9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

820 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 82

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2022 - Religion

Die taz lässt im großen Debattenbeitrag auf ihrer Meinungsseite den Politologen Farid Hafez über die "islamophoben" Regierungen der Länder Österreich, Dänemark und Frankreich klagen, ohne zu erwähnen, dass Hafez wegen eines "European Islamophobia Report" scharf kritisiert worden war, der von der EU in Auftrag gegeben und finanziert und von Autoren einer der türkischen Regierung nahestehenden Stiftung verfasst worden war (unser Resümee). Diese Stiftung hatte unter anderem türkische Journalisten denunziert, die für westliche Medien arbeiten. Heute beklagt Hafez, dass dem sogenannten "politischen Islam" - Organisationen, die den Muslimbrüdern oder auch der türkischen oder iranischen Regierung nahestehen - "eine subversive politische Tätigkeit unterstellt (wird). Sie würden ihre europäischen Nationalstaaten unterwandern. Anders gesagt: Politische Partizipation wird argwöhnisch betrachtet. Hinter jedem Muslim und jeder Muslimin wird die potenzielle Vertretung einer aufrührerischen politischen Gesinnung gesehen, die die politische Ordnung zu destabilisieren droht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2022 - Religion

Erstaunliche Zahlen nennt Thomas Jansen in der FAZ nach einer Pressekonferenz des  Bischofs Georg Bätzing: "359.338 Menschen haben die katholische Kirche im Jahr 2021 verlassen. So viele wie nie zuvor. Bei einer Gesamtzahl von 21,6 Millionen Katholiken sind das rund 1,7 Prozent. Im bisherigen Rekordjahr 2019 waren knapp 273.000 Menschen ausgetreten." Allein in Köln traten nach den bekannten Skandalen und ihrer wenig überzeugenden Aufarbeitung 40.000 Menschen aus. In der evangelischen Kirche, so Jansen, waren die Zahlen in diesem Jahr bescheidener.

Neben den Entscheidungen für Waffen und gegen Abtreibung legte der Supreme Court auch noch eine weniger beachtete Entscheidung vor, die die Trennung von Staat und Religion berührt. In der Sache "Kennedy v. Bremerton School District" entschied das Gericht, dass öffentliche Gebete in Schulen durchgeführt werden dürfen. Jay Michaelson erklärt in thedailybeast.com, wie problematisch das ist: "Aus verfassungsrechtlicher Sicht steht dieser Sachverhalt in einem Spannungsverhältnis zwischen zwei Klauseln des Ersten Verfassungszusatzes. Einerseits ist das Gebet des Trainers seine freie Religionsausübung. Andererseits ist er der Trainer, dies ist eine öffentliche Schule, und obwohl die Spieler theoretisch nicht daran teilnehmen müssen, weiß in der Praxis jeder, dass man Ächtung und Ausschluss riskiert, wenn man es nicht tut. Daher verstoßen die Gebete sehr wohl gegen die Establishment Clause, die es der Regierung verbietet, eine offizielle Religion einzuführen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2022 - Religion

Heike Schmoll schildert in der FAZ das komplexe Institutionengefüge um das Abraham-Geiger-Kolleg, an dem massive Vorwürfe wegen sexueller Belästigung durch den Ehemann des Leiters, Walter Homolka, laut wurden (unsere Resümees). Das Geiger-Kolleg galt zumindest außerhalb jüdischer Kreise als der Stolz des liberalen Judentums in Deutschland. Nun gibt es eine Kaskade der Weiterungen und Untersuchungen: "Weil in Potsdam bei der Rabbinerausbildung alles mit allem zusammenhängt, hat der Zentralrat der Juden angekündigt, dass die Gutachter auch in der Leo Baeck Stiftung, dem Zacharias Frankel Kolleg, dem Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, der Union progressiver Juden und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz tätig werden, also in allen Institutionen, in denen Homolka eine führende Rolle spielte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2022 - Religion

Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass eine antisemitische Schmähskulptur aus dem 13. Jahrhundert weiter an Luthers Kirche in Wittenberg prangen darf. Die Richter sehen das Werk durch eine Gedenktafel und eine Bodenplatte ausreichend kontextualisiert. Aber taz-Autor Klaus Hillenbrand hat den Text der Platte mal gelesen und fragt bestürzt: "Verstehen Sie das?" Denn der Text lautet: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in 6 Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen." Hillenbrand beantwortet seine Frage selbst: "Das Laufpublikum kann es sicher nicht. Es sieht den Judenhass an der Kirche und eine unverständliche Erklärung darunter. Deshalb stellt das Relief weiterhin eine Beleidigung für Jüdinnen und Juden dar." Das Gericht hat darum für Hillenbrand eine Chance verpasst - wenigstens eine klare Erklärung verdienten die Hunderten Schmähplastiken an deutschen Kirchen schon.

In der Welt ist Alan Posener grundsätzlich zufrieden mit dem Urteil: "Eine weise Entscheidung, die überall dort zu beachten wäre, wo Anhänger der 'Cancel Culture' beleidigende Standbilder, Straßennamen und dergleichen beseitigen wollen. Die Lutherstadt hat es nicht verdient, von diesem Schandmal befreit zu werden", meint er, fordert allerdings ebenfalls von der Kirche mehr konkrete Auseinandersetzung und "weniger Geraune".

Kontextualisierung funktioniert auch nicht immer, meint dagegen in der SZ Johann Schloemann und plädiert dafür, solche "extrem beleidigenden Bilder" einfach abzuhängen und ins Museum zu bringen. Die Kirche in Wittenberg sei "kein Museum. Sie ist auch eine lebendige Institution, die in den Stadtraum, in die Öffentlichkeit hineinwirkt, zumal in einer Stadt, die sich 'Lutherstadt' nennt. Vielleicht reichen kritische Führungen und sensible Hinweisschilder einfach nicht aus, um die Symbolkraft des schlimmen Bildes zu entkräften."

Wichtig auch Christian Geyer in der FAZ heute: "Der Übertritt eines Generalvikars zu den Altkatholiken enthüllt die Illusionen des reformkatholischen Milieus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2022 - Religion

In Münster stellten der Historiker Thomas Großbölting und Mitarbeiter eine neue Studie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Münster vor (mehr hier), die Jan Feddersen in der taz bahnbrechend nennt, weil sie den Kontext zwischen Taten und Diskursen aufdeckt: "Die Historiker*innen weiten den Blick über die üblichen Schlagworte hinaus. Sie zeigen, wie intensiv der katholische Klerus gerade in der Nach-Nazizeit Angst vor Sexualität in die Seelsorge einbaute - und die Furcht vor sexuellem 'Schmutz' dazu nutzte, Missbrauch unsagbar zu machen."


"Die Zahlen sind erschütternd", schreiben Linda Gerner und Tanja Tricarico, die die Studie in der taz genauer vorstellen: "196 beschuldigte Kleriker, 610 Betroffene, mindestens 5.700 Einzeltaten sexuellen Missbrauchs. Und das sind nur die Daten einer sogenannten Hellfeldstudie. Das Dunkelfeld schätzt die Gruppe auf bis zu zehnmal größer. Betroffen von sexualisierter Gewalt im Bistum könnten also im Zeitraum von rund 75 Jahren 5.000 bis 6.000 Mädchen und Jungen sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2022 - Religion

Der letzte Katholikentag in Stuttgart vor ein paar Tagen war ein totaler Flop, schreiben Hannah Wettig und Walter Otte bei hpd.de: "Zogen frühere Katholikentage noch fast 100.000 Menschen an, machten sich in diesem Jahr nur rund 25.000 Menschen auf den Weg." Für diese schüttere Menge wurden 1.500 Foren organisiert. Aus Eigenmitteln zahlte die Kirche nur einen Teil der Kosten der Veranstaltung. Vier Millionen der zehn Millionen Euro Gesamtkosten wurden von staatlichen Stellen beigetragen. "Gerade die beiden großen christlichen Kirchen werden mit zahllosen direkten und indirekten Zuwendungen staatlicher Stellen bedacht. Das reicht vom Einzug der Kirchensteuer (12 Milliarden Euro pro Jahr) über die historischen Staatsleistungen (600 Millionen Euro pro Jahr) bis zur Steuerfreiheit und vielen weiteren Vergünstigungen, die weit über die Hilfe für andere gesellschaftliche Vereinigungen hinausgehen. Insofern sollen die Kirchen ihre Mitgliederveranstaltungen selbst bezahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2022 - Religion

An der Wittenberger Kirche - einem symbolischen Bau des Luthertums - prangt ein jüngst renoviertes mittelalterliches Fresko, das in drastischer Darstellung eine "Judensau" zeigt. Man könnte das Relief von der Kirchenwand abnehmen, es im Innern der Kirche präsentieren und dort mit Texttafeln in den historischen Kontext stellen, schreibt der Theologe und Aktivist Ulrich Hentschel in der taz. Aber die Stadt weigert sich: "Für die demokratische Gesellschaft stellt sich darum die Frage, ob sie bereit ist, das sture Festhalten der Wittenberger Gemeinde an ihrem Schmährelief einfach zu akzeptieren. Warum sollte der Wittenberger Kirche die strafbewehrte verbale Beschimpfung 'Du Judensau' erlaubt sein, nur weil sie in Stein geschlagen ist und unter Denkmalschutz steht? Es darf auch für die Kirche kein Sonderrecht auf antijüdische Darstellungen geben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2022 - Religion

Vor zehn Jahren entschied das Kölner Landgericht, dass die Beschneidung eines Jungen Körperverletzung sei. Das Urteil löste eine kurze, aber erbitterte Debatte aus (hier die Perlentaucher-Übersicht der Debatte), die Bundesregierung und Bundestag eilends durch ein Gesetz beendete, mit dem dieser Eingriff den Eltern ausdrücklich gestattet wird. Der Richter und Kolumnist Thomas Fischer hält das Kölner Urteil im Gespräch mit Daniela Wakonigg von hpd.de bis heute für richtig: "Wer sich beschneiden lassen will, aus welchen Gründen auch immer, darf das selbstverständlich tun. Es geht darum, ob Eltern/Sorgeberechtigten das 'Recht' einzuräumen ist, ihre eigenen (!) Moral- oder Religionsvorstellungen mit Gewalt durch nicht revidierbare körperliche Eingriffe an ihren Kindern zu 'verwirklichen'." Zum Jahrestag des Urteils sind einige Veranstaltungen geplant, mehr hier.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2022 - Religion

Männerbünde wie die katholische Kirche sind Heimstätten der Homosexualität - und pflegen in aller Regel zugleich homophobe Rhetoriken, schreibt Jochen Hörisch in einem kleinen Essay für den Perlentaucher. und macht einen Vorschlag zur Reform. "Die Diagnose gilt: wenn die Katholische Kirche sich nicht zum Abschied vom Zölibat durchringt und damit einen auch in psychosexueller Hinsicht neuen Priestertypus zulässt (zusammen und gleichberechtigt mit homosexuellen oder zölibatär leben wollenden Geistlichen), wird sie ihre Missbrauchs-Pathologien nicht überwinden können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2022 - Religion

Im Interview mit der Welt erklärt der Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler Pater Nikodemus Schnabel den Unterschied zwischen orthodoxer Ost- und Westkirche und warum der Papst immer noch mit dem Oberhaupt der russischen orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, redet, obwohl der dem russischen Angriffskrieg seinen Segen gegeben hat: "Der Papst ist sehr interessiert am Dialog. Er versucht deswegen auch, nicht Ross und Reiter zu nennen. Er ist zwar schon sehr klar in seinen Worten, er verurteilt den Krieg, aber er vermeidet es, Putin zu nennen. ... Ich denke, dass Kyrills Verhalten momentan einen ernsthaften Dialog verunmöglicht. Gleichzeitig möchte der Papst den ökumenischen Gesprächsfaden mit dieser sehr bedeutenden Schwesterkirche der katholischen Kirche nicht völlig abreißen lassen. Die Gläubigenzahl der russischen orthodoxen Kirche übertrifft die Zahl etwa aller Lutheranerinnen und Lutheraner weltweit deutlich. Hier geht es um einen der wichtigsten Player im innerchristlichen Dialog überhaupt, auch wenn dieser Dialog gerade mehr als schwierig ist."