Spätaffäre

Gefestigte Lebenswege

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
04.06.2014. Für den Grips: Kenan Malik über den Ersten Weltkrieg und Ahmed Raschid über den Krieg in Afghanistan. Zum Hören: Etwas formiert sich in der deutschen Literatur. Zum Gucken: Karl Valentin und das Massaker in Peking.

Für Sinn und Verstand

Ahmed Raschid empfiehlt in der New York Review of Books nachdrücklich Carlotta Galls Buch über den Afghanistankrieg "The Wrong Enemy: America in Afghanistan, 2001-2014". Die New-York-Times-Reporterin macht seiner Ansicht nach ganz richtig die pakistanische Armee als den eigentlich Feind Amerikas aus, nicht die Afghanen. Aber die Pakistanis sind nicht allein Schuld am Aufstieg der muslimischen Extremisten, auch Bush und Obama haben versagt, eine Strategie für den Konflikt zu finden. Und es gibt noch mehr Schuldige, so Raschid: "Gall ignoriert den afghanischen Bürgerkrieg nach 1989, als alle Warlords internationale Hintermänner hatten. Sie erwähnt nicht, dass Pakistan und Saudiarabien die Taliban unterstützten, während Russland, Iran, Indien, die Türkei und Zentralasiatische Republiken die Nordallianz unterstützten. Erst kürzlich gab Iran den Taliban und Al Kaida Unterschlupf, Indien finanziert den Aufstand der Separatisten in Belutschistan und Afghanistan gewährt den Führern der pakistanischen Taliban Zuflucht. Die Amerikaner haben dabei versagt, die Bevölkerung der Region zu schützen. Die meisten Afghanen erklären einem heute, sie fürchteten sich am meisten davor, dass nach dem Abzug der Amerikaner die Einfälle aus den Nachbarländern wieder anfangen. Doch Gall gibt von allen Nachbarn nur Pakistan die Schuld."


In Eurozine (ursprünglich New Humanist) möchte Kenan Malik in der Debatte um den Ersten Weltkrieg und seine Ursachen nicht den Imperialismus aus dem Blick geraten lassen: "Es gab vor allem in diesem Jahr viele Diskussionen über die Rolle von Deutschlands Militarismus. Viele, die den Ersten Weltkrieg als einen gerechten, zumindest notwendigen Kampf darstellen wollen, betonen, wie wichtig es war, dass Großbritannien die deutsche Aggression stoppte. Deutschlands expansionistische Tendenzen und sein virulenter Rassismus ergeben nur Sinn vor dem Hintergrund des Imperialismus im 19. Jahrhundert, vor der Aufteilung des Globus unter den großen Mächten, als sich die "lebenden" Nationen das "Territorium der sterbenden" einverleibten. Imperialistische Expansion und die Rivalität der Großen Mächte waren eng miteinander verknüpft, wie Lord Salisbury richtig vorausgesehen hatte. Rivalitäten beförderten die imperialistische Expansion, während die imperialistische Expansion die Rivalitäten nährte."

Für die Ohren

Vor zehn Jahren produzierte Dradio Kultur in der Abteilung Klangkunst Frank Corcorans "Tradurre Tradire". - Im Begleittext ist zu lesen: "Das Wortspiel und Sprichwort "Tradurre - Tradire" will sagen: "Übersetzen bedeutet Verrat, Betrug". Corcoran setzt sich in seiner Komposition ganz wörtlich mit diesem Grundproblem jeder sprachlichen Übersetzung und Vermittlung auseinander. Anhand eines kurzen gälischen Gedichts des irischen Poeten Gabriel Rosenstock und dessen englischer und deutscher Übersetzung schafft Corcoran in seinem elektroakustischen Werk ein Beziehungsgeflecht der Bedeutungen und Missdeutungen. Die polyphone Klangkomposition für vier Stimmen führt den aufmerksamen Hörer in philosophische Abgründe." - Mit dabei sind Maulwerker, Ton und Technik besorgte Folkmar Hein vom Elektonischen Studio der TU Berlin (24 Min)

Bei dem Festival Prosanova gab"s auch eine Diskussion über den Stand der jüngeren deutschen Literatur mit Moderator Florian Kessler, der mit einem seinem Artikel "Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!" im Januar eine kleine Literaturdebatte auslöste, und den KritikerInnen Ina Hartwig und Georg Diez. Recht komisch und nicht uncharmant hört sich Florian Kesslers kleines Eingangsstatement an. Er wundert sich, dass es noch solche "gefestigten Lebenswege", wenn auch mit kleinen "Brüchlein" gibt wie die Ina Hartwigs und Georg Diez und positioniert sich selbst als Angehörigen einer ganz neuen Generation, die es viel schwerer hat. "Wer heute wie Genazino oder Mosebach schreibt, der lügt", sagt er noch. Die anderen beiden protestieren dann mehr oder weniger gegen das Gefühl einer nicht mehr so jungen Generation anzugehören. Komischerweise diskutiert man dann noch mehr über Mosebach.

Für die Augen

Einen recht interessanten Blick wirft der ganz neue Film "Assignment China - Tiananmen Square" auf die Ereignisse in Peking im Jahr 1989 und auf das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens im Besonderen. Gedreht wurde er vom früheren CNN-Peking-Korrespondenten Mike Chinoy, der seine ehemaligen Korrespondentekollegen - darunter Nicholas Kristof von der New York Times - über ihre Erinnerungen an die Ereignisse sprechen lässt. Hinzukommt natürlich Dokumentarmaterial aus der Zeit, das zum Teil von den interviewten Journalisten gedreht wurde. Etwa 90 Minuten.



Zu Ehren des "Sprachzerklauberers" Karl Valentin, der heute vor 132 Jahren bei München geboren wurde, stellen wir hier ein sehenswertes Porträt aus dem HR vor. In Interviews, Filmausschnitten und Gesprächen mit Verehrern, Verwandten und Freunden ist in "Karl Valentin. Ein Hungerkünstler" neben dem einflussreichen Schauspieler, Komiker und Sänger ein anderer Valentin kennenzulernen: Der zurückgezogene, vom Leben gezeichnete und vorsichtige Mann (59 Minuten). Hier ist außerdem mit "Donner, Blitz und Sonnenschein" einer der wenigen noch erhaltenen abendfüllenden Spielfilme zu sehen (83 Minuten).

Stichwörter: China, CNN, Karl Valentin