Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

853 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 86

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - New Yorker

Im New Yorker macht uns Anna Wiener vertraut mit der Welt der Foley-Künstler (Geräuschemacher), das sind besondere Tonleute, die maßgeschneiderte Soundeffekte für Film, Fernsehen und Videospiele herstellen. "'Ich sage immer, es gibt Soundeffekte, wie Schritte, und dann gibt es Musik', sagte der Regisseur David Lynch, dessen Filme für ihr einfallsreiches, stimmungsvolles Sounddesign bekannt sind. 'Und dann gibt es Soundeffekte, die wie Musik sind. ... Sie beschwören ein Gefühl herauf.' Traditionell umfassen 'harte Effekte' Umgebungsgeräusche wie Verkehr oder Regen oder die mechanischeren, brennenden Geräusche von Explosionen und Schüssen; sie werden normalerweise aus Bibliotheken entnommen oder elektronisch erzeugt. Foley-Effekte sind speziell auf einen Film zugeschnitten und werden mit den Bewegungen der Figuren synchronisiert. Dazu gehören Geräusche, die entstehen, wenn jemand durch einen Raum geht, sich im Bett umdreht, einen Topf umrührt, tippt, kämpft, tanzt, isst, fällt oder küsst. Die Grenze zwischen diesen beiden Arten von Effekten ist fließend: Foley-Künstler nehmen das Geräusch einer Hand auf, die einen Türknauf dreht, aber nicht das Geräusch des Mechanismus, der sich darin dreht. Die Geräusche sind subtil, aber suggestiv, sie fangen Bettfedern aus dem Off ein oder das Schlurfen eines ungeschickten Eindringlings. In den letzten hundert Jahren hat die Technologie die Aufnahme, Bearbeitung und das Engineering von Geräuschen verändert, aber die Techniken der Geräuschkulisse sind hartnäckig analog geblieben. Hinter jedem noch so komplexen Foley-Effekt stehen ein oder zwei Menschen, die in einem schalldichten Raum ihre Körper verrenken. Die Foley-Künstler arbeiten seit jeher zu zweit. (Bestimmte Geräusche sind so komplex, dass sie die Arbeit von vier Händen erfordern.) Roden und Roesch sind zwei der Meister ihres Fachs. Der Regisseur David Fincher sagte mir, dass Foley 'eine sehr seltsame Berufung' ist und 'eine dunkle Kunst', die für das Filmemachen grundlegend ist. 'Man versucht, schöne Geräusche zu machen, die einmal ihren Zweck erfüllen und dann wieder verschwinden', sagte Fincher. 'Die Leute, die das wirklich, wirklich gut können, sind rar gesät.'"

Hier gibt John Roesch eine kleine Einführung in sein Metier:



Das Projekt der Aufklärung begann mit der Trockenlegung von Sümpfen: Bis zum 17. Jahrhundert starben die Menschen in Europa am Sumpffieber wie die Fliegen. Aber vielleicht kann man auch vom Guten zu viel tun. Das glaubt jedenfalls die Schriftstellerin Annie Proulx, die das Verschwinden der Sümpfe auch als ökologische Katastrophe betrachtet: "Viele Menschen haben nur eine vage Vorstellung davon, dass Feuchtgebiete die Erde säubern. Tatsächlich sind sie Kohlenstoffsenken, die CO2 absorbieren, und sie sind unübertroffen im Herausfiltern von menschlichen Abfällen, Material von verrotteten Kadavern, Chemikalien und anderen Schadstoffen. Sie füllen unterirdische Grundwasserspeicher auf und erhalten die regionalen Wasserressourcen, indem sie die Auswirkungen von Dürren und Überschwemmungen abfedern. Insgesamt stabilisieren die wässrigen Teile der Erde ihr Klima. ... In den achtziger Jahren war etwa die Hälfte der amerikanischen Feuchtgebiete ausgerottet worden. ... Die Naval Station Norfolk in der Region Hampton Roads zum Beispiel - ein natürlicher Reedekanal mit tiefem Wasser in der Chesapeake Bay, der von den Flüssen James, Nansemond und Elizabeth gespeist wird - schwillt jetzt in einem noch nie dagewesenen Ausmaß an. Der Umweltjournalist Jeff Goodell besuchte die Station und schrieb: 'Auf der Basis gibt es keinen Hochstand, keinen Rückzugsort. Es fühlt sich an wie ein Sumpf, der ausgebaggert und zugepflastert wurde - und genau das ist es auch.'"

Weiteres: Andrew Marantz geht der Frage nach, ob amerikanische Konservative wirklich ausgerechnet Viktor Orbán als Vorbild sehen. David Remnick porträtiert die Gospelsängerin Mavis Staples. Anthony Lane sah im Kino Baz Luhrmanns Elvis-Biopic. Louis Menand erzählt, wie Picasso sich in Amerika durchsetzte. Und Alex Ross berichtet vom Ojai-Musikfestival.

Magazinrundschau vom 21.06.2022 - New Yorker

Wie zweischneidig das Recht auf Privatsphäre ist, lernt Jeannie Suk Gersen aus zwei Büchern: Amy Gajda beschreibt es in "Seek and Hide: The Tangled History of the Right to Privacy" als ein Recht, das immer vor allem "den Interessen reicher Männer und der Elitegesellschaft" gedient hat. "Gajda weist darauf hin, dass die Begeisterung für die Privatsphäre in der amerikanischen Geschichte immer mit einer Wahrheit verbunden war, die durch die #MeToo-Bewegung bekannt wurde: Die Privatsphäre schützt das Verhalten von Männern gegenüber Frauen" und es kollidiert oft genug mit einem "Recht auf Wissen" der Öffentlichkeit. Brian Hochmans "The Listeners: A History of Wiretapping in the United States" argumentiert laut Gersen dagegen, dass Privatsphäre im Zeitalter unbegrenzter Überwachungsmöglichkeiten so kostbar wie nie ist. "Für Hochman fügt sich die Geschichte des Abhörens letztlich in die größere rassistische Tragödie der Masseninhaftierung und Überkriminalisierung ein. Genauso wie die Bestrafung und die polizeiliche Überwachung einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf schwarze Gemeinschaften hatten, so stellt er fest, dass Schlüsselmomente in der Geschichte des Abhörens die Überwachung schwarzer Individuen beinhalten. Die Bundesregierung hörte schwarze politische Führer und Bürgerrechtsgruppen ab, von Martin Luther King, Jr. und Malcolm X bis zu den Black Panthers und der Nation of Islam. Heute, so schreibt er, ist die elektronische Überwachung 'in Fällen von Drogenhändlern in Baltimore, Einwanderern ohne Papiere in Detroit und Black Lives Matter-Aktivisten in Chicago aufgetaucht'. Es ist auffällig, dass die beiden großen sozialen Bewegungen der letzten fünf Jahre, #MeToo bzw. Black Lives Matter, den Rahmen für Gajdas und Hochmans Projekte bilden: Zu viel Respekt vor der Privatsphäre dient einerseits dem männlichen Anspruch, andererseits dient ein unzureichender Respekt vor der Privatsphäre der weißen Vorherrschaft. Das Schwanken zwischen diesen beiden Gruppen von Anliegen spiegelt nicht nur unsere instabilen moralischen Intuitionen zu sozialer Gerechtigkeit wider, die oft davon abhängen, wer der Verletzer und wer der Verletzte ist, sondern auch die realen Abwägungen zwischen Privatsphäre und konkurrierenden Anliegen."

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - New Yorker

John Lee Anderson porträtiert Chiles neuen Präsidenten, den gerade mal 36-jährigen Gabriel Boric, als undogmatischen Hoffnungsträger einer neuen lateinamerikanischen Linken. Der in Patagonien aufgewachsene und üppig tätowierte Boric ist im Zuge der Protestbewegung bekannt geworden, die das Referendum für eine Veränderung der alten, noch unter Augusto Pinochet verabschiedete Verfassung in Gang gesetzt hatte: "Trotz Boric' Neigung zu einer kraftvollen Sprache, vermeidet er die Rhetorik der harten Linken. Seiner Ansicht nach 'war der Nullsummen-Diskurs der vergangenen Jahrzehnte eher Gift als Dünger'. Schon bevor Boric geboren wurde, hatte Fidel Castro mit seinem absolutistischen Denken über Macht und Politik einen immensen Einfluss auf Lateinamerikas Linke. Die Politiker, die sich am engsten an Castros Beispiel anlehnten, taten dies mit kläglichem Ergebnis: Hugo Chávez und Nicolás Maduro in Venezuela und Daniel Ortega in Nicaragua. Andere linke Politiker in der Hemisphäre, wie Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und Alberto Fernández in Argentinien geben sich revolutionär, doch ihr politisches System scheint vor allem damit beschäftigt zu sein, ihre Macht abzusichern. Von den noch lebenden Löwen der Linken haben nur zwei ihren Nimbus bewahrt: Pepe Mujica, der frühere Guerilla, der bis vor zehn Jahren Präsident von Uruguay war und danach auf seine Finca zurückkehrte, und Lula da Silva in Brasilien, der mit den Wahlen im Oktober an die Macht zurückkehren könnte. Boric sagt: 'Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Linke neu zu erfinden.' Und er weiß, dass die entscheidende Grenze in der Region nicht zwischen Links und Rechts verläuft, sondern zwischen Demokratie und populistischem Autoritarismus. Boric - jung und unbelastet von der Vergangenheit - scheint der Politiker zu sein, der am besten die Befreiung von der Ideologie propagieren kann."

Magazinrundschau vom 24.05.2022 - New Yorker

Roses are red, Violets are blue, Sugar is sweet, And so are you. Der Schriftsteller Adam Gopnik ergründet für den New Yorker die Regeln des Reims und nimmt dafür das neue Buch von Daniel Levin Becker zur Hand, der in "What's Good" eine Lanze für den amerikanischen Rap bricht: Rap habe die Sprache amerikanischer Songs revolutioniert, so Becker. Im Gegensatz zu romanischen Sprachen, in denen zahlreiche Wörter eine Endsilbe teilen, ist es im Englischen schwer, reine Reime zu finden, meint Gopnik und vergleicht Lyriker von Shakespeare über W. H. Auden bis hin zu Rappern wie Jay Electronica, die sich dieser Herausforderung stellen, um den tiefen Sinn der Lyrik zu finden: "Near-rhyme (Fast-Reim), half rhyme (halber Reim), off rhyme (kein Reim), unreiner Reim, Assonanzen und Identitäten, schräge Reime und gerade Reime: sie alle haben das Zeug zu überzeugen, doch keiner bietet Zuflucht vor dem Sinn. Was bei Literatur und Lyrik immer auf dem Spiel steht, ist deren Bezug zur Welt. Wir können Wendy Copes Worte lieben wie die von Larry Hart und Kendrick Lamar - für die Reime, die sie offenbaren, aber auch für die traurigen Wahrheiten, die sie aussprechen. Am Ende kann kein Satzrhythmus die Poesie gegen den Realitätstest immunisieren. Wir lieben die Balance und Kontrolle von Reimen, auch wenn sie uns aus dem Gleichgewicht bringen, doch nach der Musik wollen wir Sinn. 'Achte auf den Sinn und die Töne kommen von selbst', rät die 'Herzogin in Alice im Wunderland' in Abwandlung eines britischen Sprichworts über Pence und Pfund, und obwohl es nicht die ganze Wahrheit ist, ist es eine große, die dem einfachsten Geschenk einer Grußkarte folgt. Denn wir kommen nicht umhin, den Reim mit Vernunft zu prüfen. Rosen sind rot. Veilchen sind blau, Zucker ist süß. Und Sie?"

Weitere Artikel: Neima Jahromi besucht das Star Wars Space Ship in Disneyland. Lauren Collins macht eine Wasserkur in Frankreich. Jill Lepore überlegt, ob wir uns genauso weiterentwickelt haben wie das Fahrrad. Und Anthony Lane sah im Kino "Top Gun 2".

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - New Yorker

Peter Hessler zeichnet in einem Brief aus Chengdu, wo er an der Universität Sichuan englische Literatur unterrichtet hat, ein differenziertes Bild seiner Studenten: Angepasst und gleichzeitig enorm erfinderisch, kritisch und gleichzeitig auf Parteilinie, vorsichtig und dann wieder mutig. Einem mörderischen Konkurrenzkampf ausgesetzt und gleichzeitig - das beeindruckt einen vielleicht am stärksten - oft "brutal ehrlich mit sich selbst": "Meine Studenten an der Universität Sichuan waren alte Seelen. Sie wussten, wie die Dinge funktionierten; sie kannten die Mängel des Systems und auch seine Vorteile. Das Umfeld, in das sie eintraten, war im Wesentlichen dasselbe, in dem ihre Eltern gearbeitet hatten: Zum ersten Mal war China über einen Zeitraum, der länger ist als das Gedächtnis eines Universitätsstudenten, sowohl stabil als auch wohlhabend. Wenn sie über die Generation ihrer Eltern und über die Gesellschaft, die sie eines Tages erben würden, schrieben, konnten sie völlig kaltschnäuzig sein: 'Meine Eltern wurden in den 1970er Jahren geboren, und ich glaube, sie gehören heute zur unteren Mittelschicht in China. Sie zeichnen sich durch einen festen Patriotismus und einen lässigen Zynismus aus. Sie unterstützen die Volksrepublik China nachdrücklich, nicht indem sie die chinesische Regierung loben, sondern indem sie ausländische Regierungen kritisieren. Sie weigern sich, Apple-Produkte zu verwenden, lehnen Reisen nach Japan ab und tun Trump als verrückt und bösartig ab. Dennoch bewundern sie China nur selten mit Leidenschaft. Sie sind Zeugen von Korruption in der chinesischen Bürokratie und von Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, die sie nicht beseitigen können, und sagen daher immer: Es ist eben so. ... Ich glaube, meine Generation, die im Zeitalter des Internets geboren wurde, ist verwirrt und irgendwie deprimiert über den Konflikt zwischen chinesischen und westlichen Überzeugungen. Im Internet herrscht Propaganda über Freiheit und Vernunft, während in den Schulbüchern Propaganda über Patriotismus und Kommunismus vorherrscht. Die Jugendlichen werden meist von Ersterem angezogen, aber wenn sie Prüfungen ablegen und einen Job anstreben, sollten sie das Letztere im Hinterkopf behalten, und in der Praxis funktioniert das Letztere in China meistens besser.' Solche Worte zu lesen, war herzzerreißend, aber auch inspirierend: Schon die Beschreibung einer Situation, für die es keine einfache Lösung gibt, ist eine Art von Handlungsfähigkeit. Trotz des erdrückenden politischen Klimas und der zermürbenden Gaokao-Routine brachte das chinesische Bildungssystem eine nicht geringe Anzahl von Menschen hervor, die beobachten und analysieren, denken und schreiben konnten."

Stephen Witt stellt den türkischen Waffenproduzenten und Schwiegersohn Erdogans Selçuk Bayraktar vor, dessen Drohnen erfolgreich von der ukrainischen Armee gegen die russische eingesetzt werden, aber auch Kurden töten oder Armenier: "Die TB2 werden nicht nur in der Ukraine und Aserbaidschan eingesetzt, sondern auch von den Regierungen von Nigeria, Äthiopien, Katar, Libyen, Marokko und Polen. Als ich mit Bayraktar sprach, hatte er gerade ein Verkaufsgespräch in Ostasien abgeschlossen, bei dem er seine in Kürze erscheinende TB3-Drohne anpries, die von einem Boot aus gestartet werden kann."

Im neuen Heft erzählt Joshua Yaffa von der russischen Besatzung der ukrainischen Stadt Melitopol. Andrew Marantz beschreibt das Kollaborationstalent des Musikers Jack Antonoff. Ben Taub porträtiert den Fotojournalisten Paolo Pellegrin. Und Alex Ross singt ein Loblied auf das South Dakota Symphony Orchestra.

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - New Yorker

Russland geht es nicht einfach um einen militärischen Sieg über die Ukraine, es geht - was auch für eine Kapitulation nichts Gutes hoffen lässt - um die Zerstörung einer ganzen Gesellschaft und ihrer zivilen Einrichtungen. Das zeigt sich auch in Luke Mogelsons Reportage aus einem verwüsteten Land: "Die Lage in Mariupol war einzigartig düster, aber die Russen griffen zivile Gebiete und die Infrastruktur in der gesamten Ukraine an, insbesondere in Charkiw, dreihundert Meilen östlich von Kiew. Am 16. März fuhr ich mit ein paar Fotografen dorthin. Durch den Beschuss wurden mehrere Häuserblocks in der Innenstadt verwüstet. Büros, Geschäfte, Restaurants, Cafés, Universitätsgebäude und eine nach Ernest Hemingway benannte Kneipe lagen in Trümmern, einige waren mit Eis aus gebrochenen Rohren bedeckt. Ein riesiger Krater klaffte vor dem regionalen Verwaltungssitz, einem sechsstöckigen Monolithen, der der Explosion teilweise standgehalten hatte. Eine zweite Rakete hatte eine Küche im Untergeschoss zerstört und mehrere Frauen getötet. Ein Teil eines Schädels lag in der Nähe. Feuerwehrleute mit Schaufeln wühlten noch immer in den Trümmern und suchten nach Leichen. ... Eine Stunde später wurde ein Markt ein paar Kilometer östlich von uns beschossen. Ich ging dorthin und fand Feuerwehrleute vor, die einen brennenden Komplex von Ständen im Freien ablöschten. Es war nichts in Sicht, was als militärisches Ziel hätte missverstanden werden können. Ich filmte gerade die Schäden, als eine weitere Mörsergranate in geringer Entfernung von mir einschlug. Die Explosion und das Schrapnell verletzten eine Frau, die aus dem Unterleib blutete und schnell in einen Krankenwagen gebracht wurde. Solche 'Doppeltreffer' waren in Syrien üblich, wo Russland und das Assad-Regime systematisch Ersthelfer ins Visier genommen hatten, um die Bevölkerung zu demoralisieren und in die Unterwerfung zu treiben. Dieselbe Strategie wurde eindeutig auch in der Ukraine angewandt. An diesem Tag bombardierten die Russen auch ein Theater in Mariupol, in dem Zivilisten Zuflucht gefunden hatten. Auf dem Parkplatz war in großen weißen Buchstaben auf Russisch 'KINDER' aufgemalt worden. Berichten zufolge starben Hunderte. Am nächsten Nachmittag wurde in Charkiw einer der größten Märkte Osteuropas bombardiert. Tausende von Menschen hatten dort vor dem Krieg gearbeitet. Ein wütendes Inferno verzehrte den Komplex, und teerschwarzer Rauch verdunkelte den Himmel."

Magazinrundschau vom 26.04.2022 - New Yorker

Kommerzielle Spionagesoftware ist ein riesiger, um die 12 Milliarden Dollar schwerer Markt. Für die Produkte, etwa der israelischen NSO Group, interessieren sich vor allem Regierungen. Ausspioniert werden neben Verbrechern und Terroristen katalanische Separatisten, saudische Frauenrechtsaktivistinnen, rumänische Staatsanwälte für Korruptionsbekämpfung, amerikanische ITler und ganz normale Apple-, Facebook- oder Googlenutzer. Die amerikanischen Techgiganten haben jetzt begonnen, sich mit Klagen dagegen zu wehren. Die Regierungen auch westlicher Staaten sind über die Spionage immer nur dann empört, wenn es sie selbst trifft. In der Regel genehmigen sie den Einsatz im eigenen Land jedoch. Und das ist die Krux, lernt man aus einer umfangreichen Reportage von Ronan Farrow. "'Fast alle Regierungen in Europa nutzen unsere Tools', sagte mir Shalev Hulio, Geschäftsführer von NSO. Ein ehemaliger hochrangiger israelischer Geheimdienstmitarbeiter fügte hinzu: 'NSO hat ein Monopol in Europa.' Deutsche, polnische und ungarische Behörden haben zugegeben, dass sie Pegasus nutzen. Auch die belgischen Strafverfolgungsbehörden verwenden es, obwohl sie es nicht zugeben wollen. (Ein Sprecher der belgischen föderalen Polizei sagte, dass sie 'den rechtlichen Rahmen für den Einsatz eingreifender Methoden im Privatleben' respektiert). Ein hochrangiger europäischer Strafverfolgungsbeamter, dessen Behörde Pegasus nutzt, sagte, dass es einen Einblick in kriminelle Organisationen gebe: 'Wann wollen sie das Gas lagern, wann wollen sie den Sprengstoff anbringen?' Er sagte, dass seine Behörde Pegasus nur als letztes Mittel und mit gerichtlicher Genehmigung einsetzt, räumte aber ein: 'Es ist wie eine Waffe. . . . Es kann immer passieren, dass eine Person sie falsch einsetzt.' Die Vereinigten Staaten sind sowohl Nutzer als auch Opfer dieser Technologie. Obwohl die National Security Agency und die C.I.A. über eigene Überwachungstechnologie verfügen, haben andere Regierungsstellen, einschließlich des Militärs und des Justizministeriums, nach Angaben von Personen, die an diesen Transaktionen beteiligt waren, Spionagesoftware von privaten Unternehmen gekauft." Als WhatsApp mit NSO-Tools gehackt wurde, beschloss Facebook die Sache selbst zu untersuchen und "die Strafverfolgungsbehörden nicht sofort zu benachrichtigen, da es befürchtete, dass die US-Beamten die Hacker informieren könnten. (Ihre Bedenken waren berechtigt: Wie die Times berichtet, empfing das FBI Wochen später NSO-Ingenieure in einer Einrichtung in New Jersey, wo die Behörde die gekaufte Pegasus-Software testete)."

Weiteres: Matthew Hutson denkt über erneuerbare Speicher für erneuerbare Energie nach. Kelefa Sanneh porträtiert den Rapper Fivio. Rebecca Mead berichtet über ökologischen Städtebau in Skandinavien. Lauren Michele Jackson liest die Tagebücher Alice Walkers. Keith Gessen bespricht einen neuen Roman des ukrainischen Autors Andrej Kurkow. Amanda Petrusich hört die neue CD von Arcade Fire. Und Anthony Lane sah im Kino Roger Michells "The Duke".

Magazinrundschau vom 12.04.2022 - New Yorker

45 Jahre lang nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zensierte die Sowjetunion jede Dokumentation über den Holocaust, und untergrub jeden Versuch, in Babyn Jar ein Denkmal zu setzen für die 34.000 ukrainischen Juden, die dort 1941 innerhalb von zwei Tagen von den Deutschen erschossen worden waren. Gedenkfeiern und Pläne zur Errichtung eines Denkmals gab es erst ab 2016, nachdem der russlandtreue ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch abgesetzt worden war. Der neue Präsident Poroschenko verkündete bald darauf, die vier jüdischen ukrainischen Geschäftsleute Mikhail Fridman, Pavel Fuks, German Khan und Victor Pinchuk würden ein Holocaust-Mahnmal für Babyn Jar finanzieren. Zum künstlerischen Leiter ernannte der Stiftungsrat Ilya Khrzhanovsky, Regisseur des berühmt-berüchtigten "Dau"-Projekts. Um diese Konstellation gab es von Anfang an Streit, berichtet Masha Gessen im New Yorker. Denn alle vier Geschäftsleute hatten ihre Millionen in Russland verdient. Gessen, die das - noch nicht fertig gestellte - Mahnmal 2021 besucht hatte, erzählt, dass "Bekannte in Kiew, denen ich von meinem Plan erzählte, über das Projekt in Babyn Yar zu schreiben, seufzten, die Augen verdrehten oder unbehaglich lachten. Niemand, so schien es, vertraute dem Projekt - zum Teil, weil es privat finanziert wurde, zum Teil, weil es von Khrzhanovsky geleitet wurde, aber vor allem wegen Russland. Der schärfste Gegner des Projekts war Josef Zissels, ein 75-jähriger ehemaliger Dissident und Vorstand der jüdischen Gemeinde der Ukraine. Ich traf ihn im Januar in der Kiew-Mohyla-Akademie, einer der größten und ältesten Universitäten der Ukraine, wo er das Zentrum für jüdische Studien leitet. Sein Haupteinwand gegen das Projekt, so sagte er, rührt von dem Gefühl her, dass Putin und seine imperialen Pläne dahinter stehen. Obwohl alle vier reichen Männer, die das Mahnmal finanzieren, in der Ukraine geborene Juden sind, haben sie von ihren Verbindungen zu Russland profitiert, und drei von ihnen hatten irgendwann einmal einen russischen Pass. 'Das ist hybride Kriegsführung', sagte Zissels. 'Sie versuchen, uns eine Erinnerung unterzuschieben, die nicht unsere Erinnerung ist.' Ich verbrachte viele Tage damit, mit Team-Mitgliedern des Babyn Yar Holocaust Memorial Center zu sprechen und die von ihnen erstellten Materialien zu durchforsten. Gelegentlich stieß ich auf Wissenslücken, vor allem in Bezug auf die sowjetisch-jüdische Geschichte, aber ich konnte keine Anzeichen dafür erkennen, dass das Projekt oder seine Geldgeber eine russlandzentrierte, geschweige denn eine Putin-nahe Darstellung propagieren würden. Nur wenige Mitglieder des Teams waren in Russland ausgebildet worden oder hatten dort längere Zeit gelebt. Khrzhanovsky hatte den Großteil der letzten zwei Jahrzehnte in Charkiw und London verbracht. Fridman sagte mir: 'Ich hatte erwartet, dass wir auf Widerstand stoßen würden, aber ich hätte nie gedacht, dass man uns als Agenten des Kremls bezeichnen würde.' Er wurde in Lwiw geboren. Seine beiden Großmütter stammten aus Kiew und hatten das Glück, die Ukraine 1941 mit ihren Kindern verlassen zu können. Fridmans Urgroßeltern kamen im Holocaust um; auch Fuks, Khan und Pinchuk hatten Verwandte verloren. Mindestens sieben von Khans Familienmitgliedern wurden in Babyn Yar getötet. (Auch Khrzhanovskys Großmutter mütterlicherseits floh 1941 aus der Ukraine.) Sicher, die Geldgeber der Gedenkstätte hatten ihr Geld in Russland verdient - es war ein guter Ort, um Geschäfte zu machen -, aber sie hatten komplizierte Beziehungen zu dem Land. Vor einigen Jahren verzichtete Fuks auf seine russische Staatsbürgerschaft. Ich fragte Zissels, welche Aspekte von Khrzhanovskys Projekt das historische Narrativ des Kremls widerspiegeln. 'Ich kann es nicht beweisen', sagte er. 'Aber ich kann es spüren.' Die Befürchtung, so scheint es, war die Angst vor Ansteckung. Das Problem mit Putins Geschichtsrevisionismus ist nicht nur die zentrale Rolle der Sowjetunion und des sowjetischen militärischen Ruhms, sondern auch, dass sie, wie alle russische Propaganda, absichtlich Chaos sät. Das Ergebnis ist eine gefärbte Geschichtsdarstellung und ein Gefühl des Nihilismus - ein Konsens darüber, dass Gut und Böse ununterscheidbar sind, dass nichts wahr und alles möglich ist. Aus diesem Grund fiel es vielen Ukrainern schwer, einem Projekt zu vertrauen, das von Leuten finanziert wurde, die immer noch in Russland Geschäfte machten."

Weiteres: Wird es den Tories gelingen, die BBC zu demontieren, fragt Sam Knight. Claudia Roth Pierpont sah im Met Museum eine Ausstellung des afroamerikanischen Malers Winslow Homer (1836-1910). Louis Menand denkt darüber nach, wie Geschichtsschreibung Geschichte erst macht. Alex Ross hört den Los Angeles Master Chorale. Amanda Petrusich hört neue Countrymusik von Orville Peck, und Anthony Lane sah Jacques Audiards Film "Wo in Paris die Sonne aufgeht".

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - New Yorker

Rebecca Belmore: "ishkode (fire), 2021

Kaum Malerei, viele Videoarbeiten und Installationen entdeckt Peter Schjedahl auf der Whitney Biennale für amerikanische Gegenwartskunst und erkennt nicht nur eine Emazipation vom Kunstmarkt, wie er im New Yorker schreibt, sondern auch einen Trend weg vom persönlichen Gefühl hin zu einer gemeinsamen Erfahrung: "Erwarte nur niemand, auf den ersten Blick viel zu verstehen. Im Mittelpunkt der Arbeit 'ishkode (fire)' von Rebecca Belmore, einer Anishinaabe-Künstlerin aus Kanada, steht die Darstellung eines in Ton gegossenen Schlafsacks, der sich aufgenscheinlich um eine stehende Figur hüllt, die selbst nicht zu sehen ist. Um sie herum auf dem Boden liegen Tausende von kleinkalibrigen Patronenhülsen, vermischt mit Kupferdraht. Die Arbeit ist wunderschön, bevor man darüber spekuliert, was sie beabsichtigt, aber auch danach. Die Arbeit zeichnet sich durch eine sorgfältige Gestaltung aus, die für zahlreiche Werke der Ausstellung typisch ist. Ich kann mir vorstellen, dass die pandemische Isolation, die Künstler gleichzeitig ihrer Karriezwänge beraubt und befreit hat, eine einsame Kultivierung von Perfektion begünstigt hat."

Magazinrundschau vom 29.03.2022 - New Yorker

Dass Belgier, Deutsche und Niederländer in ihren Kolonien unmenschlich grausam gehaust hatten, ist bekannt. Aber waren die Briten wirklich die besseren Kolonialherren? Sunil Khilnani hat ein Buch gelesen, dass diese These rundheraus ablehnt: Caroline Elkins hat in "Legacy of Violence" einige der gruseligsten britischen Kolonialverbrechen beschrieben, darunter die Niederschlagung des Mau-Mau-Aufstands in den 1950er Jahren, bei dem wohl um die 300.000 Menschen getötet wurden, die Niederschlagung eines Aufstands von Palästinensern in den späten 1930er Jahren oder die Unterdrückung der Iren. Dabei fiel ihr ein Muster auf: Während britische Politiker von Zivilisation und Recht sprachen, setzten Militärs und Polizisten im ganzen Reich Unterdrückungstechniken ein, gegen die höhere Stellen fast nie einschritten. Elkins zeigt, wie diese Taktiken in der Kampftruppe von Churchill-Freund Henry Hugh Tudor zusammenliefen, so Khilnani: "Aus Irland kamen paramilitärische Techniken und der Einsatz gepanzerter Fahrzeuge, aus Mesopotamien die Erfahrung mit Luftangriffen und dem Beschuss von Dörfern, aus Südafrika der Einsatz von Dobermännern zum Aufspüren und Angreifen von Verdächtigen, aus Indien Verhörmethoden und der systematische Einsatz von Einzelhaft und aus der Nordwestgrenze des Raj der Einsatz von menschlichen Schutzschilden zum Räumen von Landminen. Ein Soldat erinnerte sich an den Einsatz von arabischen Gefangenen: 'Wenn es Landminen gab, dann waren sie es, die sie gelegt hatten. Ein ziemlich schmutziger Trick, aber es hat uns Spaß gemacht.' Andere Praktiken scheinen von den Briten in Palästina selbst entwickelt worden zu sein: nächtliche Überfälle auf verdächtige Gemeinden, ölgetränkter Sand, der Eingeborenen in den Hals gestopft wurde, Käfige unter freiem Himmel, in denen Dorfbewohner festgehalten wurden, Massenabrisse von Häusern. Während sie solche Taktiken an den Palästinensern perfektionierten, so Elkins, eigneten sich die Offiziere Fähigkeiten an, die sie später in Aden (im Süden des heutigen Jemen), an der Goldküste, in Nordrhodesien, in Kenia und auf Zypern einsetzten. Palästina war, kurz gesagt, das führende Atelier des Empires für Zwangsunterdrückung."