Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 46 von 81

Magazinrundschau vom 16.02.2010 - New York Times

David Dow, Jurist und Aktivist gegen die Todesstrafe in den USA, hat seine "Autobiography of an Execution" (Audio-Leseprobe) geschrieben. Dahlia Lithwick berichtet in der NYT Book Review tief beeindruckt von seinem unermüdlichen Kampf für Klienten, die ihm keineswegs immer sympathisch sind. Zum Glück gibt's auch gute Nachrichten: "Statistiken des Death Penalty Information Center zeigen, dass die Todesstrafe in Amerika ausstirbt. Im letzten Jahr ist die Zahl der Todesstrafen zum siebten Mal hintereinander gesunken; sie liegt nun auf dem niedrigsten Niveau, seit der Supreme Court die Todestrafe 1976 wieder einführte. Elf Staaten erwogen im letzten Jahr die Abschaffung der Todesstrafe, mit dem Argument der hohen Kosten und geringen Effekte. New Mexico hat jüngst als fünzehnter Staat die Todesstrafe abgeschafft."

Außerdem: Geoffrey Wheatcroft schreibt einen Essay über die Aktualiät George Orwells. Und im NYT Magazine schreibt Russell Shorto (Autor einer schönen Frühgeschichte New Yorks) über die Frage, als wie christlich sich die Gründerväter der USA betrachteten.

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - New York Times

Omar Hammami aus Daphne, Alabama, ist heute einer der Hauptterroristen in Somalia. Kriegsname: Abu Mansoor Al-Amriki. Andrea Elliott erzählt in einer unendlich geduldigen und detailreichen Reportage seine Geschichte: "Trotz des Namens, den er von seinem Vater hat - einem syrischen Einwanderer - war Hammami mindestens so alabamisch wie seine Mutter, eine warmherzige, offene Frau, die immer mal wieder Kosenamen und wie 'Darlin' und 'Sugar' in ihre Unterhaltung einstreut. Erzogen wurde Omar als Südstaatenbaptist. Er ging ins Bibellager und sang zu Weihnachten "Away in a Manger". Als Teenager schwankten seine Leidenschaften zwischen Shakespeare und Kurt Cobain, Fußball und Nintendo. In seiner Pubertät war er ein furchtloser, rebellischer Teenager mit rauem Humor. 'Es war cool mit ihm zusammen zu sein', sagt Trey Gunter, der seinerzeit sein bester Freund war. 'Man wusste gleich, dass er ein geborener Anführer war.'"

Magazinrundschau vom 05.01.2010 - New York Times

Philip Roth mag seine Kraft verloren haben, großartig über Sex zu schreiben, aber in seiner Wut darüber, ist er noch immer grandioser als all seine Nachfahren, meint Katie Roiphe, die über die neue Keuschheit in der amerikanischen Literatur ein wenig verzweifelt: "Der gegenwärtig vorherrschende Stil ist eher kindlich; Unschuld ist angesagter als Männlichkeit, das Kuscheln wird dem Sex vorgezogen. Prototypisch ist eine Szene aus Dave Eggers Road Novel 'Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind', in der der Held die Disko mit einer Frau verlässt. Sie zieht sich aus und legt sich einfach nur auf ihn: 'Ihr Gewicht war das ideale Gewicht, mir war warm, und ich wollte, dass ihr auch warm ist'... Vergleichen wir Benjamin Kunkels zaghafte und schuldbewusste Masturbationsszene in 'Unentschlossen' mit Roth' onanistischer Überschwänglichkeit, komplett mit ausgehöhlten Äpfeln, Leber und Einwickelpapier von Schokoladenriegeln, in 'Portnoys Bescherden'. Kunkel: 'Ich kam mir extrem vulgär vor, ich verbarg meinen Penis. Ich hätte ihn weggeworfen, wenn ich gekonnt hätte.' Roth schreibt natürlich auch über Schuld, aber er setzt sich über sie hinweg und wischt sie mit der Energie des Tabubrechers in einem fröhlichen Schwung beiseite: 'Was für ein Wahnsinn, da meinen Schwanz auszupacken! Wenn ich in flagranti erwischt worden wäre! Wenn ich weitergemacht hätte.' Mit anderen Worten: Man bekommt selten das Gefühl, dass Roth seinen Schwanz wegwerfen würde, wenn er könnte."

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - New York Times

Christopher Caldwell schafft es in seiner Besprechung von Michael Scammells Koestler-Biografie (Auszug), den Mann in einem Absatz ziemlich interessant zu machen: "Als er 1940 durch Südfrankreich jagte, begegnete er dem Philosophen Walter Benjamin, der ihm die Hälfte seiner Morphiumtabletten abgab. Mit der anderen Hälfte brachte sich Benjamin später um. Der Harvard-Drogen-Guru Timothy Leary gab Koestler in den Sechzigern Psilocybin, Margaret Thatcher suchte in ihrem Wahlkampf 1979 um seinen Rat nach. Und Simone de Beauvoir schlief mit ihm, hasste ihn aber später, und beschrieb ihn in einem fiktiven Porträt als Mann von blendender Intelligenz, der es schaffte andere Leute aus dem Gleichgewicht zu bringen."

Außerdem liest Jonathan Dee "Summertime", den dritten Band von Coetzees Autobiografie und stellt sich mit einer seiner Romanfiguren die Frage: "Wie kannst Du so ein großer Autor und zugleich so ein gewöhnlicher kleiner Mann sein"?

Magazinrundschau vom 10.11.2009 - New York Times

Emily Parker schildert in der Book Review in einem interessanten Essay, welche Auswirkung die digitale Kommunikation auf die japanische Sprache hat. "Die japanische Sprache wird durch Blogs, EMails und keitai shosetsu (Handyromane) verändert. Amerikaner mögen sich darüber aufregen, dass die digitale Kommunikation schlampige Grammatik und Rechtschreibung fördern, aber in Japan sind diese Veränderungen umstürzender. Eine vertikal geschriebene Sprache scheint immer mehr horizontal zu werden. Romane werden auf kleinen Bildschirmen geschrieben und gelesen. Die Leute haben sich so ans Tippen gewöhnt, dass sie Zeichen nicht mehr mit der Hand schreiben können. Und immer mehr englische Wörter infiltrieren die Sprache." Der größten Vorteil, den Parker in der Vereinfachung - oder Verflachung, wie man's nimmt - sieht, liegt darin, dass sie Immigranten, die das überalterte Japan dringend braucht, das Erlernen des Japanischen erleichtern könnte.

Besprochen werden unter anderem Stephen Kings neuer Roman "Under the Dome" (Hörprobe), eine Samuel-Johnson-Biografie und John Irvings neuer Roman "Last Night in Twisted River" (Leseprobe). Das Magazine befasst sich mit der Gesundheitsreform und der Frage, wie man Choreografien für Modernen Tanz dokumentieren kann.

Magazinrundschau vom 27.10.2009 - New York Times

Jonathan Lethem legt mit "Chronic City" (Auszug) einen neuen Roman vor, der am unwahrscheinlichsten denkbaren Ort für einen Autor aus Brooklyn spielt, meint Gregory Cowles in der Sunday Book Review, nämlich auf der Upper East Side von Manhattan. Er handelt von einem ehemaligen Kinderstar, der von den Zinsen seiner einstigen Tantiemen lebt, und einem obskuren Kolumnisten des Rolling Stone und scheint realistische mit fantastischen Motiven zu vermengen. Für Cowles ist er sogar noch besser als die unvergessene "Festung der Einsamkeit": "Die 'Festung der Einsamkeit' war ein großartiger Roman, aber auch ein chaotischer Strudel - er handelte von der Gentrification, von Rassenbeziehungen, Comics, Disco, dem Gefängnissystem und so weiter ad infinitum. 'Chronic City' ist beherrschter, weniger gierig in seinem Zugriff. Der Roman beschränkt sich auf ein einziges großes Thema - aber das ist dann das größte von allen: die Suche nach Wahrheit."

Weitere Artikel: David Hajdu ist erstaunt über Robert Crumbs "Book of Genesis" als Comic: "Diese Buch ist, glaube ich, das erste jemals von Crumb veröffentlichte Ding, in dem kein Sperma spritzt und kein scharfer Gegenstand an ein männliches Glied gelegt wird." Und Liesl Schillinger empfiehlt eine Pioniertat, die Übersetzung der fantastischen Erzählungen des auch in Deutschland fast unbekannten russischen Autors Sigismund Krzyzanowski, der seine Werke unter Stalin nie veröffentlichte.

Für das New York Times Magazine schreibt Lynn Hirschberg ein lesenswertes Porträt des Regisseurs und Produzenten Lee Daniels, der in Cannes mit "Precious" (Trailer) - einer politisch nicht korrekten Geschichte über ein fettleibiges schwarzes Teenagermädchen, das von seinem Vater missbraucht wird - einen großen Erfolg feierte. Der Film startet jetzt in den USA.

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - New York Times

Daniel J. Goldhagen hat eine Art weltgeschichtliche Betrachtung über Genozide und Verbrechen an der Menschheit (Auszug) geschrieben, die für ihn, anders als etwa bei Hannah Arendt, durchaus als eine Methode rationaler Politik gesehen werden und ihre Quelle häufig in Nationalismen finden, schreibt James Traub. Genozide verhindern könnte man laut Goldhagen besser ohne die UNO als mit ihr: "Er überschüttet die UNO mit Verachtung. Gründungsprinzipien wie Souveränität und die Nichteinmischung dienten als Schutzschild für Führer im Sudan und anderen Ländern, die ihre eigenen Bevölkerungen abschlachten, wie er zurecht bemerkt. Er würde die UNO auflösen und statt dessen eine Organisation vonDemokratien zu schaffen, welche Interventionen koordinieren. Er fragt sich allerdings nicht, wieviele Mitglieder eine solche Organisation hätte."

Außerdem in der Sunday Book Review: August Kleinzahler bespricht Robin D.G. Kelleys große und offenbar sehr lesenswerte Biografie über Thelonious Monk (Auszug).

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - New York Times

Im NYT Magazine erliegt Alex Witchel dem Charme von Englands berühmtestem Koch Jamie Oliver, der demnächst in einer amerikanischen Kleinstadt mit dem höchsten Übergewicht Amerikas gesundes Kochen propagieren will. Oliver soll mit seinen Büchern, Restaurants und Fernsehshows inzwischen mindestens 65 Millionen Dollar verdient haben. Beim Kochen erklärt er Witchel sein Erfolgsrezept: "Der Schlüssel im Leben ist es, sich mit vielen Frauen zu umgeben', sagt Oliver. 'Männer würden mich einfach anlügen. Mädchen sagen: Gib mir eine halbe Stunde und ich finde es heraus. Sie sind intelligent, loyaler und sorgen dafür, dass Ideen auch umgesetzt werden. Alles was ich tue, dreht sich um Teamarbeit. Neunzig Prozent meines Teams sind Frauen.'"

In der Book Review sammeln Motoko Rich und Nicholas Kulish Reaktionen auf den Literaturnobelpreis für Herta Müller.

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - New York Times

Lewis Hyde, Autor des Buchs "Die Gabe", denkt in der Book Review über das Google Book Settlement nach und findet keine befriedigende Lösung, die den Ideen der Gründerväter der USA gerecht wird: "Vor allem Jefferson glaubte, dass keine Generation das Recht habe, die nachfolgende zu verpflichten. 'Die Erde gehört ... den Lebenden', schrieb er 1789 an Madison. 'Die Toten haben weder Macht über sie noch Rechte daran.' Darum sollten 'unbefristete Monopole' in den Künsten 'ausdrücklich verboten werden'. Jeffersons schlug vor, dass das Copyright nicht länger als 19 Jahre dauern sollte." Google aber würde mit der Digitalisierung von Büchern allein kraft seiner Marktmacht ein unbefristetes Monopol erwerben... (Hyde hat seine Überlegungen zum Copyright ausführlicher hier beschrieben: pdf zum runterladen)

Besprochen werden unter anderem Kazuo Ishiguros neuer Erzählband (dem Christopher Hitchens nicht viel abgewinnen kann) und Karen Armstrongs Buch "In Case for God".

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - New York Times

Nächsten Monat wird erstmals das "Rote Buch" von Carl Jung veröffentlicht - auf Deutsch und auf Englisch. 1913, mit 38 Jahren, erlebte Jung eine Art Zusammenbruch: Visionen verfolgten ihnen, er hörte Stimmen, er "verlor sich in der Suppe seiner eigenen Psyche", wie Sara Corbett schreibt, die das Buch für das New York Times Magazine gelesen hat. Und alles, was er in dieser Zeit durchlebte, schrieb er auf, 16 Jahre lang. "Was er schrieb, gehörte nicht zum Kanon der leidenschaftslosen akademischen Essays über Psychiatrie. Es war auch kein gewöhnliches Tagebuch. Er erwähnt seine Frau oder seine Kinder nicht, auch nicht seine Kollegen. Er benutzt auch keine psychiatrische Fachsprache. Stattdessen ist das Buch eine Art phantasmagorisches Moralstück, vorangetrieben von Jungs eigenem Wunsch, nicht nur einen Fall aus dem Mangrovensumpf seiner inneren Welt aufzuzeichnen, sondern auch etwas von dem Reichtum darin zu retten. (...) Das Buch erzählt, wie Jung seinen eigenen Dämonen begegnete, die aus dem Schatten traten. Das Ergebnis ist beschämend, manchmal widerlich. Jung reist durch das Land der Toten, verliebt sich in eine Frau, die er später als seine Schwester erkennt, wird von einer riesigen Schlange zerquetscht und isst, in einem entsetzlichen Moment, die Leber eines kleinen Kindes. ('Ich schlucke mit verzweifelter Anstrengung - es ist unmöglich - wieder und wieder - fast werde ich ohnmächtig - es ist vollbracht.') An einer Stelle bezeichnet ihn sogar der Teufel als abscheulich."

Außerdem: Chip Brown porträtiert den derzeit "coolsten Opernsopran": Danielle de Niese.