Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

853 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 86

Magazinrundschau vom 11.10.2022 - New Yorker

Wo ideologisch motiviertes Anschwärzen hinführen kann, erfährt man in Samanth Subramanians Reportage über Bollywood, wo immer öfter Filmemacher und Schauspieler von nationalistischen Hindus schikaniert, angezeigt oder gar verprügelt werden, weil sie sich beleidigt fühlen. "'Erst in den späten Achtzigerjahren und immer häufiger in den Neunzigerjahren beginnen Mainstream-Filme, Muslime als Gangster, Schmuggler und dann als Terroristen zu zeigen', meint der Filmwissenschaftler Ira Bhaskar. Es sei kein Zufall, dass dies auch die Jahrzehnte seien, in denen die BJP als Wählergruppe wachse. ... Im Jahr 2010 traf Bhaskar den Regisseur Yash Chopra, der zwischen den sechziger und achtziger Jahren viele streng säkulare Filme gedreht hatte. 'Diese Art von Filmen könnten wir heute nicht mehr machen', sagte er ihr. Das pluralistische Ideal sei zu sehr verwelkt. "Damals haben wir daran geglaubt.' Aber vielleicht war es ein Fehler, das Kino als moralischen Kompass zu betrachten, es als etwas anderes zu behandeln als das, was es ist: eine Maschine, die Geld verdient, indem sie so viele Menschen wie möglich zufriedenstellt. 'Ein Teil der Kritik, Bollywood sei frivol oder frauenfeindlich, kommt von der wohlmeinenden liberalen Linken, die auf die Form herabschaut', sagte mir Nandini Ramnath, eine Filmkritikerin für die indische Nachrichten-Website Scroll.in. Ramnath ist der Meinung, dass Bollywoods beliebtestes Produkt, die Familienunterhaltung, das Publikum nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Vanille-Universalität anspricht. 'Wenn die Linke besorgt war, dass solche Filme nicht präskriptiv oder edel genug waren - nun, die Rechte will, dass Filme auf ihre eigene Art präskriptiv sind', sagte sie. Die Führer der BJP sind 'brillant darin, den Eindruck zu erwecken, dass sie allwissend und allmächtig sind', fügte sie hinzu. 'Und ich denke, das deutlichste Signal ist: Überlegt es euch zweimal, bevor ihr etwas sagt oder tut, denn ihr wisst nicht, wen ihr damit verletzen werdet, und ihr könnt davon ausgehen, dass es uns verletzen wird.'"

Im New Yorker der letzten Woche erzählt David Kortava die Geschichte von Taras, einem Ukrainer aus Mariupol, der zusammen mit etwa 40 anderen Ukrainern von russischen Soldaten in ein Filtrationslager verschleppt wurde. Im Lager Kozatske konnte Taras den russischen Oppositionsjournalisten Eduard Burmistrow über Telegram kontaktieren. "Taras schickte eine Reihe von Nachrichten an Burmistrow: 'Eine Person hatte einen Mini-Schlaganfall. . . Wir werden alle krank... . . Jeder hustet. Wir gehen auf dem Feld auf die Toilette. Wir essen mit Löffeln, die nicht mehr gewaschen werden. Es gibt kein fließendes Wasser. . . . Es gibt keine Antworten auf unsere Fragen, warum wir festgehalten werden und wann wir freigelassen werden.' Mit der Erlaubnis von Taras plante Burmistrov, Teile des Berichts zu veröffentlichen. 'Dies kann nicht aufgeschoben werden', schrieb Taras. 'Wenn uns etwas zustößt, sollte die Welt davon erfahren!!!!!!!'. Aus Angst, dass sein Telefon kontrolliert werden könnte, löschte Taras den gesamten Austausch." Nach sechs Wochen wurden Taras und seine Mithäftlinge freigelassen. Doch viele verschwinden für immer in den Lagern. "Die genaue Zahl der Ukrainer, die in Filtrationszentren in Russland und den besetzten Gebieten festgehalten werden, ist nicht bekannt", so Kortava. "Nach russischen Angaben wurden bereits fast vier Millionen Ukrainer in irgendeiner Form gefiltert und nach Russland 'evakuiert', einige davon bis nach Wladiwostok im Osten, nahe der russischen Grenze zu Nordkorea. (Die USA schätzen die Zahl auf zwischen neunhunderttausend und 1,6 Millionen.) Ilja Nusow, ein in Russland geborener Rechtsanwalt und Leiter der Abteilung Osteuropa und Zentralasien der Internationalen Föderation für Menschenrechte, bezeichnete das russische Filtersystem als 'ein Programm zur Erleichterung der Zwangsumsiedlung eines großen Teils der Bevölkerung, das auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinauslaufen könnte'."

Weitere Artikel: Rivka Galchen überprüft die Akkustik im renovierten Lincoln Center. Alex Ross feiert den Genius des Tenors Lawrence Brownlee. Anthony Lane sah Park Chan-wooks "Decision to Leave" im Kino. Peter Schjeldahl besucht die große Tillmans-Schau im Moma.

Magazinrundschau vom 27.09.2022 - New Yorker

So kann Shakespeare klingen, staunt Alex Ross nach der Uraufführung von John Adams Oper "Antony and Cleopatra" in San Francisco. Das Libretto ist kein moderner Text, sondern "überwiegend Shakespeare pur, mit einigen Einschüben aus Plutarch und Vergil", so Ross. "Adams schreibt seit den achtziger Jahren Opern und hat längst ein außerordentliches Talent dafür entwickelt, aus der englischen Sprache Musik zu machen. Anstelle fester Singsang-Muster hat er eine formbare Gesangslinie perfektioniert, die den unregelmäßigen Rhythmen von Gedanken und Sprache folgt. Man denke nur an den Satz 'The Eastern hemisphere beckoned to us' in seiner Oper 'Nixon': Ein schnelles Triolenmuster auf 'hemisphere' lässt das Wort über dem Beat schweben und verzögert den nächsten Akzent. Je reicher die Sprache, desto stärker die Reaktion von Adams. ... Gleichzeitig verfügt er über eine melodische Handschrift, die unabhängig ist von seinen literarischen Quellen. Der Schlüsselmoment in 'Harmonielehre', dem Stück, mit dem ihm 1985 der Durchbruch gelang, ist ein ausuferndes, auf- und abschwellendes Thema für Streicher und Hörner in der Mitte des ersten Satzes, mehr oder weniger in der Tonart es-Moll. Es ist eine sehr theatralische, gestische Musik, ein Monolog ohne Worte. In 'Antony and Cleopatra' tauchen im Orchester ähnlich umherschweifende Adams'sche Linien auf, die sich nun an der Vertonung eines ehrwürdigen Textes orientieren. Die Kollision mit Shakespeare scheint unvermeidlich gewesen zu sein."

Athiopiens Staatschef Abiy Ahmed fährt tagelang mit Jon Lee Andersen durchs Land, zeigt und erklärt seine ambitionierten Entwicklungsprojekte. Nur über eins will er nicht reden: den Krieg mit Tigray, bei dem seine Truppen, unterstützt von Eritreern und Amharen, ebenso wie die Tigray gut dokumentierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen. Andersons Reportage informiert ausführlich über die Hintergründe und gipfelt im deprimierenden Satz: "'Was hier passiert, ist ein Bürgerkrieg', sagte mir ein hochrangiger westlicher Beamter. 'Ich glaube, es gibt eine absolut zwingende Logik, nicht zu kämpfen, aber sie werden es trotzdem tun.'"

Magazinrundschau vom 20.09.2022 - New Yorker

Mit vielen lustigen Fotos garniert porträtiert Molly Fischer die Lebensmitteldesignerin Laila Gohar - wobei Lebensmitteldesignerin ihren Beruf höchstens technisch beschreibt. Tatsächlich ist Gohar eine Verführerin, die einen Calvin mit einer Kirsche in die Hölle locken könnte. Und es geht dabei nicht um die Kirsche. "Als die Galeries Lafayette 2019 hofften, Luxuskunden in ihren neuen Standort auf den Champs-Élysées zu locken, wandten sie sich an Gohar, um eine Eröffnungsparty zu veranstalten. Gohar lieferte (neben einer Himbeertorte mit Hula-Hoop-Reifen und überlebensgroßen Butterskulpturen einer Hand, eines Mundes und eines Ohres) eine Mortadella von der Größe eines Telefonmastes. Sie wurde mit Hilfe eines Krans durch die Fenster im zweiten Stock des Kaufhauses transportiert und kam auf einem Sockel aus schweinchenrosa Marmor, umgeben von passenden Blumen, zur Ruhe - ein Monument der kalten Pracht. ... Viele ihrer Arbeiten sind so kunstvoll, dass man nicht sofort weiß, wie oder ob man sie essen soll. Manchmal würde das die Art von Intervention erfordern, vor der ein schüchterner Partygänger zurückschreckt - zum Beispiel eine Schokoladenbüste mit einem Hammer zu zerschlagen. Aber Gohar begrüßt diese Momente der Unsicherheit. ... Wenn ich meine Arbeit in solche Räume bringe, wirken sie sofort wie ein Eisbrecher. Die Leute werden fast wie Kinder.' Die Gäste fangen an, miteinander zu reden und zu fragen: Was ist das? Kann ich das essen? 'Das Essen ist mir sehr wichtig', sagt Gohar. 'Aber das ist nicht der Punkt.'"

Weitere Artikel: Bono erzählt seine Lebensgeschichte. Sam Knight erzählt die Geschichte eines umstrittenen Lucian Freuds. James Wood liest Marlen Haushofers Roman "Die Wand". Claudia Roth Pierpont liest Marius Kociejowskis Neapelporträt "The Serpent Coiled in Naples". Und Anthony Lane sah Olivia Wildes Film "Don't Worry Darling".

Magazinrundschau vom 06.09.2022 - New Yorker

Jonathan Blitzer verfolgt geradezu ungläubig den Aufstieg des Nachtklubmanagers Nayib Bukele zum Präsidenten El Salvadors, der das Land mit seinen Bitcoin-Abenteuern an den Rand der Staatspleite geführt hat, sich aber mit populistischen Sprüchen seine Beliebtheit in der Bevölkerung sichert. Im April lancierte die Regierung eine gewaltige Offensive gegen die kriminellen Banden, die das Land tatsächlich seit zwei Jahrzehnten terrorisieren und im März ein Blutbad von bis dahin unbekanntem Ausmaß angerichtet hatten. Bukele verhängte den Ausnahmezustand und innerhalb von Wochen wurden 50.000 junge Männer inhaftiert, ohne Recht auf einen Anwalt. Doch die Zeitungen misstrauen dem Präsidenten, für ihre investigativen Geschichten wurden immer wieder Journalisten ausspioniert, bedroht und aus dem Land gejagt: "Die Regierung kann die Berichte dementieren, aber bestimmte Fakten bleiben bestehen. Letztes Jahr lehnte Bukele einen Antrag der USA auf Auslieferung von vierzehn hochrangigen Mitgliedern der MS-13 ab. Die salvadorianische Regierung ließ einige der Männer heimlich aus dem Gefängnis frei, sie sind nun auf freiem Fuß. Laut einer gemeinsamen Untersuchung von La Prensa Gráfica und InSight Crime ist einer der Gangster, der sich Crook of Hollywood nennt, im November letzten Jahres während einer Verbrechenswelle aus dem sichersten Gefängnis des Landes entkommen. Im darauf folgenden Monat gingen die Morde zurück. Kürzlich veröffentlichte der Journalist Carlos Martínez in El Faro eine Geschichte, die auf sieben aufgezeichneten Gesprächen zwischen MS-13-Mitgliedern und einem Unterhändler der Regierung beruht, der Bukele nahe steht. Als Codename für den Präsidenten verwenden sie Batman. Es gibt ausdrückliche Hinweise auf zwei Jahre geheimer Gespräche, und der Beamte gibt sich Mühe, alles zu beschreiben, was er für die Bande getan hat, um seine 'Loyalität und Vertrauenswürdigkeit' zu beweisen. Auslöser für die Mordwelle im März war nach Angaben von drei in dem Bericht zitierten Gangmitgliedern die Verhaftung einer Gruppe von Gangstern, die in einem Regierungsfahrzeug unterwegs waren. Sie fühlten sich betrogen, weil ihnen 'sicheres Geleit' versprochen worden war. Untypischerweise griff die Regierung den Artikel nicht an, als er erschien. "

Weiteres: Etwas besseres als die Demokratie finden wir allemal? Adam Gopnik hat zwei Bücher gelesen, "Two Cheers for Politics" (Basic Books) von Jedediah Purdy und "Isonomia and the Origins of Philosophy" von Kōjin Karatani, die nach Alternativen suchen. Und Jennifer Homans erzählt von der Tour des New York City Balletts mit George Balanchine durch die UDSSR 1962, wo der Choreograf Menschen wiederbegegnete, die er auf seiner Flucht Jahre zuvor hinter sich gelassen hatte.

Magazinrundschau vom 29.08.2022 - New Yorker

Margaret Talbot zeichnet ein ausführliches Porträt des Richters am Obersten Gerichtshof der USA, Samuel Alito, für den mit der Entscheidung Dobbs vs. Jackson Women's Health Organization ein Traum war wurde. Alito hatte - in unnötig scharfen Worten, die die Mehrheitsmeinung der Amerikaner missachtet - die Begründung für die Aufhebung von Roe vs. Wade geschrieben, den Präzedenzfall, der Amerikanerinnen ein Recht auf Abtreibung gab. In seiner Begründung "versprach Alito, dass andere Präzedenzfälle sicher seien und dass sich die Abtreibung von anderen persönlichen Entscheidungen unterscheide, weil sie 'zerstört', was das Gesetz von Mississippi als 'ungeborenes menschliches Wesen' beschreibt. Er betonte: 'Nichts in dieser Stellungnahme sollte so verstanden werden, dass Präzedenzfälle, die nicht die Abtreibung betreffen, in Frage gestellt werden.' Aber Alitos Behauptung über die einzigartige Kostbarkeit eines Fötus allein schafft keinen rechtlichen Standard. Neil Siegel, Juraprofessor an der Duke University, sagte mir: ' 'Weil ich es gesagt habe' ist kein Argument - nicht in der Kindererziehung und nicht im Recht.' Die Logik, die Alitos Meinung zugrunde liegt, besagt, dass Rechte, die nicht in der Verfassung verankert sind, nur dann zulässig sind, wenn sie seit langem Teil der Traditionen der Nation sind. Was soll nach diesem Maßstab die Aufhebung des durch Obergefell garantierten Rechts auf gleichgeschlechtliche Ehe ausschließen? Es ist bezeichnend, dass Alito in diesem Fall wütend widersprach und sagte, dass ein Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe 'im Widerspruch zu einer lange etablierten Tradition' stehe. In der Tat argumentierte Clarence Thomas in seiner Dobbs-Zusatzerklärung, dass die besonderen Fälle, die die gleichgeschlechtliche Ehe und Intimität sowie die Empfängnisverhütung schützen, unbedingt neu überdacht werden sollten. (Thomas ließ 'Loving' aus, den Fall, der den Schutz der Ehe zwischen Schwarzen und Weißen zum Gegenstand hatte.) Die Minderheitenmeinung im Fall Dobbs vs. Jackson Women's Health Organization, die von Stephen Breyer, Elena Kagan und Sonia Sotomayor veröffentlicht wurde, stellte Alitos Zusicherungen scharf in Frage. 'Nehmen wir an, die Mehrheit [im Supreme Court] meint es ernst, wenn sie sagt, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, so weit gehen wird und nicht weiter', schrieben sie. 'Pfadfinderehrenwort. Dennoch wird die zukünftige Bedeutung der heutigen Stellungnahme in der Zukunft entschieden werden. Und das Recht hat oft die Angewohnheit, sich ohne Rücksicht auf die ursprünglichen Absichten weiterzuentwickeln - es folgt tatsächlich der Logik.'"

Weitere Artikel: Keith Gessen liest Turgenjew, Katy Waldman liest Jonathan Escoffery, Alex Ross fragt: Wie radikal war Rachmaninow, und Anthony Lane sah im Kino George Millers "Three Thousand Years of Longing" mit Tilda Swinton und Idris Elba.

Magazinrundschau vom 16.08.2022 - New Yorker

Auch Adam Gopnik denkt über die Freiheit nach, die sich Rushdie zurückerobert hatte und die mit dem Attentat endet: "Im Laufe der Zeit ließ er mit einem Mut, der heute noch bemerkenswerter erscheint als damals, den Schutz fallen und ging ohne Begleitung und ohne Sicherheitspersonal umher - er beanspruchte seine eigene Menschlichkeit, indem er sich weigerte, zu einem Sonderfall gemacht zu werden, egal welcher Art. Er ließ sich weder auf die Karikatur reduzieren, die seine idiotischen Feinde aus ihm machen wollten, noch auf die ebenso karikaturistische Rolle eines Märtyrers für die Wahrheit. Er war ein Schriftsteller, mit den Tätigkeiten eines Schriftstellers und den Rechten eines Schriftstellers."

Wie wichtig ein funktionierender Kühlkreislauf für unsere Lebensmittel ist, das lernt man aus Nicola Twilleys Reportage über fehlende Kältetechnik in Ruanda. Die Ausfälle durch verdorbene Lebensmittel im subsaharischen Afrika werden auf immerhin Hunderte von Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Der Erfindungsreichtum und Unternehmergeist, mit dem die Ruander diesem Problem begegnen, ist beeindruckend, aber es gibt noch einiges zu tun: Kühlung, wenn sie funktioniert, nützt vor allem großen Farmen, die für den Export pflanzen. Sie ist ein Klimakiller (an der Energieeffizienz arbeiten derzeit britische und ruandische Forscher). Und schließlich - etwas unerwartet - wollen viele Ruander keine gekühlten Lebensmittel: "Wie mir Alice Mukamugema, eine Analystin im ruandischen Landwirtschaftsministerium, erklärte, glauben die Verbraucher in Ruanda, dass gekühlte Lebensmittel nicht frisch sind. (Amerikaner im frühen 20. Jahrhundert äußerten ähnliche Befürchtungen.) 'Händler, die die Abfälle aus dem Eishaus des National Agricultural Export Development Board auf dem lokalen Markt verkaufen, müssen sie sogar eine Zeit lang in die Sonne legen, damit sie sich nicht kalt anfühlen', sagte sie."

Nach Jane Mayer letzte Woche (unser Resümee) blickt heute Louis Menand auf das Wahlsystem der USA und stellt fest, wie undemokratisch es ist. Und das, obwohl in den USA mehr Menschen zur Wahl gehen als je zuvor. Gerrymandering (das Menand ganz gut erklärt), Wahlmännerkollegium und Filibuster - diese drei Eigenheiten führen inzwischen dazu, dass eine kleine Minderheit über die Mehrheit herrscht. 1789 mag es für einige Regeln gute Gründe gegeben haben, die heute obsolet sind. Warum ist es aber so schwer, die Verfassung zu ändern? Der Glaube daran hat etwas Religiöses, meint Menand: "Wir leben in einem Land, das unter einem schweren Fall von Ahnenkult leidet (ein Symptom für Unsicherheit und Angst vor der Zukunft), der durch eine absurde, undurchführbare und manipulierbare Doktrin namens Originalismus noch verschärft wird. Etwas, das Alexander Hamilton in einer Zeitungskolumne geschrieben hat - die 'Federalist Papers' sind im Grunde eine Sammlung von Meinungsäußerungen -, wird wie eine Passage aus dem Talmud behandelt: Wenn wir sie richtig interpretieren könnten, würde sie uns den Weg weisen."

Weiteres: Adam Entous erzählt die unbekannte Geschichte der Familie Biden. Rebecca Mead schreibt über den finanziell ungeheuer erfolgreichen Künstler Anish Kapoor. Und Rachel Syme denkt über das Vermächtnis von Nora Ephron nach.

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - New Yorker

So richtig versteht man auch bei der Lektüre von Jane Mayers Reportage zwar immer noch nicht, wie Gerrymandering in den USA funktioniert, aber die Folgen werden sehr klar: Es geht grob gesagt um das willkürliche Zuschneiden von Wahlbezirken, dass dazu führen kann, dass Extremisten, die in fairen Wahlen nie eine Chance hätten, Gesetze gegen die eigentliche Mehrheit in einem Bundesstaates durchsetzen können. Mayers Beispiel ist der Bundesstaat Ohio. Hier haben religiöse Fundamentalisten und Waffenfanatiker durchgesetzt, dass nicht einmal vergewaltigte Kinder abtreiben können und Waffen praktisch ohne Kontrolle erworben und besessen werden dürfen: "Wie konnte das passieren, wo doch die meisten Wähler in Ohio keine Ultrakonservativen sind? 'Es geht um Gerrymandering', sagte mir David Niven, Professor an der Universität von Cincinnati. Die Karten der Wahlbezirke in Ohio wurden absichtlich so gezeichnet, dass viele Republikaner praktisch nicht verlieren können, was der Partei eine vetosichere Supermajorität sichert. Infolgedessen sind die einzigen Wettbewerbe, um die sich die meisten republikanischen Amtsinhaber sorgen müssen, die Vorwahlen - und da Hardcore-Parteianhänger die Wahl in diesen Wettbewerben dominieren, besteht die einzige Bedrohung für die meisten republikanischen Amtsinhaber in der Möglichkeit, von einem Rivalen überflügelt zu werden, der noch weiter rechts steht."

Weiteres: Gideon Lewis-Kraus porträtiert den Philosophen William MacAskill, Mitbegründer einer von Peter Singer inspirierten Bewegung namens "effektiver Altruismus". Susan B. Glasser und Peter Baker geben in einem Brief aus Washington Einblicke in den Krieg Donald Trumps gegen seine Generäle. Klar, Billy Wilder ist großartig, aber Ernst Lubitsch war noch besser, findet Alex Ross. Carrie Battan hört Beyoncés neues Album. Lauren Michele Jackson liest ein Buch über Josephine Baker. Und Anthony Lane sah im Kino David Leitchs Actionthriller "Bullet Train".

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - New Yorker

E-Autos mögen gut für die Umwelt sein, aber für Menschen kann ihre Lautlosigkeit tödlich sein. Seit 2010 fordert in den USA ein Gesetz, dass diese Fahrzeuge ihre Umwelt warnen. Aber wie? Das Ircam in Paris forscht genau auf diesem Gebiet, erzählt John Seabrook, "z. B. ob die Klänge von E.V. klangliche Metaphern für Verbrennungsgeräusche sein sollten, ähnlich dem synthetischen Klingeln eines Mobiltelefons oder dem beruhigenden Knistern von Papier, das anzeigt, dass man ein Dokument auf seinem MacBook abgelegt hat - eine Form des akustischen Designs, die als Skeuomorphismus bekannt ist. Eine andere Möglichkeit war die Verwendung von 'Ohr-Cons' - hörbare Symbole, wie das abstrakte Klicken eines Geigerzählers, das jeder als Zeichen für Radioaktivität kennt. Das Team von Misdariis entwickelte und testete Optionen in beiden Kategorien. Sie entdeckten, so Misdariis, dass 'Metaphern leicht zu verstehen, aber schwer zu merken sind, während Symbole schwerer zu verstehen, aber leichter einzuprägen sind". Das IRCAM-Team arbeitete mit Andrea Cera zusammen, einem italienischen Musikproduzenten und Komponisten. Cera sagte, dass er die Elektrifizierung der Mobilität als eine Chance sieht, die chaotische Akustik einer Stadt grundlegend zu überdenken. Er stellt sich eine urbane Klanglandschaft nach dem Vorbild des Vogelgezwitschers in der Natur vor, in der die verschiedenen Klänge nicht miteinander konkurrieren, sondern sich in ein übergreifendes akustisches Ökosystem einfügen. Durch die Analyse von Klanglandschaften auf der ganzen Welt hat Cera, wie er mir erzählte, 'diese kleinen Nischen ausfindig gemacht, in denen man einen kleinen Klang platzieren kann, so dass man präsent ist, ohne laut zu sein. Nur ein Ton, keine Melodie'. Die Klänge, die er und das IRCAM-Team für Renault entwickelt haben, sollen diese Nischen ergänzen. Er fügte hinzu: 'Wenn die Geräuschkulisse sehr chaotisch ist - Autos, Telefone, Hupen, Radios - kann man am besten wahrgenommen werden, wenn man still ist.'"

Masha Gessen erzählt in einem Brief aus der Ukraine, warum es so schwierig ist, russische Soldaten wegen Kriegsverbrechen anzuklagen, aber trotzdem notwendig: "'Westliche Politiker sagen immer wieder, dass wir einen Teil unseres Territoriums an Putin abtreten sollten', sagt Matwitschuk vom Center for Civil Liberties. 'Wir müssen sie daran erinnern, dass sie damit die Menschen den Schrecken ausliefern, die wir dokumentiert haben.'"

Außerdem: Calvin Tomkins porträtiert den schwulen Maler Salman Toor. Nikhil Krishnan fragt, wie universal unsere Emotionen sind. Zoe Heller liest neue feministische Romane.

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - New Yorker

In einer bewundernswerten Reportage voll wirklicher Erfahrung berichtet Luke Mogelson vom Kriegsgeschehen im Donbass. Sehr eindrücklich zeigt er, dass die gezielten russischen Angriffe auf Zivilisten ebenso deren Moral unterminieren sollen wie die unaufhörlichen Bombardements, die Lärm, Chaos, Angst und Tod verbreiten. Mogelson hat vor dem Fall von Lyssytschansk mehrere Wochen in der Industriestadt verbrachtet, deren wirtschaftlicher Niedergang mit der russischen Invasion im Donbas 2014 begonnen hatte: "Der außergewöhnliche Zusammenhalt, der die ukrainischen Kämpfer während der Verteidigung von Kiew getragen hat, ist im Donbass deutlich schwächer. Mein Übersetzer und ich übernachteten im letzten noch offenen Hotel in Bachmut. Als wir eines Abends aus Lyssytschanks zurückkehrten, kamen vier Männer in Zivil auf uns zu. Es waren Soldaten aus der Westukraine, die zur Verstärkung nach Osten entsandt worden waren. In Bachmut wurde jedem von ihnen eine Kalaschnikow, vier Magazine sowie zwei Handgranaten ausgehändigt, dann wurden sie an die Front geschickt. Den Soldaten zufolge war die einzige Anweisung, die sie erhielten, nicht zurückzuweichen. Ihnen wurde nicht gesagt, zu welcher Einheit sie gehörten oder unter wessen Kommando sie stünden. Kurz darauf wurden drei ihrer Kameraden unter russischem Granatenbeschuss verwundet. Sie brachten sie zum nächsten Checkpoint, dann wussten sie nicht mehr, was sie tun sollten: Zu ihrer Position zurückzukehren, wäre Selbstmord. Aber von wem könnten sie sich Anweisungen holen? Schließlich nahm sie ein Militärlaster mit nach Bachmut, jetzt haben sie Angst, als Deserteure verhaftet zu werden. Sie erzählten uns das alles, weil sie unseren Rat wollten. Ich hatte keinen, konnte ihnen nur Zigaretten anbieten… Auch die normalen Büger beteiligen sich hier in keiner Weise so an den Kriegsanstrengungen wie in Kiew. Während die Hauptstadt angegriffen wurde, fanden viele Bewohner, die nicht zum Militär gehörten, andere Arten der Unterstützung: Sie knüpften Camouflage-Netze, füllten Sandsäcke, kochten und lieferten Essen, sammelten ausländische Spenden für Ausrüstung und Medizin. Diese Freiwilligen waren oft Studenten, Künstler, Unternehmer und Akademiker, die alle zusammen eine erstaunliche Fähigkeit bewiesen, zu netzwerken und Ressourcen zu mobilisieren. Für die Bergleute, Bauern und Fabrikarbeiter im Donbass überschatte das eigene Überleben alle anderen Belange."

Dhruv Khullar bilanziert die Hitze, die Indien in diesem Jahr traurige Rekorde bescherte und Vögel tot vom Himmel fielen ließ: "Hohe Temperaturen verstärken Unsicherheit und Aggressivität", sagt ihm ein Arzt: "Die Welt wird heißer und gefährlicher."
Stichwörter: Donbass, Ukraine-Krieg 2022

Magazinrundschau vom 19.07.2022 - New Yorker

Als Jacht gilt jedes Boot mit einer Crew an Bord, die Klassifizierungen für Super-, Mega- und Gigajachten variieren allerdings, lernt Evan Osnos in seinem großen Bericht aus der Welt der Superreichen. 2021 wurden 187 Superjachten verkauft, ein Rekord, zweimal mehr als im Jahr davor. Ihre Beliebtheit resultiert aber nicht nur daraus, lernt Osnos, dass sie einfach das Allerteuerste sind, was man derzeit kaufen kann (an Land kann man für ein Anwesen nicht mehr als 250 Millionen Dollar hinlegen), oder daraus, dass sie meist an den Behörden vorbei offshore registriert werden oder dass sie ein Symbol für den "faustischen Kapitalismus" geworden sind, der die Werte der Demokratie gegen kurzfristige Profite verhökert: "Für die Jachtbesitzer  und ihre Gäste bietet ein 'weißes Boot' einen diskreten Marktplatz für den Austausch von Vertrauen, Gunst und Anerkennung. Wie genau die Mechanismen dieses Handels funktionieren - die Regeln und Ängste, Strategien und Beleidigungen - ließ ich mir von Brendan O'Shannassy erklären, einem altgedienten Kapitän und eine Art Kurator für Jachtwissen. O'Shannassy wuchs in Westaustralien auf, ging als junger Mann zur Marine und fand schließlich seinen Weg als Skipper auf einigen der größten Jachten der Welt. Er arbeitete für Paul Allen, den verstorbenen Mitbegründer von Microsoft, sowie für einige andere Milliardäre, deren Namen er nicht nennen möchte. Jetzt, Anfang fünfzig, mit geduldigen grünen Augen und lockigem braunen Haar, hat O'Shannassy einen guten Überblick auf den gesellschaftlichen Verkehr: 'Es ist geht sehr liebenswürdig zu, jeder küsst jeden', sagt er, 'aber im Hintergrund spielt sich eine Menge ab'. O'Shannassy hat einmal für einen Jachtbesitzer gearbeitet, der die Anzahl der Zeitungen an Bord begrenzte, damit er seine Gäste beim Warten und sich Winden beobachten konnte. 'Es war ein Spiel unter Milliardären. Es gab sechs Paare und drei Zeitungen', sagte er und fügte hinzu: 'Sie haben ständig ihre Positionen bewertet.' Auf einigen Schiffen hat O'Shannassy in den unangenehmen Minuten nach der Ankunft der Gäste selbst den Gastgeber gespielt. 'Viele von ihnen sind genial, aber einige sind sehr unsozial", sagt er. 'Sie brauchen jemanden, der für sie das gesellschaftliche übernimmt. Sobald sich alle eingewöhnt haben, so hat es O'Shannassy erlebt, gibt es oft eine subtile Veränderung, wenn ein Mogul, ein Politiker oder ein Popstar anfängt, sich auf eine Art zu entspannen, wie es an Land kaum möglich wäre. 'Die Vorsicht lässt nach', sagt er. 'Man muss sich keine Sorgen wegen der Paparazzi machen. Man hat also all diesen Freiraum, sowohl physisch, aber auch mental.'"

Alice Gregory stellt das Kunstkollektiv Congolese Plantation Workers Art League vor, das mit Schokoladenskulpturen daran arbeitet, die Stadt Lusanga vom ausbeuterischen Erbe der Palmöl-Plantagen zu emanzipieren.