Dan Diner erhält morgen den Ludwig-Börne-Preis. Im Gespräch mit Andreas Kilb und Paul Ingendaay von der
FAZ spricht er über seine Kindheit in Deutschland, über seine heikle Liebe zu diesem Land, aber auch über die
Aktualität in Israel: "Ich sehe, wie sich eine
Katastrophe aufbaut, deren Eintritt ich immer befürchtet hatte. Die radikalsten Tendenzen setzen sich durch. Israel ist ein gespaltenes Land - gespalten, was die Frage seiner Legitimität und damit des politischen Handelns angeht. Für die gegenwärtigen Machthaber geht es eher um die 'Erlösung des Landes', also ein politisch-theologisches Prinzip. Deswegen spielt für sie etwa das Schicksal der Entführten keine Rolle. Die Geiseln müssen notfalls geopfert werden. Die andere Seite rückt die Menschen in den Vordergrund, sie ist bereit, auf Anteile des Landes zu verzichten."
Ohne das "
fremde Eigene" ist Russland nur ein Schatten seiner selbst,
erläutert Sonja Margolina für die
NZZ in einem interessanten Essay über das verzwickte und von Komplexen geprägte
russische Selbstbild. So betrachteten die Russen die
baltischen Länder etwa als ihren eigenen "Westen". Ähnlich verhielt es sich mit anderen Gebieten im Westen Russlands: "Vor dem endgültigen Sieg über das Osmanische Reich am Ende des 18. Jahrhunderts besaß Russland nur eine
bescheidene historische Tiefe. Während sich angestammte europäische Völker auf die griechische oder die römische Antike berufen konnten, fing die russische Geschichte erst mit der Eroberung Kiews durch Fürst Wladimir an, der seinen älteren Bruder 978 ermordet haben soll und sich in Chersones christlich-orthodox taufen ließ. Erst an der
Schwarzmeerküste, wo griechische Kolonien bereits im 6. bis 7. Jahrhundert vor Christus gegründet worden waren, fand das Kaiserreich seine eigene Antike und durfte sich als
Nachfolger antiker Reiche inszenieren."
Rein neurologisch gesehen existiert das
Hufeisen doch, sagt die Neurologin
Leor Zmigrod im Gespräch mit Rico Bandle von der
NZZ (sie verwendet den Begriff aber nicht). Sie ist Autorin des Buchs "Das ideologische Gehirn - Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen". Bei ihren Tests hat sie Folgendes festgetellt: "Lange Zeit ging man davon aus, dass politisch
sehr rechts stehende Menschen psychologisch am unflexibelsten sind, da es ihnen oft darum geht, die
Vergangenheit wiederherzustellen und Traditionen hochzuhalten.
Die Linke hingegen sei flexibel, schließlich strebt sie den gesellschaftlichen Wandel an. Dem ist aber nicht so. Unsere neuropsychologischen Tests zeigen klar eine
U-förmige Kurve auf: Die moderaten Teilnehmer, also jene, die keiner festgelegten Ideologie folgen, schneiden bei der kognitiven Flexibilität am besten ab, die extremen Teilnehmer beider politischen Ränder am schlechtesten. Links- und Rechtsextreme sind sich in dieser Hinsicht
sehr ähnlich."