Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 33

Magazinrundschau vom 23.02.2016 - Times Literary Supplement

In einem tollen Text erkundet Claire Lowdon die Grenze zwischen erotischer Literatur und Pornografie, wofür sie sich durch einen ganzen Regalmeter Neuerscheinungen gelesen hat: "Gutes Schreiben muss Erregendes nicht ausschließen, doch jede Sex-Szene, die auf abgestandene Phrasen zurückgreift - oder auch nur abgestandene Wörter -, kann literarische Weihen vergessen. Der Einsatz ist hoch: Ein 'bebender Körper' ist nicht nur ein Klischee, es kickt einen Roman sofort ins andere Genre. Auf Nummer sicher gehen funktioniert auch nicht. Erica Jongs 'Fear of Dying' (im letzten Jahr für den Bad Sex Award nominiert) versucht es mit neutraler Präzision und kommt am Schluss mit wenig mehr als nichts heraus: 'Langsam zog er seine Zunge über meine Schamlippen, führte sacht einen Finger ein und ertastete den G-Punkt in meiner feuchten Muschi.' Daran gibt es nichts Anstößiges oder Lächerliches, aber eben auch nichts Lebhaftes. Nichts Sinnlich-Subjektives. Nichts was einen hören, fühlen, sehen, riechen lässt. Wie anders dagegen James Joyce im 'Ulysess', mit dem 'zwiebeligen Schweiß der Achselhöhlen', 'fischleimigen Schleim', und 'Schwefelkot von Löwen'." Lowdons Favorit aus jüngerer Zeit ist übrigens Joanna Walshs Band mit schmutzig-lustigen Sex-Märchen "Grow a Pair": "Er gehört zu der spielerischen Art, die das Alberne am Sex genießt, seine Absurditäten ausstellt und Wortspielereien freien Lauf lässt. Wir sind weit entfernt von subjektiv erfahrener Sinnlichkeit. Hier ist Sex eine Metapher, ein Spiel, eine Komödie."

Magazinrundschau vom 16.02.2016 - Times Literary Supplement

Nicht unbedingt überzeugend, aber sehr spannend findet Diane Purkiss Brian Copenhavers "Book of Magic", das den Übergang von Magie zu Wissenschaft erkundet: "Copenhaver beruft sich auf Max Webers Vorstellung von der 'Entzauberung der Welt' und nutzt die ungewöhnliche Form der Anthologie, um dem Bogen dieser Entzauberung zu folgen. Magie ist rituell, meinte Weber, Religion ist ethisch; Magie zwingt, Religion verführt'. Die Auswahl der Texte tut jedoch nichts, um die Annahme zu erschüttern, das Protestanten skeptisch seien. Wenn protestantische Polemiker alles daran geben, ihre katholischen Kontrahenten entweder als Gaukler oder Satan-Anbeter darzustellen, lässt sie das nicht rational erscheinen, sondern verängstigt. Später wurde die Vorstellung von den Dämonen-Anbetern in Hexenjäger umgewandelt, obwohl die meisten Hexenjagden in protestantischen Ländern stattfanden. Für die Whigs zerfiel Magie zu Wissenschaft, Alchemie zu Ökonomie und Merkantilismus, während die häusliche Theurgie ersetzt wurde durch Versicherungen und den Wohlfahrtstaat."

Magazinrundschau vom 12.01.2016 - Times Literary Supplement

Ziemlich überzeugend findet Claudia Swan, wie Laura J. Snyder in ihrem Buch "Eye of the Beholder" Vermeer als einen Wissenschaftler porträtiert, der vor allem durch die optischen Geräte seines Delfter Mitbürgers Antoni van Leeuwenhoek geprägt war: "Bereits im 19. Jahrhundert kam die Frage auf, ob und in welchem Maße sich Vermeer auf optische Geräte wie die Camera Obscura stützte. Seine vielen Frauen im Licht, die er gerade dabei erwischt, nichts Besonderes zu tun - eine Perlenkette anlegen, Milch einschenken, schreiben, lesen, am Tisch dösen -, sind Porträts von Momenten in der Zeit. Seine Bilder sind gekennzeichnet von einer undurchdringlichen Stille, einem scharfen Blick für die Eigenschaften des Lichts und den optischen Phänomenen, die symptomatisch sind für den Einsatz von Linsen. Die Abwesenheit jeglicher erzählerischer Krümmung in vielen seiner Bildern macht sie zu Studien von Lichtverhältnissen und Raumbedingungen. Man muss sie für das nehmen, als was sie erscheinen, man darf nicht erklären wollen, warum sie gemacht wurden, sondern wie."

Magazinrundschau vom 29.09.2015 - Times Literary Supplement

Lydia Wilson liest eine ganze Reihe hervorragender Bücher zu Syrien, die in ihrer Unterschiedlichkeit und auch Widersprüchlichkeit das ganze Dilemma abbilden: Samar Yazbeks "The Crossing", Jonathan Littells "Syrian Notebook", Jean-Pierre Filius "From deep State to Islamic State", Charles Glass" Syria Burning" und Christian C. Sahners "Among the Ruins". Trotz verschiedener Ansätze lässt doch keiner einen Zweifel an Assads Untaten: "Von Anfang an wurden Menschen bei lebendigem Leib verbrannt, Frauen als Schutzschilde benutzt, es wurde geplündert und Kultur zerstört; die Verbrechen, von denen berichtet wird, sind ebenso schlimm wie die des IS: Littell beschreibt so detailliert, dass sich einem der Magen umdreht, wie ein früherer Arzt im Dienst des Regimes Menschen am Leben halten musste, wenn sie immer wieder auf schrecklichste Weise gefoltert wurden. Warum also reagiert der Westen militärisch auf den IS und nicht auf Assads Truppen? Die Wahrheit ist, dass Assads Propaganda noch besser ist als die des IS, und so erkennen viele in ihm nicht das, was er ist: ein Opportunist, der rücksichtslos jede Gruppe zu seinem Vorteil nutzt, um sich wenn nötig auch wieder gegen sie zu wenden: in diesem Fall nutzt er die Dschihadisten, um seinen Kampf gegen die Rebellen zu führen, und zugleich dient ihm ihre Präsenz im Land dazu, seinen eigenen Tagen vor der internationalen Gemeinschaft zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 25.08.2015 - Times Literary Supplement

Mika Ross-Southall liest mehrere Bände zur Geschichte der Mode. In Kimberly Chrisman-Campbells "Fashion Victims" erfährt sie etwa, dass die Franzosen der Macht der Mode einfach nicht entkommen: "Als Louis XVI. 1774 gegen Pocken geimpft wurde, feierten die Modeverkäuferinnen das Ereignis mit einem pouf à l"inoculation, einem Kopfschmuck, der sowohl die aufgehende Sonne wie die Schlange des Äskulap symbolisierte. Hüte, die mit Miniaturschiffen verziert waren, feierten die französischen Siege zu See und bekundeten Patriotismus oder politische Verbundenheit. Kleidung war ein Mittel, um anderen zu zeigen, welche Stücke, welche Komponisten und welche Ideen man mochte. Ohne die Mode hätte sich die Aufklärung vielleicht nicht über Europa ausgebreitet, deutet Chrisman-Campbell. Marie-Antoinette hatte dagegen ein unziemliches Faible für die Mode. Dass sie sich lieber von der angesagtesten Modeverkäuferin von Paris einkleiden ließ statt von den Offiziellen in Versailles, verstieß gegen das höfische Protokoll. 1785 gab sie für ihre Kleidung 258.002 Livres aus. Ein Drittel davon ging an ihre Lieblingsverkäuferin Rose Bertin, deren Karriere durch die königliche Verbindung gemacht (und später zerstört) wurde: "Ungeheuer reich, dabei nicht annähernd aus gutem Hause, war Bertin eine wandelnde Bedrohung für die gesamte gesellschaftliche Ordnung.""

Außerdem: Henri Astier stellt eine Reihe von Büchern französischen Autoren zu Charlie Hebdo, den großen Demonstrationen und Debatten vor.

Magazinrundschau vom 11.08.2015 - Times Literary Supplement

Der britische Lyrikkritiker und -publizist Al Alvarez brachte in den 60er Jahren der englischsprachigen Welt die Dichter Osteuropas nahe. Sein besonderer Liebling war der tschechische Dichter Miroslav Holub, an dem er eine Sache allerdings gar nicht verstand: Dass Holub die amerikanischen Beat-Poeten verehrte, die Alvarez als unpolitisch und nur ums eigene Ich kreisend verdammte, erzählt Justin Quinn in einem wunderbaren Artikel über kulturelle Querverbindungen. Als Holub zum ersten Mal nach Amerika reiste, sah er das Land "mit deinen Augen, Allen Ginsberg", wie er in einem Gedicht schrieb. "Es war eine Art Wiedervereinigung von Brüdern, die bei der Geburt getrennt worden waren. Holub und Ginsberg waren beide Vertreter einer Whitmanschen Dichtertradition, die sich in den Jahrzehnten zuvor transnational verbreitet hatte. Ginsbergs Verbindung zu Whitman ist klar, bei Holub sind die Dinge komplizierter. Ein Kontakt kam zustande durch die tschechische Übersetzung Whitmans direkt aus dem Englischen durch Jiří Kolář and Zdeněk Urbánek in den 1950ern. Aber Holub lernte Whitman auch über das Russische kennen. In ihrem Buch "Lyric Poetry and Modern Politics: Russia, Poland and the West" (2009) beschrieb Clare Cavanagh die wichtigen Kontakte zwischen amerikanischen und russischen Dichtern: "[Majakowski] hatte bereits Tschukowskis frühe Übersetzung [von Whitman] gelesen und kritisiert, obwohl er selbst kein Englisch konnte: Er sprach, notierte Tschukowski, "als hätte er die Gedichte selbst geschrieben"." Holub wiederum dokumentierte seine Entdeckung Whitmans über Majakowski in dem Gedicht "Majakowski" aus dem Band "Achilles a želva" (1961; Achilles und die Schildkröte).

Außerdem: Clare Cavanagh bespricht Bengt Jangfeldts neue Majakowski-Biografie.

Magazinrundschau vom 28.07.2015 - Times Literary Supplement

In "Very Different, but Much the Same" huldigt der Soziologe W.G. Runciman der englische Gesellschaft als Musterexemplar stabiler Verhältnisse seit 1688. Rezensent Krishan Kumar ist perplex: Ausgerechnet Runciman, der große Anhänger Darwinscher Theorie, feiert fehlenden Wandel? "Es gab die Industrialisierung und Urbanisierung, doch die grundlegende Teilung der Gesellschaft in Ober-, Mittel- und Unterschicht ist gleich geblieben, und die Chancen eines Kindes, von unten in die Mitte aufzusteigen - ganz zu schweigen nach oben - sind heute genauso gering wie im achtzehnten Jahrhundert. Diese Ergebnisse werden mit einer beeindruckenden Reihe historischer und soziologischer Daten belegt, mehr jedoch erstaunt, wie bekannt einem dieses Argumentation vorkommt. Runcimans Konservatismus ähnelt den oftmals vorgebrachten Behauptungen - und Klagen - der Autoren aus der New Left Review, wie etwa Perry Anderson und Toman Nairn: dass die englische Gesellschaft seit der gescheiterten Revolution des siebzehnten Jahrhunderts in einer Art aristokratischem Feudalismus verhaftet geblieben sei. Gefangen in der Umarmung des Landadels habe es England nicht einmal geschafft, eine ordentliche Bourgeoisie im kontinentalen Sinne hervorzubringen."

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - Times Literary Supplement

Der Autor Marc Spitz tritt mit seinem Buch "Twee" an, die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts neu zu schreiben, annonciert Anna Katharina Schaffner. Doch während etwa Greil Marcus mit seinen "Lipstick Traces" die Linie von Dada zu Punk zog, führt bei Spitz die Spur von Walt Disney über Dr. Seuss und Holly Golightly zu den Filmen Wes Andersons! Schaffner will bei dieser Revolution der Freundlichkeit nicht mitmachen: "Spitz behauptet, dass "Twee" im Gegensatz zu einer hässlichen und gewalttätigen Welt optimistisch und idealistisch sei und im Grunde von freundlichem Naturell. Charlie Brown wurde zu einer Art existenzieller Held in einem Zeitalter des Schreckens und der Verlorenheit: mit gebrochenem Herzen, aber voller Hoffnung. Er trete "einer kalten Welt mit Idealismus" entgegen. Doch man weiß eigentlich nicht, ob dieser unerschütterliche Idealismus naiv oder ironisch gemeint ist. Ist er regressiv oder progressiv? Ist das Wesen von "Twee" tragikomisch, romantisch oder nur eskapistisch?" Vielleicht ist es auch nur politische Erschöpfung: "Zu lustlos, um gegen die kapitalistische Maschinerie zu kämpfen, schafft "Twee" eine hyperstilisierte Gegenwelt, in der Kätzchen spielen, Ukuleles erklingen und Kindheit ewig währt. Ihre Grundstimmung ist eher Melancholie als Wut, und sie würden lieber die Eulen-Tapete nehmen, statt den Mistkerlen in den Hintern zu treten."

Magazinrundschau vom 20.01.2015 - Times Literary Supplement

Als "Meilenstein in der Geschichte der literarischen Fantasie" preist Patricia Storace die erstmals ins Englische übersetzte älteste arabische Textsammlung "Tales of the Marvellous". Selim der Grausame brachte sie 1517 nach der Eroberung Kairos 1517 nach Konstantinopel, wo sie der Orientalist Helmut Ritter 1933 in der Bibliothek der Hagia Sophia entdeckte. Anders als die "Geschichten aus Tausend und einer Nacht", meint Storace, dienen die "Fantastischen Erzählungen" nicht der Reflexion über das Verlangen, sondern ganz klar seiner Befriedigung: "Ein König will Geschichten mit gutem Ende, um ihn in schlafloser Nacht zu beruhigen, ein anderer will den Schmerz über den Verlust seiner 15-jährigen Tochter durch Geschichten lindern, die "ihn Frauen und Mädchen hassen lassen und damit froh über den Tod der Tochter machen". Die Wirkung von ungezügeltem Verlangen wird ebenfalls beschrieben - die Freuden, Schrecken und unvorhersehbaren Folgen seiner Befriedigung. In der siebten Geschichte ermordet Arus al-Ara"is den Dschinn, der ihr Liebhaber war, indem sie ihm dem Kopf abschlägt. "Bist Du jetzt glücklich, da ich meine alte Liebe getötet habe?", fragt sie ihren neuen Geliebten. "Ja, bin ich", antwortet der."

Außerdem: Wesley Stace findet John Lydons Memoiren "Anger is an Energy" eigentlich nur vergnüglich, wenn er Sex-Pistol-mäßig in die Offensive geht ("Fucking say thanks, cunts!"), meist aber erschreckend oberlehrerhaft.

Magazinrundschau vom 16.12.2014 - Times Literary Supplement

Hilary Davies erinnert an die britische Dichterin Rosemary Tonks, deren frühes Verstummen fast fünfzig Jahre Jahre vor ihrem Tod in diesem April besonders tragisch erscheint. Nach einer Reihe von harten Schicksalsschlägen zog sie sich nach Südengland und in die Esoterik zurück: Dabei hatte sie von den französischen Dichtern, die sie seit ihrer Zeit in Paris verehrte, eben nicht deren Ennui übernommen: "Was ihre Dichtung charakterisierte, war die wilde Entschlossenheit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, wie hässlich und verderbt sie auch sein mochte, anders zu sein und zu fühlen, und mit einer Intensität zu leben, die das Alltägliche zu etwas Höherem machte ... Tonks war sich den Anforderungen ihrer Kunst sehr wohl bewusst. Um gut zu schreiben, das wusste sie, musste man gut lesen; Literatur und Leben greifen ineinander über. "Man betrachtet das Leben auf neue Weise, dann blickt man wieder auf die Literatur und wieder zurück auf das Leben", sagte sie in einem Interview 1963. Poesie sei ein stetiges Schaffen. "Die Vorstellung, dass sie der Natur ähnlich sein könnte, ist ein absoluter Irrglaube. Sie ist von Anfang bis Ende künstlich.""