Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 29 von 45

Magazinrundschau vom 30.10.2012 - Guardian

Mark Lawson hat sich auf Grand Tour durch das kriminalistische Europa begeben und etwa Wichtiges herausgefunden: "Meine Nachforschungen ergaben, dass Georges Simenon den größten Einfluss auf den europäischen Krimi hat. In Rom zeigte mir Andrea Camilleri - Schöpfer des sizialinischen Inspektors Montalbano - die komplette Reihe der Maigret-Romane in seinen Regalen. In Berlin hielt Jakob Arjouni, einer der führenden deutsche Krimi-Autoren, den kompletten Simenon nah bei seinem Schreibtisch. PD James nennt Simenon ebenfalls als ihren Meister und bestätigt damit ein literarisches Nachleben, das Andre Gide Recht gibt: Der belgische Schriftsteller hätte den Nobelpreis für Literatur bekommen sollen."

Außerdem: Anatol Lieven bespricht - nicht immer, aber meistens zustimmend - Anne Applebaums neues Buch "Iron Curtain: The Crushing of Eastern Europe 1944-56".

Magazinrundschau vom 16.10.2012 - Guardian

Der Weg ins Himmelreich führt nicht über die Ablasszahlung an die Kirchenfürsten, das wusste schon Luther, meint der New Yorker Verleger Colin Robinson und schlägt seine eigenen Thesen gegen Amazon an die Wand: "Amazon hat den Verlagen eine Garrotte angelegt, es nutzt seine Marktmacht, um immer größere Rabatte von Verlagen zu verlangen, die im Gegenzug Preisnachlässe gewähren, um sich mehr Kunden zu sichern. Das ist nur möglich, weil der Behemoth ein direktes Verhältnis zu den Lesern hat. Um diesen Würgegriff aufzubrechen, müssen Verlage anfangen, direkt zu verkaufen. Die langfristigen Vorteile eines eigenen Kundenstamms, um zum vollen Preis zu verkaufen und die zusätzlichen Einnahmen ins Marketing zu leiten, werden die anfänglichen Unannehmlichkeiten wettmachen, die beim Umgehen des weltgrößten Buchhändlers auftreten können."

Jarvis Cocker ist ein so großer Beatles-Fan wie jeder, aber nachdem er ein Buch mit John Lennons gesammelten Einkaufslisten und Post-it-Zetteln gelesen hat, reicht es ihm. Diese ewige Rückschau noch auf die letzten Fitzel einer glorreichen Vergangenheit ist nicht hilfreich, meint er. "Warum war br**pop zum Scheitern verdammt? Viele Faktoren spielten eine Rolle, aber eine war sicherlich: zu viel Information. Zu viel Reverenz. Dieselben Klamotten tragen und dieselben Drogen nehmen, macht aus uns keine Beatles. Es macht uns fett und krank."

Außerdem huldigt Anne Enright der irischen Autorin Edna O'Brien, deren freizügigen Romane in den sechziger Jahren in Irland verboten wurden. Vorgestellt wird die Shortlist des Man-Booker-Preises.

Magazinrundschau vom 02.10.2012 - Guardian

Hanna Rosins Buch "The End of Men" hat in der englischsprachigen Welt bereits für einige Erregung gesorgt (mehr hier). Der Guardian druckt einen Auszug, in dem Rosin erklärt, warum Frauen in einem sich verändernden Arbeitsmarkt bessere Chancen haben als Männer, die nicht so anpassungsfähig sind: "In der Vergangenheit waren Männer durch ihre Größe und Kraft im Vorteil, doch in der postindustriellen Wirtschaft spielen Muskeln keine Rolle. Eine Dienstleistungs- und Informationswirtschaft belohnt die exakt entgegengesetzten Qualitäten: solche, die nicht von einer Maschine ersetzt werden können. Diese Attribute - soziale Intelligenz, Kommunikation, die Fähigkeit, still zu sitzen und sich zu konzentrieren - sind, gelinde gesagt, keine Männerdomäne."
Stichwörter: Arbeitsmarkt

Magazinrundschau vom 25.09.2012 - Guardian

Der britische Autor Alan Hollinghurst schreibt über einen französischen Dramatiker, der auf deutschen Bühnen mindestens ebenso selten gespielt wird wie auf britischen: Jean Racine, dessen Stück "Berenice" Hollinghurst gerade neu ins Englische übersetzt hat. Keine Kleinigkeit, wie schon der erste Absatz klar macht: "Zwei Männer betreten einen riesigen und leeren Raum. Der eine bewundert die Pracht, der andere ist misstrauisch und mit seinen Gedanken woanders. Der Erstere ist ein Soldat und Diener des Anderen, der ein ausländischer König und großer Kriegsheld ist. Der König spricht einen Satz: 'Arrêtons un moment' - als zögere er, eine Reihe von Ereignissen in Gang zu setzen, die - einmal angefangen - ihm sicher Unheil bringen werden. Er kommentiert die Bewunderung des Dieners, spricht eine lange Verszeile, dann eine andere, die sich reimt. Schon sind zwei Dinge, das eine dynamisch, das andere kumulativ, in Gang gesetzt worden: Einerseits hat das Metronom des Reims begonnen zu ticken und die Reimpaare, die folgen, werden die nächsten 90 Minuten eine Bewegung ausführen, so unerbittlich wie die Zeit selbst. Andererseits ist eine Einheit von Form und Sinn gesetzt, an die jeder Characker im Stück abwechselnd weitere Blöcke anfügen wird, die aufsteigenden Stufen eines unsichtbaren Monuments."

Weitere Artikel: Wehleidig und naiv findet Pankaj Mishra die Erinnerungen Salman Rushdies an die Zeit der Fatwa. Diese missbilligt Mishra pflichtschuldig, um dann mit maximaler Herablassung über die "Satanischen Verse" und ihren Autor zu urteilen: "Die 'Satanischen Verse' handeln weniger von der Lage der Einwanderer als von der Ambivalenz eines hoffnungslos anglophilen Inders gegenüber der britischen herrschenden Klasse, die ihn als Kameltreiber betrachtet." Maya Jaggi porträtiert den somalischen Autor Nurredin Farah, den sie im norwegischen Tromsö traf, wo er über Ibsen sprechen sollte. Er hätte seinen ersten Roman, "Aus einer gekrümmten Rippe", ohne Ibsens "Nora" nicht schreiben können, sagte Farah in Tromsö: "Aufgewachsen in Somalia und Äthiopien und nach einem Studium in Indien, sagt er mir, 'ich habe jeden Tag gesehen, wie Frauen geschlagen, Mädchen nicht zur Schule geschickt und ungerecht behandelt wurden."

Magazinrundschau vom 18.09.2012 - Guardian

Zum Erscheinen der Erinnerungen (Auszug) Salman Rushdies, erzählen vor allem Freunde, wie sie damals die Fatwa gegen Rushdie, die im Iran gerade wieder bekräftigt wurde, erlebten. Der einzige, der damals auf der anderen Seite stand, Inayat Bunglawala, Gründer und Vorsitzender der Organisation Muslims4UK, würde heute kein Verbot mehr des Romans fordern, aber er hat ein warmes Gefühl, denkt er an die Demonstrationen zurück: "Sieht man zurück auf den Herbst 1988, kann man wohl ohne Übertreibung sagen, dass es die Hitze der Affäre um die Satanischen Verse war, in der erstmals eine bewusste britische muslimische Identität in UK geschmiedet wurde. Ich studierte damals im zweiten Jahr und es war ein aufregendes Gefühl, mit anderen zu marschieren und zu demonstrieren, die unterschiedlicher Herkunft waren, vom indischen Subkontinent, Nordafrika, Südostasien und anderswo, aber alle vereint im Glauben an den Islam."

Die Fragen, die damals aufgeworfen wurden, bleiben, meint Ian McEwan: "Wie geht eine offene pluralistische Gesellschaft mit den unterschiedlichen Gewissheiten verschiedener Glaubensrichtungen um? Und wie akzeptieren die Gläubigen das freie Denken anderer? Auf die erste Frage könnte man generell antworten, dass eine säkulare oder skeptische Weltsicht der beste Garant für religiöse Freiheit ist: ohne Bevorzugung alle innerhalb des Gesetzes tolerierend und beschützend. Was die zweite Frage angeht - nun, Menschen die absolut überzeugt sind von ihrem Gott, sollten darüber stehen, physische Rache zu nehmen, wenn sie beleidigt sind. Vielleicht sind die Bücherverbrenner und Plakatschwenker, paradoxerweise, geplagt von den ersten Kobolden des Zweifels?"

Magazinrundschau vom 04.09.2012 - Guardian

Colm Toibin hat "Mortality" gelesen, Christopher Hitchens letzten Band mit Essays und Schriften, und ach, er vermisst ihn einfach schrecklich: "Der letzte Abschnitt von 'Mortality' besteht aus fragmentarischen Notizen, die, wie der Verlag bemerkt, 'nicht fertig gestellt waren zum Zeitpunkt seines Todes'. Eines dieser Notate lautet: 'Wenn ich zum Glauben konvertiere, dann höchstens weil es besser wäre, dass ein Gläubiger stirbt, als dass es ein Atheist tut.' Er ist natürlich nicht konvertiert. Er blieb den Vorstellungen treu, die ihn sein Leben lang antrieben, und seiner Vorstellung von dem, was Worte tun können."

Weiteres: In Aufmacher beschreibt der Autor Francis Spufford seine Religiösität eher als eine Reihe von Gefühlen denn als eine Weltanschauung. Besprochen werden unter anderem Zadie Smith' neuer London Roman "NW", an dem ihr Schriftstellerkollege Adam Mars-Jones etliches auszusetzen findet, und Junot Diaz' Roman "This Is How You Lose Her", den Nicholas Wroe als "feministisch" beschreibt: "Für einen Hetero-Mann, behauptet Diaz, ist sein Verhältnis zu Frauen der Lackmus-Test seiner Humanität." Weiter gibt es Besprechungen von den Autoren John Burnside (hier) und Ursula Le Guin (hier).

Magazinrundschau vom 21.08.2012 - Guardian

Die ägyptische Schriftstellerin Ahdaf Soueif denkt über die Rolle der Literatur in revolutionären Zeiten nach und sieht im Moment eher die Autoren der Realität als die der Fiktion gefragt: "Es braucht Zeit, um Realität zu verarbeiten und sie in Fiktion zu verwandeln. Im Moment hat es keinen Sinn, eine Geschichte zu schreiben, die sich selbst anbietet oder geradezu danach verlangt, geschrieben zu werden. Denn in der nächsten Minute wird eine andere Geschichte sie überrolen und den gleichen Anspruch erheben. Wir, als Schriftsteller, können uns nicht einfach eine davon schnappen, weglaufen, uns im Kämmerchen einschließen und darauf warten, bis die Transformation stattgefunden hat - denn als Bürger müssen wir präsent sein auf den Straßen, wir müssen demonstrieren, unterstützen, reden, anregen und Worte finden. In kritischen Zeiten ist unser Talent gefragt, die Geschichten so zu erzählen, wie sie sich zugetragen haben, damit sie ihre Kraft als Realität entfalten, nicht als Fiktion."

Weiteres: Keith Thomas stellt Stephen Alfords Geschichte "The Watchers" vor, die erzählt, mit welch drakonischer Politik Elizabeth I. sich vor katholischen Königinnenmördern zu schützen versuchte: "Die Standardstrafe für Verräter bestand im Hängen und bei noch lebendigem Leib Kastrieren, Ausweiden und Vierteilen." Ruth Scurr empfiehlt Sophie Wahnichs Studie "In Defence of the Terror", die den Terror der Französischen Revolution rigoros vom heutigen Terrorismus absetzt. Salman Rushdie liest noch einmal Kazuo Ishiguros großen Roman "Was vom Tage übrig bleibt". Außerdem ist ein Auszug aus Zadie Smith' neuem London-Roman "NW" zu lesen.

Magazinrundschau vom 19.06.2012 - Guardian

Der irische Schriftsteller Colm Toibin führt zum Bloomsday durch Dublin und dessen verschüttete Geschichte, deren Spuren sich auch mit James Joyce' Werken besser nachvollziehen lassen. Joyce' Ehefrau Nora Barnacle "arbeitete im Finn's Hotel und der Fußweg zum Merrion Square, wo beide sich für den 16. Juni 1904 auf ein Treffen verabredet hatten, führte an der Hausnummer 6 der Clare Street vorbei, von wo aus Samuel Becketts Vater sein Geschäfte betrieb und wo Beckett später Teile seines Romans 'Murphy' schreiben würde. Joyce, der sich noch in diesem Jahr an die Arbeit zu den Geschichten in 'Dubliners' machen würde, und Nora hatten vor, sich vor dem Haus zu treffen, in dem Sir William Wilde gelebt hatte und in dem Oscar Wilde aufgewachsen ist, ein Ort, an dem viele Partys stattgefunden hatten. Bram Stoker, der Wilde am Trinity College in Dublin kennengelernt hatte, war häufig Gast des Hauses. Dessen Frau war eine frühere Freundin von Oscar Wilde. So kann die runtergekommene Innenstadt von Dublin zum heiligen Ort werden, wenn man diese Namen kennt und sie einem etwas bedeuten. Wenn nicht oder wenn man es eilig hat, so wie einige Charaktere in 'Ulysses' oder wie heute noch immer viele es eilig haben, dann ist sie gewöhnlich, eine Straße in irgendeiner Stadt."

Außerdem: Mario Vargas Llosa gibt Stuart Jeffries Auskunft über seinen neuen Roman, der von dem irischen Widerstandskämpfer Roger Casement handelt und dieser Tage auf Englisch erscheint. Richard Williams porträtiert den Songtexter und Musikproduzenten Van Dyke Parks, der die Texte von Brian Wilsons legendärem "Smile"-Album schrieb, damit bei den Beach Boys in Ungnade fiel und heute ein vielbeschäftigter Mann im Business ist. Der "Drive"-Regisseur Nicolas Winding Refn verrät zudem, warum er Andy Milligans trashige B-Movies aus den 70ern gemeinsam mit dem British Film Institute vor dem Vergessen bewahren will.

Magazinrundschau vom 12.06.2012 - Guardian

Ob Hari Kunzru recht hat, der Slavoj Zizek den "Borat der Philosophie" nannte? Decca Aitkenhead jedenfalls scheitert kläglich bei dem Versuch, für ihr großes Porträt eine ernsthafte Aussage aus Zizek herauszubekommen. Kleine Kostprobe: "Die Hölle, das sind für mich amerikanische Parties. Oder wenn man mich bittet, einen Vortrag zu halten und mir dann sagt: Danach wird es bloß einen kleinen Empfang gegen. Ich weiß, das ist die Hölle. Das bedeutet, dass all die frustrierten Idioten, die nicht in der Lage sind, am Ende des Vortrags eine Frage zu stellen, zu mir kommen und anfangen: Professor Zizek, ich weiß, Sie müssen müde sein, aber...' Scheiße. Wenn sie wissen, dass ich müde bin, warum fragen sie mich dann? Ich werde mehr und mehr zu einem Stalinisten. Die Liberalen sagen über die Totalitären, dass sie die Menschheit als solche mögen, aber kein Mitgefühl mit den konkreten Menschen haben, nicht? Das passt genau auf mich. Die Menschheit? Ja, die ist okay. Große Reden, große Kunst. Konkrete Menschen? Nein. 99 Prozent sind langweilige Idioten."

Außerdem: In der Book Review schreibt Siri Hustvedt über den Psychoanalytiker in der Literatur. Margaret Atwood liefert den Nachruf auf Ray Bradbury.

Magazinrundschau vom 08.05.2012 - Guardian

Stephen Burt stellt anlässlich einer Ausstellung in der Tate St Ives den amerikanischen Maler Alex Katz vor, der in den frühen Fünfzigern figurativ malte, als alle Welt Jason Pollock bewunderte: "Katz' Menschen und Orte scheinen zufrieden zu sein mit dem jetzigen Augenblick. Sie verlieren sich nicht in Erinnerungen. 'Das wirklich Aufregende in der Kunst', hat Katz einmal geschrieben, 'ist, irgendwie in der heutigen Welt zu sein.' Er teilte diese Sehnsucht nach absoluter Zeitgenossenschaft mit seinen Dichterfreunden aus vier und fünf Jahrzehnten. Katz malte O'Hara mehrmals - 'O'Hara ist mein Held', sagte er einmal; es gibt ein schönes Doppelporträt mit Bill Berkson, auf dem beide Dichter als uniformierte Seeleute erscheinen, mit einem Komm-näher-Blick - aber keines dieser Porträts schaffte es nach St Ives, wo sich die Auswahl auf Land- und Seebilder konzentierte. Wir können aber ein großes Porträt von Schuyler sehen, dem subtilsten und musikalischsten Dichter der New York School, leicht verloren und einsam in seinem düsteren schwarzen Anzug."

Margaret Atwood hat mit größtem Vergnügen "Bring Up the Bodies", den zweiten Band von Hilary Mantels Romanserie über Thomas Cromwell gelesen: "Das Buch endet wie es beginnt, mit einem Bild von blutgetränkten Federn", was auf einen dritten Band hoffen lässt. Anne Enright hat ebenfalls mit großem Vergnügen Gwendoline Rileys "Opposed Positions" gelesen, einen Roman über eine junge Frau, die "nicht genau weiß, was falsch ist an ihr". Und Toby Litt ist recht beeindruckt von Peter Stamms Roman "Sieben Jahre".