9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2022 - Internet

Daten amerikanischer Nutzer von Tiktok werden sehr wohl in China gelagert und möglicherweise auch gesichtet, trotz gegenteiliger Behauptungen des ByteDance-Konzerns, dem Tiktok gehört, berichtet Emily Baker-White bei Buzzfeed: "Trotz der eidesstattlichen Aussage eines TikTok-Managers in einer Senatsanhörung im Oktober 2021, dass ein 'weltbekanntes, in den USA ansässiges Sicherheitsteam' entscheidet, wer Zugang zu diesen Daten erhält, beschreiben neun Aussagen von acht verschiedenen Mitarbeitern Situationen, in denen sich US-Mitarbeiter an ihre Kollegen in China wenden mussten, um herauszufinden, wie die Daten der US-Nutzer fließen. Laut den Tonbändern hatten die US-Mitarbeiter weder die Erlaubnis noch das Wissen, wie sie selbst auf die Daten zugreifen konnten."
Stichwörter: Tiktok, Buzzfeed

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2022 - Internet

Seit dem Arabischen Frühling plant Russland, sich vom globalen Internet abzukoppeln, sagt Alexey Yusupov, Osteuropareferent der Friedrich-Ebert-Stiftung im Gespräch mit Friedrich Conradi (Berliner Zeitung). Der Arabische Frühling habe gezeigt, mit welcher Wucht sich eine Protestbewegung im Inneren organisieren könne. Aber: "Noch traut man sich … nicht, eine Abkopplung zu vollziehen. Aber man sieht, dass immer mehr Vorbereitungen dafür getroffen werden. So werden russische Internetprovider gezwungen, auszuweisen, wo die Kabel nach Russland hinein- und wo sie hinauslaufen. Die physische Struktur des Internets wurde ganz in russischen Besitz gebracht. Der Krieg war eine Art Trigger, die Voraussetzungen für die Abkopplung schneller zu schaffen." Und bereits jetzt "wurden sogenannte Gummiparagrafen etabliert, mithilfe derer man Dissidenten leicht zum Schweigen bringen kann. Es ist zum Beispiel verboten, 'Unwahrheiten' über das russische Militär zu verbreiten. Diesen Begriff dehnt die Rechtsprechung nach Belieben, und jeglicher Verweis auf einen New-York-Times-Artikel, einen des Spiegels oder auf Inhalte von Exiljournalisten ist schon die Unwahrheit, und man macht sich strafbar."

In der FR erzählt Lisa Berins, wie Recherchekollektive Hinweise auf Kriegsverbrechen in der Ukraine sammeln und auf Echtheit überprüfen. Von Mitarbeitern des Londoner Centre for Information Resilience (CIR), das als unabhängiges Nonprofitunternehmen arbeitet, erfährt sie: "Nachdem sie den Ort eines Geschehens gefunden haben, versuchen sie, den genauen Zeitpunkt herauszubekommen - und anhand des Schattenwurfs sogar die Uhrzeit. Sie analysieren Waffen und Einschusslöcher, rekonstruieren Flugbahnen von Geschossen, gleichen mögliche Abschussorte mit der Stationierung von Brigaden ab. Sie wollen nicht nur herausbekommen, was wo und wann passiert ist. Sie wollen auch Namen nennen können: wer die Toten sind. Und wer die Mörder."
Stichwörter: Russland, Zensur, Kriegsverbrechen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2022 - Internet

Künstliche Intelligenz ist "fürs Diskriminieren designt" worden, sagt die Wissenschaftlerin Kate Crawford im Zeit-Online-Gespräch mit Meike Laaff. Sie fordert stärkere Regulierung und die Begrenzung auf ausgewählte Anwendungsgebiete: "Es gibt soziale Institutionen, in denen die Anwendung von Machine-Learning-Systemen eine hochriskante Praxis ist - in der Strafjustiz etwa, in der Bildung, in sozialen Systemen, die sehr komplex sind. Wir müssen diesen sehr schwachen Muskel trainieren, den wir in den vergangenen 20 Jahren nicht wirklich genutzt haben - und das ist die Politik der Ablehnung. Die Fähigkeit, Nein zu sagen: Nur weil dieses System im Klassenzimmer meines Kindes Emotionen erkennen und seine Noten vorhersagen könnte, heißt das nicht, dass das auch gemacht werden sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2022 - Internet

Mary Beard, die große Historikerin der Alten Welt, erzählt Gina Thomas in der FAZ, warum sie Twitter so gern hat: "Es ist eine großartige Informationsquelle. Auf Twitter erfahre ich, welche Entdeckungen bei römischen Ausgrabungen in Italien gemacht worden sind. Außerdem kommt man mit Menschen ins Gespräch, denen man sonst nicht begegnen würde. Zu den schönsten Dingen gehört es, wenn Menschen tweeten, sie seien noch drei Stunden in Pompeji und fragten sich, was man unternehmen sollte. Dann tweetet man ihnen einen Vorschlag und erhält im Gegenzug ein Foto."
Stichwörter: Beard, Mary, Twitter, Pompeji

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2022 - Internet

Russland setzt im Cyberkrieg gegen die Ukraine auf eine "Taktik der 1000 Nadelstiche", sagt der Cyberexperte Matthias Schulze im Interview mit ZeitOnline und erklärt, weshalb es bisher keine größeren Aktionen gab: "Erstens ist das russische Militär selbst auf die Infrastruktur angewiesen. Russische Soldaten kommunizieren zum Teil über den Mobilfunk in der Ukraine, sie brauchen auch Strom. Zweitens kann das wie ein Bumerang sein, da man schlecht antizipieren kann, welche unerwarteten Effekte so etwas eventuell auch für Russland hat. Drittens sind solche Angriffe sehr aufwendig. Man braucht Personal, Zeit und sehr, sehr viele sensible Informationen über die Konfiguration der Netze sowie Baupläne des elektrischen Equipments in Transformatorstationen und Umspannwerken."
Stichwörter: Schulz, Matthias, Cyberkrieg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2022 - Internet

Von der breiten Öffentlichkeit mal wieder unbemerkt, baut China seine "Digitale Seidenstraße" aus, die beim Seidenstraßenprojekt des Landes sogar Priorität hat. China belässt es nicht beim Aufbau von Infrastruktur, warnt Gerd Mischler  bei golem.de: "Zugleich verbreitet die KP Chinas über die Digitale Seidenstraße ihre Vorstellung davon, wie das Internet reguliert werden sollte, und setzt Standards für dessen technischen Aufbau. Langfristig könnte diese Politik westliche Anbieter von Netzwerktechnik und Webdienste von vielen Märkten verdrängen oder sie zwingen, chinesische Regeln zu befolgen. Das Internet selbst könnte in unterschiedliche Räume zerfallen. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Volksrepublik über die von ihr gebaute und kontrollierte Internetinfrastruktur Daten stiehlt, Wirtschaftsspionage betreibt oder sich in geopolitischen Konflikten einen Vorteil verschafft." Die Liste der Länder, die laut Mischler Verträge mit China geschlossen haben, ist atemberaubend: "Ägypten, die Türkei, Österreich, Ungarn, Tschechien, Estland, Großbritannien, Neuseeland, Israel, Chile, Peru, Brasilien, Indonesien, Japan, Kenia, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2022 - Internet

Elon Musk will Donald Trump auf Twitter wieder zulassen, berichtet Mike Isaac in der New York Times: "Musk, der im vergangenen Monat eine Vereinbarung zum Kauf von Twitter für 44 Milliarden Dollar getroffen hat, sagte auf einer Konferenz der Financial Times, dass die Entscheidung des Unternehmens, Trump wegen seiner Tweets über die Unruhen im US-Kapitol zu sperren, 'ein Fehler war, weil sie einen großen Teil des Landes verprellt hat und letztlich nicht dazu geführt hat, dass Donald Trump keine Stimme hat'. Allerdings ist weder klar, ob Trump überhaupt zurückkehren will, noch ob Musk sein Wort hält, fährt Isaac fort. "Bei Twitter selbst befürchten Mitarbeiter, dass Musks Enscheidung die jahrelange Arbeit an den Unternehmensrichtlinien in Frage stellen und Investitionen von Millionen von Dollar in die Moderation von Inhalten zunichte machen würde, so vier aktuelle und ehemalige Mitarbeiter."
Stichwörter: Twitter, Musk, Elon, Trump, Donald

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2022 - Internet

Die Zeitungen haben dem von der EU geplanten Digital Services Act bisher applaudiert - von Welt und FAZ bis zur taz, die SZ sowieso. Und das, obwohl der finale Text des DSA noch gar nicht bekannt ist. Inzwischen wird aber auch Kritik laut, berichtet Christian Meier in der Welt. Zeitungsverleger befürchten, dass die digitalen Plattformen vom DSA ermächtigt werden, ihre eigenen Kommunikationsstandards aufstellen und dann legal auch presserechtlich zulässige Beiträge entfernen dürfen. "Die EU legitimiere so die private Zensur durch Plattformen, die als Verbreiter journalistischer Inhalte mittlerweile unverzichtbar geworden seien. Dies wäre ein deutlicher Unterschied zur analogen Welt. In Deutschland vertreibt das Presse-Grosso gedruckte Zeitungen und Zeitschriften an Kioske und andere Verkaufsstellen. Das Grosso ist sozusagen das analoge Äquivalent zu den digitalen Plattformen. Eine inhaltliche Prüfung gibt es aber nicht (Bundesverband Presse-Grosso: "Eine Vorauswahl oder gar Zensur findet nicht statt"). Insofern, wird gefolgert, breche die geplante EU-Gesetzgebung mit dem Prinzip, dass der Staat sich selbst eben nicht auf eine Seite stellt und stattdessen einer Seite, in dem Fall den Plattformen, eine Ermächtigung zur inhaltlichen Kontrolle erteilt."

Auch Christoph G. Schmutz findet den DSA in der NZZ ziemlich problematisch: "Die Wettbewerbsbehörden in Europa klagen seit vielen Jahren, dass die Gerichte zu wenig schnell arbeiten. Die Mühlen mahlen so langsam, dass man bei gewissen Urteilen zu Technologien wie ADSL oder Netscape Navigator gar nicht mehr genau weiß, worum es ursprünglich eigentlich ging. ... Doch anstatt sich stärker mit der Anpassung der Justiz an das digitale Zeitalter zu beschäftigen, delegiert die EU nun mit der DSA gar einen Teil dieser Arbeit an (amerikanische) Unternehmen. Das Gesetz zwingt diese nämlich, zu beurteilen, ob gemeldete Inhalte illegal sind oder nicht. Das mag bei gewissen besonders greulichen Dingen einfach sein. Doch viele Fälle liegen in einem Graubereich. Ist etwa eine Nachricht auf Twitter eine üble Nachrede, eine Verleumdung, eine Beleidigung oder nur eine Frechheit und damit legal?"
Stichwörter: Digital Services Act

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2022 - Internet

Die SZ druckt einen Vortrag von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda nach, der vor dem geplanten Digital Services Act der EU warnt, weil er eine "quasi staatliche Medienaufsicht bei der Europäischen Kommission" errichten und so die nationalen Regeln aushebeln könne: Wenn "wir versuchen, vor der Veröffentlichung via Aufsicht zu überprüfen, was wahr und was richtig ist, dann erklären wir das öffentliche Gespräch für überflüssig".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2022 - Internet

Im Gespräch mit Jakob von Lindern und Ann-Kathrin Nezik von der Zeit verteidigt EU-Kommissarin Margrethe Vestager ihren "Digital Services Act" und ihren "Digital Markets Act". Auf die Frage, ob sie glaubt, dass soziale Netze designt sind, um qua Algorithmus das Böse im Menschen hervorbringen, antwortet sie: "Ich glaube schon, dass die sozialen Medien mit ihren Like- und Share-Buttons unser inneres Belohnungssystem triggern. Vielleicht werden wir uns in einigen Jahren, wenn die Hirnforschung mehr weiß, fragen: Was haben wir uns mit diesen Technologien bloß angetan? So ähnlich wie bei Asbest. Da haben wir ja auch erst viel später begriffen, wie schädlich es ist."

Nach Elon Musks Twitter-Übernahme setzt der Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch, der auch im Verwaltungsrat des ZDF sitzt, seine Hoffnung in der SZ ausgerechnet auf die Öffentlich-Rechtlichen: "Eine gemeinnützige, auf Basis offener Standards und offener Software entwickelte Alternative zu den dominanten, kommerziellen Plattformen im Netz ist überfällig. Jedenfalls aber führt auf Perspektive ohnehin kein Weg daran vorbei, öffentlich-rechtliche Mediatheken endlich 'social' zu machen. Erste technische Voraussetzungen dafür existieren bereits. So verfügen die Mediatheken von ARD und ZDF schon seit 2020 über einen gemeinsamen Login, der personalisierte Empfehlungen, Wechsel von Geräten und Altersverifikation erlaubt und von Millionen Menschen regelmäßig genutzt wird."

Auf ZeitOnline wundert sich Nils Markwardt indes nicht über Musks neuste Errungenschaft: Die Verschaltung von Finanz- und Meinungsmarkt sei Kern seines Geschäftsmodells, schreibt er: "Die Verbindung von Börsen- und Nachrichtenwesen ergibt sich aus einer funktionalen Verwandtschaft: Nicht nur sind Kurse und Preise letztlich ja auch schlicht Information (etwa über die Verfügbarkeit eines bestimmten Guts), sondern Finanz- und Informationswesen funktionieren gleichermaßen über Rückkopplungseffekte und Feedbackschleifen. Gelesen und geteilt wird das, was gelesen und geteilt wird. Nachgefragt und gekauft wird das, was nachgefragt und gekauft wird (Stichwort Klopapier und Sonnenblumenöl). Unter den Bedingungen des gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus, in dem die sogenannte Realwirtschaft in hohem Maße von Investitionen des Finanzmarkts abhängig ist, hat die Bedeutung von Informationen noch weiter zugenommen. Das heißt: Nicht nur klassische Finanzmarktakteure wie Banken oder Derivatehändler vermögen durch Trends, Hypes und Informationsvorsprünge zu profitieren, sondern auch 'klassische' Unternehmen."