9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2023 - Gesellschaft

Im Laufe der Jahre entwickelte Fabian Wolff "einen regelrechten Hass auf den jüdischen Staat, während er der antisemitischen BDS-Bewegung ein Koscher-Zertifikat ausstellte", sagt Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen im Gespräch mit Nathan Giwerzew (Berliner Zeitung). Dennoch wurde er weiterhin von Medien angefragt, weil es eben eine große Nachfrage nach "jüdischen" Israelkritikern gibt, so Engel weiter: "So als ob nur Juden die Politik der israelischen Regierung kritisieren dürften. Dass Kritik nicht das Problem ist, sondern Hetze gegen den Judenstaat, auf diesen blinden Fleck kommt man in den Redaktionen leider nicht." Den Faktencheck von ZeitOnline nennt er das "Dokument eines redaktionellen Versagens". Auch Engel wurde dafür angefragt: "Weil die Kollegen zur Causa Wolff noch nichts recherchiert hatten. Das war zwei Wochen vor Veröffentlichung des Faktenchecks. Sie baten mich, die Informationen an sie weiterzuleiten, die mir zu dem Fall vorliegen. Dabei weiß ich von zwei oder drei anderen Zeit-Redakteuren, die diese Informationen über Wolff ebenfalls vorliegen hatten. Sie hatten sich vielleicht mit ihren Kollegen nicht abgesprochen oder wussten gar nichts von deren Recherchen. Offenbar sind die Redaktionen so groß und so schlecht miteinander vernetzt, dass die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2023 - Gesellschaft

"Warum werden völlig unterschiedliche Kategorien und Lebensrealitäten in einen Topf geworfen?", fragt sich die Biologin und Schriftstellerin Gertraud Klemm, die in einem Essay im Standard klar zwischen biologischen Frauen und Transpersonen unterschieden wissen will: "Warum werden keine eigenen Ressourcen (Quoten, Gefängniszellen, Fördergelder, Sportwettbewerbe, Klos) für Transpersonen angedacht? Warum sind es immer Frauen, die gerne teilen müssen? Wie beim Straßenverkehr sollen sich immer mehr, immer verschiedenere TeilnehmerInnen den immergleichen Streifen teilen, während der Autoverkehr in Relation unangetastet bleibt. Was ist mit den Ressourcen der Non-Women? Wir müssen über die Öffnung von Schutzräumen nachdenken dürfen, ohne uns einschüchtern zu lassen. Wir dürfen uns den Diskurs von despotischen Influencerinnen nicht auf ein paar wenige elitenfeministische Glaubensbekenntnisse herunterbrechen lassen, die nachzubeten wir angehalten werden."
Stichwörter: Autoverkehr, Transpersonen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2023 - Gesellschaft

Von wegen Work-Life-Balance. Trotz der notorischen Personalnot überall entscheiden sich immer mehr Arbeitnehmer, doch lieber nicht voll zu arbeiten, ein leicht asoziales Verhalten. Nicht nur weil dem Staat durch die Steuerprogression ein größerer Anteil Steuern entgeht, errechnet Patrick Bernau in der FAS. Auch "für die Sozialabgaben ist das ganz deutlich: Mit dem Lohn sinken auch die Beiträge zu Renten- und Krankenversicherung. In der Rentenversicherung tragen die Betroffenen die Konsequenzen selbst, sie bekommen weniger Rente. In den Kranken- und Pflegeversicherungen aber bekommen Teilzeit-Arbeiter die gleiche Versorgung wie alle anderen, sie zahlen nur weniger dafür."

In der Welt spricht der Oxford-Ökonom Daniel Susskind im Interview mit Martin Bernier über die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt. Besonders die Mittelschichten werden davon betroffen sein, meint er: "Die neuesten Technologien, wie ChatGPT, sind für Büroangestellte sehr viel bedrohlicher als für Arbeiter. Und das widerlegt die schon so lange bestehende Hypothese, nachdem die [kognitiv] schwierigsten Arbeiten auch am schwersten von Maschinen ersetzt werden können." Es könnte aber einen Teil der Welt härter treffen als den anderen. "Routine-Arbeiten, die besonders dazu geeignet sind, automatisiert zu werden, sind tendenziell vor allem in den ärmeren Regionen der Welt zu finden, also in den Entwicklungsländern, während man Nicht-Routine-Jobs hauptsächlich in den besser entwickelten Ländern antrifft. Diese Beobachtung, was die Verteilung der wirtschaftlichen Aktivität in der Welt betrifft, scheint darauf hinzuweisen, dass die Automatisierung wahrscheinlich die Entwicklungsländer härter treffen wird als die Industrieländer." Also, alles wie immer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2023 - Gesellschaft

Die Holocaust-Gleichsetzung ist doch irgendwie zu verführerisch! Einige Aktivisten der "Letzten Generation" scheinen zu denken, dass man die Klimakatastrophe nicht ausreichend dramatisiert hat, wenn man sie nicht als ein Übertreffen des Holocaust darstellt. Lennart Pfahler macht in der Welt auf den Einfluss des britischen Aktivisten Roger Hallam bei der "Letzten Generation" aufmerksam, der einst solche Vergleiche bei "Extinction Rebellion" gerne zog (unsere Resümees) - Hallam ist heute offenbar in der "Letzten Generation" eine einflussreiche Figur. Einige Aktivisten der Bewegung drohen nun mit Rückzug, falls diese Vergleiche anhalten, so Pfahler. Andere reizt der Vergleich weiterhin: "Auch vor Gericht hatte die 'Letzte Generation' den Klimawandel im März dieses Jahres ins Verhältnis zur NS-Zeit gesetzt. Der Verteidiger der Klimaaktivistin Carla Hinrichs sagte damals: 'Meine Generation hat ihre Eltern gefragt: Habt ihr den NS-Staat toleriert oder gar unterstützt, oder habt ihr Handlungsspielräume ihn zu bekämpfen ausgenutzt?' Diese Frage stelle sich heute wieder angesichts der 'noch viel größeren Katastrophe, die auf uns zukommt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2023 - Gesellschaft

Menschen, die sich eine andere Identität erschleichen, tun das auch, um "in eine Position zu kommen, die es ihnen ermöglicht, Macht auszuüben bis dahin, dass sie andere schikanieren und verstören können", sagt der von Melanie Mühl in der FAZ befragte Psychiater Hans-Ludwig Kröber. Ein typisches Beispiel sind in Mühls Artikel Menschen, die sich als Arzt ausgeben. Man könne sich aber auch in den Medien eine ideologische Position erarbeiten wie Fabian Wolff. "Wolff hat als vermeintlicher Jude mit antijüdischen Statements die perfekte Position besetzt, um innerhalb der Medienlandschaft zu reüssieren", so Kröber. Pathologisch ist der Fall Wolff laut Kröber wohl nicht: "Ich bin ziemlich sicher, dass Fabian Wolff genau wusste, was er tat, dass er nie geglaubt hat, er sei Jude."
Stichwörter: Wolff, Fabian

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2023 - Gesellschaft

Warum wird in Amerika so viel gestorben, fragt der New York Times-Kolumnist David Wallace-Wells in einem Artikel, der vor allem aus einer Kaskade bestürzender Statistiken besteht. Amerika war einmal das Land mit einer der höchsten Lebenserwartungen. Nicht erst seit Corona hat sich diese Vorreiterstellung, verglichen mit ähnlich wohlhabenden Ländern, in eine blamable Dritte-Welt-Position verwandelt. Wallace-Wells bezieht sich auf eine Studie über "Missing Americans", die im Mai publiziert wurde. Beispiel Drogen: "Im Jahr 2020 meldete die Europäische Union insgesamt 5.800 Todesfälle durch Überdosierung bei einer Bevölkerung von etwa 440 Millionen. Im selben Jahr meldeten die Vereinigten Staaten mit einer Bevölkerung von 330 Millionen 68.000. Im Jahr 2021 stieg die Zahl in den USA auf 80.000 und im Jahr 2022 auf 107.000. Nach Angaben des Institute for Health Metrics and Evaluation gibt es in den Vereinigten Staaten 22-mal so viele waffenbedingte Tötungsdelikte wie in den Ländern der Europäischen Union. Zwischen 2019 und 2021 stieg die Gesamtzahl der Todesfälle durch Schusswaffen in den USA - einschließlich Selbstmorden und Unfällen - um 23 Prozent auf 48.830 Todesfälle. Für Europa sind umfassende Daten schwer zu bekommen, aber die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass die Gesamtzahl der Todesfälle durch Schusswaffen in der Europäischen Union jährlich bei etwa 7.000 liegt."

Er ist weiß, sein Vater war Sklave, schreibt der britische Buchautor Konstantin Kisin in der Zeit - Sklave im sowjetischen Gulag, befreit erst durch die Emigration. Sklaverei, so Kisin, war ein universales Phänomen und keine Spezialität des "Westens". Er erinnert an den "Transsahara-Sklavenhandel, bei dem muslimische Händler Afrikaner aus Subsahara-Afrika nach Nordafrika und in den Nahen Osten verkauften": "Laut Orlando Patterson, einem schwarzen jamaikanisch-amerikanischen Soziologen, der unter anderem das Buch 'Slavery and Social Death' verfasst hat, raubten diese Händler mehr Sklaven aus Afrika als die Europäer. Er schreibt auch, dass die Todesrate auf diesem Handelsweg höher war und sie erst 'gegen Ende des 19. Jahrhunderts infolge direkten Druckes durch die europäischen Kolonialmächte' sank. Das sollte uns nicht überraschen. Sklaverei war in Afrika schon jahrhundertelang weit verbreitet, bevor die europäischen Menschenhändler dort landeten." Kisin ist Autor des Buchs "An Immigrant's Love Letter to the West".

Außerdem: Michael Angele feiert in der FAZ den Fußballverein TuS Makkabi Berlin, der als erster jüdischer Verein in der Hauptrunde des DFB-Pokals steht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2023 - Gesellschaft

"Es ist doch absolut identitäres Denken, wenn man glaubt, nur die Juden und Jüdinnen dürften die Regierung in Israel kritisieren", winkt im FR-Gespräch mit Michael Hesse die jüdische amerikanische Philosophin Susan Neiman sämtliche Kritik an Fabian Wolff ab, in völliger Verdrängung der Tatsache, dass es Wolff war, und sonst niemand, der diese Behauptung aufgestellt und sich so gegen jede Kritik an seinen Ansichten gewehrt hatte. Wolffs Israelkritik enhalte im übrigen keine "Dämonisierungen", sondern "vernünftige Argumente gegen die israelische Besatzung", meint sie. In Wahrheit gehe es auch gar nicht darum, dass Fabian Wolff ein Kostüm-Jude sei, sondern um das, was er gesagt hat. "Ich weiß, die Deutschen haben eine unglaubliche Angst, nur einen kritischen Satz zu Israel zu sagen. Aber da spricht nicht die Vernunft, sondern ihr schlechtes Gewissen wegen des Nazi-Opas. Seien wir ehrlich: Die Blut-und-Boden-Ideologie ist immer noch da."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2023 - Gesellschaft

Im SZ-Interview mit Tim Frehler spricht der Politologe Thomas Biebricher, Autor des Buches "Die internationale Krise des Konservatismus" über das Fehlen einer Strategie von CDU/CSU gegen rechts. Es sei "gefährlich" auf den Kulturkampf gegen Links-Grün statt auf konservative Themen zu setzen, meint er: "Das sind attraktive Themen, mit denen man gut mobilisieren und Aufmerksamkeit bekommen kann. Aber in dem Moment, in dem die Wähler merken: 'Die reden ja nur, die tun gar nichts', gehen sie einen Schritt weiter und landen bei der AfD. Ich kenne auch international kaum Beispiele, wo so ein Kurs mittelfristig von Erfolg gekrönt war - wenn man sich nicht eben selbst radikalisiert hat, wie etwa die britischen Tories." Stattdessen sollten die beiden Parteien schauen, "wie Helmut Kohl den Diskurs über die 'geistig-moralische Wende' geführt hat. Das war Anfang der 1980er-Jahre, Wirtschaftskrise. Da hat die Union gesagt: Erinnern wir uns doch daran, wie wir das Land nach dem Krieg schon einmal aus Ruinen wieder aufgebaut haben, wie wir damals zusammengestanden haben. So könnte man ja jetzt auch kommunizieren."

Erben ist eine "ungerechte Lotterie", meint im Interview mit der taz der Philosoph Stefan Gosepath und plädiert dafür, das Erben abzuschaffen. Am liebsten ganz, aber um des lieben Friedens willen würde er das Elternhaus ausnehmen. Den elterlichen Betrieb eher nicht: "Wenn man die Vererbung von mittelständischen Betrieben oder Familienunternehmen nimmt, stellen die in kleinen Dörfern oder Gemeinschaften natürlich Machtfaktoren dar. Hier wird also im Prinzip Macht doch noch vererbt. Dass das hart verteidigt wird, müsste einem eigentlich zu denken geben als guter Demokrat."

Am Freitag hatte bereits die NZZ darüber berichtet, dass das Online-Magazin Hyphen zwar Ahmad Mansours anwaltlicher Forderung nachkommen will, den fehlerhaften Text von James Jackson zu löschen, allerdings nur, wenn Mansour eine Verschwiegenheitsklausel unterschreibt (Unser Resümee). Solche Klauseln seien "üblich", meint Hyphen-Anwalt Oliver Graef auf SZ-Anfrage, berichtet Thorsten Schmitz ebenda. Nun liegt zwar der Unterlassungsvertrag ohne Schweigeklausel vor, der Text ist allerdings noch immer online in seiner Ursprungsversion abrufbar. Und: "Einen Schaden hat Jacksons Artikel dennoch bereits verursacht: Mansour sagt, nach Veröffentlichung des Artikels seien viele Menschen in seinem Dorf Tira davon überzeugt, er sei ein 'Verräter, Zionist, Islamhasser'. Aus Sicherheitsgründen könne er vorerst seine dort lebenden Eltern und Geschwister nicht mehr besuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2023 - Gesellschaft

Burkini hier, oben ohne dort - geht das zusammen im Freibad? Gerald Wagner stellt in der FAS eine - nicht repräsentative - Studie der Religionssoziologin Ines Michalowski vor, die im Sommer 2019 101 Interviews zum Thema mit Gästen in Frei- und Hallenbädern geführt hat. "Die meisten Nutzer begriffen das Schwimmbad und die dortigen Körperpraktiken als vollkommen abgelöst von Religion. Ein Verständnis für das Tragen des Burkinis als Ausdruck einer religiös geprägten Körperscham, so Michalowski, sei von den meisten Badegästen darum auch nicht zu erwarten. ... Religiöse Scham wird nicht (mehr) verstanden, aber durch ein notgedrungenes Ausweichen auf höhere Werte wie Diversität und Selbstbestimmung eingeordnet. Klar wird aber auch, dass der Respekt für die Selbstbestimmung der Burkiniträgerinnen von den nichtmuslimischen Befragten mit einer nahezu Nulltoleranzhaltung gegenüber der Erwartung quittiert wird, dass man jetzt etwa in den dafür abgegrenzten Bereichen nicht mehr nackt duschen sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2023 - Gesellschaft

"Die Bundesregierung nimmt die medizinischen Langzeitfolgen der Coronapandemie ernst, aber nicht die psychischen und sozialen", klagt der Sozialforscher Klaus Hurrelmann, der eine Studie zum Thema durchgeführt hat und herausfand, dass die gesamte Gesellschaft an einer Art posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Im Interview mit Sabine am Orde von der taz erläutert er seine These so: "Da weiß man, dass das wahre Ausmaß einer Belastung sich erst zeigt, wenn man die akute Krise eigentlich schon hinter sich hat. Einen solchen Effekt beobachten wir in allen Altersgruppen, bei jungen Leuten besonders stark. Wir haben es mit einer psychisch sehr belasteten, sehr erschöpften Bevölkerung zu tun. Die bräuchte jetzt eigentlich Ruhe. Aber stattdessen stehen wir vor den nächsten Krisen: Klima, Krieg, Inflation, vielleicht auch noch eine Fluchtbewegung. Auch diese Krisen können von einem Individuum nicht mit eigenen Ressourcen bewältigt werden. Es ist die nächste Überforderung." Ist natürlich ein Ding, dass sich die Regierung nicht darum kümmert.

In der NZZ rollt Oliver Maksan detailliert die Rufmordkampagne gegen Ahmed Mansour nochmal auf (unsere Resümees). Mansour droht, rechtliche Schritte gegen die Website Hyphen Online einzuleiten - sie hatte den Mansour-Text von James Jackson veröffentlicht. Mansour fordert Hyphen auf, den Text zu depublizieren, das Magazin ist dem bislang aber nicht nachgekommen. Jetzt hat die Website dem Unterlassungsgesuch zwar in allen Punkten zugestimmt,  allerdings nur unter der Bedingung: Mansour soll nicht darüber reden. "Für den Integrationsexperten, dessen Reputation tagelang am seidenen Faden hing, ist das nicht annehmbar, wie er der NZZ sagt", kommentiert Maksan. Damit wären zwar die Behauptungen über ihn aus der Welt, aber er würde einen Maulkorb zu seinem eigenen Fall verpasst bekommen. Gleichzeitig hat Mansour an viele Medien ein Dossier geschickt, das die Anschuldigungen gegen ihn widerlegt. "Das überzeugt immer mehr Medien. Die Gewichte neigen sich zu Mansours Gunsten."
Stichwörter: Mansour, Ahmad, Hyphen, Inflation