Ist "Peak Woke" überschritten? Andreas Rödder, konservativer Historiker, Foucault-Leser und CDU-Intellektueller, ist im Gespräch mit Ellen Daniel und Michael Miersch in Mierschs Blog zuversichtlich. Die Vorherrschaft der Grünen im öffentlichen Diskurs sei vorüber. "Die grüne Deutungshegemonie hat sich vor allem auf drei Themenfeldern etabliert: Energie und Klima, zweitens Migration und Integration, und schließlich Sexualität, Geschlecht, Diversität. Auf allen diesen Feldern erleben wir einen massiven Umschwung des öffentlich Sagbaren. Es ist mittlerweile möglich zu sagen, dass die Klimaschutzziele schädlich für das Land sind. Es ist sogar möglich, über den Wiedereinstieg in die Kernenergie zu reden. Im Bereich der Migrationspolitik hat der 7. Oktober 2023 das Thema 'importierter Antisemitismus' auf die Tagesordnung gebracht. Dass die Folgen der Migrationspolitik seit 2015 massiv schädlich sind, ist ebenfalls in den Bereich des Sagbaren gerückt. Auch in der Geschlechterpolitik ist die Zeit vorbei, als die Feststellung, es gebe bei den Menschen zwei biologische Geschlechter, als Akt sprachlicher Gewalt diffamiert wurde." Immerhin gibt Rödder aber auch zu: "Die Gegenbewegungen, die wir jetzt erleben, sind in Teilen ziemlich unappetitlich. Die Fake News der Rechten sind die hässliche Schwester des postmodernen Dekonstruktivismus."
Klaus Lederer, ehemals Linkspartei und Kultursenator in Berlin, und der Theatermacher Alexander Karschnia (unsere Resümees) versuchen in der taz eine linke Position zu definieren, die nicht antisemitisch ist - und beziehen sich, ohne sie zu benennen, auf die Positionierungen der heutigen Linkspartei. "Bis heute verweigern viele sich 'palästinasolidarisch' nennende Gruppen nicht nur friedensbewegten Israelis das Rederecht, sondern sogar Palästinenser*innen, die die Hamas verurteilen... Trauriger Tiefpunkt war die 'All Eyes on Gaza'-Demo Ende September in Berlin. Den Organisator*innen wollte es nicht gelingen, an die Geiseln der Hamas zu erinnern, die Gruppe 'Israelis for Peace' durfte keinen Redebeitrag halten. Kein Problem dagegen bereiteten offenbar zahlreiche Symboliken, auf denen Israel von der Landkarte getilgt war - der dystopische Traum der Hamas."
taz-Autor Jan Feddersen folgte in Hamburg einem Gespräch von Eva Illouz und Natan Sznaider über ihr Verhältnis zur Linken, die Israel nach dem 7. Oktober weitgehend verriet. Eva Illouz hat einen Essay darüber veröffentlicht, Sznaider legte offenbar dar, dass er seine Hoffnungen auf die Linke schon sehr viel früher aufgegeben hatte. Was beide sich nun versprechen? "Sznaider hofft auf die Freilassung der Geiseln, unter allen Umständen. Und Illouz besteht darüber hinaus zunächst auf 'Separation', keine voreilig illusionären Peace-&-Understanding-Moves. Alles Weitere werde die Zukunft zeigen."
Wie die in der Linken seit spätestens 1967 beliebte Gleichsetzung der Israelis mit den Nazis funktioniert, erzählt Daniel Rotstein in der FAZ in einem ungewöhnlichen Artikel über einen Auftritt des HolocaustforschersOmer Bartov am Frankfurter Fritz-Bauer-Institut. Bartov erzählte dort zunächst über seine Forschungen in der Ukraine, wo er unter anderem herausgefunden hatte, wie sich die lokale Bevölkerung Wohnungen ermordeter Juden unter den Nagel riss. Dann blendete er zu seiner Kindheit in Hadera, Nordisrael, wo er leere Wohnungen geflohener Araber gesehen hatte. Diese Parallelisierung wurde einfach so stehen gelassen, so Rotstein. "Bartov machte seinem dankbaren deutschen Publikum ... deutlich, dass es keinen Unterschied zwischen der arabischen Bevölkerung in Hadera und dem Holocaust gab. Um zum Schluss seines Vortrags anzufügen, dass die verabscheuungswürdige israelische Regierung nicht davor zurückschrecke, Holocaust-Vergleiche für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Diese Ironie oder vielleicht auch Heuchelei wollte weder dem Publikum noch den Holocaust-Forschern des Instituts auffallen." Rotstein erzählt, wie er in der Diskussion Einwände erhob. "Daraufhin echauffierte sich eine Dame im Publikum über mich, schließlich finde gerade ein 'Holocaust in Gaza' statt."
Perversion und Schamlosigkeit sind feste Bestandteile von Donald Trumps Politikstil, hält Slavoj Žižek im Zeit-Online-Interview fest. Das ist gefährlicher als Heuchelei: "Perversion bedeutet, offen und schamlos zu tun, was man will. Genau das macht Trump. Aber das Paradoxe ist: Bei all seiner falschen Offenheit und Obszönität werden andere Meinungen stärker unterdrückt denn je. Schamlosigkeit funktioniert nicht ohne Verbote. Die Menschen in den USA leben jetzt in einem System der Kontrolle. Wenn man sieht, wie offen Trump seine Begierde zeigt, Leute zu feuern oder ins Gefängnis zu stecken, lautet meine Formel: Lieber Heuchelei als offene Schamlosigkeit." Denn "Heuchelei ist niemals nur Heuchelei. Man merkt, dass selbst bei jenen, die etwas Furchtbares tun, ein Minimum an Ethik überlebt hat. Und das macht ihnen moralischen Druck, sie denken sich: 'Ich darf das nicht ungeniert machen, ich muss es irgendwie ethisch rechtfertigen.' Dieses letzte bisschen schlechte Gewissen bricht gerade weg. Im Zeitalter der Schamlosigkeit Politiker zu sein, heißt, unverblümt und brutal der Macht zu folgen, ohne geheuchelte moralische Ausreden."
Wie zur Illustration zu Žižeks These präsentiert die New York Times das Video einer Ausschussbefragung im amerikanischen Senat. Trumps Justizministerin Pam Bondi widersetzt sich mit pampigen Gegenfragen ("und wann entschuldigen Sie sich bei Donald Trump?") allen Fragen der Abgeordneten. Hier der Times-Bericht zu der Befragung: "Don't answer, just attack."
Wie kann der Frieden gewahrt werden, wenn Drohnen über Schleswig-Hostein kreisen? Eine Stärkung des kritischen Bewusstseins wäre schon mal ein Anfang, meint Aleida Assmann im Interview mit der Zeit: "Ich glaube, dass viele heute eher über Sicherheit nachdenken als über Frieden. Vielleicht ist das Bedürfnis nach Sicherheit gerade das - eine egoistische Version von Frieden. Es fehlt die umfassendere Perspektive auf eine bessere Welt auch für die anderen, die Umwelt, die nachwachsenden Generationen. ... Die Chance ist jetzt, dass wir wacher werden und auch mehr Verantwortung übernehmen. Denn dieser lange, lange Frieden, 80 Jahre, der hat uns glücklich und satt gemacht. Und natürlich auch ein bisschen tatenlos. 'Die Politiker machen das schon, das wird schon werden', so dachten und denken viele. Jetzt sehen wir, zum Beispiel in Amerika, wie schnell das alles abgebaut werden kann. Gesetze allein können die Gesellschaft nicht stabilisieren. Das können nur die Menschen, die aus ihrem Geist heraus handeln und voll dahinterstehen."
Vor allem die postkoloniale Theorie verbindet mit der Idee des "Westens" kaum Gutes, schreibt Thomas Ribi in der NZZ. Und sicherlich, viel Schlimmes ist passiert unter dem Deckmantel vermeintlicher Zivilisation und Aufklärung: "Man kann die Geschichte des Westens als Geschichte von Verfehlungen schreiben. Aber man darf nicht darüber hinwegsehen, dass sie auch die Geschichte einer beispiellosen Kultur der Selbstkritik ist. Der Westen hat schreckliche Untaten begangen: von den Kreuzzügen über die Kolonialverbrechen bis zur Shoah. Doch keine Kultur hat ihre eigene Geschichte gründlicher aufgearbeitet. Aufklärung heißt, das eigene Denken und Tun kritisch zu reflektieren. Sich bewusst zu sein, dass nur das Geltung beanspruchen kann, was der Überprüfung standhält. Und dass dabei nicht Privilegien gelten, sondern Argumente. Darin liegt die Stärke des Westens. Nur scheint dem Westen selbst diese Stärke nicht mehr bewusst zu sein. Weil er sich dauernd kleinredet. Mit System. Was wir als Westen bezeichnen würden, habe es nie gegeben, schreibt die britische Historikerin Josephine Quinn in ihrem neuen Buch 'Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt'. Sie ist nicht die Einzige, die das sagt. Ihr Buch reiht sich ein in eine Serie von historischen Darstellungen, die sich zum Ziel setzen, den Begriff des Westens zu dekonstruieren."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Heute sind wir mit disruptiven Technologien konfrontiert, die das Zeug haben, die ganze Welt ins Chaos zu stürzen, sagt der Schriftsteller Giuliano da Empoli, Autor des Essays "Die Stunde der Raubtiere", im Gespräch mit der FR. Eine dieser Technologien sind Drohnen, die den Angriff billig, die Verteidigung teuer machen. Die andere, schlimmer, die KI. Solche Technologien begünstigen Aggressoren. Da ist Empolis Vergleich drastisch: "Als die Konquistadoren an den Ufern Mexikos landeten, standen ihnen mächtige Reiche gegenüber - die Azteken waren eine organisierte, urbane Zivilisation mit Hunderttausenden. Und doch erschienen drei-, vierhundert Männer aus der Fremde mit Feuerstäben, die Tod und Entsetzen brachten, begleitet von Pferden, die den Einheimischen völlig unbekannt waren. Die Azteken konnten das nicht einordnen: Waren das Götter? Aus einer anderen Welt? Ähnlich verhält es sich heute mit Technologieakteuren."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der SZ spricht die israelische SoziologinEva Illouz über den größten Fehler der Linken, der zum Wahlsieg Donald Trumps beitrug: ihren hochtrabenden Moralismus. Und über den Antisemitismus vieler Linker, der sich nach dem 7. Oktober offenbarte. Begründet findet sie den unter anderem in einem "Sammelsurium französischer Theorien, darunter Postmoderne, Dekonstruktion und postkoloniale Studien", das Theorie über Geschichte und Narrativ über Wahrheit stellte: "Da ist erstens die Idee der 'Superstruktur', mit der Beobachtungen über Strukturen von einem Kontext auf einen anderen übertragbar sind: Der Siedlerkolonialismus in Australien und jener in den Vereinigten Staaten wird mit dem Siedlerkolonialismus Israels vergleichbar, obwohl dies nur durch radikale Vereinfachungen möglich ist, die nichts mit der Realität zu tun haben. Juden haben zum Beispiel immer in einem Gebiet gelebt, das die Römer Palästina nannten - und in dem Juden politische Souveränität hatten." Sodann die Superkritik: "Superkritik ist der Impuls, die vorherige Kritik zu kritisieren, mehr als andere zu kritisieren, sogar das, was Fortschritt ist. Kritik wird so zum Endziel des Denkens. Und zuletzt - gibt es noch das, was ich 'Pan-Hermeneutik' nenne: Alles ist ein Text. Wer so denkt, hat die Autorität, Texte - also die Wirklichkeit - so zu interpretieren, wie sie oder er will."
Am Samstag staunten wir über die Liste der "besten deutschen Denker" in der FAS. 28 Autoren wurden mit kleinen Erläuterungen als die maßgeblichen Intellektuellen der Gegenwart vorgestellt. Wir haben die Namen aus der FAS abgeschrieben und dabei fälschlich den Staatsrechtler Christoph Möllers als Nummer 1 gesehen. Hier müssen wir uns korrigieren: Nummer 1 war Steffen Mau, dicht gefolgt von Hito Steyerl.
Nie war der Begriff des Fortschritts unheimlicher als heute, befürchtet Richard Kämmerlings (Welt) in einem kleinen Essay für die "Literarische Welt": "Der rein technologisch gedachte Fortschritt droht auf den als 'Singularität' bezeichnenden Kipppunkt zuzusteuern, an dem die KI sich verselbstständigen könnte. An die Stelle utopischen Vorscheins auf das Tech-Schlaraffenland ist die Angst vor einer Dystopie bislang unvorstellbaren Ausmaßes getreten. Angesichts dieser Lage scheint es weniger erstrebenswert, den Fortschritt zu befördern, als ihn vielmehr aufzuhalten, wie es einst die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts mit dem Mut der Verzweiflung - und natürlich vergeblich - versuchten."
Hier die Liste der laut FASwichtigsten deutschen Intellektuellen (man hätte gern ein bisschen mehr dazu gesagt, aber es ist so mühsam, diese Zeitung im Epaper zu lesen). Christoph Möllers (an erster Stelle!), Omri Boehm, Nicole Deitelhoff, Dan Diner, Navid Kermani, Friederike Offo, Jan Philipp Reemtsma, Philip Manow, Christina Morina, Moritz Schularick, Herfried Münkler, Elfriede Jelinek, Philipp Hübl, Aladin El-Mafaalani, Herta Müller, Jürgen Habermas, Kai Vogelsang, Klaus Theweleit, Isabella M. Weber, Eva Horn, Guido Steinberg, Götz Aly, Marina Weisband, Joseph Vogl, Juliane Rebentisch, Sebastian Hohnholz. Korrektur vom 22. September: Steffen Mau steht an erster Stelle, mehr hier.
In der SZ haben wir es mit Armin Nassehi, Herfried Münkler (omnipräsent), Luisa Neubauer, Lamia Messari-Becker, Nils Lahmann, Elsa van Damke, Wolf D. Prix, Jonas Ludwig Walter und Frank Schätzing zu tun, die auf die Frage "In was für einer Welt leben wir in zwanzig Jahren" "kluge, überraschende, utopische Antworten" geben.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der FAZ erklärt der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, wie er sich einen progressiven Kapitalismus vorstellt: bessere Checks and Balances, die verhindern, dass sich zuviel Macht in den Händen reicher Unternehmer ansammelt, und eine gezielte Industriepolitik, die sicherstellt, dass ein Land in den wichtigsten wirtschaftlichen Bereichen unabhängig ist. Wie Trump das gerade macht, lehnt Stiglitz allerdings vehement ab: "Ist es sozialistisch oder rechts, wenn er zehn Prozent der Intel-Aktien übernimmt? Ich würde sagen, es ist vor allem mafiös. In einem Rechtsstaat stellt man die Frage: Wie organisieren wir solche Dinge im Rahmen von geordneten Verfahren? Ich glaube, es ist nicht unvernünftig, dass die Regierung massive Subventionen unternimmt und dass der Staat dann am Gewinn beteiligt wird. Aber es sollte einen rechtlichen Rahmen dafür geben. Man verhandelt nicht von Fall zu Fall. Trumps Verwaltung tritt den Rechtsstaat mit Füßen. Wenn es zum Beispiel einen Verstoß gegen eine Regel gibt, gibt es im Rechtsstaat ein Verfahren mit Urteil. Dann kann man prüfen: Hat es einen Verstoß gegeben oder nicht? Aber Entscheidungen werden nicht nach dem Willen einer einzelnen Person getroffen. Dieser Prozess ist in Demokratien wichtig. Für Trump aber ist alles reine Verhandlungssache. Sein Ansatz ist willkürlich, er belohnt Freunde und bestraft Gegner - ohne klare Regeln. Das ist eher Mafia-Stil als verantwortliche Industriepolitik."
Auch der HistorikerIlko-Sascha Kowalczuk macht sich im Spiegel Gedanken über die Demokratie, die er vom Populismus bedroht sieht. Neu sei das allerdings nicht: "Populismus gab es schon immer. Und nicht immer war er reaktionär." Populisten ging es eigenen Aussagen zufolge immer darum, die Welt besser zu machen, also nach ihrem Gestus umzufunktionieren. Die große Idee dahinter heißt, die Gesellschaft der Zukunft und die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten, zu formen, zu lenken, zu bändigen, einzuhegen - letztlich aber vor allem: selbst zu führen. Dieser Populismus von links und rechts, von oben und unten behauptete immer, im Namen der 'kleinen Leute', der Geknechteten und Entrechteten zu agieren. Diejenigen, die sich da aufschwangen, im Namen von wem auch immer zu reden und zu handeln, gaben vor, stellvertretend für eine deutliche Mehrheit zu agieren. Dabei entstammten sie, sofern sie einer populistischen Bewegung vorstanden, selbst nie jener sozialen Gruppe, deren Bedürfnisse sie angeblich vertraten." Er plädiert dafür, dass Demokraten den Positionen der Populisten entgegentreten, statt sie zu übernehmen, "heikle Themen" selbst besetzen und die "Katastrophenrhetorik" entschärfen.
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