9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2020 - Geschichte

Auch der Perlentaucher wurde schon von den Anwälten der Hohenzollern mit teuren Unterlassungsaufforderungen beharkt, nachdem er eine Historikerin aus der FR zitiert hatte. In der FAZ beschreiben die Historiker Eva Schlotheuber und Eckart Conze die Strategie der ehemaligen Herrscherfamilie als Versuch, mit Aberdutzenden Unterlassungsaufforderungen die Debatte zu modellieren, damit man am Ende beim Streit über die Verwicklung in die Nazigeschichte ein besseres Bild abgibt und die ersehnten Entschädigungen bekommt. Schlotheuber und Conze protestieren: "Es ist nicht nur die Aufgabe von Historikern, eine auf Quellen und Forschungswissen gegründete kritische Diskussion zu ermöglichen und zu führen, sondern auch, sich zu Wort zu melden, wenn eine solche öffentliche und freie Diskussion gefährdet ist. Genau das aber zu verhindern, dazu tragen die Abmahnungen und Unterlassungsaufforderungen, auch wenn sie sich nicht auf die im engeren Sinne historischen Sachverhalte beziehen, massiv bei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2020 - Geschichte

Besprochen wird die Ausstellung "Jewish Resistance to the Holocaust" in der Wiener Library for the Study of the Holocaust" in London, die sich neben dem bewaffneten Aufstand auch dem jüdischen kulturellen Widerstand widmet (SZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2020 - Geschichte

Sechzig Jahre Pille, die taz bringt ein Dossier zum Thema. Die Soziologin Susanne Schultz erzählt im Gespräch mit Patricia Hecht von die hässlichen eugenischen Ursprünge der Pille und von ihren frühen Jahren: "Im Expertendiskurs der fünfziger und sechziger Jahre von zumeist männlichen Ärzten und Politikern über die Pille ging es viel darum, globale Überbevölkerung zu bekämpfen, zum Teil auch Abtreibung zu verhindern - Letzteres auch ein Versuch, die katholische Kirche einzubinden. Das hat nicht geklappt: Der Papst gab in seiner Enzyklika 'Humanae Vitae' 1968 vor, dass Sexualität grundsätzlich auf Fortpflanzung ausgerichtet sein müsse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2020 - Geschichte

Die Figur des Winston Churchill, den die meisten Engländer nach wie vor als den bedeutendsten Mann ihrer Geschichte ansehen, wird in einigen Bücern neu bewertet, berichtet Gina Thomas in der FAZ. Unter anderem kommt im September Ian Burumas neues Buch "The Churchill Complex", der vor allem die "Vorstellung, dass die englischsprachigen Völker die Welt vor der Tyrannei gerettet hätten" und das britisch-amerikanische Verhältnis neu beleuchte: "Seine Darstellung dieser vielfach beschworenen, selbst mythisierten 'Sonderbeziehung' ist weniger eine Kritik an Churchill als an all den Präsidenten und Premierministern, die sich aus Angst, wie Neville Chamberlain als Beschwichtiger gebrandmarkt zu werden, verführen ließen von der Aussicht, die Demokratie gegen Despoten zu verteidigen. Dieser gemeinsame Mythos sei zugleich großartig und ein Fluch gewesen, so Buruma."

Wer glaubt, der Westen habe mit seinen Kolonisierungen die Welt bestimmt, möge Jason Sharmans "Empires of the Weak" lesen, empfiehlt Arno Widmann in der FR. Er hat aus dem Buch gelernt, dass China und das Osmanische Reich zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert weitaus mehr Einfluss hatten als die Europäer. "Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatte es niemals eine Überlegenheit des Westens gegeben. In China wird heute gerne die Demütigung durch den Westen beschworen. Die Revolutionäre von 1911 dachten anders darüber. Sie stürzten die Mandschu-Dynastie als eine Fremdherrschaft, die sich das ganze Land unter den Nagel gerissen hatte und riefen am 1. Januar 1912 die Republik aus. Das älteste Kaiserhaus der Erde war gestürzt. Die 'Großen Mächte', von denen Leopold von Ranke (1795-1886) in seinem sehr schönen Text aus den 1830er Jahren spricht, sind damit verglichen mickrige Zwergstaaten. Es gibt bei Ranke keinen Hinweis darauf, dass die wirklich großen Reiche jener Jahrhunderte die Produkte von Nachkommen nomadischer Reitervölker aus Zentralasien waren. Auch in vielen der heute erscheinenden Globalgeschichten wird das gerne übersehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2020 - Geschichte

"Heute spricht niemand mehr vom Atomzeitalter. Dabei leben wir mehr als jemals darin", schreibt Arno Widmann in der Berliner Zeitung mit Blick auf den 75. Jahrestag der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki: "Nicht weil es 13.400 einsatzbereite Sprengköpfe gibt - in den Hochzeiten des Kalten Krieges waren es mehr als doppelt so viel - , sondern weil es heute mehr Staaten gibt, die welche zum Einsatz bringen können. Derzeit hat Russland etwas mehr als 6000 Sprengköpfe, die USA  etwas weniger. Dann folgen China, Frankreich, Großbritannien. Es gibt Beobachter, die als eine der größten Gefahren ansehen, dass Pakistan mit 160 Atomsprengköpfen und Indien mit 150 aufeinander einschlagen könnten."

Deutsche Historiker konzentrieren sich allein auf die deutsche NS-Täter-Geschichte, konstatiert der polnische Holocaust-Historiker Jan Grabowski im Freitag. Das berge die Gefahr der Geschichtsverfälschung, meint er: "Damit nehmt ihr uns Polen, Ungarn, Franzosen, uns Bürgern so vieler anderer Nationen, das Recht und die Pflicht, die Schuld für unsere eigene, problematische und dramatische Geschichte zu übernehmen. Ja, ihr Deutschen, eure Vorväter haben den Masterplan geschaffen, ihr habt die Räder in Bewegung gesetzt und den schrecklichen Plan ausgeführt - daran ist kein Zweifel. Aber könnt ihr uns anderen Europäern das Recht verweigern, uns unserer eigenen Vergangenheit zu stellen? Als Pole habe ich das Recht, nein, die Pflicht, alle polnischen Juden zu zählen und zu berücksichtigen, die mit Hilfe meiner Landsleute ausgeraubt, ermordet, denunziert wurden. Es gehört zu unserer Bürgerpflicht, über die Leute zu reden und nachzudenken, die den deutschen Plan zur Vernichtung bereitwillig, mit Enthusiasmus unterstützten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2020 - Geschichte

Sehr gern wird mit Blick auf die Ukraine über die Kollaboration der dortigen Bevölkerung gesprochen, die es auch gegeben hat - aber weniger wird die russische Kollaboration thematisiert, die im Moment des Hitler-Stalin-Pakts sogar eine sowjetische war, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog: "An die russische und sowjetische Kollaboration zu erinnern, schmälert in keiner Weise die Leiden der russischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg und die ungeheuren Opfer, die sie und die Sowjetarmee bei der Niederschlagung des Nationalsozialismus erbracht haben. Ebenso wenig relativiert es im Geringsten dessen beispiellose Menschheitsverbrechen. Doch gilt es, der unter großrussisch-völkischen Vozeichen erneuerten sowjetischen Geschichtspropaganda entgegenzutreten, die diesen Teil der Historie manipulativ aus dem Gedächtnis löschen will."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert Florian Coulmas an den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren und die Diskussion danach: "Wie soll Hiroshima in die Geschichte eingehen? Einigkeit besteht darüber bis heute nicht. Krieg ist kein Unglück, das über uns kommt wie eine Flutwelle, unter der alle leiden. Kriege passieren nicht, sie werden gemacht von Akteuren, die dafür verantwortlich sind. Dass Umstände verwickelt sein können und der Ausbruch eines Krieges von Fehlkalkulationen und Dummheiten begleitet sein kann, will man nicht unbedingt wissen. Für ein geordnetes Weltbild ist es besser, wenn es die Guten gibt und die Bösen, wie im Western. Deshalb verhallen die Stimmen derer, die sich nicht damit zufriedengeben, dass 'alles in allem', 'unterm Strich' A gut und B böse war, eher ungehört." In der Berliner Zeitung schreibt Thorsten Wahl und weist auf einige Fernsehsendungen zum Thema hin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2020 - Geschichte

In der NZZ berichtet der Historiker Ulrich Schlie von einem Bericht über die Vorläufer des Bundeslandwirtschaftsministeriums im Nationalsozialismus, den eine unabhängige Historikerkommission erstellt hat: "Es geht um die Frage, warum gerade im deutschen Ernährungsministerium der Nachkriegszeit unter den leitenden Beamten ein besonders hoher Anteil an ehemaligen Parteigenossen der NSDAP und ehemaligen SS-Mitgliedern beschäftigt war - im Jahr 1959 wies man das Allzeithoch aller Bundesministerien aus. ... Noch 1984 wurde mit Walther Florian ein ehemaliger SS-Mann und Angehöriger der 'Kampfgruppe Fegelein' trotz Protesten der jüdischen Opferverbände zum Staatssekretär berufen, der in dem bei seinem Eintritt ins Ministerium eingereichten Lebenslauf seine einstige SS-Mitgliedschaft 'vergessen' hatte. Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte des Hauses war von ihm nicht zu erwarten."

Ebenfalls in der NZZ porträtiert Judith Leister Hugo Marcus vor, einen homosexuellen deutschen Juden, der in den 1930er Jahren zum Islam konvertierte: "Der philosophische Zugriff, mit dem Hugo Marcus den Islam adaptierte, ist ebenso originell wie synkretistisch. Wie viele Aufklärer, insbesondere Lessing, deutete Marcus den Islam als universalistische Toleranzreligion. Von einer Massenkonversion erhoffte sich der Kulturkonservative eine lichtere Zukunft für Deutschland. Den 'Olympier' Goethe, Autor des 'West-östlichen Divans' und der 'Mahomet'-Gedichte, präsentierte er als Schlüsselfigur eines europäischen Islam. Aus Goethes Äußerungen zur Religion las er 'die Worte eines echten Moslems' heraus. Und nicht nur das. Marcus, der seine Homosexualität eher zu verbergen suchte, erblickte in Goethes Leben und Werk ein Vorbild für homosexuell gefärbte Männerbünde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2020 - Geschichte

Arno Widmann liest in der FR Brendan Simms' Hitler-Biografie und kann dessen Thesen einiges abgewinnen: "Die Propaganda des seit Herbst 1919 überaus erfolgreichen Redners erst der Deutschen Arbeiterpartei, dann der aus ihr hervorgegangenen NSDAP, richtete sich - das ist eine der zentralen Beobachtungen von Simms - gegen Großbritannien und die USA. Der frühe Antisemitismus Hitlers war ein Antikapitalismus. Es ging gegen 'den Tanz ums goldene Kalb' in Berlin und an der Wall Street."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2020 - Geschichte

Nach dem Besuch einer Ausstellung über den polnischen Offizier und Widerständler Witold Pilecki im Berliner Pilecki-Institut, die auch die deutschen Besatzung im Osten Europas thematisiert, bekräftigt Jens Bisky in der SZ die Forderung nach einem Mahnmal für die Millionen ermordeten Osteuropäer (unsere Resümees): "Im Juni haben die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und das Deutsche Polen-Institut Darmstadt einen Vorschlag veröffentlicht, verschiedene Initiativen zusammenzuführen. Vorgesehen ist ein Gedenkort, ein Denkmal, zur Erinnerung an den 1. September 1939, den Beginn des Weltkriegs, die polnischen und anderen Opfer der Besatzungsherrschaft. Ein Dokumentationszentrum soll, so heißt es, 'umfassend und vergleichend die deutsche Okkupation fast des gesamten Kontinents darstellen'. Bildungseinrichtungen sollen sich einzelnen Opfergruppen, Polen, Ukrainern, Weißrussen, Russen widmen, sollen informieren, erinnern." Aber: "In Deutschland fragen Kritiker, ob ein solcher Gedenkort nicht eine Nationalisierung der Geschichtsbilder befördern würde, wogegen andere vor der Einebnung von Unterschieden, der Relativierung von Leid und Verbrechen in einer postnationalen Perspektive warnten."