Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 21.04.2015 - New York Times


Sally Mann, Foto aus der Serie "Immediate Family", 1992

Im aktuellen Magazin bringt die New York Times einen Vorabdruck aus der Autobiografie der amerikanischen Fotografin Sally Mann. Mann setzt sich darin mit ihrem 1992 erschienenen Fotoband "Immediate Family" und den teils heftigen Reaktionen auf die darin enthaltenen intimen Fotos ihrer Kinder auseinander: "Was die Leute abgesehen von all der redlichen Sorge um das Wohl meiner Kinder nicht verstanden haben, ist der Umstand, dass diese Arbeit nichts mit meinen Aufgaben als Mutter zu tun hat. Als ich hinter die Kamera trat und meine Kinder ablichtete, war ich eine Fotografin und sie Schauspieler, gemeinsam schufen wir ein Bild. Viele verwechselten die Bilder mit der Wirklichkeit oder dichteten meinen Kindern auf Grundlage der Fotos bestimmte Eigenschaften an (ein Kommentator nannte sie "böse"). Tatsächlich aber sind das nicht meine Kinder; es sind zeitlose Gestalten auf Silberpapier. Sie repräsentieren meine Kinder im Bruchteil einer Sekunde an einem bestimmten Nachmittag mit unendlich vielen Variablen des Lichts, des Ausdrucks, der Haltung, der Muskelspannung, der Stimmung, des Winds und der Schatten. Es sind nicht meine Kinder, es sind Kinder auf einem Foto. Eine Unterscheidung, die sie selbst sehr wohl begriffen … Für die Leute war das schwer zu verstehen, genauso, wie der Unterschied zwischen den Bildern und der Fotografin, die viele für unmoralisch hielten. Nehmen wir an, es ist wahr, und ich war manipulativ, krank, verdorben, vulgär, wie einige Kommentatoren meinten, auf die Wahrnehmung der Arbeit sollte das keinen Einfluss haben. Wenn wir nur die Arbeiten von Leuten ehren würden, denen wir unsere Großmutter anvertrauen würden, wäre es um die Kunst schlecht bestellt."

Mary Anne Weaver geht der Frage nach, warum so viele britische Muslime sich den radikalen Islamisten im Irak und in Syrien angeschlossen haben. Sechs- bis siebenhundert sollen es derzeit sein. Was charakterisiert den typischen britischen Dschihadisten, fragt Weaver Shiraz Maher vom International Center for the Study of Radicalization (I.C.S.R.) am King"s College in London. Seine Antwort: "Der durchschnittliche britische Kämpfer ist männlich, in seinen frühen Zwanzigern und südasiatischer Herkunft. Er hat in der Regel die Universität besucht und Kontakt zu Aktivistengruppen. Immer wieder haben wir gesehen, dass die Radikalisierung nicht notwendig aus sozialem Mangel oder Armut erwächst. Manche gehen aus humanitären Gründen, die anderen wegen des Märtyrertums. Sie wollen so schnell wie möglich sterben und ins Paradies kommen." Außerdem gebe es noch Abenteurer, die ihre Männlichkeit beweisen wollten, Kriminelle und Ultraradikale, die Amerikaner töten wollten.

Magazinrundschau vom 14.04.2015 - New York Times

Auch die New York Times verabschiedet sich von Günter Grass. Stephen Kinzers Nachruf lässt bereits die Kommentar-Wellen hochschlagen, weil er nicht die literarischen Großtaten des Schriftstellers in den Vordergrund stellt, sondern seine Biografie: "Auch wenn Grass erst 1944 gegen Ende des Krieges zur SS kam und nie beschuldigt wurde, an Greueltaten teilgenommen zu haben, bewirkte der Umstand, dass er wichtige Details seiner Biografie verschwiegen hatte, während er doch dauernd andere für ihre Feigheit beschimpfte, einen Aufschrei der Wut … Grass" Verteidiger argumentierten, sein politischer Einfluss habe dazu beigetragen, dass das Nachkriegsdeutschland seine nationalsozialistische Vergangenheit erkannt und gebüßt habe, wäre er mit seiner Biografie ehrlich gewesen, hätte er diese Rolle vielleicht nicht spielen können. Mit seinem schwarzen Haar, dem Walrossbart, der Bifokalbrille und der Pfeife war Grass fast die Karikatur des Nachkriegsintellektuellen."

Und im Magazin liefert Rachel Kaadzi Ghansah ein Porträt der großen amerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison, 84, und fragt, ob Morrisons Vorstellungen von einer weithin akzeptierten, einem breiten Publikum zugänglichen Literatur afroamerikanischer Autoren sich erfüllt haben: "Diese höchst berechtigte Revolution steht immer noch aus. Während der letzten Dekade ist der gerechte Angriff auf die existierende Hegemonie in der amerikanischen Literatur ins Blickfeld geraten. Die Meinung der alten Garde, dass Farbige nicht lesen und ihre Texte nichts wert seien, wurde widerlegt durch die Workshops der "Voices of Our Nation Arts Foundation" und der "Asian-American Writers". Schwieriger zu realisieren aber ist, was Morrison in ihrer Funktion als Lektorin (1970 bei Random House, die Red.) herausfand: Was passiert nach dem Workshop? Wie verändert man das Establishment? Eine ganze Industrie?"

Außerdem: Auf der Technologieseite berichtet Nicole Perlroth, wie China das Netz mit Malware infiziert, um Besucher von in China verbotenen Webseiten auszuspionieren.

Magazinrundschau vom 31.03.2015 - New York Times

Im Kulturblog der New York Times porträtiert Olivia Laing die Künstlerin Sarah Lucas, einst rude girl der britischen Kunstszene, 2015 offizieller Beitrag der Briten auf der 56. Biennale in Venedig, und versucht, ihrem Erfolgsrezept auf die Spur zu kommen: "Charakteristisch für Lucas ist das Bedürfnis nach und das Selbstbewusstsein zu periodischen Rückzügen von der großen Bühne, um sich ihr ganz persönliches Glück an der Kunst zu erhalten und nicht von Zwängen bestimmt zu werden. Etwas, das sie nach eigener Aussage bald nach ihrem Goldsmith-Abschluss 1987 begriffen hat, als ihre männlichen Kollegen, Hirst und Hume vor allen anderen, steil Karriere machten, während sie sich am Rand wiederfand, verärgert und verbittert. "Es war, als wären alle Idioten plötzlich zu Londons Lieblingen geworden", erinnert sie sich. Als Reaktion darauf hörte sie mit der Kunst erst einmal auf und gewann so ein Gefühl der Freiheit zurück. Nach ein paar Monaten fing sie dann wieder an, Sachen zu machen, diesmal zu ihrem eigenen Vergnügen … Im Kern ist ihre Kunst eine Suche nach etwas Unbekanntem. Ihre Objekte sind stets in Verwandlung begriffen oder kurz davor, weder vulgär oder mystisch, alltäglich oder drastisch, sondern irgendwie alles zugleich. Immer geht es darum, ein Ventil zu suchen, das macht die Auseinandersetzung mit ihr so elektrisierend."

Magazinrundschau vom 24.03.2015 - New York Times

Im aktuellen Magazin der New York Times schaut Jeneen Interlandi auf unser Empathievermögen, besucht Neurowissenschaftler in aller Welt und fragt: Gibt es so etwas wie ein Empathiezentrum im Gehirn und lässt es sich beeinflussen? "Unsere Fähigkeit, uns mit anderen Gedanken und Gefühlen zu identifizieren, ist mit einer Handvoll untereinander verbundener Hirnregionen assoziiert, das sogenannte "theory of Mind"-Netzwerk. Bestimmte Aufgaben, wie die mentale Verfassung anderer erkennen oder moralische Urteile über ihre Taten fällen, können wir bestimmten Teilen dieses Netzwerkes zuordnen. Doch das Bild bleibt unvollständig. Wo sind die Fähigkeiten zur Beurteilung vernünftiger Argumente und zum Nachempfinden mit Gefühlszuständen lokalisiert? Und wie wird aus solchen neuralen Verschaltungen Verhalten? Wie kommt es, dass Verständnis von Gefühl nicht zwangsläufig auch zu Mitgefühl wird? Wieso ist Empathie zwischen verschiedenen Gruppierungen ungleich schwieriger? … Eine Studie von 2012 offenbarte, dass Araber und Israelis die gleiche Neuroaktivität zeigten, gleich ob sie über die Leiden von ihresgleichen oder das der anderen Gruppierung lasen. Wenn sie jedoch über das Leid von Südamerikanern lasen, einer Gruppierung also, mit der sie nicht im Konflikt standen, war ihre Neuroaktivität geringer. Was das Gehirn betrifft, dürfte das Gegenteil von Liebe nicht Hass sein, sondern Gleichgültigkeit."

Außerdem: Rachel Cusk teilt ihre Erfahrungen als Mutter von Teenagern. Und Joe Rhodes hört Alabama Shakes aus Athens, Alabama - groovy!

Magazinrundschau vom 17.03.2015 - New York Times

Fürs Magazin der New York Times ist Karl Ove Knausgård weiter in Nordamerika unterwegs, auf der Suche nach den Spuren der Wikinger und dem Wesen des Amerikanischen. So richtig fündig wird er nicht. Dafür merkt er, wie fremd ihm die amerikanische Kultur immer noch ist und er ihr: "Immer wenn ich während der letzten Woche irgendwo etwas bestellte, sah mich die Kellnerin fragend an und bat mich, meinen Wunsch zu wiederholen. Jeder Informationsaustausch war Kleinstarbeit, voll von Missverständnissen und Wiederholungen. Nicht weil ich kein Englisch konnte, sondern weil ich nicht in dem Flow war, der die Dinge reibungslos vonstatten gehen ließ, wo alles erwartbar war. Ich kannte den Inhalt, aber nicht die Form, und Form ist immer der wichtigere Teil der Kommunikation. Als ich von Norwegen nach Schweden zog, war es auch so. Die verwunderten Blicke, das stille Kopfnicken, was bedeutete, das ich nicht verstanden wurde oder das was ich sagte, absurd war. Damals war ich immer erleichtert, Norweger zu treffen. Ein paar Sätze, und ich konnte sie geografisch und sozial einordnen und sie entsprechend anreden. Zu Hause war ich mir dieses Wissens nicht bewusst, es war intuitiv und klar, Teil dessen, was es hieß Norweger zu sein. Mein unmittelbarer Zugang zu diesem unterbewussten Haufen an Kenntnissen und geteilten Bezügen war wahrscheinlich, was man eine nationale Identität nennt." Über den Text scheiden sich übrigens tüchtig die Geister, 570 Kommentare sinds schon.

Außerdem begleitet Paul Tullis die noch immer höchst aktive Schimpansenforscherin und Aktivistin Jane Goodall nach Tansania. Und Daniel Duane folgt dem für seine Free-Solo- und Speedbegehungen bekannten Kletterer Alex Honnold in die engsten und glattesten Felsspalten.

Magazinrundschau vom 10.03.2015 - New York Times

Im Magazin der New York Times rekonstruiert Carl Zimmer den Streit der Genetiker über sogenannte "junk DNA", Massen von nichtkodiertem Erbmaterial im menschlichen Genom, und lässt sich dessen mögliche Existenz mit einer Art genetischem Darwinismus erklären: "Über einen Zeitraum von Millionen von Jahren wuchs das menschliche Genom spontan, wurde angereichert mit nutzlosem genetischen Material und austauschbaren Elementen. Unsere Ahnen tolerierten das, weil dieses "Extra-Gepäck" nicht allzu schwer war. Es machte sie nicht krank. All diese Extra-DNA zu kopieren, kostete sie nicht viel Energie. Sie konnten nicht unbegrenzt viel davon anreichern, aber eine ganze Menge. Um das überflüssige Material auszusortieren, hätte es hingegen einen Haufen Proteine gebraucht. Ein sich selbst reinigendes Genom hätte das Rennen unweigerlich gegen andere Genome verloren, die entsprechend mehr Ressourcen frei gehabt hätten für Krankheitsbekämpfung oder Fortpflanzung … So gesehen wäre "junk DNA" kein Beleg für das Scheitern der Evolution, sondern für einen langsamen und ein wenig schlampigen Triumpf."

Außerdem begleitet Azam Ahmed eine Woche lang die Afghanische Nationalpolizei bei ihrer Arbeit und stellt fest, dass es längst kein Krieg der USA mehr ist, den es zu führen gilt: "Dieser Krieg ist verloren. Die Taliban sind nicht ausgelöscht worden. Das Land ist nicht befriedet, die politische Zukunft bleibt zutiefst ungewiss, und die Todesrate war nie höher. Für die Regierung in Kabul geht es darum, die Bevölkerung davon abzuhalten, Jagd auf Aufständische zu machen. Die lokalen und nationalen Polizeikräfte sind die einzigen, die diesen Kampf gewinnen können."

Magazinrundschau vom 03.03.2015 - New York Times

Das aktuelle Magazin der New York Times bringt den ersten Teil eines wunderbaren Textes von Karl Ove Knausgaard. Knausgaard reist im Auftrag der Times zu den Stätten der Wikinger im Nordosten der USA. Dabei stößt der Autor auf allerhand kulturelle Differenzen, etwa in der Kommunikation oder was die Austauschbarkeit von Orten betrifft, am Beispiel Detroits: "Ich kenne Armut, unfassbare Armut, wie in den Slums von Mozambique. Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen - Haus um Haus aufgegeben, verlassen und verfallen wie nach einer Katastrophe. Wenn das Armut war, dann eine ganz neue Art, etwa so, wie der Reichtum im 20. Jahrhundert hier ein ganz neuer war. Ich habe nie verstanden, wie eine Nation, die dem Individuum derart huldigt, alle Unterschiede so verwischen kann wie dieses Land. In einem System der Massenproduktion ist der Arbeiter ersetzbar und die Produkte sind identisch. Identische Autos, identische Tankstellen, identische Restaurants, identische Motels und die allgegenwärtigen identischen Fernseher, die identische Unterhaltung und identische Träume senden. Nicht mal der Sowjetunion auf der Höhe ihrer Macht ist es gelungen, so eine einheitliche, kollektive Identität zu erschaffen wie die der Amerikaner. In schwierigen Zeiten kann es passieren, dass jemand eine Stadt einfach verlässt und in eine andere zieht, und diese neue Stadt repräsentiert dann genau das gleiche. War das für die Amerikaner Zuhause, Heimat? Nicht der Ort, nicht die Nachbarschaft, sondern die Kultur, das Allgemeine?"


Nidaa Badwan, Foto aus der Serie "100 Tage Einsamkeit"

Jodi Rudoren porträtiert die palästinensische Künstlerin Nidaa Badwan, die seit über einem Jahr in einem etwa zehn Quadratmeter großen Zimmer im Gazastreifen lebt, den sie in dieser Zeit kaum je verlassen hat. Der Grund: der Konflikt mit Israel zum einen und die Hamas zum anderen, die ihr vorschreiben wollte, welche Kleidung sie draußen zu tragen habe. In ihrem Zimmer hat Badwan die Fotoserie "Hundert Tage Einsamkeit" produziert, 14 Selbstporträts, "die ebenso klassisch sind wie innovativ. "Ich warte auf das Licht", sagt Ms. Badwan, die manchmal eine Woche oder sogar einen Monat braucht, um Fotos zu konstruieren, die wie Gemälde aussehen. "Alles ist schön, aber nur in meinem Zimmer, nicht in Gaza. Ich bin bereit in diesem Zimmer zu sterben, wenn ich keinen besseren Ort finde. Man kann sagen, es gibt jetzt ein anderes Leben für mich", fügt sie hinzu. "Ich fühle, ich lebe nicht hier. Das Projekt hat neue Fenster für mich gemacht.""

Außerdem: David Amsden stellt uns den Anwalt John Cummings vor, der in Louisiana auf eigene Faust das erste amerikanische Museum aufbaut, das sich mit der Sklaverei befasst. Und Julia Ioffe sieht nach dem Mord an Boris Nemtsov in Moskau schon wieder die alten Mechanismen am Werk: Herunterspielung und Vertuschung von ganz oben.

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - New York Times

Das Magazin der New York Times goes global. Zum Beispiel zieht Gary Shteyngart ("ein amerikanisierter Russisch sprechender Romancier") ins New Yorker Four Seasons Hotel und schaut russisches Fernsehen, eine Woche lang. Wird er am Ende Putin mögen? "Wenn du die Putin-Show siehst, dann lebst du in einer Supermacht. Du bist einer der Rebellen in der Ukraine, die den einst so modernen Flughafen von Donezk mit Waffen aus russischer Produktion plattmachen. Du bist die Russisch sprechende Großmutter vor ihrem zerstörten Zuhause in Luhansk, die gegen die faschistischen Nazis wettert, so, wie ihre Mutter vor siebzig Jahren gegen die Deutschen gewettert hat. Du bist der Priester, der den Konvoi russischer humanitärer Hilfe salbt, der Richtung Front fährt. Russischsein, das heißt Leiden und Überleben. Es war einmal und wird immer sein. Das ist die täglich erneuerte Fantasie im russischen Fernsehen, auf Channel 1, Rossiya 1, NTV. Der kommenden Generation werden all diese Nachrichten von 2015 so albern erscheinen wie eine Sowjetdoku über Getreideerträge. Man wird sich fragen, was für einen Blödsinn die Elterngeneration ertragen musste und wie sie trotz allem Menschen bleiben konnten. Ich meinerseits entkomme Russland noch einmal. Ein Druck auf die Fernbedienung genügt."

Außerdem: Matthew Shaer berichtet davon, wie der Amateurjournalismus Hoffnung in Rios Farvelas weckt. Und Susan Dominus schreibt über den Aufwind des Front National in Frankreich nach den Anschlägen von Paris: "Selbst wenn Marine Le Pen nie Präsidentin wird, könnte die Partei doch erfolgreich sein, indem sie rechte Gesinnung zu etablieren hilft und Gewalt gegen alles, was mit ihrem Begriff von Frankreich nicht übereinstimmt, normalisiert."

Magazinrundschau vom 17.02.2015 - New York Times

Im Magazin der New York Times erzählt Jon Ronson die Geschichte der 30-jährigen Justine Sacco, die 2013 infolge ihres Tweets "Bin auf dem Weg nach Afrika. Hoffe, ich bekomme kein AIDS. Nur Spaß. Ich bin weiß!" ihren Job verlor. Ronson analysiert weitere solche Fälle, in denen es vor allem darum geht, Aufmerksamkeit zu erregen, und zeichnet ein erschreckend unsoziales Bild der sozialen Medien: "In der Twitter-Frühzeit fühlte sich der kollektive Zorn noch richtig an, als würden Hierarchien zu Fall gebracht und die Durchsetzung von Gerechtigkeit demokratisiert. Später nahmen solche Kampagnen zu und zielten nicht mehr nur auf mächtige Institutionen und öffentliche Personen, sondern konnten wirklich jeden treffen, der vermeintlich etwas Anstößiges getan hatte. Auffällig war das Missverhältnis zwischen der Schwere des Vergehens und der hämischen Grausamkeit der Bestrafung, als folgte alles einem festgelegten Ablauf. Mich interessierten die Menschen hinter diesen Bloßstellungen. In den vergangenen Jahren traf ich sie zu Interviews - normale Leute, wie Justine Sacco, die an den Pranger gestellt wurden für einen schlechten Witz in den sozialen Medien … Diese Menschen waren meist ohne Job, gefeuert für ihr Vergehen, und sie machten einen gebrochenen Eindruck, waren tief verwirrt und traumatisiert."

Ronen Bergman skizziert die fünf Mitglieder der Hisbollah, denen in Abwesenheit in Den Haag der Prozess wegen der Ermordung des libanesischen Premierministers Rafik Hariri 2005 gemacht wurde.

Magazinrundschau vom 10.02.2015 - New York Times

Louise Story und Stephanie Saul erzählen in der New York Times, wie New York und andere Städte immer mehr Superreiche, oft aus Russland, den arabischen Ländern oder Mexiko anziehen, die dort Immobilien kaufen: "Sie können sich diese Multimillionen-Appartments kaufen, ohne dass ihnen allzuviele Fragen gestellt werden, denn die Vereinigten Staaten begünstigen den Geldfluss durch Briefkastenfirmen. Riesensummen fließen wie nie zuvor unkntrolliert von Land zu Land. Keiner weiß, ob sie aus Korruption oder Steuervermeidung oder bloß zur Investition angelegt werden. Eine grenzlose Ökonomie sucht immer neue Wege, sein Geld zu verstecken. An Orten wie London, Singapur und anderen Finanzzentren haben sie Ghettos ausländischer Superreicher geschaffen, die mit ihren Glas- und Stahltürmen die Stadtlandschaften neu ordnen und Ressentiments und Streit über Ungleichheit auslösen."

Im Magazin der New York Times erinnert sich Chris Offutt an seinen Vater, den Porno-Schriftsteller Andrew Jefferson Offutt und beschreibt dessen effiziente Arbeitsweise: "Sein Ziel war es, ein Buch pro Monat zu schreiben. Dafür verfeinerte er seine Methoden, arbeitete mit einem vorgefertigten Rohmaterial von Sätzen, Beschreibungen und ganzen Szenen, das er in Notizbüchern verwahrte. 80 Prozent dieser Aufzeichnungen waren sexueller Natur. Meistens ging es um Brüste, dann um Handlungen, eingeteilt in Abteilungen, wie: Mund, Zunge, Gesicht, Beine, Kuss. Die Abteilung "Orgasmus" war unterteilt in: davor, während und danach. Die Abteilung "Schmerz" war unterteilt in: Prügeln, Auspeitschen, Erniedrigung, Folter und so weiter… Wie Henry Ford setzte mein Vater auf Prinzipien der Fließbandarbeit mit vorgefertigten Teilen. Das erwies sich als sehr effizient. Mit Hilfe seiner Notizbücher konnte er schnell die passende Abteilung finden und ganze Sätze direkt ins Manuskript übertragen. Danach strich er sie durch, um Selbstplagiate zu vermeiden… Auf die Weise konnte er ein Buch in drei Tagen schreiben."

Außerdem in der New York Times: Will S. Hylton besucht die Auffanglager für Immigranten in den USA, die wie Gefängnisse funktionieren. Und Amy Wallace porträtiert den Unternehmer Chip Wilson, der mit seiner Marke "Lullulemon" und sexy Yoga-Hosen erst Millionen machte und dann die Kontrolle über seine Firma verlor.