Bei der traditionellen Militärparade auf dem Roten Platz
zum 9. Mai handelte es sich um eine eher klägliche Angelegenheit,
berichtet unter anderem Vera Bessanova in der
taz: Lange Zeit war unklar, ob sie überhaupt abgehalten werden konnte, man hatte Angst vor
ukrainischen Drohnen. "Unter Trumps Vermittlung einigten sich Moskau und Kyjiw schließlich kurzfristig auf eine
dreitägige Waffenruhe vom 9. bis 11. Mai. Auf seiner Online-Plattform Truth Social erläuterte Trump, dies stehe in Verbindung mit dem Tag des Sieges. Der werde nicht nur in Russland gefeiert, sondern auch in der Ukraine, die schließlich auch einen entscheidenden Beitrag im Zweiten Weltkrieg geleistet habe. Vereinbart wurde zudem ein weiterer Austausch von je tausend Kriegsgefangenen. Am Sonntag jedoch warfen sich beide Länder gegenseitig bereits den Bruch der Waffenruhe vor. Selenski erlaubte sich einen
scherzhaften Seitenhieb gegen den Aggressorstaat Russland. In einem gesonderten Erlass erklärte er, dass er aus '
humanitären Gründen' beschlossen habe, 'die Durchführung einer Parade in Moskau am 9. Mai 2026 zu genehmigen'." Über die Gedenkfeierlichkeiten in
Odessa berichtet Marco Zschieck.Dominic Johnson
blickt in der
taz auf die
Kommunalwahlen in Britannien zurück, bei denen vor allem die
Rechtspopulisten von Reform UK und die
linkspopulistischen Grünen gewannen. Beide Parteien sind nicht unbedingt gesellschaftsfähig: "In Lambeth, eine traditionelle Londoner Labour-Hochburg, gibt es nun mit Saiqa Ali eine grüne Kommunalrätin, die erst vor zwei Jahren ein Bild von der Erde im Würgegriff einer
in die Flagge Israels gehüllten Schlange gepostet haben soll und während ihres Wahlkampfs unter dem Vorwurf von Rassenhass festgenommen wurde. Bei Reform UK finden sich unter den Wahlsiegern ebenfalls dubiose Figuren. Zu den neu gewählten Reform-Stadträten in Sunderland zählt Glenn Gibbins, der vor zwei Jahren auf X schrieb 'Unglaublich, die
Anzahl von Nigerianern in der Stadt, sollte man alle einschmelzen und damit Schlaglöcher füllen.' Er wurde jetzt von der Partei suspendiert."
"Die Zeiten, in denen man die
regionalen Nationalismen in London als vorübergehende Phänomene betrachten konnte, die verschwinden, wenn man nur lange genug die Augen verschließt" sind vorbei, kommentiert Niklaus Nuspliger in der
NZZ: "Nach den jüngsten Wahlen werden nun erstmals in allen drei Regionen Parteien die Regierung führen, die entweder offen
eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich oder zumindest Distanz zu England propagieren. (...) Dass der Separatismus in den britischen Regionen erstarkt, hat mehrere Gründe. Die Engländer machen 84 Prozent der britischen Gesamtbevölkerung aus. Nicht zu Unrecht haben
Schotten, Waliser und Nordiren den Eindruck, ihre Prioritäten seien in Westminster zweitrangig. Zudem stößt die Renaissance gälischer und walisischer Sprache und Kultur auf einen Zentralstaat, der zunehmend dysfunktional wirkt. Für immer mehr Nordiren erscheint das boomende Irland inzwischen attraktiver als das kriselnde Großbritannien."
Der ungarische Historiker
Ferenc Laczó erklärt im Interview mit Claus Leggewie in der
FR, was die Tisza-Partei jetzt tun muss, um Ungarn aus der Krise zu holen: "Alles auf einmal, ein
rendszerváltás (Systemwechsel). Die Rechenschaftspflicht in einem korrupten System herstellen, führende staatsabhängige Oligarchen vor Gericht stellen, die Medien wieder unabhängig machen, das Wahlrecht verändern, eine Verfassungsreform einleiten, und vor allem die vergiftete politische Kultur des Landes umfassend demokratisieren. (...) Damit auch wieder die linken und liberalen Kräfte zum Ausdruck kommen. Außenpolitisch muss Magyar die
russische Unterwanderung beenden und die Ukraine unterstützen. Und nicht zuletzt die junge Generation, die das Land massenhaft verlassen hat, zurückgewinnen. Nur eine neue Supermehrheit kann jetzt die große Gefahr politischer Übermacht eindämmen."
Die Erinnerung an die
stalinistischen Verbrechen wird vom russischen Staat weitgehend unterdrückt. Ins Visier geraten auch Organisationen wie "Letzte Adresse", die Gedenktafeln an den Häusern von Opfern des Stalin-Regimes anbringen, erklärt Andrei Kolesnikow in der
NZZ: "Vor etwa zehn Jahren entdeckte ich mithilfe von 'Memorial' und dessen damaligem Direktor Arseni Roginski - der in der späten Sowjetzeit selber politischer Gefangener gewesen war - in den
Archiven des Schweigens die Akte meines Großvaters mütterlicherseits, David Traub. Im Jahr 1938, während des Großen Terrors, wurde er - ein bescheidener Architekt jüdischer Herkunft - ganz klassisch aufgrund einer erfundenen Anklage nach dem berüchtigten Artikel 58 von Stalins Strafgesetzbuch wegen 'konterrevolutionärer Äußerungen' verhaftet und deportiert. 1946 starb er im Alter von 53 Jahren in einem Lager nördlich des Polarkreises, wo er Zwangsarbeit verrichten musste. Im Jahr 2018 gelang es uns, im Rahmen der Aktion 'Letzte Adresse' eine Gedenktafel mit seinem Namen an dem Haus im Zentrum Moskaus anbringen zu lassen, aus dem er abgeführt worden war. Damals schien mir, nach ungezählt vielen Jahren, die Gerechtigkeit gesiegt zu haben."