Es kommt nicht darauf an, die
Gewalt zu verurteilen, sondern sie zu verstehen, schreibt der bekannte linke Schriftsteller
Edouard Louis in einem viel kommentierten
Artikel für
Libération: "Es ist nicht eine Frage der Moral: Es geht nicht darum, ob das, was sie tun, richtig oder falsch ist. Es ist eine
Frage der Politik: Warum tun sie es, und was sagen ihre Taten über den Zustand Frankreichs und die soziale Gewalt von heute aus? Was sagen uns diejenigen, die randalieren - manchmal wider Willen -, über die Vernachlässigung bestimmter Bevölkerungsschichten, über Leben, die auf Ausgrenzung und Gewalt reduziert sind?"
Auf diesen Artikel antwortet in
Le Point der Reporter Saïd Mahrane. Louis reduziere die Plünderer zu
Marionetten ihrer Gewalterfahrung, dabei sei er, Louis, das lebende Gegenbeispiel: "Edouard Louis fragt sich: 'Inwiefern führen Leid und soziale Gewalt dazu, dass manche Menschen keine andere Sprache mehr kennen als die der Gewalt?' Es ist verblüffend festzustellen, dass diese Frage von einem Mann stammt, der durch Schule, Lesen und literarisches Schaffen
einen sozialen Aufstieg erlebt hat. Hat er, Edouard Louis, der Jugendliche aus der Picardie, der wegen seiner Homosexualität ausgegrenzt wurde und darunter litt, dass seine Eltern in ihrer bescheidenen Lebenssituation feststeckten, jemals ein
Rathaus in Brand gesteckt, ein Geschäft verwüstet oder Schaufenster geplündert?"
In einem Fernsehinterview
äußerte sich Louis übrigens noch um einiges klarer: "Ich finde diese Gewalt
absolut legitim. Ich bin dafür, die Straßen von Paris in Brand zu stecken, dass man die Sachen kaputt macht. Denn das System muss verändert werden. Politik machen heißt,
Blut an den Händen zu haben oder nicht. Es gibt keine große Revolution ohne Ausschreitung. Man hat Königreiche schleifen können, weil es Ausschreitungen gab und weil das leider
die einzige Art ist, um von der Macht wahrgenommen zu werden."
Auch Edouard Louis' Freund und Kampfgefährte
Didier Eribon ist zu dezidierten Äußerungen in der Lage. Der linke jüdische Politiker
Jérôme Guedj hat die Szene auf Twitter
aufgezeichnet - inklusive Video. Als sich Guedj mit einem Freund auf der Straße unterhält, wird ihm zugerufen "
Hau ab,
Du Arsch." Guedj fällt aus allen Wolken, als er Eribon als Urheber dieser Äußerung erkennt: "Nach der ersten Fassungslosigkeit weigere ich mich, zuzulassen, dass Straflosigkeit Einzug hält. Ich steige auf mein Fahrrad, hole ihn ein und spreche ihn ironisch und bestimmt an: 'Herr Eribon, gehen Sie so mit
Meinungsverschiedenheiten um?'" Dieser antwortet laut Guedj "mit erbärmlicher Überheblichkeit: 'Ja, ich bin Didier Eribon,
ich bin weltberühmt und Sie sind ein dreckiger Arsch.'" Und Eribon fährt fort: "'Aber mein Leben ist großartig! Heute Abend esse ich mit meiner Freundin Annie Ernaux zu Abend, der Literaturnobelpreisträgerin... 'Ich hätte Ihnen auch sagen können, und tue es auch: Verschwinden Sie,
Sie dreckiger Zionist!' 'Nur zu', antwortete ich ihm. 'Versuchen Sie es doch, das richtige Wort liegt Ihnen doch schon auf der Zunge.'"
Christine Longin
wünscht sich in der
taz ein
Bekenntnis der Republik zu den migrantischen Jugendlichen. "Ein solches Bekenntnis wäre heute dringend nötig. Stattdessen machen Rechtsextreme wie Eric Zemmour 'Horden von Barbaren aus dem Maghreb und Afrika' für die Ausschreitungen verantwortlich. Marine Le Pen, die derzeit alle Umfragen zur Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr anführt, geißelt eine 'anarchische Einwanderung'... Den Schülerinnen und Schülern aus der Banlieue haben sich inzwischen viele Altersgenossinnen und -genossen aus den besseren Vierteln der Großstädte angeschlossen.
Diese Solidarität ist neu. Sie zeigt, dass ein genereller Unmut die 18- bis 25-Jährigen erfasst. Egal ob in Neuilly oder Saint-Denis: Sie finden keine bezahlbaren Wohnungen, schlagen sich mit Zeitverträgen durch und sorgen sich ums Klima."
Der Soziologe
Fabien Truong wundert sich nicht über die Gewalt bei den Schülerdemos in Frankreich. Gerade die ärmeren Schüler würden in einem
permanenten Ausnahmezustand leben, erzählt er im Interview mit dem
Tagesspiegel: "Zusammen mit meinem Kollegen Jérôme Truc habe ich zehn Jahre lang in
Grigny recherchiert, der
ärmsten Stadt Frankreichs. Bei vielen Menschen in prekären Verhältnissen geht es täglich darum, etwas zu essen zu bekommen und eine Arbeitsmöglichkeit zu haben. In den Schulen ist es ähnlich. Tag für Tag geht es darum: Habe ich heute
einen Lehrer oder nicht? Habe ich Tische? Habe ich einen Stuhl? Es geht immer nur um das
Überleben im Hier und Jetzt. Das nennen wir 'permanenten Ausnahmezustand'. Die Beziehung zur Zukunft ist in gewisser Weise ausgelöscht. Dazu kommen die Klimakrise, die geopolitische Unsicherheit und vieles mehr. Es entsteht ein enormer Druck, ähnlich wie in einem Schnellkochtopf."
In der
FAZ erklärt die von Lena Bopp befragte Historikerin
Hélène Miard-Delacroix, wie das
französische Wahlsystem mit seiner Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten die Sache noch zuspitzt: "Das Land polarisiert sich, weil das Wahlsystem das tendenzielle Schrumpfen des sozialliberalen Mittelfelds und die Polarisierung verschlimmert. Das macht es auch für das mittlere Feld, das vom sozialdemokratischen Raphaël Glucksmann bis zum stramm konservativen Bruno Retailleau reicht, schwierig, überhaupt ein
gemeinsames Projekt zu entwickeln."
Nochmal in der
taz wünscht sich Amira Klute ein bisschen mehr Eier in der Hose bei der Jugendinitiative "
Gen Z regelt", die in Deutschland für den 31. Oktober zur Demo aufruft, beflügelt von den Franzosen, aber mit klarer
Distanzierung von Gewalt. "'Gen Z regelt' will auch Leute ansprechen, die zum ersten Mal auf eine Demo gehen, die Bilder aus Frankreich gesehen haben und berechtigterweise Angst haben,
auf die Fresse zu bekommen. Dass sie sich deswegen von Gewalt distanzieren,
ist naiv, weil die Gewalt am Ende von der Polizei ausgehen wird. Gerade die Palästina-Soli-Proteste, die erst zusammengeprügelt und dann verboten wurden, sind ein Beispiel dafür, dass
friedlich bleiben nicht vor Gewalt schützt."
==========Es sind Hunderttausende
Mails der AfD durch einen Hackerangriff an die Öffentlichkeit geraten - "die Mails reichen von 2026 bis ins 2013 zurück, also tief in die Parteigeschichte",
erzählt Friedrich Kraft in der
taz. Diese Mails könnten bei einem
Parteiverbotsverfahren von Nutzen sein, so Kraft, der mit dem Anwalt Chan-jo Jun gesprochen hat: "So können interne Strategiepapiere zeigen, ob hinter öffentlichen Äußerungen eine gemeinsame politische Absicht steht. Bisher habe man Planung häufig aus dem öffentlichen Verhalten ableiten müssen, sagt er, dies sei nun anders. Hinzukommen müssen gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass die Partei mit ihrem Vorhaben Erfolg haben könnte. Bleibt die Frage, ob gehackte Mails
überhaupt juristisch verwendet werden dürfen. Jun unterscheidet dazu zwischen Strafverfahren und einem Parteiverbotsverfahren. Die rechtswidrige Beschaffung führe nicht automatisch dazu, dass Erkenntnisse unbrauchbar seien."
Die
Zeit hat die
Hacker kontaktiert, die die AfD-Mails geleakt haben, und mit dem Sprecher der Gruppe ein Interview geführt. Er ist nach eigenen Angaben ein in den USA lebender Ukrainer, der den Angriff mit einer zweiten Person durchgeführt hat: "Ich habe als
Softwareentwickler und Datenwissenschaftler gearbeitet. Meine Branche hat sich komplett verändert, und mein Wohnsitz bietet mir nicht mehr das, was ich mir einst davon versprochen hatte. Deshalb habe ich beschlossen, 'wirkungsvollere Dinge' zu tun. Hier in den USA sind das Justizsystem und vieles andere völlig kaputt. Und es lässt sich
nicht reparieren. Aber vielleicht ist das anderswo möglich." Möglich werden soll offenbar ein
Verbot der AfD: "Wir haben die Dateien veröffentlicht, weil wir überzeugt sind, dass es Transparenz und
öffentlicher Rechenschaft bedarf. Die Dokumente enthalten besorgniserregende Hinweise auf finanzielles Fehlverhalten, und die Öffentlichkeit hat ein Recht, davon zu erfahren.
Korruption geht alle etwas an, egal, wo man politisch steht. Wir wollten etwas tun, das laut genug ist, um wirklich eine Veränderung anzustoßen."
Der Schriftsteller
Artur Becker fragt sich in der
FR, was
die AfD und ihre Wähler eigentlich antreibt. Er weiß, wie sich frischer Wind anfühlt, und die AfD hat für ihn nichts Frisches: "Man sollte vor dem Wähler Respekt haben, man darf das Prekariat, den einfachen Menschen von der Straße, nicht beleidigen. Genau das passierte im
stalinistischen Polen und auch in den Siebzigern, als die Arbeiter wegen Brot und Freiheit auf die Straße gingen und dabei zahlreich umkamen, weil sie von den Regierungsmilizen erschossen wurden. ... Erst nach 1990 wurde deutlich, dass die
Solidarność den wichtigsten Beitrag zur europäischen Wende von 1989 geleistet hatte." Dabei war sie "keineswegs homogen. Ihre viel gepriesene Einheit ist ein Mythos - bis heute streiten Rechte, Linke und Liberale in Polen über die Deutung ihres Erfolgs. Fest steht jedoch: Lech Wałęsa und Anna Walentynowicz sind die Helden dieser Zeit. Doch man muss fragen: Welchen
kollektiven Geist repräsentiert die AfD? Was soll in Deutschland erneuert und verbessert werden? Wo zeigt sich bei der AfD jener große humanistische und freiheitsorientierte Kampfgeist der Solidarność, der Mittelosteuropa und dem Westen so viel Hoffnung gab - auch wenn die SPD in den Siebzigern und Achtzigern aus Angst vor einer Konfrontation mit der Sowjetunion nicht ihre Freundin war?"
Ein betrügerischer Fonds hat investierende
Türken um 150 Milliarden Euro gebracht. Der Skandal zieht in der Türkei weite Kreise, auch weil natürlich
Erdogans AKP an der Korruption beteiligt war. Erdogan antwortet mit bewährten Mitteln, erzählt
FAZ-Kolumnist Bülent Mumay: "Um aus der Sackgasse herauszukommen, greift Erdogan wieder einmal zur bekannten Methode. Er lässt
Journalisten bestrafen, um zu verhindern, dass Einzelheiten des Skandals an die Öffentlichkeit dringen. In erster Reihe wurden jetzt Journalisten verhaftet oder mit elektronischer Fußfessel in Hausarrest gesetzt, die Behauptungen über AKP-Mitglieder in Umlauf gebracht haben, die in den Skandal verwickelt sind. Vor wenigen Wochen war die größte unabhängige Nachrichtenplattform
T24 gesperrt worden. Letzte Woche übernahm der Staat den Nachrichtensender
Halk TV, der viel über den Fondsskandal berichtet hatte."