
Zur düsteren Rückseite des amerikanischen Traums gehört neben dem Rassismus und eng damit zusammenhängend das
Karzeralsystem, das Yasmine Bouagga in
La Vie des Idées eindringlich schildert. Zwar sind Anzeichen einer Einkehr von institutioneller Seite erkennbar, aber noch sind die Statisken bestürzend: "Der zunehmende Einsatz von Isolationshaft überrascht angesichts des gleichzeitigen Massenwachstums der Gefängnisse. In der Tat haben sich amerikanische Gefängnisse in einer Periode immer weiter zunehmender Gefängnispopulation besondere Einrichtungen für die
Isolationshaft gebaut. Noch in den siebziger Jahren hatte Amerika Gefangenenzahlen, die mit den westeuropäischen Zahlen vergleichbar waren, nach 2000 haben die Vereinigten Staaten mit insgesamt einem von hundert männlichen Einwohnern im Gefängnis eine Gefangennrate, die
fünf bis zehnmal höher ist als in Europa." Insgesamt zwei Millionen Menschen sind in den USA im Gefängnis - ein Viertel der weltweiten Gefängnispopulation. Ganze Gefängnisse dienen der Isolierung von Gefangenen im "
Supermax"-Regime - mit einer Stunde isoliertem Freigang in einem Hof ohne Aussicht. Viele geistig Behinderte müssen dieses Regime ertragen. Die Selbstmordrate ist exorbitant. Die Gefangenen sind der Willkür und
Gewalt des Personals ausgesetzt.
Im Gespräch mit Florent Guénard
bezweifelt der Rechtshistoriker François Saint-Bonnet den
Sinn des Ausnahmezustands im Kampf gegen den Terrorismus. Er gelte in Frankreich zwar als Gegenmittel zu Krisensituationen aller Art, müsse für den aktuellen Terrorismus aber keineswegs die richtige Lösung sein. Saint-Bonnet warnt vor allem davor, mühsam entwickelte, moderne
Rechtsprinzipien zu verwässern und aufzuweichen. "Der Weg wäre,
ex nihilo ein spezifisches auf dschihadistische Terroristen anwendbares Recht zu entwickeln, das weder das Strafrecht noch internationales Recht (Kriegsrecht) verletzt. Voraussetzung dafür wäre dann, diese Dschihadisten mit so
absolut präzisen Kritierien wie möglich zu bestimmen ... um nicht ein zu großes Netz aufzumachen, in dem sich Menschen verfangen könnten, die nichts mit dem Terrorismus zu tun haben - wie man es in den USA in den Nullerjahren beklagen konnte."