9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2023 - Geschichte

Silvia Dzubas "Untertauchen Übrigbleiben", Fotoserie, 2013. Jüdisches Museum Berlin


"Jüdisch in der DDR" ist eine Sonderausstellung im Jüdischen Museum in Berlin betitelt, die sich den Juden widmet, die meisten von ihnen Kommunisten, die nach der Shoah in die DDR zogen. Ein Zuckerschlecken wurde es nicht gerade, berichtet Klaus Hillenbrand in der taz. "Der Stalinismus triumphierte, und mit ihm ein staatlicher Antisemitismus, der jeden und alles verdächtig machte. Kontakte nach Israel? Ein West-Agent, vielleicht gar Zionist! Hilfspakete aus den USA empfangen? Gewiss ein Ami-Spion. ... Hunderte Jüdinnen und Juden flohen damals zur Zeit der Slansky-Prozesse aus der DDR in den Westen. Jüdische SED-Mitglieder beschuldigten andere Juden bei der Stasi aufgrund von Nichtigkeiten 'verbrecherischer Verbindungen' zu Imperialisten, wohl wissend, welche furchtbaren Folgen dies haben konnte. Man kann das heute alles in Stasi-Akten nachlesen. An diesem Punkt wirkt die Berliner Ausstellung ein wenig weichgespült. Tatsächlich galt jüdisches Leben in der DDR auch als ein permanenter Verdachtsfall für die Staatssicherheit, die die wenigen Gemeinden und ihre Mitglieder durchleuchtete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2023 - Geschichte

In der FAZ erinnert Benjamin Loy an den Militärputsch in Chile vor fünfzig Jahren. Augusto Pinochet wollte damals nicht nur die Politik, sondern die ganze Gesellschaft mitsamt der Kultur nach rechts rücken, erzählt er mit Verweis auf die Veröffentlichung bislang unbekannter Dokumente durch den Investigativjournalisten Juan Cristóbal Peña. Schon ein halbes Jahr nach der Machtübernahme "lief die Umsetzung dessen, was der Ideenhistoriker Luis Errázuriz einmal als den 'ästhetisch-politischen Putsch' in Chile bezeichnet hat, bereits auf Hochtouren. Neben öffentlichen Bücherverbrennungen gleich zu Beginn des Terrors zerschlugen die Militärs als Erstes den unter Allende zum wichtigsten Kultur- und Propagandainstrument ausgebauten Staatsverlag Quimantú - und setzten ihrerseits im Kampf um die Köpfe des Volkes auf eine neue, stramm nationalistische Kulturpolitik... Die Militärs und der mit Gramsci vertraute Pinochet im Besonderen hatten früh die elementare Bedeutung jener Form von Metapolitik verstanden, die Allende von links über Jahre so erfolgreich betrieben hatte."

Arno Widmann erinnert in der FR daran, welche ungeheure symbolische Bedeutung der Wahlsieg Allendes und dann der Putsch gegen ihn für die westliche Linke hatte: "Erstmals hatte es ein sozialistischer Kandidat mit einem sozialistischen Programm in einem lateinamerikanischen Land geschafft, Wahlen zu gewinnen. Gegen massiven inneren und äußeren Widerstand. Das war etwas ganz anderes als Fidel Castros Putsch von 1959 auf Kuba. Chile zeigte: Es gab einen parlamentarischen Weg zum Sozialismus. Die Macht musste nicht aus den Gewehrläufen kommen."

In Chile hat auch fünfzig Jahre danach keine Aufarbeitung dieser Ereignisse stattgefunden, meint Soziologe Jorge Saavedra im FR-Interview mit Klaus Ehringfeld. "Was wir heute sehen, ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen unheilvollen Politik des Verdrängens des Gedenkens. Die Mitte-links-Regierungen nach der Diktatur haben die Erinnerungen an den Putsch ausgelöscht. Die Menschen, die heute ultrarechts wählen, tun dies nicht unter Bezugnahme auf die Diktatur; das ist für die meisten von ihnen keine Referenz mehr. Der Aufschwung der Ultrarechten erklärt sich als lokales und globales Phänomen. Das Lokale ist der Anstieg der Kriminalität, die Präsenz der Drogenkartelle in einem Land, wo beides weitgehend unbekannt war. Und für das Globale genügt der Blick nach Argentinien, Brasilien oder auch in die USA, wo ultrarechte Politiker und Kandidaten Erfolg haben."

Außerdem: In der FAZ erinnert Birgit Aschmann an den Militärputsch Miguel Primo de Riveras in Spanien vor 100 Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2023 - Geschichte

Die taz bringt ein mehrseitiges Special zum fünfzigsten Jahrestag des Putsches in Chile (finanziert offenbar von der Rosa-Luxemburg-Stiftung), hier das Editorial von Michael Sontheimer. Beeindruckend ein Gespräch, das Sophia Zessnik mit der forensischen Anthropologin Daniela Leiva führt, die die die von der Diktatur hinterlassenen Massengräber untersucht und ihre Motivation so erklärt: "Im Zuge meines Studiums habe ich zudem an Ausgrabungen von Massengräbern aus dem Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie wichtig diese Arbeit ist. Die Kinder der Verschwundenen waren teilweise schon tot oder sehr alt, also haben die Enkel*innen weiter nach ihren Verwandten gesucht. Das Verschwindenlassen von Menschen ist eine gezielte Foltertechnik, die eine Familie derart entwaffnet, dass das hinterlassene Trauma über Generationen hinweg vererbt wird. Gibt es eine verschwundene Person in der Familie, zerbricht die Familienstruktur für immer."

Pascal Bruckner schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die (extrem putinophile) Russland-Historikerin Hélène Carrère d'Encausse, eine schillernde Person, lange Zeit "ewiger Sekretär" (sie wollte nicht gendern!) der Académie française und nebenbei Mutter des Autors Emmanuel Carrère. Der dunkle Fleck in ihrer Familie war ihr Vater Georges Surabischwili, der nach dem Krieg als Kollaborateur hingerichtet wurde. Carrère hat ein Buch darüber geschrieben und über die Zerknirschung seiner Mutter, als die Geschichte wieder hochkam: "Das nationale Trauma in Frankreich ist heute mehr denn je nicht der Kolonialismus, der die Angelegenheit einer Minderheit war, sondern die Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs, die zur Demütigung nach der Niederlage im Juni 1940 noch hinzukam. Es gibt keine Familie, in der diese Zeit nicht zu Zerwürfnissen geführt hat, und die Résistance, obwohl sie nur eine Minderheit darstellt, bleibt der Gründungsmythos der Republik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2023 - Geschichte

Das Olympia-Attentat von München ist mittlerweile 51 Jahre her - und noch immer gibt es kaum Aufklärung zu diesem düsteren Kapitel der alten Bundesrepublik. Aus Anlass des fünfzigsten Jahrestags wurde letztes Jahr ein achtköpfiges Forscherteam zusammengestellt, vier deutsche, drei israelische und ein britischer Historiker, berichtet der Journalist Joachim Mölter in der SZ. Die Historiker haben sich jetzt in München getroffen. Zur Aufarbeitung "sei der Zugang zu vielen bislang unter Verschluss gehaltenen Akten, Asservaten und Dokumenten nötig," die bisher noch aufwendige Klassifizierungen erfordern. Die Forscher wollten vor allem "den Austausch der Nachrichtendienste vor den Spielen, die Netzwerke und Unterstützer der Terroristen, die Auswirkungen des Anschlags auf die politischen Beziehungen der Bundesrepublik zu Israel und zu arabischen Ländern. Auch die ablehnende Haltung von Bundesrepublik und Freistaat Bayern, was Anliegen der Hinterbliebenen betraf, 'verdient eine eigene Analyse'". "Was gibt's da noch zu verheimlichen?", fragt der Forscher Shpiro abschließend.
Stichwörter: Olympia

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2023 - Geschichte

In der taz erinnert Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, an das Osloer Abkommen, das vor dreißig Jahren zwischen dem israelischen Premierminister Jitzchak Rabin und dem PLO-Chef Jassir Arafat geschlossen wurde. Damals sah es kurz so aus, als könnten sich beide Seiten auf Kompromisse einigen. Aber es sah eben nur so aus: "Lange vor dem offensichtlichen Scheitern des Oslo-Prozesses haben viele prominente Fatah-Führer sich dazu hinreißen lassen, ihr eigentliches Ziel auszuplaudern. Berühmt geworden ist die Formulierung von Faisal el-Husseini, einem der wichtigsten, stets zum 'moderaten' Flügel gerechneten PLO-Vertreter, der die Oslo-Vereinbarungen als 'trojanisches Pferd' bezeichnete, das die Palästinenser durch ihre Zustimmung zu den Verträgen in die israelische 'Festung' hineingeschmuggelt hätten und durch das man langfristig die 'Befreiung ganz Palästinas' erreichen werde. Arafat stellte klar, dass er das Abkommen mit Israel ganz im Sinne jener schon von Mohammed mit einem verfeindeten Stamm geschlossenen zehnjährigen Hudna verstehe, also einer zeitlich begrenzten Waffenruhe, die nicht auf Frieden abzielt, sondern der Konsolidierung der eigenen Kräfte dient, um den bewaffneten Kampf gegen den Feind erneut aufzunehmen. 1996 huldigte Arafat dem Chefbombenbauer der Hamas, Yahya Ayyash, und die von der Fatah kontrollierten Medien verbreiteten die gesamten 1990er Jahre hindurch antisemitische Propaganda, die mit Ausbruch der Zweiten Intifada nochmals intensiviert wurde und jener der Hamas und anderer Islamisten in fast nichts nachstand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2023 - Geschichte

Der Historiker Stephan Malinowski ist bekannt geworden durch seine Studien über die Hohenzollern und den Nationalsozialismus, aber er hatte sich zuvor als Historiker schon mit postkolonialen Infragestellungen befasst, lange bevor diese Debatte in der breiten Öffentlichkeit angekommen war. Sein Aufsatz "Der Holocaust als 'kolonialer Genozid'? Europäische Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Vernichtungskrieg" in Geschichte und Gesellschaft 2007, verfasst zusammen mit Robert Gerwarth, gehört zu den wichtigsten Texten in der Debatte. Heute kommt Malinowski in der FAS auf die Dirk-Moses-Debatte zurück (mehr hier und hier). Anlass ist ein bei Matthes & Seitz erschienenes Bändchen, in dem Moses seine Thesen nochmal resümiert. Malinowski versucht, Moses Begriff der "dauerhaften Sicherung" auf die Spur zu kommen, den dieser aus der Aussage eines Nazimörders bei den Nürnberger Prozessen destilliert hatte. Der Mörder hatte gesagt, man habe Kinder umgebracht, um sich vor der Rache der Nachfahren zu schützen. Solche "dauerhafte Sicherung" sei nun das Kennzeichen aller Völkermorde vom Holocaust bis zum "Krieg gegen den Terror", den Moses ernstlich einzureihen scheint. Malinowski reagiert einigermaßen fassungslos auf diese Konstruktion Moses': "Die Behauptung, Täter hätten sich vor allem in einer Art Gefahrenabwehr gesehen, müsste noch gegen den Forschungsstand durchgesetzt werden. Die Krankenmorde im Rahmen der T4-Aktion, die Ermordung der Sinti und Roma, die Jagd auf jüdische Kleinkinder auf Rhodos, in Amsterdam oder Bordeaux, ihr Transport quer durch Europa an Orte, deren einziger Zweck in der Ermordung der größtmöglichen Zahl einzelner Menschengruppen bestand, die Entkoppelung der Mordprozesse von militärischer und ökonomischer Logik - all das lässt sich damit nicht verbinden."

Moses' Büchlein sei im Ton relativ gemäßigt, merkt Malinowski an, was daran liege, dass Moses seine Israel-Fixierung in einem zweiten Text ausbreite, einem Aufsatz in Jürgen Zimmerers demnächst erscheinenden Band "Erinnerungskämpfe - Neues deutsches Geschichtsbewusstsein", in dem Moses nun gleich fünf deutsche Obsessionen in Bezug auf den Holocaust herausarbeiten will.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2023 - Geschichte

Ukrainische Schriftsteller ließ Stalin am 3. November 1937 gesondert hinrichten, erinnert Ulrich M. Schmid in der NZZ. Erlebte die ukrainische Sprache unter Lenin noch einen Aufbruch, war damit unter Stalin schnell Schluss: "mit der Konsolidierung von Stalins Macht begann sich das Zeitfenster für die kulturelle Autonomie in der Ukraine zu schließen. Stalin warnte den Chef der ukrainischen KP Kaganowitsch in einem Brief vom April 1926 vor den Folgen einer übertriebenen 'Einwurzelungspolitik' der bolschewistischen Herrschaft in den nichtrussischen Republiken." Ukrainische Schriftsteller wurden 1937 auf die Solowki-Inseln im Weißen Meer deportiert und dort hingerichtet. "Nun könnte man glauben, dass die Entdeckung von Sandarmoch den Weg für eine Aufarbeitung frei machen würde. Nicht so in Russland. Im Jahr 2016 behaupteten zwei Geschichtsprofessoren der Universität Petrosawodsk, dass sich in den Massengräbern von Sandarmoch sowjetische Kriegsgefangene befänden, die von finnischen Soldaten hingerichtet worden seien." Der Entdecker der Gräber, Memorial-Aktivist Dimitriew, sitzt mittlerweile im Gefängnis. 

Ist Österreich Russlands "nützlicher Idiot" in Europa? Und ob, meint Meret Baumann in der NZZ. Allen sind die Bilder der österreichischen Außenministerin im Kopf geblieben, die mit Putin auf ihrer Hochzeit tanzt. Oder der "verheerende" Besuch von Kanzler Nehammer in Moskau vor gut einem Jahr - wo er nichts erreichte, außer dem Bild eines geeinten Westens zu schaden. Gründe für Österreichs "Neutralität" sieht Baumann in der Geschichte des Landes: Neutralität war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs "der Preis, den Moskau für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit verlangte. Österreich entging so einem Schicksal hinter dem Eisernen Vorhang. Es begann ein rascher und nachhaltiger Aufschwung, den man mit der Unabhängigkeit und der Neutralität verband, die, obwohl auferlegt, identitätsstiftend wurde. Im Verhältnis zu Russland bedeutete das zum einen eine gewisse Dankbarkeit, hatte man mit Moskau doch stärker um die Souveränität ringen müssen als mit den westlichen Alliierten." Die Zeiten sind allerdings vorbei - man muss nicht jeden auf seiner Hochzeit tanzen lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2023 - Geschichte

Der in Deutschland lehrende belarussische Historiker Alexander Friedman erzählt in der taz, wie Wladimir Putin und einige ihm ergebene Historiker den Hitler-Stalin-Pakt in den letzten Jahren immer mehr als einen Sieg der Sowjetunion, sozusagen eine diplomatische Finesse Stalins, darstellten - in den von den Historikern betreuten Schulbüchern wird der Pakt inzwischen genau so gedeutet. "Und das Zusatzprotokoll, die Aufteilung Polens, die Annexion der baltischen Staaten und Bessarabiens, der Winterkrieg gegen Finnland? Sicherheitspolitische Notwendigkeit und Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit."

Die Schweiz streitet um ihren Nationalfeiertag, berichtet Urs Hafner in der FAZ. Die Wilhelm-Tell-Mythen, um die sich der bisherige 1. August rankt, scheinen nicht mehr recht zu funktionieren. Deshalb wird der 12. September vorgeschlagen, der Geburtstag der Verfassung von 1848. Doch auch dieser Bezug hat seine Tücken, so Hafner: "1848 war die direkte Demokratie, welche die DNA des Landes ausmache, wie alle politischen Lager zu bekräftigen nicht müde werden, kein Thema. Sie wurde erst später auf Druck der Linken wie der Konservativen eingeführt, zuerst in den Kantonen. Mehr als in einem sagenumwobenen Mittelalter liegen die Wurzeln der direkten Demokratie im französischen Frühsozialismus, der von Schweizer Intellektuellen aufgegriffen wurde. Das hört man in Bundesbern nicht gern. 1848 bekämpften die liberalen Eliten die direkte Demokratie. Sie fürchteten nicht nur den Einfluss des ungebildeten Pöbels, sondern auch um ihre Privilegien."

Außerdem: Der Historiker und Philosoph Konstantin Sakkas spaziert für die NZZ durch Kopenhagen auf den Spuren von Bohr, Kierkegaard und Thorvaldsen. In 15 Bänden legen Historiker die Frühgeschichte des BND vor. "Pointiert zusammengefasst" sind darin die Erkenntnisse über den politischen Einfluss des Dienstes in der Adenauer-Zeit, legt der Historiker Jost Dülffer auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ dar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2023 - Geschichte

Bewegt kommt Jörg Häntzschel (SZ) aus der neuen Dauerausstellung im Pariser Museum der Geschichte der Einwanderung - dem ehemaligen Pariser Kolonialmuseum, die ihm weniger von Migrationsproblemen als allgemein von Frankreichs Bevölkerungspolitik erzählt und daran erinnert, dass Einwanderung einst als Instrument eingesetzt wurde, "um das Land durch Blütezeiten und Durststrecken zu steuern. Als Ende des 19. Jahrhunderts im Norden Arbeiter in den Bergwerken fehlten, heuerte man sie in Polen an. Bald darauf kamen Zehntausende von Italienern und Portugiesen aus ihrer noch bäuerlichen Heimat nach Frankreich und machten den märchenhaften Aufstieg der Industrienation erst möglich." Die Einwanderer der späteren Generationen fanden aber schon andere Verhältnisse vor: "Nach dem Ende des Booms der Zwanzigerjahre werden sie ... immer öfter angefeindet und rassistisch diskriminiert. Bis zu ihrer wirklichen Ankunft durch die Einbürgerung oder der, wie es so vielsagend heißt, 'Naturalisierung', vergingen oft halbe Leben. Zwei staatliche Interessen kollidierten bei dieser ewig umkämpften Frage des Einbürgerungsrechts. Einerseits wollte man den Einwanderern die Staatsbürgerschaft so lange wie möglich verwehren, andererseits brauchte man sie zum Kriegsdienst, was deren Einbürgerung voraussetzte. Frauen waren übrigens erheblich schlechter gestellt als Männer, und nicht nur die eingewanderten Frauen: Heiratete eine Französin einen Nichtfranzosen, verlor sie bis 1927 ihre französische Staatsangehörigkeit."

Der Osteuropahistoriker Fabian Baumann hat diese Woche sein Buch "Dynasty Divided. A Family History of Russian and Ukrainian Nationalism" veröffentlicht, in dem er am Beispiel der Kiewer Intellektuellendynastie der Schulgins und Schulhins zeigt, wie der Aufstieg des Nationalismus im 19. Jahrhundert die gebildeten Eliten der Ukraine spaltete. Schulhin und Schulgin ist zweimal derselbe Name, einmal ukrainisch, einmal russisch ausgesprochen, erklärt er heute in der NZZ. Die einen verstanden sich als national orientierte Ukrainer, die anderen als zaristische Russen: "Die Entscheidung für Russland oder für die Ukraine hatte Konsequenzen. Während der Staat den ukrainischen Nationalismus rücksichtslos unterdrückte, standen russischen Nationalisten alle Möglichkeiten offen. Dies galt auch für die folgende Generation. Da alle Nationalisten die Nation als ein Kontinuum in der Zeit betrachteten, war die Weitergabe der Nationalkultur an ihre Kinder eine ihrer wichtigsten Aufgaben."

"Wieso hat Israel keine Verfassung, die in den meisten Demokratien die Macht einhegt und austariert sowie die Minderheit vor der Mehrheit schützt?", fragt Josef Joffe ebenfalls in der NZZ: "Den israelischen Sündenfall darf man ausgerechnet dem Gründervater David Ben-Gurion ankreiden - einem braven Sozialdemokraten. Gegen Ende des Unabhängigkeitskrieges 1949 dozierte er weitschweifig, warum er keineswegs eine Verfassung wolle. In seiner Notlage - Krieg, Masseneinwanderung, Armut - könne Israel sich keine Verfassung leisten, welche den Gewalten wie in Amerika 'checks and balances' aufzwinge. Man möge sich vorstellen, so der erste Ministerpräsident, dass 'sieben Richter verbieten, was die Nation will'. Mehrheit ist Mehrheit: 'Wenn sie ein schlechtes Gesetz verabschiedet, ist das immer noch besser als die Herrschaft der Minderheit.' Eine brutale Polemik, welche den Schwächeren ein angebliches Machtmonopol zuschanzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2023 - Geschichte

Im FR-Gespräch mit Peter Riesbeck erzählt der Historiker Kai-Ove Kessler, der gerade eine Geschichte des Lärms veröffentlicht hat, wie Lärm auch als Mittel der Gewaltherrschaft eingesetzt wurde: "Der Lärm der Diktatur schüchterte die Menschen nicht nur ein, er verschmolz sie weitgehend auch zu einer verschworenen Gemeinschaft. Wer laut redet und alle anderen übertönt, hat Recht. Die Nazis setzten ganz bewusst auf den plärrenden Rundfunk und die Lärmkulisse der Reichsparteitage und Aufmärsche. (…) Durch die schiere Gewalt des Klangs schüchterten schon die Römer ihre Gegner ein. Legionäre schlugen vor der Schlacht mit den Schwertern auf ihr Schild und brüllten im Takt. Bei etwa 5000 Mann einer römischen Legion ein durchaus furchterregender Klang. Das signalisierte dem Gegner: Lauft weg, solange ihr noch könnt."
Stichwörter: Kessler, Kai-Ove, Lärm