Der Soziologe
Richard Sennett hält den Bürgermeister von Great Manchester, der Keir Starmers Nachfolger werden könne, für einen geeigneten Kandidaten, wie er im
FR-Interview erklärt. Was den Brexit angeht, befinde sich
Andrew Burnham in einem Dilemma: "Eine große Mehrheit der Briten hat verstanden, dass der Brexit ein Fehler war. Aber politisch ist das kompliziert. Burnham kommt aus einem Wahlkreis und aus einem politischen Umfeld, das stark
pro Brexit war, vor allem in der Arbeiterklasse. Deshalb muss er seine europäische Position derzeit herunterspielen. Dabei ist er seit Jahren der Meinung, dass dieser Fehler korrigiert werden muss. Die Briten wissen inzwischen, dass das Referendum
ein historischer Irrtum war." Farage sei "ein sehr interessanter Fall. Er hat das Thema Migration dramatisiert. Er will im Grunde eine Politik nach Trump-Art: die Entfernung von Ausländern, eine Rückkehr zu einer weißen Mehrheitserzählung. Das ist der Widerspruch: Viele Briten wollen
irgendwie zurück nach Europa, aber sie wollen nicht unbedingt die Fremden, die zu Europa gehören. Farage lebt von diesem Rassismus. Aber ich glaube, seine Bewegung könnte auch wieder kollabieren."
Im
Guardian ist Rafael Behr
enttäuscht, dass Andrew Burnham eine
Rücknahme des Brexits bereits ausgeschlossen hat. Die Briten müssten endlich ihre nationale Probleme in den globalen Kontext stellen, statt auf Einwanderer und Sozialhilfeempfänger zu schielen: "Kein einzelnes Land kann den beiden Spitzenreitern (China und die USA) in Bezug auf Wirtschaftskraft und technologischen Fortschritt das Wasser reichen. Europa ist ein Anwärter, aber nur, wenn es den kollektiven Reichtum des Kontinents durch strategisch ausgerichtete Investitionen
bündelt. Großbritannien kann sich entscheiden, Partner in diesem Projekt zu sein oder eine Nebenrolle zu akzeptieren. ... In seiner ersten großen Rede seit der Ankündigung am Montag, bei der Nachwahl anzutreten, sagte der Bürgermeister von Greater Manchester, der
Brexit habe Schaden angerichtet, aber auch: 'Das Letzte, was wir jetzt tun sollten, ist, diese Argumente erneut aufzugreifen'. Er versprach einen 'unerbittlichen Fokus auf innenpolitische Themen', um 'unser eigenes Land in Ordnung zu bringen'. Ein
solcher Provinzialismus ist unter den gegebenen Umständen verständlich, aber dennoch entmutigend in einer Rede, die ansonsten nachdenklich die Ursachen der wirtschaftlichen Dysfunktion Großbritanniens beleuchtete."
Eine "
Antisemitismus-Epidemie" ist in
Großbritannien ausgebrochen, warnt Nicholas Potter in der
SZ. Bands wie Kneecap feiern riesige Erfolge mit antisemitischer Propaganda, die Gruppe Palestine Action verübt Anschläge auf jüdische Geschäfte und hat Unterstützung von prominenten Namen wie der
Schriftstellerin Sally Rooney. In der Politik ist es nicht besser: Bei Reform UK kursieren Verschwörungstheorien von Juden als Teil "einer 'globalistischen' jüdischen Elite, die die Medien kontrollierten und für illegale Immigration verantwortlich seien." Von links "sorgt die Green Party, die in Umfragen mit um die 15 Prozent im historischen Aufwind ist und ihre Mitgliederzahl seit September mehr als verdreifacht hat, für einen Antisemitismus-Skandal nach dem anderen, obwohl der aktuelle Chef Zack Polanski, ein umstrittener Populist,
selbst jüdisch ist. Vor den Lokalwahlen im Mai, bei der die Greens fünf Gemeinderäte sowie zwei Bürgermeisterposten gewannen, ermittelte die Partei gegen
dreißig ihrer eigenen Kandidatinnen und Kandidaten wegen Antisemitismus. Einer rief in den sozialen Medien dazu auf, 'jeden einzelnen Zionisten' zu töten."
In der
Welt porträtiert Martina Meister den französischen Milliardär und Medientycoon
Vincent Bolloré, dem die Adjektive "rechtsextrem", "erzkatholisch" und "antisemitisch" zurecht angeheftet werden: "Der Kulturkampf tobt in Frankreich und er wird umso schonungsloser und brutaler geführt, je näher die
Präsidentschaftswahlen rücken. Und die 'Bollosphäre', wie die Franzosen das Imperium des Medienmilliardärs mit seinen Satelliten aus Journalisten, Autoren und Politikern nennen, hat Position bezogen: Sie will den
Sieg der Rechten und den einer gemäßigten Partei der Mitte
verhindern. Noch bei den letzten Präsidentschaftswahlen hat Bolloré den rechtsextremen Kandidaten
Eric Zemmour unterstützt", heute setze er auf den Rassemblement National (RN). "Unter Führung der Le-Pen-Tochter erschien ihm der RN lange zu gemäßigt und vor allem bei Gesellschaftsthemen wie Abtreibung zu liberal. 'Bolloré zieht zweifellos
Jordan Bardella Marine Le Pen vor', analysiert Alain Minc, der in Frankreich als graue Eminenz gilt und die politische Szene versteht wie kaum ein anderer. 'Bolloré spricht derjenigen, die ihren Vater verleugnet und den RN dazu gebracht hat,
gegen den Antisemitismus zu demonstrieren, keinerlei Verdienste zu', fährt Minc fort."