9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

821 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 83

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2020 - Religion

Das unten beschriebene Bild von Asam haben wir nicht gefunden, aber ein anderes: Johann Georg Wolcker, Lactatio, Deckengemälde, 1731-1734. Stams, Stiftskirche, Allerheiligenkapelle (Ausschnitt, mehr bei Labor RDK). 


Das Dreikönigsfest hat seinen Ursprung in einem seltsamen Kult um die stillende Maria, erzählt in der NZZ der Philosoph und Religionspsychologe Harald Strohm dem überraschten Leser. Hin und hergerissen zwischen Christus und Maria zog es viele Gläubige "klar zu Marias offener Bluse hin. Der berühmteste war der heilige Bernhard von Clairvaux. Eine Vielzahl erhaltener Malereien und einfacher, erschwinglicher Stiche für den Hausgebrauch zeigt ihn bei seiner 'Lactatio', 'Milchung'. Und wer gar einmal ein solch kolossales Deckengemälde wie das des Cosmas Damian Asam in der barocken Wallfahrtskirche im bayrischen Fürstenfeld bestaunt, kann schwerlich anders als vermuten: So grotesk das späte und sekundäre Gestillt-Werden des Heiligen auch wirkt, so sehr muss es den Nerv der Zeit getroffen haben. Die Sehnsucht und stille Hoffnung seiner Betrachter nämlich, in den Schreckenszeiten von Pest, Hunger, Wahn und Krieg von den Brüsten der Mutter Gottes Trost und heilige Stärkung zu erhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2019 - Religion

Serap Güler, Integrations-Staatssekretärin in NRW (CDU), will kein Kopftuchverbot für unter 14-jährige Mädchen an Schulen mehr durchsetzen, da sie ihm juristisch keine Chancen einräumt, berichtet Hella Camargo bei hpd.de. Das mag auch am Status von Religion in dem Bundesland liegen: "Während religiöse Symbole auf Kinderköpfen heiß diskutiert werden, stellt sich die Frage von Religionsfreiheit im Kopf gar nicht erst. Die NRW-Verfassung sieht im dritten Abschnitt, der Schule, Kunst und Wissenschaft, Sport, Religion und Religionsgemeinschaften gewidmet ist, in Artikel 7 (1) vor, dass die Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, vornehmstes Ziel der Erziehung sei. Kein Wunder also, wenn Kinder und Jugendliche religiöse Symbole freiwillig tragen. Werden sie doch mit voller Absicht durch Eltern und Religionsunterricht dazu gebracht, Religion ernst zu nehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2019 - Religion

In der Welt erklärt der Soziologe Armin Nassehi, was das eigentlich Subversive an Weihnachten ist: die Stille. Das wusste schon Maria, als sie auf Elisabets Gruß mit dem "Magnificat" antwortete: "Nicht umsonst hat die Theologie diesen Text gerne feministisch gelesen oder auch sozialrevolutionär. Jedenfalls verweist er darauf, wie voraussetzungsreich es ist, die Grundstruktur der Welt, die Routinen des Alltags, die Selbstverständlichkeiten der Ordnung, die Alternativlosigkeit des Gewohnten infrage zu stellen. Und so naiv mein Argument auch klingen mag, so sehr muss man sich doch darüber wundern, dass es Weihnachten bis heute gelingt, alle Systeme herunterzufahren, den Hochmut der großen Sprecher wenigstens zeitweise, wenn nicht verstummen, so doch leiser werden zu lassen, und die Mächtigen wenigstens kurz auf Normalmaß zu reduzieren."

Mona Jaeger berichtet in der FAZ (politischer Teil) über die immer noch steigende Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland. In Köln hat sie einen jungen Mann nach seinen Gründen gefragt. Ihn stört die Intransparenz bei den Kirchensteuern: "Trotz sinkender Mitgliederzahlen steigen die Einnahmen, weil der Arbeitsmarkt sich gut entwickelt und Lohn- und Einkommensteuer steigen. Die katholische Kirche nahm 2018 6,64 Milliarden Euro ein, die evangelische 5,79 Milliarden Euro. Es ist dem jungen Mann nicht gelungen, Näheres über die Verwendung des Geldes zu erfahren. Jeder Verein müsse transparent machen, was er mit seinen Einnahmen mache, die Kirche aber nicht. Das stört ihn."

Langsam aber stetig wächst in der arabischen Welt ein neuer Säkularismus heran. Grund dafür ist vor allem die Unzufriedenheit mit religiösen und sektiererischen Parteien, meint Mustafa Akyol in der New York Times. Auch im Iran und der Türkei zeigt sich dieser Trend: "In der Türkei, meinem Land, sind unter Präsident Recep Tayyip Erdogan die ehemals marginalisierten Islamisten der Türkei zur neuen Führungselite geworden. Dadurch konnten sie ihren Glauben sichtbarer und durchsetzungsfähiger machen - aber es ist auch ein Feigenblatt für ihre unersättliche Machtgier. Wie der in der Türkei geborene Soziologe Mucahit Bilici beobachtet hat, 'wird der Islamismus in der Türkei heute in der öffentlichen Meinung mit Korruption und Ungerechtigkeit assoziiert'. Und viele Türken verabscheuen ihn mehr als je zuvor. Die Desillusionierung gilt oft nur dem Islamismus als politisches Instrument, aber er kann sich gegen den Islam, die Religion, selbst wenden."

In Indonesien wächst dagegen der Trend zum Religiösen auf die hässlichste Weise und richtet sich immer mehr gegen Homosexuelle, berichten Richard C. Paddock und Muktita Suhartono in der Times. Vor allem Bewerber um Arbeitsplätze müssen inzwischen häufig Fragen beantworten, die über ihre sexuelle Orientierung Auskunft geben soll: "Im September stand das Parlament kurz vor der Verabschiedung einer Änderung des Strafgesetzbuches, die schwul-lesbische Beziehungen effektiv geächtet hätte. Ein ähnlicher Vorschlag wird für das neue Jahr erwartet. In Bekasi Regency, das an die Hauptstadt Jakarta angrenzt, erklärte die Kinderschutzbehörde diesen Monat, dass sie anhand von Polizeiakten 4.000 Menschen identifiziert habe, die an der 'Krankheit' leideten, lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender zu sein. Theorien fördernd, die im Westen widerlegt wurden, erklärte der Beauftragte der Agentur, Mohamad Rojak, gegenüber Reportern, dass 'die Mehrheit der sexuellen Desorientierungen' durch einen 'sorglosen Lebensstil' verursacht worden seien und forderte die Menschen auf seiner Liste auf, ihren Zustand durch eine 'Therapie' zu überwinden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2019 - Religion

In Hamburg gibt es seit einigen Jahren einen "Religionsunterricht für alle". Schüler aller Konfessionen werden gemeinsam unterrichtet. Aber nun stellt sich - offenbar besonders auf Druck der Katholischen Kirche - heraus, das eine "religionsgemeinschaftliche Beauftragung" vorliegen soll, das heißt, dass die Lehrer auf jeden Fall an irgendetwas glauben und einer Religionsgemeinschaft angehören müssen, berichtet Kaija Kutter in der taz Nord: "Was da nun 'sichergestellt' ist, hat für 2.000 bis 3.000 Lehrer in Hamburg und Schleswig-Holstein große Bedeutung. So hoch ist laut Nordkirche die Zahl derer, die Religion 'fachfremd' unterrichten. Und für die, (wie auch für Religionslehrer, die schon im Schuldienst sind), wurde bisher nicht überprüft, ob sie in der Kirche sind. 'Das war nicht Bestandteil der Akten', sagt der frühere Schulleiter und SPD-Politiker Gerhard Lein." Lehrern, die nicht in einer Kirche sind, werden nun "Vokationstage" angeboten, wo sie dann einfach in eine Kirche ihrer Wahl eintreten dürfen. Aber ob das der richtige Weg ist, dem Mitgliederschwund in der katholischen Kirche zu begegnen?

Auch in England (in Nordirland, Wales und Schottland ist das wieder anders) ist die Kirche - in diesem Fall die Anglikanische - überproportional einflussreich. Zwar bezeichnet sich kaum noch ein Brite als fromm. Aber die Staatskirche hat nach wie vor einen großen Einfluss auf die Politik, schreibt Otto English bei politico.eu. Die automatisch entsandten Abgeordneten im House of Lords und der riesige Grundbesitz der Kirche sind da nur Aspekte. Auch gesellschaftlich ist der Einfluss stark: "Selbst wenn Ihr Kind auf eine normale staatliche Schule geht, gibt es kein Entkommen vor Gott. Der School Standards and Frameworks Act von 1998 besteht darauf, dass 'jeder Schüler, der eine Gemeinde, eine Stiftung oder eine freiwillige Schule besucht, jeden Tag an einem Akt des kollektiven Gebets teilnehmen soll. Dieser soll 'weitgehend christlicher' Natur sein. So sind die Kinder einer der am wenigsten religiösen Nation der Erde immer noch jeden Tag einem Akt der kollektiven Gottesdienstpflicht unterworfen, unabhängig vom Glauben ihrer Eltern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2019 - Religion

"Macht Jom Kippur zum Feiertag!", um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen, fordert der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ die christlichen Kirchen auf. Um der Wirtschaft gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, schlägt er vor: "Die Repräsentanten der christlichen Kirchen im Lande sollten in ökumenischer Eintracht auf den besonderen staatlichen Schutz für einen ihrer überkommenen christlichen Feiertage verzichten. Sie könnten so demonstrieren, dass sie um der Gleichberechtigung der jüdischen Bürger willen dazu bereit sind, die von ihnen erwünschte Präsenz des Jüdischen in der deutschen Gesellschaft in deren Zeitordnung sichtbar zu machen. (...) Für den empfohlenen Verzicht bietet sich aus praktischen Gründen und mit theologischen Argumenten der Pfingstmontag an." Und: "Muslimische Akteure täten gut daran, eine entsprechende Initiative christlicher Kirchenvertreter ihrerseits zu unterstützen - auch als ein Ausdruck der entschiedenen Absage an den Antisemitismus in manchen islamistisch geprägten Sozialmilieus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2019 - Religion

Fast angewidert listet der Kirchenrechtler Norbert Lüdecke in der FR auf, wie die katholische Kirche versucht, die Entschädigungszahlungen an ihre Missbrauchsopfer zu "hintertreiben". Erst wurde mit dem Hinweis, die Entschädigungen seien aus Kirchensteuermitteln zu zahlen, eine Debatte unter den Laien lanciert, die sich empört um die Akzeptanz der Kirchensteuer sorgten. Bei der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken fügte Hamburgs Erzbischof Stefan Heße dann hinzu, die katholische Kirche müsse sich bezüglich der Entschädigungszahlungen mit anderen betroffenen gesellschaftlichen Gruppen abstimmen. Sprich: "Gerecht sei es nur, wenn die Kirche Bedürftigen nicht mehr zukommen lasse als den kleinsten Nenner, auf den man sich gesamtgesellschaftlich einigen kann. Da ist sie wieder, die Einebnung des kirchlichen Missbrauchsskandals in ein gesamtgesellschaftliches Problem: Sicher schlimm, aber die anderen sind ja genauso, wenn nicht sogar schlimmer. (...) Kollateral entlarvend zeigt dieses Gerechtigkeitsverständnis zudem, wie weit es her ist mit dem besonderen Profil des Sozialträgers katholische Kirche, das an anderer Stelle ja dazu dient, ein eigenes Arbeitsrecht zu rechtfertigen. Als Beobachter von Heßes Wortmeldung hofft man, jemand möge laut 'How dare you?' rufen, stattdessen hört man Applaus im ZdK."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2019 - Religion

Religionen sind bei aller Unschärfe des Begriffs nicht als Phänomene zu begreifen, denen es in irgendeiner Weise um "Frieden" geht, schreibt der Historiker Wolfgang Reinhard auf der Gegenwart-Seite der FAZ. Und das gilt auch für die eigentlich so friedfertigen Christen: "Weil sich alle Völker immer für besser als die anderen halten, hatte sich daraus historisch ein besonders penetrantes, weil doppeltes Überlegenheitsbewusstsein der Christen ergeben. Auf der einen Seite verachteten sie wie die antiken Griechen und Römer immer noch den Rest der Welt als Barbaren. Auf der anderen Seite verachteten sie wie die Juden und die Muslime als Bekenner monotheistischer Religionen den Rest der Welt als Ungläubige. Auf diese Weise verknüpften die Christen beides zu besonders brisanter Arroganz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2019 - Religion

Die Landesschüler*innenvertretung Rheinland-Pfalz hat neulich einen konfessionsübergreifenden Ethik- und Religionsunterricht gefordert und damit erbitterte Gegenreaktionen ausgelöst, berichtet Daniela Wakonigg bei hpd.de: "Dass sich die Kirchen gegen die Forderung der Landeschüler*innenvertretung aussprechen würden, war wenig verwunderlich, dient der konfessionelle Religionsunterricht doch vor allem der kindlichen Prägung auf eine bestimmte Religion. Sozusagen eine Förderung des kirchlichen Nachwuchses auf staatliche Kosten. Überraschend jedoch war die ebenfalls eindeutig negative Reaktion von Politik und staatlichen Organen. " Das mag mit einem Satz in der Verfassung des Bundeslands zu tun haben, der Wakonigg doch erstaunt: "'Die öffentlichen Grund-, Haupt- und Sonderschulen sind christliche Gemeinschaftsschulen', heißt es bisher in Artikel 29 der rheinland-pfälzischen Landesverfassung."
Stichwörter: Religionsunterricht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2019 - Religion

Fabian Goldmann unterhält sich in der taz mit dem Islamwissenschaftler Farid Hafez, der für einen der türkischen Regierung nahestehenden Thinktank (der keinen Einfluss auf ihn hat, wie er beteuert) eine Studie über "Islamophobie" Europa herausgebracht hat  (hier als pdf-Dokument). Hier werden auch Dissidenten des Islam als "islamophob" angeprangert, etwa weil sie Islamverbände kritisieren, die Regierungen nahestehen. Über Seyran Ateş sagt Hafez: "Seyran Ateş hat eine europäische Bürgerinitiative ins Leben gerufen, in der sie, ähnlich wie im McCarthyismus, eine Liste von autorisierten religiösen muslimischen Einrichtungen haben will. Davon soll abhängen, welche Einrichtungen Fördergelder bekommen. Ich halte das für eine enorm autoritäre Maßnahme, die darauf abzielt, dass bestimmte Islamausformungen akzeptiert und andere kriminalisiert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2019 - Religion

Die Empfehlung der Amazonas-Synode, ständige Diakone in Amazonien zu Priestern zu weihen und den Zölibat somit zu öffnen, könnte eine kleine Revolution in der katholischen Kirche auslösen, glaubt Raoul Löbbert auf Zeit Online: "Schließlich mangelt es nicht nur im südamerikanischen Dschungel an Geistlichen. In Deutschland etwa wurden im Jahr 2018 nur 60 Priester geweiht - im Jahr 1962 waren es fast zehnmal so viel. Zudem wird seit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahr 2010 immer wieder darüber diskutiert, ob der Pflichtzölibat als Risikofaktor für sexuellen Missbrauch zu bewerten ist. So ergab eine von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie etwa im vergangenen Jahr, dass verheiratete Diakone wesentlich seltener zu Tätern werden als Geistliche." Es hängt jetzt von Franziskus ab, schreibt auch der Theologe Jan-Heiner Tück in der NZZ: "Er hat den Bischöfen geraten, 'mutige Vorstöße' vorzulegen. Das haben sie getan."