Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 18.04.2017 - La vie des idees

Sehr interessant liest sich, wie Korine Amacher die Geschichte des russischen Gedenkens an die Oktoberrevolution seit dem Mauerfall und dem Kollaps der Sowjetunion erzählt. Dem Putin-Regime, das die leiseste Regung gegen die eigene Stabilität gnadenlos verfolgt, muss es ein wahres Kopfzerbrechen bereiten, diesen Bruch mit dem Zarenreich in eine Erzählung der nationalen Größe einzubetten. Laut Amacher geben die Schulbücher Aufschluss darüber, wie der offizielle Diskurs am 7. November lauten könnte: Dort "wird die tragische Dimension des Bürgerkriegs unterstrichen, aber die Bücher  bestehen zugleich darauf, dass Russland aus dieser 'großen Tragödie' noch stärker als zuvor auferstanden sei, indem es zur Sowjetunion wurde. In diesem Schema muss man keine Schuldigen mehr benennen oder sich allzu sehr auf die verschiedenen politischen Visionen einlassen. 'Weiße' wie 'Rote' haben für ein starkes Russland gerungen, das die Weißen als Zarenreich und die Roten als Sowjetunion wollten."

Lesenswert auch Jean Marcous Besprechung von Odile Moreaus Studie über die Türkei im Ersten Weltkrieg, "La Turquie dans la Grande Guerre, de l'Empire ottoman à la République de Turquie".
Stichwörter: Oktoberrevolution, Mauerfall

Magazinrundschau vom 24.01.2017 - La vie des idees

Gleichzeitig schwärmerisch und klug liest sich, was die Romanistin Alice Kaplan, die gerade die Studie "Looking for The Stranger - Albert Camus and the Life of a Literary Classic",  veröffentlicht hat, und der Autor Tobias Wolff im Gespräch mit Marie-Pierre Ulloa über Camus in Amerika erzählen. Kaplan bringt es auf den Punkt: "In den Vereinigten Staaten ist er sicher die am meisten geliebte Figur der jüngeren französischen Literatur - weit mehr als Sartre, Proust und Céline. In Frankreich und der übrigen Welt genoss er sein höchstes Renommee in der Nachkriegszeit, als er die Stimme der Résistance war. Nach 1962 ist er in eine Art Fegefeuer eingetreten, weil er einen gemäßigten algerischen Nationalismus in der Linie Ferhat Abbas' unterstützte. Er hat die Methoden des FLN, der Algerien mit der Unterstützung der französischen Linken zur Unabhängigkeit führte,  kritisiert. Aber Camus' Fegefeuer endete 1994, als der Roman, den man in dem Facel Vega, in dem er gestorben war, gefunden hatte, endlich veröffentlicht wurde. Mit 'Der erste Mensch' wird es möglich, Camus neu zu lesen. Diese autobiografische Erzählung eines Mannes, der weder der Kolonisator noch kolonialer Untertan ist, sondern ein Kind armer Siedler, lässt die instinktive Ablehnung, der Camus zum Opfer fiel, hinfällig erscheinen."

Magazinrundschau vom 03.01.2017 - La vie des idees

In einem Gespräch über "unsere sogenannten Leben" thematisiert der Sozialwissenschaftler und Journalist Sylvain Bourmeau zeitgenössische Vorstellungs- und Erkenntnisformen von gesellschaftlichem Leben und Lebenswelten. Dabei spannt er einen verknüpfenden Bogen von der Literatur über Fotografie und politischen Diskurs bis zur Soziologie. Nach einer veritablen Lobrede auf Michel Houellebecq, für ihn der einzige französische Literat, der sich der "großen Erzählungen der gesellschaftlichen Entwicklung" annimmt, sieht er das Problem bei Soziologen und Ethnologen darin, ihre doch aufschlussreichen Befunde in eine zugängliche, überzeugende Sprache zu übersetzen. Und kommt folgerichtig zu dem Schluss: "Nach meinem Empfinden sind die wirklich großen Soziologen auch große Schriftsteller ... Man hat gelegentlich den Eindruck, das einzig mögliche Modell der Literarisierung von Forschung seien Lévys 'Traurige Tropen'. Was ein Problem ist, denn es ist veraltet ... Wenn Autoren öfter die neueste Literatur läsen, würden sie anders schreiben, auf andere Mittel zurückgreifen … Bei den Historikern ist diese literarische Tradition schon älter, dort sieht man weiterhin, was die offene Stimme Michel Foucaults schaffen und bewirken konnte."

Magazinrundschau vom 13.12.2016 - La vie des idees

In einem Gespräch über "Rasse" und Gegenkulturen in den USA hofft der Journalist und Kritiker Jeff Chang, der durch Bücher über den amerikanischen Begriff von "Race" und über die Hip-Hop-Kultur hervorgetreten ist, auf ein neues Bündnis einer eher multikutlurellen Linken  und einer Linken, die den Rassebegriff im Namen eines Amerikas, das "post-racial"wäre, abwerfen will. "Trumps Präsidentschaft könnte eine Oppositionsbewegung mobilisieren, die bereit ist, die aktuelle tonangebende Politik zu unterwandern … Ein mögliches Szenario wäre, dass Feministinnen, militante Umweltschützer, Muslime, Afro-Amerikaner, Latinos und Amerikaner asiatischer Herkunft sich gegen einen gemeinsamen Feind verbünden. Die große Unsicherheit besteht allerdings darin, ob es dieser Linken gelingt, eine Botschaft an die weiße Arbeiterschicht zu richten."

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - La vie des idees

Die beiden Forscher Thierry Chopin und Jean-François Jamet vermuteten in einem Essay, den sie bereits vor dem Brexit publizierten und den La Vie des idées jetzt online stellt, dass Britannien im Fall eines Brexit eine "norwegische Lösung" suchen würde, das heißt sie partizipieren im Rahmen des Europäischen Wirtschaftsraums am gemeinsamen Markt und würden hierfür auch in die EU einzahlen. Freizügigkeit bliebe erhalten, wäre aber je nach Lage modifzierbar. "Dieses Arrangement wäre allerdings für die anderen Länder der Union potenziell destabilisierend, weil andere Mitgliedsländer es reizvoll finden könnten ..." Andererseits könnte "ein solches Arrangement eine Alternative für Beitrittskandidaten schaffen, die dann zunächst für den Eintritt in den Europäischen Wirtschaftsraum statt gleich in die Union kandidieren könnten."
Stichwörter: Brexit, Freizügigkeit, Chopin

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - La vie des idees

Kann uns ein Rückgriff auf die Ideengeschichte heute noch etwas geben, unser Gesellschaftswissen bereichern? Der kanadische Sozialtheoretiker Marc Angenot bejaht dies in einem Gespräch. Denn einer ihrer Vorzüge bestehe darin, dass Ideengeschichte oft das Auftauchen von etwas sichtbar mache, gelegentlich lange bevor es sich tatsächlich manifestiert. "Die Ideengeschichte dient allgemein dazu, Polemiken anderer Arten Intellektueller und Historiker auszulösen, die Ideen als Epiphänomene ansehen ... Die Ideengeschichte bringt jedes Mal das alte Problem von Robin George Collingwood aufs Tapet, ihrem englischen Begründer. Er sagte: 'Alle Geschichte ist eine Ideengeschichte'. Dem stimme ich im heuristischen Sinne zu. Es gibt keine politische Bewegung, keine soziale Veränderung, die nicht logischerweise zwingend und vorab an bestimmten Ideensystemen hängt."

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - La vie des idees

Ein Flüchtlingsproblem gab es in Europa auch schon ab dem 16. Jahrundert nach der religiösen Bereinigung Spaniens, schreibt Isabelle Poutrin mit Seitenblicken auf die aktuelle Debatte in La Vie des Idées. Wie Bevölkerungspolitik per Ausweisung geführt wurde, zeigt sie am Beispiel der Morisken, also zwangskonvertierten ehemaligen Muslimen, die im Jahr 1609 von Philipp III. ausgewiesen wurden: "Überall in Europa waren Ausweisungen minoritärer Gruppen ein Mittel, den sozialen und politischen Körper zu einen. Philipp III. wurde in diesem Fall wohl von dem Wunsch getrieben, sein Bild wiederherzustellen, nachdem er mit den holländischen Protestanten Frieden geschlossen hatte. Indem er die Morisken verjagte, wollte er vor der Nachwelt als Ebenbürtiger der katholischen Könige dastehen, die 1492 die Juden verjagt hatten."

Magazinrundschau vom 03.05.2016 - La vie des idees

Was unterscheidet eine jungfräuliche Leinwand von einem leeren Bild oder einen simplen Gegenstand von einem Readymade? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der 2013 verstorbene amerikanische Philosoph und Kunstkritiker Arthur C. Danto, den Laure Bordonaba in einem ausführlichen Porträt vorstellt: "Dantos Thesen selbst zwingen auch dazu, das Konzept der Rolle der Kritik zu erneuern, deren Diskurs sich nicht länger erlauben kann teleologisch zu sein oder 'ästhetisch'... Denn wenn die Geschichte abgeschlossen und an ihrem Ende angelangt ist, kann der Kritiker Werke nicht mehr als Zensor oder Professor mit den Maßstäben des 'Fortschritts' oder 'Rückstands' beurteilen, der in ihnen zum Ausdruck käme. Darüber hinaus verbietet sich Danto ausdrücklich, 'negative' Kritiken zu schreiben; er schreibt nur über Künstler, deren Arbeit er für interessewürdig hält."

Magazinrundschau vom 29.03.2016 - La vie des idees

Leila Vignal untersucht in einem sehr faktenreichen Artikel Baschar al-Assads "Strategie der Zerstörung" in Syrien, die seit fünf Jahren die Bevölkerung unter intensiven Druck setzt und mit der Vertreibung von mehr als der Hälfte der Syrer aus ihren Wohnstätten die Zukunft des gesamten Landes bedroht. Diese Vertreibungen seien jedoch, so Vignal, nicht einfach "Kollateralschäden" des Konflikts, sondern eben ein bewusstes Mittel, "um die internationale Szene mangels anderer Mittel unter Druck zu setzen. Wie sehr etwa das Los der Einwohner von Damaskus vernachlässigt wird, zeigt sich unter anderem daran, wie das Regime den humanitären Zugang zur Bevölkerung der Regierungsgebiete kontrolliert. Hunger wird nicht nur bei Belagerungen als Waffe eingesetzt, das Regime verwandelt ihn vielmehr in ein politisches Instrument, indem es die Verteilung der Hilfe einschränkt."

Magazinrundschau vom 23.02.2016 - La vie des idees

Unter der Überschrift "Vom linguistischen Imperialismus" stellt Emmanuelle Loyer die Studie "La Langue mondiale - Traduction et domination" der Soziologin Pascale Casanova vor. Sie zeigt darin, wie der Gebrauch des Englischen, das im 20. Jahrhundert das Französische als dominierende Weltsprache abgelöst hat, denjenigen, die sie beherrschen, Macht sichert. Andererseits: Was tun, da man nun mal eine Weltsprache braucht, um eine universelle Kommunikation zu erlauben? "Vor allem, antwortet Casanova, müsse man eine atheistische Position einnehmen" und das heißt, "man soll die Weltsprache im Bedarfsfall benutzen aber nicht vergessen, dass eine Sprache begleitet wird von Kategorien, Denkschemata und Sichtweisen, die man unbemerkt übernimmt; und sonst das Prinzip des 'Jeder in seiner Sprache' vorziehen, sofern dies der Verständigung nicht schadet."