oder familiären Gegebenheiten, und nie hat man das Gefühl, in jene hysterische Dynamik hineinzugeraten, die am Ende zu Mord und Selbstmord führte. Man hat zwar fiktionalisieren wollen, aber um Himmels willen nicht dramatisieren - ein eigenartiger Widerspruch: Vom Plot her würde man ja in einer persönlichen Begegnung zwischen Herold und Baader eine Zuspitzung, einen Knotenpunkt von extremer Intensität erwarten: Aber die Szene bleibt ebenso seltsam unterkühlt wie Baaders falsches Finale in den Polizeikugeln.

Auch als Kammerspiel funktioniert die Sache nicht. Frank Giering gibt einen etwas inkonsistenten Baader, dem vor allem die prunkende Männlichkeit fehlt. Er trägt zwar Baaders berühmte rote Hosen, stellt aber ihre Knappheit und ihre Wölbungen nicht heraus. Nichts vom Robbie-Williams-haften Charme, den Baader auch gehabt haben muss und den er zur masochistischen Verzückung der bürgerlichen Mädchen Meinhoff und Ensslin mit einer forciert-zuhälterhaften Redeweise verband. Auf der anderen Seite, bei den Schauspielerinnen, fehlt der existenzielle und intellektuelle Krampf, der sich aus der Anbetung dieses linken Mackertums Erlösung versprach. Er mag für die Jüngeren unter uns nicht mehr nachvollziehbar sein.

Hier stochert eine Generation in der Suppe, die ihr die Vorgänger eingebrockt haben, scheint aber keinen rechten Appetit zu entwickeln. Die Faszination bleibt halbherzig, ein Statement wird vermieden. Als die Pressekonferenz schon eine Weile läuft, mischt sich Drehbuchautor Moritz von Uslar ein - er scheint zu spüren, auf welche Ratlosigkeit der Film gestoßen ist und versucht, noch einmal das Prinzip der "Fiktionalisierung" zu erklären. Baader sei inzwischen ein Mythos, sagt er, und diesen Mythos könne man nur brechen, indem man die Geschichte bewusst verfremde. Uslar kommt aus dem Umkreis des SZ-Magazins und der Popliteraten, denen man gewöhnlich ein ironisches Verhältnis zur Realität unterstellt. Nun ist von Ironie in diesem Film nichts zu spüren, ernsthaft ist er schon in seinem Bemühen, eine Erinnerung, oder eine Vorstellung davon zu bebildern. Aber Uslars Argument erinnert ein wenig an das Phänomen des "Borderline"-Journalismus, der eine Zeitlang im SZ-Magazin betrieben wurde. Damals versuchte man, reale Interviews durch erfundene Verschönerungen noch wirklicher als wirklich zu machen. In Wahrheit brachte man nur die Kraft nicht auf, sich für die Wirklichkeit zu interessieren.
Thierry Chervel
"Baader", von Christopher Roth, mit Frank Giering, Laura Tonke, Vadim Glowna, Birgit Schade, Deutschland 2001, 129 Minuten.
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In der taz ist zum Film ein Gespräch zwischen Christopher Rother und Daniel Cohn-Bendit erschienen.


Freitag, 12 Uhr

Und heute die Presse

Wie Teenager zu Russell Crowe sind die Feuilletonisten zu Theorie-Star Slavoj Zizek gepilgert, der in der Berliner Staatsbibliothek mit der Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch und den Dokumentarfilmern Andres Veiel, Harun Farocki und Christopher Roth über "Fiktion und Realität" diskutierte (FAZ, SZ, taz). FR und Tagesspiegel haben sich lieber an die Veranstaltung mit Peter Greenaway über High and Low Culture gehalten. Ansonsten berichten die Blätter von recht unterschiedlichen Filmen. Im Wettbewerb herrschte Flaute.

Sehr interessant ist die taz. Darin spricht Daniel Cohn-Bendit auf zwei Seiten mit Christopher Roth über dessen Film "Baader", der heute Abend im Wettbewerb zu sehen ist: Während Cohn-Bendit Baader für "unheimlich unsympathisch" hält, meint Roth über seinen Protagonisten: "Das Interessante an ihm ist, dass er ja in der RAF eigentlich eine gegensätzliche Entwicklung zu den anderen mitgemacht hat. Ich stelle mir immer vor, er war vorher so ein Autodieb, der mit Mädchen umgehen konnte, immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte und dem am Anfang eigentlich alles relativ egal war. Und dann entwickelt er sich zu dem Revolutionstheoretiker, der schließlich im Gefängnis war. Die anderen waren ja am Anfang die schüchternen Studenten. Und die haben sich dann immer mehr zu Verbrechern entwickelt." (mehr Berichte zur Berlinale hier)

Im Tagesspiegel schwärmt Christiane Peitz über Otar Iosselianis "Lundi Martin": "Wer diesen Film nicht leichten Herzens verlässt, der hat keins." (mehr Berlinale hier) Die SZ hat sich die beiden Panorama-Filme "Lies meine Lippen" von Jacques Audiards und Monika Treuts Dokumentarfilm "Kriegerin des Lichts" angesehen. Hans Schifferle fand beide ausgesprochen gut.

Die Frankfurter Zeitungen widmen sich Wim Wenders BAP-Film. In der FAZ warnt Michael Allmaier, Vergleiche mit "Buena Vista Social Club" lasse man besser bleiben. Ungnädig zeigt sich auch Rüdiger Suchsland in der FR: Der Film wäre erträglich gewesen, "wenn man nicht den Eindruck gewönne, hier ginge es vor allem darum, dass sich die Macher gegenseitig selbst ein gutes Gefühl geben."


Freitag, 11.06 Uhr

"The Deserted Valley" von Pham Nhue Giang (Forum)

Der Schauplatz: Die tiefste pädagogische Provinz in einem vietnamesischen Tal, grün bewaldet, aber spärlich besiedelt, fernab jeder Zivilisation. Die Schulbehörden, Institutionen jeder Art, scheint es, sind weit und haben das Lehrertrio aufgegeben, das gegen den Widerstand der Eltern, die ihre Kinder besser bei der Haus- und Feldarbeit brauchen könnten, die tägliche Unterrichtsdisziplin aufrechterhalten. Besonders eifrig beim Einfangen der nicht erschienen Schüler (die Holz zum Markt bringen oder auf ihren Bruder aufpassen müssen) ist der Schuldirektor, der den Unterricht selbst den beiden Lehrerinnen Minh und Giao überlässt. Was eine gute Idee ist, wie man später sieht: Mehr als Liebeslieder und Kampflieder gegen den Faschismus zu singen, bringt er, als er einspringen muss, nicht zustande.

Ohne die Stützstreben einer Institution ruht der Fortbestand der Schule mit nicht mehr als zwei winzigen Unterrichtsräumen ganz auf dem persönlichen Engagement der Beteiligten, ist von persönlichen Krisen sofort bedroht. Eine solche Krise stellt sich ein, als Giao sich in einen Mann aus einem der umliegenden Dörfer verliebt. Die beiden werden von der Schülerin Mi und vom Schuldirektor beim Liebesspiel im Fluss beobachtet. Das ist kein grundsätzliches moralisches Problem, jedoch: Mi ist in den Mann verliebt, der Direktor in die Lehrerin Giao. Also zettelt Mi eine Intrige an, die binnen Tagen zum Stillstand des Unterrichts führt. Weitere Komplikation: die Lehrerin Minh ihrerseits ist in den Direktor verliebt und verlässt, als er ihre Gefühle nicht erwidert, das nun ganz verlassene Tal.

Regisseurin Pham Nhue Giang erzählt ihre Liebesgeschichte im pädagogischen Milieu mit ruhiger Hand, fängt wunderschöne Bilder der unendlich grünen Vegetation und erstaunliche Töne der Waldfauna ein, die den Aufruhr der Herzen beruhigen und konterkarieren. Die Kamerabewegungen sind so flüssig, dass man auch das noch dem ständig fallenden warmen Regen zuschreiben möchte. Der Ton schwankt zwischen Komödie und Drama, im Grunde aber hat der Filme keine Tragik im Sinn. Nur konsequent ist es daher, dass die Dinge am Ende die vom Zuschauer erhoffte Wendung nehmen. "The Deserted Valley" ist kein vietnamesisches Filmwunder, aber eine seltsam beglückende Oase der Ruhe im Festivaltrubel.
Ekkehard Knörer
"The Deserted Valley", von Pham Nhue Giang, mit Nguyen Hau, Hong Anh, Tuyet Hanh u.a., Vietnam 2002, 90 Min.
Termine.


Freitag, 10.50 Uhr

Exempel für Gewaltdarstellungen: "Go" von Isao Yukisada (Panorama)


In den ersten Minuten von "Go" kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Der Film legt ein atemberaubendes Tempo vor, seine Schnitte, Blenden, Zeitraffer, Beschleunigungen, technischen Spielereien und Tricks scheinen zu gleichen Teilen vom Hongkong-Kino und von Tom Tykwers "Lola rennt" beeinflusst. Das will so gar nicht zu den Vorstellungen passen, die man sich gemacht hatte vom japanischen Kritikerlieblingsfilm des letzten Jahres, der es, so hatte man gelesen, wagt, den japanischen Rassismus gegen in Japan geborene Koreaner anzuprangern. In den ersten Minuten geht es, auf den ersten Blick jedenfalls, überhaupt nicht um Diskriminierung, sondern darum, Sugihara zum Helden aufzubauen. Er besteht eine Mutprobe, er trotzt seinen Lehrern (in der streng kommunistisch-nationalistischen nordkoreanischen Schule), er ist der witzige Ich-Erzähler des Films, er ist respektlos und es überwiegt die Komik.

Je länger der Film dauert, desto mehr beruhigt sich das Tempo, desto konventioneller wird die Erzählstruktur. Der Verdacht stellt sich ein, dass der virtuose Wirbel des Beginns auch eine Strategie ist, ein problemfilmunwilliges Publikum einzufangen und dann, am geschluckten Angelhaken, genau dahin zu führen, wo Regisseur Isao Yukisada es haben will: zu der brutalen Erfahrung rassistischer Vorurteile, die Sugahari machen muss - und zwar genau da, wo es den Zuschauer am meisten schmerzt, mitten in der romantischsten Liebesgeschichte. Vor der ersten Liebesnacht gesteht Sugihara seiner Freundin Sakurai seine Herkunft. Nur eine Kleinigkeit, meint er. Sie aber ist entsetzt - ihr Vater (der hier für ein ganzes gesellschaftliches Über-Ich zu stehen scheint), meint sie, habe ihr beigebracht, dass Koreaner und Chinesen schmutziges Blut haben. Der Gedanke, mit einem Koreaner zu schlafen, verursacht ihr Ekel.

Zu diesem Zeitpunkt scheint der Film seinen frenetischen Start vollends vergessen zu haben. Statt in Hong Kong befinden wir uns mitten in Hollywood, aus dem Comic ist ein ernsthaftes Drama geworden - wenngleich mit witzigen Einschüben. Der Umschlag der Ästhetik ist frappierend, auch Gewalt bekommt plötzlich ein anderes Gewicht. Die heftigen Prügeleien, mit denen Sugihara zum gefürchteten Kämpfer wird, tun, trotz des vielen Bluts nicht weh. Ganz anders zwei Szenen gegen Ende: Sugiharas bester Freund wird auf demselben U-Bahnsteig niedergestochen, auf dem einst Sugihara der U-Bahn entkam (das war die Mutprobe des Anfangs) und verblutet elend zu Tode. Ein schmutziger, ein brutaler Kampf ist auch der Box-Fight, mit dem Sugihara und sein Vater (ein früherer Box-Champion) ihren Konflikt um die Haltung zu Nordkorea austragen. Dadurch wird "Go", der - Hollywood, wie gesagt - schlussendlich auf Harmonie hinauswill, zum interessanten Exempel der Ästhetik von Gewaltdarstellungen.
Ekkehard Knörer
"Go" von Isao Yukisada, mit mit Yosuke Kubozuka, Kou Shibasaki, Shinobu Ootake u.a., Japan/Korea 2001, 122 Min.
Termine.


Freitag, 10.08 Uhr

Ohne viele Worte - Iwan Pawlows "Ein Rattendasein" (Forum)

Bulgarien
. Ein rauer Flecken irgendwo am Schwarzen Meer. Im Dorf haben Frauen nichts zu sagen, aber die Männer sagen auch nicht viel. Man ergaunert sich sein Auskommen, baut ein Haus, das nie fertig wird, hat hastigen vertikalen Sex und stirbt durch eine Portion Rattengift. Dann kommt man auf den Friedhof, der keinen Zugang hat, so dass die Särge durch einen Stacheldrahtverhau bugsiert werden müssen, jemand steckt ein windiges Holzkreuz auf und fertig. Das Leben als Provisorium.

Dass es immer auch noch schlimmer kommen kann, erzählt der bulgarische Regisseur Iwan Pawlow in asketischen Bildern, mit spärlichen Dialogen und wenig Psychologie, dafür mit um so mehr Sinn für das Skurrile. "Rattendasein" ist einer dieser traurig-komischen Filme vom Balkan, mit Charakteren, die man zugleich schlagen und umarmen möchte, weil sie es so auch mit ihresgleichen halten. Als einer der Männer aus dem Dorf aus dem Knast entlassen wird - gesessen hat er, weil er einen Kumpel bei der Arbeit im Steinbruch aus Versehen in Stücke gesprengt hatte -, fahren die anderen mit einer Kiste Krimsekt vor, eine nette Geste. Dem Heimkehrer aber ist auch nach fünf Jahren noch nicht nach Lachen zumute. Lieber schmeißt er mit Steinen nach der kleinen Delegation. Dass sich, wie in diesem Fall, einer wirklich schuldig fühlt, ist allerdings eher die Ausnahme in der kleinen Gemeinschaft, die uns Pawlow mit jenem Mindestmaß an Respekt für seine Figuren vorführt, den es braucht für die tragikomische Balance. Ansonsten wird gestohlen, gemordet und gehurt, was das Zeug hält. Der Gendarm kommt ohnehin immer zu spät, und am Ende bleibt ja doch irgendwie alles im Dorf. Wirklich schlimmer wird es folgerichtig auch erst in dem Moment, als ausländische Investoren drohen, das Dorf zu planieren, um eine Feriensiedlung zu bauen. Sowas verträgt kein Provisorium, nirgends.
Sascha Josuweit
"Sadbata kato plach - ein Rattendasein" von Iwan Pawlow, mit Iwailo Christow, Christo Garbow, Sofie Duez u.a., Bulgarien/Mazedonien, 75 Min.
Termine.