In der virtuellen Tiefdruckbeilage der
FAZ wird eine Rede der in Rom und Berlin lebenden
Schriftstellerin Francesca Melandri abgedruckt, die ein weithin gepflegtes Syndrom der westlichen Öffentlichkeit thematisiert: "
selektive Empathie". Man war bestürzt über den Genozid in Bosnien, weiß aber nichts über den Genozid an den
Lhotshampa in Bhutan. Sie könnte andere Beispiele nennen: etwa die riesige Empathie mit Chile 1973 und die ausbleibende Reaktion auf Pol Pot ein bisschen später. Als Beispiel für selektive Empathie heute nennt sie die zurecht artikulierte Empathie vieler Menschen für die
Palästinenser im Gazastreifen, der keine Empathie mit der Ukraine korrespondiere, macht dann aber eine seltsame Wende und beklagt, dass
nur in Deutschland die Empathie mit den Palästinensern ausbleibe: Man druckse herum, "nur um dabei kein einziges Mal
das Wort '
Israel' zu erwähnen". Ihr erscheint das "wie eine Weigerung, etwas an Deutschlands tief verinnerlichtem Selbstbild zu hinterfragen. Ein Selbstbild, das aus der Aufarbeitung vergangener Verbrechen entstanden ist, das jedoch dringend einer
grundlegenden Revision bedarf. Zumindest wenn es sein Versprechen einlösen will: immer auf der Seite der Menschenrechte zu stehen. Mit anderen Worten: Es ist eine Identitätskrise."
Intellektuelle sind sich nie zu schade, sich als "Antifaschisten" in die Brust zu werfen. In einer Reihe internationaler Zeitungen - in Deutschland ausgerechnet in der
FAZ -
veröffentlichen einige hundert Intellektuelle (nicht allzu viele bekannte Namen darunter) "ein
Manifest gegen die Rückkehr des Faschismus", hundert Jahre danach. Die Autoren greifen auf ein "antifaschistisches Manifest" Benedetto Croces vor hundert Jahren zurück, das den Begriff des "Antifaschismus" womöglich in die Welt setzte. Es antwortete seinerseits auf ein "faschistisches Manifest", wie Karen Krüger in einem beistehenden Artikel erläutert. Heute beklagen die Autoren "Angriffe auf
demokratische Normen und Institutionen, wiederbelebter Nationalismus mit rassistischer Rhetorik, autoritäre Impulse und systematische Angriffe auf die Rechte derjenigen, die nicht in ein künstlich konstruiertes Bild traditioneller Autorität passen - begründet in religiöser, sexueller und geschlechtlicher Normativität."
Außerdem: In der
SZ schreibt der Produzent Günter Rohrbach einen Nachruf auf die Pädagogin
Ute Habermas-Wesselhoeft, die Frau Jürgen Habermas', die im Alter von 95 Jahren gestorben ist.