Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 47 von 81

Magazinrundschau vom 15.09.2009 - New York Times

In seinem neuesten Buch "Why Are Jews Liberal" verzweifelt der neokonservative Denker Norman Podhoretz an der Tatsache, dass seit 1928 im Durchschnitt 75 Prozent der amerikanischen Juden demokratisch wählen. Das sei "gegen ihre eigenen Interessen", meint Podhoretz (mehr hier). Rezensent Leon Wieseltier versteht das nicht. Was jüdische Interessen in Bezug auf Israel sind, kann er ja noch ahnen, nicht aber in Bezug auf Steuern, Waffen, Abtreibung, Umwelt. "Podhoretz' Buch wurde als die Lösung des Rätsels ausgegeben, dass Milton Himmelfarb vor einigen Jahren so formulierte: 'Juden verdienen wie Episkopale und wählen wie Puertorikaner.' Ich habe die Reputation dieses Witzes nie verstanden. Warum sollten Juden wie Episkopale wählen? Wir sind keine. Die Implikation ist, dass politische Zugehörigkeit von der sozialen Position bestimmt werden sollte, durch den Grad des Wohlstands. Wenn sie also reich leben und arm wählen, beweisen die Juden Amerikas keine Solidarität mit ihrer Klasse." Aber, meint Wieseltier: "Es ist kein Irrtum, kein Verrat, gegen die eigenen ökonomischen Interessen zu wählen. Es trägt der Vielzahl von Interessen und Zielen Rechnung, die das Leben eines Bürgers ausmachen."

Louisa Gilder feiert Graham Farmelos Biografie des Physikgenies Paul Dirac "The Strangest Man": "Wir begegnen hier einem Mann mit einem fast wundersamen Verständnis für die Struktur der physikalischen Welt, gepaart mit mildem Unverständnis für die weniger logische, ungeordnetere Welt anderer Menschen."

Besprochen werden unter anderem auch E.L. Doctorows neuer Roman "Homer and Langley" über die beiden wohlhabenden New Yorker Ur-Messies, die Collyer-Brüder, die 1947 in einem gigantischen Gängesystem aus Müll tot aufgefunden wurden, und Adam Bradleys Anthologie "Book of Rhymes", das Rap als Dichtung erklärt, "deren Popularität darauf gründet, dass sie nicht als solche erkannt wird".

Magazinrundschau vom 01.09.2009 - New York Times

Jonathan Lethem ist vor Freude völlig aus dem Häuschen: Nach elf Jahren ist endlich wieder ein Buch von Lorrie Moore erschienen, der Roman "A Gate at the Stairs": "Ich kenne nur einen - einen einzigen - Leser, der sich nicht für Lorrie Moore interessiert, und selbst der scheint sich dafür noch zu verteidigen: 'Zu wortspielerisch.' Für andere ist Moore dagegen die unwiderstehlichste zeitgenössische Autorin Amerikas: geistreich, menschlich, unprätenziös und warmherzig; scheinbar mühelos lyrisch, und lustig wie Lily Tomlin." Und dabei lege Morre großen Wert auf Chancengleichkeit, meint Lethem: "Helden und Schurken machen ihre Witze gleichermaßen mit Niveau und chandleresker Forschheit; Cleverness lässt sich hier nie als moralischer Index benutzen."

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - New York Times

Das New York Times Magazine hat ein faszinierendes Dossier zur Lage der Frauen in Entwicklungsländern zusammengestellt. Kernstück ist ein raumgreifender Artikel von Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn (eigentlich ein Auszug aus einem kommenden Buch), die trotz allen Elends von der These ausgehen: "Frauen und Mädchen sind nicht das Problem, sondern die Lösung." Das Elend hat Amartya Sen vor zwanzig Jahren zuerst beziffert: Durch Abtreibung, Babymord und Vernachlässigung sind der Welt in den letzten Jahrzehnten 60 bis 100 Millionen Frauen abhanden gekommen. Auch an die Adresse Obamas und Hillary Clintons (Interview) sagen Kristof und WuDunn, dass eine Entwicklungspolitik, die nicht bei den Frauen ansetzt, verschwendet ist. Die Gründe dafür sind häufig recht konkret: "Warum konzentrieren sich Mikrokreditorganisationen auf Frauen? Und warum profitieren alle davon, wenn Frauen in die Arbeitswelt eintreten und Schecks nach Hause schicken? Ein Grund liegt in dem dreckigen kleinen Geheimnis der globalen Armut: Die schlimmsten Leiden werden oft nicht durch Armut ausgelöst, sondern durch unkluge Art, das Geld auszugeben - vor allem seitens der Männer. Erstaunlich häufig sind wir Müttern begegnet, deren Kind an Malaria gestorben war, weil ein fünf Dollar teures Moskitonetz fehlte. Die Mutter sagte, dass sie sich kein Netz leisten konnte und meint das auch, aber dann treffen wir ihren Mann in der Bar. Er geht drei Abende die Woche dorthin und gibt pro Woche fünf Dollar aus."

Tina Rosenberg nuanciert den Glauben, dass Frauen, wenn sie, etwa durch Mikrokredite, zu Wohlstand kommen, automatisch ihren Töchtern helfen - im Gegenteil: Gerade in reichen Regionen Indiens fehlen Mädchen. Der Grund ist einfach: "Wohlhabende Familien sind kleiner, die einzelne Geburt wird wichtiger. In Familien mit sieben Kindern ist die Geburt eines Mädchens eine Enttäuschung, in einer Familie mit zwei oder drei Kindern eine Tragödie." Darum werden Mädchen häufig abgetrieben. Ohne Veränderung der von der westlichen Linken neuerdings so geschätzten "Kulturen", so Rosenberg, wird's also nicht gehen.

Magazinrundschau vom 18.08.2009 - New York Times

Alissa J. Rubin zeichnet im New York Times Magazine das Porträt einer irakischen Selbstmordattentäterin, die kurz vor der geplanten Tat gefasst wurde. Rubin konnte sie ausführlich interviewen. Der Anfang ihrer Geschichte liest sich so: "Sie sprach mit sanfter Stimme. 'Mein Name ist Baida Abdul Karim al-Shammari, und ich komme aus Neu Baquiba in der Nähe des Krankenhauses. Ich bin eines von acht Kindern; fünf sind getötet worden. Die Polizei ist über unser Haus hergefallen. Es war eine halbe Stunde vor der Morgendämmerung. Es waren Amerikaner dabei.' Mit stolzem Unterton fügt sie hinzu: 'Meine Brüder waren Mujahidin. Sie stellten Sprengsätze her."

Dana Jennings bespricht in der Buchbeilage Greg Kots Buch "Ripped - How the Wired Generation Revolutionized Music" (Auszug) über den Kampf der Musikindustrie gegen die Kids: "Der faszinierendste Teil dieses Buchs erzählt erzählt noch einmal, wie die Majors kapitalistischen Selbstmord begingen. Die Manager konnten ihre anologen Köpfe einfach nicht in die digitale Richtung drehen. Wären Industrieführer stets ihrem Misstrauen gegen die Technik gefolgt würden wir wohl noch Musik von Schellackplatten oder Wachswalzen lauschen."

Magazinrundschau vom 11.08.2009 - New York Times

In einer riesenhaften Reportage (ausgedruckt 18 volle Din A 4-Seiten) über Hamid Karzai vor den afghanischen Wahlen stellt Elizabeth Rubin unter anderem die Frage, wann sich das anfangs recht positive Bild des Manns und - damit verknüpft - des Erfolgs der internationalen Afghanistan-Mission gedreht hat: "Wenn es einen klaren Wendepunkt gab, an dem die Regierung Karzai ihren Zugriff verlor, dann war das im Frühjahr 2006. An einem sonnigen Morgen des Mai verlor ein amerikanischer Soldat in einem Konvoi nördlich von Kabul die Kontrolle über seinen Laster und krachte in den Morgenstau. Fünf Menschen wurden getötet. Noch viel mehr wurden verletzt. Die Afghanen begannen, die amerikanischen Fahrzeuge mit Steinen zu bewerfen. Die Amerikaner schossen in die Luft. Kurze Zeit später ging das Gerücht, dass betrunkene amerikanische Soldaten ein Massaker in der Zivilbevölkerung angerichtet hätten."

Zeitungskrise, wieder einmal. Michael Sokolove besucht für das New York Times Magazine den neuen Hauptinvestor des Philadelphia Inquirer und seiner boulevardesken Schwester The Daily News, Brian Tierney, einen durchaus skandalumwitterten Mann, über den die Journalisten der Zeitungen früher recherchierten. Nun ist er ihr Retter, und Sokolove zitiert mit Wohlwollen seinen Beschluss, den Online-Auftritt der Zeitungen wieder zahlbar zu machen: "In einer von Selbszweifeln geplagten Branche hat Tierney den Vorzug der Deutlichkeit. Er mag nicht immer recht haben, aber er hat Emphase. Nichts kann die seiner Ansicht nach immer noch mächtigen Druckerpressen aufhalten. Ganz bestimmt nicht Fernsehen und Radio, deren Nachrichtenredaktionen meistens von den Vorgaben der Zeitungen abhängen. Und auch nicht Blogs oder der entstehende stiftungsgeförderte Journalismus. 'Wir machen die Drecksarbeit', sagt Tierney, als wäre er ein Boss aus der Schwerindustrie. 'Was im Web entsteht, fügt etwas hinzu. Da gratuliere ich. Lasst tausend Blumen blühen. Aber wenn die denken, dass sie kurz- oder mittelfristig die Antwort auf die Probleme sind, dann machen sie sich ja wohl über sich selber lustig."

Magazinrundschau vom 04.08.2009 - New York Times

Sehr positiv bespricht der Politologe Fouad Ajami Christopher Caldwells Buch "Reflections on the Revolution in Europe" (Auszug) über den wachsenden Einfluss des Islams in Europa, den Caldwell als durchaus beunruhigend ansieht. Paradoxerweise, so Ajami in der Erinnerung an seine eigene Auswanderung in die USA vor einigen Jahrzehnten, funktionierte Integration früher besser: "Ich war damals ein Teenager und akzeptierte die 'Andersheit' des neuen Landes. Nachrichten aus dem Libanon drangen selten bis zu mir durch, Flüge waren selten und teuer. Ich verlor Jahre meines Familienlebens, aber ich vermisste die Erzählungen aus der alten Heimat auch nicht. Heutzutage sind Flugreisen banaler Alltag, Satellitenstationen aus Dubai und Qatar erreichen die Einwanderer in ihren neuen Ländern, Priester und Imame sind unterwegs und haben eine tragbare Version ihres Glaubens im Gepäck... Man nennt es Globalisierung."

Das Buch ist überhaupt gleich nach Erscheinen auf eine Riesenresonanz in den USA und Großbritannien gestoßen und wurde in der New York Times bereits vor Ajami besprochen (hier). Außerdem gab es Besprechungen im Observer (hier), im Guardian (hier) und von Kenan Malik im New Humanist (hier).

Magazinrundschau vom 30.06.2009 - New York Times

Für eine dieser monumentalen Reportagen, die sich die amerikanischen Medien bewundernswerter Weise immer noch leisten, trifft Jonathan Mahler einige General-Motors-Arbeiter in der zerfallenden Stadt Detroit. Meistens sind sie schwarz, und ihre eigenen Existenzen stehen so sehr auf dem Spiel wie die der Firma: "Autoarbeiter stellen immer noch den größten Anteil an der verbliebenen schwarzen Mittelschicht, aber ihre Anzahl sinkt schnell. Im letzten Jahr wurden 20.000 schwarze Autoarbeiter der Big Three entweder entlassen oder abgefunden. Wenn die Übriggebliebenen ihre Jobs verlieren und ihre Häuser zwangsvollstreckt werden - Detroit hat hier eine der höchsten Raten -, müssen sie anderswo hinziehen, auf der Suche nach einem neuen Job. Dann sind die Tage dieser Stadt wirklich gezählt."

Magazinrundschau vom 16.06.2009 - New York Times

Das New York Times Magazine befasst sich - schon wegen krisenbedingter Beschäftigungsprojekte - mit "Infrastruktur". Nicolai Ouroussoff , Architekturkritiker der Times, ist ganz begeistert von Nicolas Sarkozys Plänen für Großparis. Ouroussoff ist sich der Bausünden der sechziger und siebziger Jahre zwar noch bewusst, aber dann lässt er sich von Sarkozys Visionen doch mitreißen: "Die Pläne für Großparis lassen einen nach langer Zeit wieder denken, dass eine Regierung eine entscheidende Rolle bei der Erschaffung einer wirklich egalitären Stadt spielen kann - und dass Architektur wesentlich ist, um diesen Wandel zu erzeugen."

Außerdem hat Jon Gertner eine Reportage über Obamas kalifornischen Schnellzugprojekte geschrieben. Und Tom Vanderbilt sieht sch riesige Rechenzentren an um zu verstehen, was das Internet so schnell macht.
Stichwörter: Bausünden, Sarkozy, Nicolas

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - New York Times

Eric Pfanner berichtet vom konzertierten Widerstand liberaler und konservativer Gruppen in den USA gegen die restriktiven Verleumdungsgesetze Großbritanniens, die über das Internet auch immer häufiger amerikanische Autoren treffen: "London hat sich den Ruf der Welthauptstadt der Verleumdungsklagen erworben - saudische Geschäftsleute klagen gegen amerikanische Berichte über ihre Beteiligung an der Terrorfinanzierung; russische und ukrainische Oligarchen klagen, wenn ihnen anstößige Geschäftspraktiken vorgeworfen werden; Hollywood-Celebrities gehen nach London, wenn sie nichts über ihre Affären lesen wollen." Die britischen Gesetze, schreibt Pfanner, machten es ihnen leicht: "Die Beklagten müssen beweisen, dass ihre Anschuldigungen wahr sind, im Gegensatz zu den USA, wo der Kläger zeigen muss, dass ein Autor oder Verleger falsche Informationen verbreitet hat - und in Fällen von Prominenten, dass er dies trotz gravierender Zweifel an der Wahrheit seiner Berichte getan hat."

Außerdem besprochen werden in der Sunday Book Review Simon Schamas "The American Future. A History" (für das David Brooks vor allem Spott übrig hat), Amos Oz' nun auch auf Englisch erschienener Roman "Verse auf Leben und Tod", Anne Michaels neuer Roman "The Winter Vault", eine Naturgeschichte Manhattans "Mannahatta" und der Essay "One State, Two States" des israelischen Historikers Benny Morris, der weder in die eine noch die andere Lösung große Hoffnung setzt.

Für das Sunday Magazine schickt Sara Corbett eine Reportage über Montgomery County, wo - wie in vielen anderen Städten Georgias und Mississippis - die Abschlussbälle der High Schools getrennt für Weiße und Schwarze stattfinden. Oft auf Betreiben der weißen Eltern und gegen den Willen der Schüler.

Magazinrundschau vom 05.05.2009 - New York Times

Russell Shorto, Autor eines lesenswerten Buchs über die Frühgeschichte von New York, lebt heute in Amsterdam. Mit viel Sympathie beschreibt er für das Sunday Magazine den niederländischen Sozialstaat und hält entgegen dem amerikanischen Vorurteil fest, dass der soziale Ausgleich keineswegs nur staatlich, sondern gesellschaftlich - etwa durch Wohnungsbaugenossenschaften - organisiert ist. Aber dann stimmt er doch auch einem anderen Ex-Pat zu, der den Mentalitätsunterschied zwischen Europäern und Amerikanern so beschreibt: "Wenn du einem Niederländer sagst, dass du seine Steuern um 500 Euro erhöhst. um die Armen zu unterstützen, dann wird er das okay finden. Aber wenn du sagst, dass du seine Steuern um 500 Euro kürzt, damit er die Armen unterstützen kann, dann wird er das nicht tun. Die Holländer machen das nicht von selbst. Sie finden, dass das System das tun muss. Einem Amerikaner erscheint das als Mangel an Eigeninitiative."

Außerdem: Alex Witchel schreibt ein episches Porträt über Colm Toibin, dessen neuester Roman in Brooklyn spielt (hier die Besprechung der Times). Präsident Obama höchst selbst wird zu seiner Wirtschaftspolkitik interviewt.

Und der Times-Kolumnist Nicholas Kristof bespricht Richard Dowdens Buch "Altered States, Ordinary Miracles" (Lesung des Autors), dessen sehr kritische Bilanz westlicher Hilfe für Afrika er zustimmend zitiert: "'Auch die Hilfsindustrie hat ein Interesse daran, das Bild der Afrikaner als hoffnungslose Opfer endloser Kriege und Hungersnöte aufrechtzuerhalten', schreibt Dowden. 'So gut ihre Absicht anfangs gewesen sein mögen - die Hilfsorganisationen haben dazu beigetragen das immergleiche deprimierende Afrika-Bild zu schaffen. Sie und die Journalisten bestärken sich gegenseitig.'"