Spätaffäre

Ein gepflegter Posten in einem Dschungel aus Problemen

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
23.04.2014. Granta berichtet von französischen Cafés in Tokio. Der New Yorker zeichnet ein düsteres Bild des Iraks. Alexander Kluge und Martin Zimmermann beleuchten die dunkle Seite der Antike. Der WDR erinnert an den Amoklauf an der Columbine High School. Und der BR erzählt die Geschichte des Rock'n'Roll.

Für die Augen

"Gewalt - Die dunkle Seite der Antike", ein Gespräch zwischen Alexander Kluge und dem Münchner Althistoriker Martin Zimmermann, der zu diesem Thema auch ein Buch geschrieben hat. Aus dem Programmtext: "Die Klassiker haben die Antike als ein Reich des 'Guten, Wahren, Schönen' nachgezeichnet. Es gibt aber auch die dunkle Seite der Antike. Sie handelt von Grausamkeit und Gewalt. Diese Traditionen ziehen sich von Babylon nach Griechenland und nach Rom. Dabei beruht die Erzählung von den Gewalttaten einerseits auf Wirklichkeit, andererseits aber auch auf dem Wunsch, die Macht großer Herrscher auszuschmücken. Gewalt galt als Ornament der Macht." Hier ist das Gespräch online zu sehen. (45 Minuten)

Heute vor 38 Jahren erschien das erste Album der Ramones. Hier sind sie im drei Jahre später entstandenen Kultfilm "Rock 'n' Roll High School" des legendären Produzenten Roger Corman zu sehen. Gemeinsam mit der musikbesessenen Schülerschaft der Vince Lombardi High School kämpfen die Ramones darin gegen die neue Direktorin, die Punkplatten verbrennen will. (94 Minuten)


Für die Ohren

Der Zündfunk des Bayerischen Rundfunks wird 40 - und öffnet seine an Interviewschätze reichen Archive: In der vierteiligen Reihe "The History of Rock'n'Roll" erzählt er 40 Jahre Musikgeschichte und reichert das mit zahlreichen Interview-Ausschnitten an. Hier die vier Episoden zum Nachhören. (insgesamt ca. 220 Minuten)

"Hass! Mehr Hass! Die Geschichte von Eric und Dylan" lautet der Titel von Joachim Gaertners Hörspiel über Eric Harris und Dylan Klebold, an deren Amoklauf an der Columbine High School vor 15 Jahren der WDR mit diesem Hörspiel erinnert. Im Hörspielspeicher des Senders kann man sich dieses und einige weitere Produktionen anhören und herunterladen. (48 Min.)

Für Sinn und Verstand

Elf Jahre nach dem Zweiten Irakkrieg und knapp drei Jahre, nachdem die letzten US-Truppen abzogen, zeichnet Dexter Filkins im New Yorker ein düsteres Bild der gegenwärtigen Lage im Land. Nicht nur sieht die Infrastruktur im Land aus, als seien die Amerikaner nie dagewesen, auch religiösen Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten sind heftig wie eh und je und erhalten durch die überwiegend schiitische Regierung von Premier Nuri al-Maliki neuen Zunder. Und der islamistische Extremismus kocht gerade hoch. Droht ein neuer Bürgerkrieg? "Die Auferstehung der Schiiten ist die größte Hinterlassenschaft der amerikanischen Invasion. Sie hat die sunnitische Herrschaft durch eine schiitische ersetzt, erstmals seit dem 18. Jahrhundert. Acht Jahre nach Malikis Amtseinführung spüren die Iraker die Konsequenzen. Die Grüne Zone vermittelt noch immer das Gefühl einer anderen Welt - ein friedlicher, gepflegter Posten in einem Dschungel aus Problemen, eine Bastion schiitischer Macht, durchkreuzt von zornigen Sunniten. Politiker hasten von einem Meeting zum nächsten, aber verlassen fast nie die Zone. Als ich einen Parmalentarier zum Kaffee treffen möchte, winkt er ab. Er will die Grüne Zone lieber nicht verlassen." Ryan Crocker, ehemaliger US-Diplomat in Bagdad und jetziger Botschafter in Afghanistan fasst es so zusammen: "Der Staat mit Verfassung, Wahlen etc., den wir geschaffen haben, funktioniert nicht ohne uns."

Außerdem: Louis Menand bespricht Adam Begleys biografischen Essay über John Updike. Und Alex Ross schreibt über zwei Liederzyklen der australischen Komponistin Liza Lim.

Die neue Ausgabe des britischen Literaturmagazins Granta ist Japan gewidmet. Online lesen dürfen wir eine Geschichte von Eric Ozawa über einen Mann, dessen Frau einem Mord (oder einer Entführung? So ganz wird das nicht klar) zum Opfer fällt. Kennengelernt haben sie sich in einem französischen Café in Tokio, dem Aux Bacchanales. Dort beginnt die Geschichte: "Das erste Mal sah ich Noémi an der Bar des Aux Bacchanales stehen. Den Ort selbst gibt es nicht mehr: das Gebäude in Harajuku wurde abgerissen und ein beinahe identisches französisches Café in einem anderen Teil von Tokio rekonstruiert. Es gibt mehr davon in Japan, alle mehr oder weniger gleich. In jenen Tagen wurde die Uniformen der Kellner aus Paris importiert, die Köche hatten in Lyon gelernt und die Kickertische waren in einem Bistro in Marseille gekauft worden. Noémi sagte, dass die Akzente der Kellner unberechenbar seien, aber sonst war der Ort eine fast perfekte Imitation des Originals. Viele der Stammgäste waren Franzosen. Die anderen waren zum größten Teil japanische Frauen, die Frankreich liebten. Der Ort hatte nichts dionysisches, nichts war irrational oder mystisch, außer dieser einvernehmlichen Lust, sich exotisch zu finden."

Online lesen kann man außerdem zwei Texte, von Tash Aw und von Rana Dasgupta, über einen Gegenstand aus Japan, den sie besitzen.
Stichwörter: Lyon, Irak, Sunniten, Marseille