Spätaffäre

Die Bukowina, als existiere sie noch

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
03.06.2014. Zum Lesen: Muhammad Idrees Ahmad wirft Seymour Hersh vor, dass er sich zum Propagandisten des Assad-Regimes gemacht hat. Für die Ohren: Mark Fisher denkt Pop illiberal. Für die Augen: Viel Greenwald mit Tilo Jung. Und Céline.

Für Sinn und Verstand

In der Los Angeles Review of Books macht Muhammad Idrees Ahmad, Autor von "The Road to Iraq - The Making of a Neoconservative War", dem gefeierten Journalisten Seymour Hersh, der einst das Massaker von My Lai aufdeckte, sehr schwere Vorwürfe und hat dafür leider einige recht triftige Argumente. Hersh hatte in der London Review of Books, gestützt auf eine anonyme Quelle, behauptet, einige Giftgasattacken in Syrien seien nicht vom Assad-Regime, sondern von Islamisten verübt worden, um Barack Obama zur Intervention in Syrien zu verleiten (unser Resümee). Ahmad weist Hersh handwerkliche Fehler nach - unter anderem diesen: "Um Hershs Methode zu verstehen, lese man nur diesen beispielhaften Satz Hershs über das Untersuchungsteam der UN (dessen Ergebnisse eindeutig auf Assad als Urheber der Giftgasattacken hinweisen, d.Red.): "Ihr Zugang zum Ort des Geschehens, der erst fünf Tage nach den Gasattacken möglich wurde, fand unter Kontrolle der Aufständischen statt." Damit suggeriert Hersh, dass die UN durch die Gegenwart der Rebellen behindert worden seien und bezweckt, dass die Leser ein Hauptdetail übersehen: Der Besuch fand deshalb "fünf Tage nach dem Gasangriff statt" , weil das Regime den Zugang zu den Stätten verhinderte und sie stattdessen mit andauerndem Artilleriebeschuss belegte." Der London Review of Books wirft Ahmad vor, "profaschistischer Propaganda" aufzusitzen und keine Gegenstimmen zuzulassen.

Im Merkur erinnert sich die Schriftstellerin Edith Lynn Beer an das oft besungene Österreich-Ungarn ihrer Familie, das es schon vor ihrer Geburt nicht mehr gab. "Ich war noch zu jung, um in der Schule von der Geschichte Österreich-Ungarns erfahren zu haben, da versammelte sich in Woodmere, Long Island, an den Sonntagen in den 1940ern ein Chor von Cousins und Cousinen, Onkeln und Tanten an unserem Wohnzimmertisch und sprach über "die Bukowina", wie sie sie nannten, den äußersten, östlichen Teil Österreich-Ungarns, als existiere sie noch. Den Ersten Weltkrieg und den aktuellen Krieg gegen die Nazis vergaß meine Familie an diesen Nachmittagen einfach, als könnten ihre Erinnerungen die Heimat vor der Invasion für immer bewahren."

In der Sprachkolumne des Merkurs nimmt Daniel Scholten die Ambitionen zur Etablierung einer geschlechtsneutralen Sprache in der neuen Straßenverkehrsordnung aufs Korn, wo aus Autofahrern "Auto Fahrende" wurden und - "von hier an wird es richtig falsch" - aus Fußgängern "zu Fuß Gehenden".

Für die Ohren

Karl Marx und Popmusik, Dubstep und Edward Hopper - wichtige Eckdaten und Verknüpfungspunkte für den Kulturtheoretiker und Popjournalist Mark Fisher, der in seiner Schrift "Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?" seinen Gegenwartsbefund artikuliert. Der Zündfunk vom Bayerischen Rundfunk stellt Fishers Thesen in einem Radiofeature vor: "Wir, das Fußvolk im kapitalistischen System, sind im Hamsterrad des ewigen Kreislaufs von Produktion und Konsum gefangen und können weder vor, noch zurück. Wir haben unsere Kreativität und unsere Zukunft verloren. Mark Fisher weist das an den Sackgassen auf, in die sich die Popkultur des 21. Jahrhunderts manövriert hat: die Krise des Pop und der Aufstieg des Neoliberalismus gehen Hand in Hand." Hier kann man die Sendung online nachhören (53 Minuten).

Auf ein Phänomen der Popkultur sind Aliens schon lange nicht mehr zu reduzieren: Die Philosophie denkt angeregt über sie nach und die Naturwissenschaft sucht den Sternenhimmel händeringend nach Spuren fremden Lebens im All ab. Für das Deutschlandfunk-Feature "Das maximal Fremde - Von Menschen und Außerirdischen" hat sich Raphael Smarzoch über den aktuellen Stand der Dinge in der Alienforschung informiert. Hier kann man die Sendung nachhören (54 Minuten).

Für die Augen

"American Empire", ein ausführliches Berliner Gespräch zwischen Tilo Jung von den Krautreportern und Glenn Greenwald. Unter anderem geht es dabei auch um leserfinanzierten Journalismus (siehe auch Thierry Chervels Stellungnahme "Warum ich die Krautreporter unterstütze").



Anlässlich des 120. Geburtstages von Louis-Ferdinand Céline am 27.Mai hier eine Arte-Produktion über den Autor der "Reise ans Ende der Nacht". Die Oszillation zwischen Mörder, Scheusal, Opfer und Genie betrachtend, arbeitet die Dokumentation das Leben und Werk Célines kritisch auf. "Procès Céline - Der Fall Céline": Diese Kollage aus Originalaufnahmen, Beiträgen und Gessprächen ist absolut sehenswert, um die Vielschichtigkeit des französischen Schriftstellers zu verstehen. Die Sendung zitiert auch aus den "Entretiens", die Pierre Dumayet mit Céline geführt hat. Sie sind bei Youtube hier zu sehen.