9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2019 - Internet

In der NZZ möchte der Wissenschaftsphilosoph Claus Beisbart Maschinen Ethik beibringen, bevor sie Entscheidungen über unser Leben treffen. Aber damit gerät er sofort in einen neuen Zwiespalt: "Denn werden die Maschinen paradoxerweise nicht aufgewertet, wenn wir ihnen Moral beibringen? Bekommen sie nicht den Status von moralischen Akteuren? Und verdienen diese nicht sogar besonderen Respekt? Aus der Perspektive des Menschen sieht es umgekehrt so aus, als ob das wichtige Ideal der Autonomie kompromittiert würde. Denn die eigene, selbstbestimmte Entscheidung hat einen hohen moralischen Stellenwert. Das gilt auch deshalb, weil wir wissen, dass es zu wichtigen moralischen Fragen unterschiedliche Auffassungen gibt. Dann kann es aber nicht angehen, moralische Entscheidungen an Maschinen zu delegieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2019 - Internet

Nach dem Beschluss des Landgerichts Berlin, das entschied, Renate Künast müsse die Beleidigungen dulden (Unsere Resümees), stellt sich für Wolfgang Janisch in der SZ die Frage "Welche Verantwortung trägt eigentlich das Bundesverfassungsgericht für die Proliferation des Hasses?" Denn: "Das Verfassungsgericht fährt eine sehr meinungsfreiheitsfreundliche Linie, weil es einem Diskursparadigma folgt. Jedes Wort wird daraufhin gescannt, ob sich nicht tief drinnen doch ein Beitrag für unser großes demokratisches Gespräch verbergen könnte. (…) Scharfe Angriffe sind erlaubt, wenn sie ein Fünkchen Sinn enthalten. Der juristische Filter ist da sehr großporig eingestellt. Er enthält sogar noch eine Fehlertoleranz, ähnlich wie die Blitzer am Straßenrand. So wie man ein klein wenig zu schnell fahren darf, so darf man auch ein bisschen zu wüst formulieren. Weil zu rigide Sprechverbote dazu führten, dass die Leute lieber den Mund halten. 'Chilling effect', so nennen Juristen das."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2019 - Internet

"Europas einstiger Musterschüler ist digitales Entwicklungsland. Im internationalen Vergleich der Verfügbarkeit des Mobilfunk-Standards 4G liegt Deutschland von 88 Ländern auf Platz 70 - zwischen Albanien und Kolumbien." Das Verhältnis der Deutschen zur Digitalisierung ist oft von Angst, Verachtung und Unwissen geprägt. Mit dieser Haltung droht Deutschland jedoch zum Entwicklungsland zu werden, warnt in der FR Imre Grimm. "Im Prinzip geht es um alles. Es geht um die Frage, ob das Land zur verlängerten Werkbank des Silicon Valley verkommt. Zum Befehlsempfänger statt zum Mitgestalter. ... 'Digitale Bildung ist die Grundlage für die wirtschaftliche Zukunft der Bundesrepublik', mahnt der Wissenschaftler Ayad Al-Ani vom Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft an der Universität Basel. Schon jetzt wanderten deutsche Techniker und Erfinder ab. Deutschland drohe vom Land der Erfinder zum Zulieferer für amerikanische und chinesische Technologieplattformen zu werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2019 - Internet

Netzpolitik beobachtet seit Jahren kritisch angebliche Sicherheitsfirmen, die "Staatstrojaner" an Regimes wie die Türkei verkaufen, wo sie zur Überwachung der Opposition dienen. Die Firma FinFisher will jetzt eine Unterlassungserklärung von Netzpolitik. Markus Beckedahl erklärt, warum er seine Unterschrift verweigert: "Die Gegenseite hat teure Medienanwälte auf ihrer Seite, bezahlt aus den Gewinnen einer Geschäftspraxis, die wir seit Jahren kritisieren und die in der Türkei zur Spionage gegen die größte Oppositionspartei CHP führte. Und der türkische Fall ist nur die Spitze des Eisbergs: Westliche Trojaner-Anbieter sind viel zu oft digitale Steigbügelhalter von Diktatoren rund um die Welt, die für ihre mit Hochglanzbroschüren beworbenen Produkte keine Verantwortung übernehmen müssen."

In der SZ kritisiert Max Hoppenstedt Facebook, weil es weniger Daten für die Forschung herausrückt, als ursprünglich versprochen. Er gibt aber auch zu, dass das nicht nur an Facebook liegt, sondern am Datenschutz: "Mit den allgemeinen statistischen Werten könnten detaillierte Einblicke in die Profile und Aktivitäten einzelner Facebook-Nutzer möglich werden, selbst wenn Facebook nie die Namen seiner Nutzer in den Datensatz aufgenommen hatte. Informationen wie etwa die geografische Region der Nutzer, das Alter oder eine Einordnung im politischen Spektrum wären für eine soziologische Analyse der Facebook-Nutzerschaft wertvoll, doch mit einiger Rechenkraft ließe sich womöglich darüber hinaus berechnen, welcher einzelne Nutzer wann einen spezifischen Link geteilt hat. Dementsprechend äußerten Datenschützer und renommierte Experten Bedenken an der Datenweitergabe so, wie sie 2018 geplant wurde." Wie man diesen Widerspruch auflösen soll, weiß Hoppenstedt auch nicht, aber im Zweifel, hat man den Eindruck, wäre er eher für weniger Datenschutz.

In der NZZ erklärt Klaus Bartels, wie der Algorithmus in die Welt kam: "Am Anfang steht da der Name des großen arabischen Mathematikers und Astronomen Muhammad ibn Musa oder vielmehr sein Beiname al-Huwarizmi, 'der aus Huwarizm - am Aralsee - Gebürtige'. Dieser al-Huwarizmi oder, je nach Umschrift, al-Chwarazmi oder al-Khwarizmi hatte im frühen 9. Jahrhundert in Bagdad in einer kleinen Lehrschrift das Rechnen mit den indischen Zahlzeichen von der Null bis zur Neun erklärt. Drei Jahrhunderte später, im 12. Jahrhundert, machte eine lateinische Übersetzung von Spanien aus sein Rechenbüchlein und mit ihm diese nun 'arabischen' Zahlen erstmals im Abendland bekannt. Doch da begegnet der Name des alten, fernen Gelehrten gleich zu Anfang in arger Verdrehung: 'Dixit Algoritmi: Laudes Deo . . .', 'Algoritmi hat gesagt: Lob sei Gott . . .'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2019 - Internet

Im Zeichen der totalen Transparenz, die vor allem von den allgegenwärten Smartphones und den sozialen Medien getrieben wird, wird Politik immer künstlicher, schreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beim NDR: "was ist ein Smartphone? Es ist ein im Wortsinne 'indiskretes Medium', so meine These. Es lässt die Hinterbühne zur Vorderbühne werden und einst diskrete, einst voneinander getrennte Welten verschmelzen - die Welt des Öffentlichen und die Welt des Privaten, die Sphäre des Sichtbaren und des Unsichtbaren." Politiker handelten, um nicht in schachen Momenten erwischt zu werden, nach dem Motto "bloß keinen Shitstorm riskieren und maximal unangreifbar formulieren! Weil die beständig drohende Gefahr des Kontrollverlustes die Hochrüstung im Inszenierungsgeschäft vorantreibt."

Nach dem Ausmaß der sexistischen Beleidigungen und Bedrohungen gegen Renate Künast (unsere Resümees) fordert Tanja Tricarico in der taz eine konsequentere Handhabung der bestehenden Gesetze. Noch wüssten die Betroffenen gar nicht, wie sie sich an Facebook oder Twitter wenden könnten: "Die Verpflichtung, per Gesetz überhaupt eine Beschwerdestelle einzurichten, ist aber immerhin ein Anfang. Nun muss es empfindliche Strafen geben, wenn Bearbeitungszeiten nicht eingehalten werden, Sicherheitseinstellungen nicht nutzer*innenfreundlich sind und auch keine Kampagnen gefahren werden, um auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte im Netz aufmerksam zu machen."

In der SZ hat Adrian Lobe eine neue Missetat gefunden, die man Google und Co anhängen kann: ihren ökologischen Fußabdruck. Datengewinnung erzeugt jede Menge CO2-Emissionen. Gleichzeitig gilt: ohne Daten keine Klimawissenschaft. Damit Computer ökologisch funktionieren können, müsste also jemand entscheiden, wann ihr Einsatz akzeptabel wäre und wann nicht. Lobe hat da schon einen vagen Plan: "Es bräuchte neben nachhaltigem Cloud Computing auch eine neue Ökologie der Intelligenz, eine verbrauchsarme Kognition, die nicht bei jeder Frage die digitalen Nannys namens Siri, Alexa und Cortana konsultiert und neben den Rechenzentren auch die radikalisierenden Feedbackschleifen anheizt. Auch Kopfrechnen kann einen Beitrag zum Klimaschutz leisten."

In der NZZ denkt Claudia Mäder über Öffentlichkeit und Privatsphäre nach. Der Bürger stellt sie fest, "hat mehrere Gesichter und ist beileibe nicht nur das Opfer in einem großen Schacher der Konzerne. Bei der Vorstellung, dem Auge eines grausamen Staates nur noch im Schlaf zu entkommen, dürften die meisten Menschen erschauern. Doch zugleich lassen sich heute ziemlich viele von ihnen selbst nachts überwachen und tragen Uhren am Handgelenk, die Herzschläge, Wachphasen und was sonst noch alles aufzeichnen und auswerten. Das geschieht in der Absicht, die eigene Gesundheit zu steigern, gewiss, aber auch für weniger hehre Ziele geben etliche Menschen Persönliches preis, wie im Stadthaus eine Filmsequenz zeigt: Ein Gratis-Mandelgipfel genügt als Köder, und schon reichen zahlreiche Kunden einem unbekannten Bäcker AHV-Nummern und Angaben zu Partnerschaften über die Theke."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2019 - Internet

Die USA, Britannien und Australien fordern von Facebook, ihnen eine Hintertür zur Verschlüsselung offen zuhalten. Auf ZeitOnline gibt Lisa Hegemann dem Konzern nicht gern recht, aber in diesem Falle schon. Perfide findet sie die Argumentation der Behörden, die vorgeben, die Sicherheit der Bürger erhöhen zu wollen: "Was die Regierung fordert, würde die Nutzer nicht schützen, sondern im Gegenteil gefährden. Sind Nachrichten nicht verschlüsselt, werden sie im Klartext übertragen, weshalb andere mitlesen können. Das ist vergleichbar mit einer Postkarte, die nicht nur der Empfänger, sondern auch die Zustellerin lesen kann. Ermittlungsbehörden gefällt das natürlich. Aber sie sind eben nicht die Einzigen, die eine Nachricht verfolgen und speichern können."

(Via Turi2) Tagesschau.de meldet, dass PayPal aus Facebooks Plänen für die Kryptowährung Libra aussteigt, Mastercard und Visa nehmen auch schon wieder Abstand.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2019 - Internet

Alexander Fanta stellt bei Netzpolitik die ehemalige französische Verteidigungsministerin Sylvie Goulard vor, die in Ursula von der Leyens EU-Kommission für die Digitalpolitik kandidiert. In einer Anhörung des EU-Parlaments bekannte sie sich zu den bisherigen Grundprinzipien der im Jahr 2000 beschlossenen eCommerce-Richtline: "Die eCommerce-Richtlinie stellt Plattformbetreiber von der Haftung für illegale Inhalte auf ihren Dienst frei, solange dieser keine Kenntnis davon hat. Eingreifen müssen Anbieter erst dann, wenn sie auf illegale Inhalte aufmerksam gemacht werden. Das 'Notice and Takedown' genannte Verfahren bildet das Fundament des heutigen Internet, da Plattformen damit nutzergenerierte Inhalte anbieten können, ohne unmittelbar rechtliche Probleme bei illegalen Inhalten fürchten müssen. Es machte das rasche Wachstum von Facebook und Youtube möglich." Über die teilweise recht harsche Anhörung berichten auch Maïa de La Baume and Laura Kayali in politico.eu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2019 - Internet

Der Europäische Gerichtshof hat durch ein viel beachtetes Urteil festgelegt, wie Cookie-Banner zu handhaben sind, bei der Internetnutzer der Verarbeitung ihrer Daten zustimmen müssen. Alexander Fanta erläutert das Urteil bei Netzpolitik: "Das Urteil hat Auswirkungen für Deutschland: Das Bundeswirtschaftsministerium bereitet eine Änderung des Telemediengesetzes vor. Der Gesetzgeber möchte abgestimmt auf das EuGH-Urteil festlegen, wie deutsche Seitenbetreiber mit Cookies umgehen müssen. Einen Entwurf will das Ministerium noch im Herbst vorlegen. Die Entscheidung bedeutet aber nicht das Ende des Cookie-Banners. Das Gericht stoppt zwar die Zustimmung per vorangekreuztem Häckchen, Tracking durch Cookies bleibt aber grundsätzlich erlaubt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2019 - Internet

Attacken gegen Frauen sind in sozialen Medien oft um einiges härter als Attacken gegen Männer, weil sie nicht selten aufs Sexuelle zielen, sagt die Journalismusforscherin Margreth Lünenborg im taz-Interview nach dem Urteil gegen Renate Künast, das Beleidigungen und Drohungen nicht als solche anerkannte: "Die Aggression und Frauenfeindlichkeit, die wir im Netz erleben, entsteht nicht im Netz. Hier wird nur sichtbar, was gesellschaftlich vorhanden ist. Aber dass es so massiv sichtbar wird, hat Folgen. Zahlreiche Frauen, seien es Politikerinnen oder zivilgesellschaftlich Engagierte, erleben verbale Hassattacken. Das kann, wenn Adressen kursieren, auch objektiv bedrohlich sein. Es gehört ein immenses Maß an Stabilität und Gelassenheit dazu, sich dem auszusetzen. Jede Frau muss überlegen, ob sie das aushalten kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2019 - Internet

Der Streit um Äußerungen des Free-Software-Mitbegründers Richard Stallman hält an (Stallman hatte den MIT-Kollegen Marvin Minsky verteidigt, dem wiederum vorgeworfen wird, Sex mit Mädchen aus dem Epstein-Prostitutionsring gehabt zu haben, unsere Resümees). Stallman will Vorsitzender der von ihm ins Leben gerufenen GNU-Stiftung bleiben, berichtet Sebastian Grüner bei golem.de. Aber viele wollen das nicht: "Auch die eng mit den Idealen der Free-Software-Bewegung verbundene Organisation Software Freedom Conservancy fordert Stallman auf, von 'allen Führungspositionen in unserer Bewegung' zurückzutreten, was offensichtlich auch das GNU-Projekt betrifft. Der aktuelle Präsident der SFConservancy, Bradley Kuhn, ist derzeit auch im Vorstand der Free Software foundation und war früher bei der Organisation angestellt. Auch das ehemalige FSF-Vorstandsmitglied Matthew Garrett fordert die gesamte Free-Software-Bewegung dazu auf, eine Zukunft ohne Stallman zu gestalten."