Währenddessen in der Ukraine:Trump der Zweite also. Alle "Experten" hatten ein "Kopf-an-Kopf-Rennen" vorausgesagt. Stattdessen gewann Trump
auf breiter Linie, sowohl bei der Wählerzahl (er gewann diesmal sogar, anders als bei seiner ersten Wahl, die
popular vote) als auch im Repräsentantenhaus und im Senat.
Ein erstes Editorial der
New York Times kostet vor allem den bitteren Geschmack der Niederlage aus: "Umfragen vor der Wahl zeigten ein Land, das in historischem Ausmaß
entlang der Geschlechtergrenzen gespalten war.
Männer, darunter viele jüngere männliche Wähler, trugen zu Trumps Popularität bei, während die Frauen den Kern von Harris' Bündnis bildeten. Es war auch die erste Wahl, bei der ein Kandidat
ein Straftäter war. Doch die Einzelheiten von Trumps Verbrechen wurden von Harris nur selten angesprochen, die stattdessen versuchte, sich auf
Brot-und-Butter-Themen zu konzentrieren."
Es könnte auch sein, dass Trump mit seinen Wahlsieg so komplett neben der
Regenbogenromantik der eher städtischen und linken Eliten lag, dass sie ihn gar nicht kommen sehen konnten,
stellen einige
New-York-Times-Autoren fest. Trump hat bei Wählern gewonnen, derer sich die Demokraten
sicher waren: "Landesweit haben sich die Bezirke mit
hispanischer Bevölkerungsmehrheit im Durchschnitt um 10 Prozentpunkte in Richtung Trump verschoben. Dazu gehörte auch Yuma County in Arizona, ein stark von Latinos bewohnter Bezirk an der südlichen Grenze zu Mexiko, in dem Trump auf dem besten Weg ist, mit fast 30 Prozentpunkten Vorsprung zu gewinnen. Trumps Zugewinne bei den
schwarzen Wählern waren weniger signifikant, aber immer noch bemerkenswert in kleineren Gemeinden in Georgia. Die Bezirke Hancock, Talbot und Jefferson, allesamt mehrheitlich schwarze Bezirke mit nicht mehr als 15.000 Einwohnern, wendeten sich Trump zu. Die Trump-Kampagne feierte einen Sieg in Baldwin County, Georgia, wo 42 Prozent der Bevölkerung schwarz sind."
Im Interview mit der
Zeit ist die Historikerin
Jill Lepore - schon bevor der Wahlausgang bekannt ist - "völlig überrascht von der Macht des
Geschlechterfaktors. Bis 1980 haben Frauen eher konservativ die Republikaner gewählt. Der Unterschied im Wahlverhalten der Geschlechter war insgesamt gering. Doch inzwischen ist der Gap so groß wie nie. ... Es ist schließlich nicht zu übersehen, dass Trump die meisten Stimmen von Schwarzen und Latinos bekommt, die je ein Kandidat in der Geschichte der Republikaner erreicht hat. Von Männern, wohlgemerkt."
Die Amerikaner wussten diesmal genau, was sie bekommen, wenn sie Trump wählen. Sie haben es trotzdem getan und darin zeigt sich ein Realitätsverlust, der Stefan Kornelius in der
SZ schockiert: "Trump ist der
Kandidat der Neinsager. Er repräsentiert das Dagegen: gegen die Kräfte der
Moderne, gegen die Zumutung der
Ökonomie, gegen die kriegerische Welt und ihre Eindringlinge an der amerikanischen Grenze. Donald Trump hat niemals einen konstruktiven Beitrag zu den Problemen des Landes und der Welt geleistet. Er symbolisiert die Beharrung und den Rückzug, er verspricht eine
Reise in die Vergangenheit. Die Addition der Ablehnung ergibt seinen Sieg. Diese Präsidentschaftswahl hat in schockierender Klarheit die Gravitationskräfte des Zeitgeistes sichtbar gemacht."
In der
FAZ wünschte sich Jürgen Kaube, die Lehren aus der amerikanischen Präsidentschaftswahl würden auch hier gezogen werden: Wenn das Gefühl vorherrsche, richtig oder nicht, "das Gute komme nicht bei den Leuten an", nützen auch keine Belehrungen, die in einer Demokratie folgenlos bleiben: "Man mag noch so lange darauf hinweisen, Trumps Wähler seien vor allem
weiße Männer ohne Collegeabschluss, es mindert diese 'Erklärung' seinen Erfolg um keine einzige Stimme. Im Gegenteil könnte es sein, dass in der Bereitschaft, den merkwürdigen Trump zu wählen, auch die Renitenz derjenigen steckt, die es ärgert, ständig
vors Vernunftgericht gezogen zu werden, um sich dort Urteile über ihre Lebensführung anhören zu müssen. Nicht alle diese Urteile sind falsch, aber in der Demokratie gibt es einen ganz einfachen Mechanismus, um auf die ständige Mahnung zu antworten, so jemanden könne man doch nicht ernsthaft wählen: Man
wählt ihn trotzdem."
In der
Welt frohlockt Springer-Chef Mathias Döpfner: "Unübersehbar ist, dass
linke Woke-Ideologie krachend abgewählt wurde und der neue Präsident in historisch seltener Weise - mit Mehrheiten im Senat und im Repräsentantenhaus - durchregieren kann." Eine europäische Souveränität sei allerdings eine "Chimäre", eher sollte sich Europa dem Präsidenten Trump anbiedern. "Dabei sollten wir nicht zuerst fragen und fordern, was Amerika für uns tun kann, sondern sicherstellen, dass Europa genug tut, damit sich Amerika weiterhin
für eine Partnerschaft mit uns interessiert. Vielleicht wird diese Schicksalswahl so doch noch zu einem transatlantischen Moment."
In der
FR fürchtet sich Arno Widmann vor den vielen alten Männern, die jetzt oder immer noch die Weltpolitik steuern. "Mir ist allerdings der Gedanke an ein zwischen
Trumps USA und
Putins (72) Russland - die womöglich sich
von Mann zu Mann wieder gut verstehen werden - eingespanntes Europa sehr unangenehm. (...) Alte weiße Männer vom Typus Trump lieben Muskelspiele. Wenn der Trumpismus sich ausbreitet, wird es viele geben wie ihn. Sie werden nicht nur ihre Völker, sie werden auch einander bedrohen. Ohne Rücksicht auf Verträge und Bündnisse. Den anderen alten Mann habe ich noch nicht erwähnt:
Xi Jinping (71), den Staatspräsidenten Chinas. Das Schicksal der Welt liegt in den Händen von Männern - ich bin 78, ich weiß wovon ich rede -, die keine Zukunft mehr vor sich haben. Was sie brauchen, sind
Sofortbefriedigungen. Für Triebaufschübe fehlt ihnen die Zeit."
Trump könnte in seiner zweiten Amtszeit noch unberechenbarer sein, weil ihm laut der Verfassung keine zweite Amtszeit zusteht und er deshalb enthemmt agieren kann,
warnt der frühere Nationale Sicherheitsberater
John Bolton im
FR-Interview mit Michael Hesse. "Ich bin nach wie vor sehr besorgt, ich glaube wirklich, dass Trump sich
von der Nato abwenden könnte. Ich glaube, es wäre ein schrecklicher Fehler für die Vereinigten Staaten, wenn er das täte. Er könnte sich zudem auf die Frage konzentrieren, wie man mit der Situation in der Ukraine umgeht. Es wird zu
Diskussionen über Zölle kommen. Ich glaube, dass die Biden-Administration und die EU eine große Chance verpasst haben, den Mist mit den Stahl- und Aluminiumzöllen zu bereinigen, die Trump geschaffen hat. Sie haben es nicht getan, und jetzt sind sie immer noch da. Und es ist Teil dieses Paradoxons, dass Trump mehr Werte mit unseren Feinden als mit unseren Verbündeten teilt. (...) Leider gibt es
nicht viele europäische Leader, auf die er achten wird. Vielleicht auf Meloni oder Orbán. Der beeinflusst ihn in Bezug auf die Russen in der Ukraine."
Auch über die ganz konkreten Folgen der US-Wahl
für Europa wird nachgedacht. "Vor allem die
Ukraine-
Politik müsse neu justiert werden", fordert Victor Orbán im Vorfeld des EU-Gipfels, der heute in Budapest beginnt, "die EU könne die Kosten des Krieges nicht allein tragen",
berichten in der
taz Eric Bonse und Stella Lueneberg. Ebenfalls in der
taz skizziert der amerikanische Journalist Paul Hockenos, wie diese Neujustierung aussehen könnte: Trumps "Schnelllösung enthält zwar keine Einzelheiten. Wahrscheinlich ist aber, dass der Deal, der Trump vorschwebt, darin besteht, dass Russland die
besetzten Gebiete in der Ukraine, einschließlich der Krim,
behält. Vermutlich gäbe es
keine Sicherheitsgarantie für die Ukraine. Jedenfalls scheint Trump zu glauben, dass Putin zu seinem Wort steht. Eine Rumpf-Ukraine würde ihre Wunden lecken und weitermachen. Trump ist nicht der einzige westliche Politiker, der sich auf diese Weise gerne die Hände in Unschuld waschen würde ... Höchstwahrscheinlich bedeutet dies, dass Russland die Ost- und Südukraine als sein Eigentum anerkennt und de facto die
Kontrolle über den Rest des Landes sowie über Moldau übernimmt." Die meisten osteuropäischen Länder würden eher die Bündnisse von Nato und EU platzen lassen, als das zu akzeptieren, glaubt Hockenos.