9punkt - Die Debattenrundschau

Absolute Schlankheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.05.2017. Einige Artikel geben heute Aufschluss über Stand und Klima der intellektuellen Debatte in Deutschland: Alice Schwarzer erzählt in ihrem Blog, wie sie von Studentinnen als Rassistin behandelt wurde.  Thomas Schmid denkt in der taz über ein Buch von Ralf Fücks und den Bedeutungsverlust der Grünen nach. Jörg Baberowski beklagt in der NZZ eine "kulturelle Hegemonie" der Linken. Dem Freitag graut's vor der Critical Whiteness. Und die Welt meint: Auf das nagelneue Stadtschloss gehört auch ein ordentliches Kreuz.

Ideen

Was ist der Stand und vor allem das Klima in der intellektuellen Diskussion in Deutschland - herrschen schon ähnliche Tugendregeln wie in britischen oder amerikanischen Universitäten? Einige Artikel bringen heute Material zur Debatte.

Alice Schwarzer erzählt in ihrem Blog, wie sie nach einem Vortrag im Audimax der Uni Würzburg von einigen fanatisierten Studentinnen als "Rassistin" angeprangert wurde, die "alle Muslime verteufelt": "Das Phänomen ist meiner Politikgeneration wohlbekannt. In den 1968er und 1970er Jahren hießen diese Politsekten KBW oder KPDML oder Maoisten oder Trotzkisten. Ihr Diskurs war genauso verhetzt, wirklichkeitsfremd und stellvertretend (für 'das Proletariat') wie der dieser heutigen, pseudolinken Szene (für 'die Muslime'). Dieser Generation steht jedoch fatalerweise zur Verbreitung ihrer wirren Ideen auch noch das Internet zur Verfügung. Doch die Schlagworte heute lauten nicht mehr 'Internationale' und 'Klassenkampf', sondern 'Intersektionalismus' und 'Antirassismus'."

Im Gespräch mit René Scheu von der NZZ warnt der Historiker Jörg Baberowski vor der Herrschaft eines angeblich hegemonialen "linken" Diskurses, der etwa "die Tribalisierung und Ethnisierung der Gesellschaft, offene Grenzen und die Verteufelung des Nationalstaats, die Anbetung der Globalisierung, die Moralisierung aller politischen Fragen und die Rehabilitierung der Religion gegenüber der Aufklärung" vertritt. Dabei handelt es sich laut Baberowski um eine Doktrin ohne Autor: "Zöge jemand die Fäden, wäre es einfach, sie ihm auch wieder aus der Hand zu nehmen. Die Wirkung der kulturellen Hegemonie und ihrer politisch korrekten Sprache besteht ja gerade darin, dass es keinen Urheber mehr gibt, dass sich die repressiven Strukturen verselbständigt und von benennbaren Personen emanzipiert haben. Niemand verordnet etwas, aber alle glauben, sie müssten etwas tun, weil es alle anderen auch tun."

Wer verstehen will, warum die Grünen, die den Diskurs in Deutschland so prägten und prägen, gerade so abrutschen, sollte vielleicht Ralf Fücks' Buch "Freiheit verteidigen" lesen, meint Welt-Autor Thomas Schmid. Denn wenn der ehemalige Leiter der Böll-Stftung "mit den allerbesten Argumenten eine neue industrielle Revolution, die grüne industrielle Revolution fordert, dann steht er - wie ich auch - vor einem Dilemma, das er freilich nicht benennt. Wer wäre ein legitimerer Anwärter darauf gewesen, diese Revolution politisch zu orchestrieren, als eben die Grünen? Doch genau das haben sie, wie Fücks ausführlich zeigt, nicht getan. Sie haben sich in Fortschrittsskepsis, ja -feindschaft eingegraben. Ich will nicht von einem Drama oder gar einer Tragödie sprechen, aber traurig ist es schon."

Leander F. Badura begibt sich für den Freitag in die avantgardistischsten Zirkel der akademischen Linken und erklärt neben dem Begriff  der "Kulturellen Aneignung" auch den der "Critical Whiteness". Weiße schleppen demnach von Geburt an ein "Privileg" mit sich rum, dass sie kritisch reflektieren müssen, damit sie bei ihren Opfern keine Traumata "triggern": "Was als ernsthaftes Nachdenken über den Umgang mit alltäglichen Formen von Sexismus oder Rassismus begann, wurde so binnen weniger Jahre zu einem Werkzeugkasten für eine Gedankenpolizei mit Blockwartmentalität. An die Stelle von Reflexion, Kritik und Austausch ist das sture Lauern auf mögliche Fehler des Gegenübers getreten." (Nachtrag: der Artikel war schon am 26.4. im Freitag erschienen, steht jetzt aber mit Datum vom 17.5. noch mal im Netz. Auch nicht die feine Art, lieber Freitag)

Wie ein angeblich antirassistischer Diskurs ins Gegenteil umschlägt, erklärte Schriftsteller und Psychoanalytiker Sama Maani  schon vor ein paar Tagen im Gespräch mit dem österreichischen Blog Malmoe, das heute in starke-meinungen.de zitiert wird: "Wer den Begriff Islamophobie verwendet, macht das in kritischer Absicht - um etwas Negatives zu bezeichnen. Er wird mehr oder weniger synonym mit Rassismus verwendet. Und hier beginnt das Problem: Anstatt dass es um den Schutz einzelner Menschen vor Diskriminierung ginge, wird mit dem Begriff Islamophobie so getan, als wäre der Islam ein Individuum, dem Menschenrechte und Schutz zustünden, obwohl Menschenrechte doch Individualrechte sind. Gegenüber Menschen, die aus guten Gründen buchstäblich 'islamophob' sind, das heißt weil sie zum Beispiel aus Angst vor dem Islam aus der islamischen Republik Iran geflohen sind, findet mit diesem Begriff eine Täter-Opfer-Umkehr statt."
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Medien

Obwohl man noch nicht viel davon gehört hat, dass Medienhäuser wie Springer oder Ringier sich arg um die Meinungsfreiheit in mittel- und osteuropäischen Ländern verdient gemacht hätten, werden sie in Polen drangsaliert, berichtet Gabriele Lesser in der taz: "Politiker und Rechtsexperten der PiS arbeiten intensiv an Gesetzesprojekten, mit denen die angeblich 'deutsche Mediendominanz' in Polen gebrochen werden soll. Die Verlagshäuser Bauer, Ringier Axel Springer, Passauer Neue Presse, Burda und andere sind seit Jahren in Polen aktiv und verdienen Millionen mit ihren Zeitungen, Zeitschriften, Websites und Radioprogrammen. Damit soll künftig Schluss sein. Doch da das EU-Recht, das in Polen ebenfalls gilt, die Diskriminierung von Unternehmen aus anderen EU-Mitgliedsländern verbietet, muss das 'Repolonisierungsgesetz' so formuliert werden, als ginge es um die Vermeidung von Monopolbildungen."

Viel retweetet: James B. Stewarts Hommage in der New York Times auf - ja! - die Washington Post, die am Montag mit der Schlagzeile "Trump revealed highly classified information to Russian diplomats in their Oval Office meeting last week" den Rhythmus für die ganze Woche vorgab.
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Gesellschaft

Die Zukunft war mal weiblich. Nun ist sie "Slim Fit" und wird verkörpert Politikern mit flachem Bauch wie Emmanuel Macron und Christian Lindner, meint Martin Reichert in der taz: "Der Schnitt 'Slim Fit' läuft manchmal auch unter 'Body Fit' und bedeutet: am Körper anliegend, die Körperform betonend. 'Slim Fit'-Hemden und T-Shirts weisen eine Taillierung auf, welche durch Abnäher an den Rücken- oder Seitennähten oder durch eine entsprechende Form der Schnittmuster erreicht wird. 'Slim Fit'-Oberteile sind häufig kürzer als 'Regular Fit'-Modelle und reichen nur etwa bis auf Höhe des Hosenbundes. Dieser absolute Schlankheit erfordernde Schnitt wurde früher ausschließlich der Damenwelt auferlegt, seit einigen Jahren nun aber auch den Männern."
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Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Nachdem ein Stifter dem Berliner Stadtschloss eine neue alte Kuppel spendiert hat, ist eine Debatte darüber entbrannt, ob auch das Kreuz wieder auf die Kuppel soll. In der Welt erinnert Lucas Wiegelmann die Kritiker daran, dass das Christentum - im Guten wie im Bösen - zu unserer Kultur gehört: "Auch wer mit Kirche und Christentum ausschließlich Kreuzzüge und Inquisitionsfolter verbindet, wird einsehen, dass es gar keinen Sinn hat, dieses Erbe tilgen zu wollen. Das Humboldt-Forum mag ein überparteiliches, überreligiöses, überweltanschauliches Museum werden. Ein Gebäude ohne Geschichte kann es niemals sein, und zu seiner Geschichte gehört nun einmal die christliche Religion."

Überwachung

Big Brother wird kommen. Und zwar aus China in digitaler Form, schreibt Kai Strittmatter in der SZ: "In Shanghai gibt es dafür jetzt eine App. 'Ehrliches Shanghai'. Du lädst sie herunter. Dann meldest du dich an. Die App scannt dein Gesicht. Erkennt dich. Und ruft die Daten ab. Im Moment könne sie pro Bürger exakt 5198 Einzelinformationen von insgesamt 97 Ämtern und Behörden liefern, teilt die Shanghaier Kommission für Wirtschaft und Information mit. Das ist die Behörde, bei der die Daten zusammenlaufen; sie hat die App vorgestellt. Stromrechnung bezahlt? Blut gespendet? (...) Und wenn du ein guter Shanghaier bist, darfst du jetzt zum Beispiel in den städtischen Bibliotheken Bücher ausleihen, ohne die sonst obligatorischen 100 Yuan Kaution zu hinterlegen."
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Stichwörter: China

Europa

Die Grenze Europas verläuft mitten durch die Türkei, klagt Zafer Senocak in der Welt: "Die Türkei an den Küsten ist ein anderes Land als die Türkei in Zentralanatolien. Die Mehrheit der Türken gehört dem sunnitischen Islam an. Doch dieser Islam wird nicht mehr offen debattiert. Das Scheitern der islamischen Religion als geistige Kraft in der modernen Welt wird von vielen frommen Muslimen als Islamophobie interpretiert. Das ist eine der großen und tragischen Fehlanalysen unserer Zeit. Sie schwächt die Reformansätze in der islamischen Gesellschaft und baut eine trotzige Wagenburgmentalität auf."
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