Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 45

Magazinrundschau vom 11.09.2014 - Guardian

Als AL Kennedy letztens in London einen goldenen Ferrari sah, fiel ihr glatt wieder ein, dass das Streben nach Höherem früher einmal etwas mit "Mitgefühl, Mut, Wissen, Neugier und den Glauben an eine bessere Welt" zu hatte. "Doch dann passierte etwas Seltsames. Ungefähr zu der Zeit, als auch Fernsehsendungen über gute Gesundheitsversorgung und Polizeiarbeit die gute Gesundheitsversorgung und Polizeiarbeit in der Realität ersetzten, wurde auch das Streben ersetzt durch erstrebenswertes Zeug. Es erschienen erstrebenswerte Magazine, in denen erstrebenswerte Dinge gezeigt wurden, und Fernsehsendungen über erstrebenswerte Lebensstile. Als vernünftiger Journalismus unwahrscheinlich kostspielig wurde und das Recycling von PR-Meldungen zu einer günstigen Alternative, wurde aus einem bis dahin marginalen Bereich der Medienlandschaft ein Zentralgebirge aus billigen Berichten über erstrebenswertes Zeug."

Ian McEwan hat sich für sein neues Buch "The Children Act" recherchiert, wie schwer es für Gerichte mitunter ist, das Recht gegen den Glauben durchzusetzen. Von den klügsten Familienrichtern hat McEwan dabei als klare Maßgabe gegenüber fundamentalistischen Eltern mitgenommen: "Dem Wohl des Kindes ist nicht gedient, wenn es seiner Religion geopfert wird."

Außerdem: John Lanchester schlägt vor, nicht mehr von Armut, sondern von wachsender Ungleichheit zu sprechen, um den damit verbundenen gesellschaftlichen Skandal deutlich zu machen. Und Tim Parks will jetzt doch wieder Krimis schreiben.

Magazinrundschau vom 02.09.2014 - Guardian

Charlotte Higgins beendet eine neunteilige, insgesamt kritische, wenn auch liebevolle Auseinandersetzung mit Glanz und Elend der BBC (Übersichtsseite) und kann im letzten Teil nicht umhin, das peinliche Versagen der BBC in der von Edward Snowden lancierten Geheimdienstaffäre zu thematisieren. Während Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger vor Parlamentsausschüsse zitiert wurde, um seine patriotische Gesinnung zu beweisen, hat die BBC während fast der gesamten Affäre schamvoll weggeschaut: "Die BBC hält aufgrund ihrer schieren Größe den Schlüssel zu den nationalen Debatten in der Hand und blieb fast stumm. So kam es, dass der Guardian ausgerechnet in seinem Heimatland ein einsamer Spieler blieb... Hat die BBC zwei Jahre vor ihrer neuen Evaluierung und Lizenzierung durch die Regierung den Appetit verloren, das britische Establishment in seinen geheimsten und machtvollsten Winkeln zu attackieren?"

Magazinrundschau vom 19.08.2014 - Guardian

Die britische Kritik und Martin Amis sind in innigster Hassliebe miteinander verbunden. In dieser Woche erscheint sein neues Buch "The Zone of Interest", angeblich eine in Auschwitz spielende Komödie. Sam Leith erwartet eine neue Runde von Attacken und Gegenattacken, und führt das Ganze auf ein riesiges Missverständnis zurück: "Amis startete mit Karacho: frech und geistreich, gotesk und komisch, ausgewöhnlich formbewusst und ganz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert verhaftet. Doch bald entwickelte er ein Verlangen nach Ernsthaftigkeit. Er befasste sich mit atomarer Auslöschung, Katastrophenphysik, der Unumkehrbarkeit der Zeit, Hitlers Völkermord, Stalins Terror, islamistischem Terror und so weiter. Die Themen drangen in seine Arbeiten, aber nicht immer zu ihrem Vorteil. Denn sie stießen hier auf den Humor der Straße, krawallige Beschreibungen und prahlerische Prosa. Mit der Wucht seines Stils verband er die schwarzen Löcher des Weltraums mit den schwarzen Löchern beim schwulen Sex. Wie könnte es einen so ehrgeizigen und produktiven Autor wie Amis nicht auf die Palme bringen, wenn viele Leute noch immer "Money" von 1984 für sein bestes Buch halten?"

Außerdem erklärt Steven Pinker, wann es völlig in Ordnung geht, gegen die Regeln der Grammatik zu verstoßen.

Magazinrundschau vom 22.07.2014 - Guardian

Der Guardian versammelt Stimmen schottischer Schriftsteller zum Referendum, und Gegner wie Befürworter der Unabhängigkeit vertreten sehr eindeutige Standpunkte. Irvine Welsh etwa möchte klarstellen, dass er nichts gegen Engländer hat, nur gegen ihre Klassengesellschaft: "Die Privatschul-Eliten, die Aristokratie, die Investmentbanker der City of London, Lobbyisten und imperialistische Kriegstreiber werden von den Menschen nicht mehr als Vertreter einer guten Regierung und einer gesunden Demokratie betrachtet, sondern als gefährliche Hindernisse auf dem Weg dahin. All jene werden verschwinden oder zumindest in ihrem Einfluss begrenzt, wenn Schottland erst einmal unabhängig und eine Verfassung verabschiedet ist, die ihren Bürgern grundlegende Rechte gewährt. Wenn Schottland diesen Schritt gehen sollte, wird es bestimmt nicht lange dauern, bis auch in England eine echte demokratische Bewegung von unten entsteht."

John Burnside dagegen findet das Referendum verlogen: "Für mich würde echte Unabhängigkeit letzten Endes auch die Befreiung von einem feudalen System bedeuten, in dem mehr als die Hälfte Schottlands weniger als 500 Menschen gehört und in dem die Regierung allein im letzten Jahr 663.695.661 Pfund an Subventionen für die Land- Fort und Lebensmittelwirtschaft ausgegeben hat, einen Großteil davon an Reiche und und Konzerne. Die Ungerechtigkeit dieses Systems liegt auf der Hand, daher gilt, was Jim Hunter von der Scottish Land Review Group gesagt hat: "Seit sechs Jahren werden wir von der SNP regiert, doch sie hat absolut nichts dagegen unternommen, dass Schottland noch immer die undemokratischste Landverteilung in der gesamten entwickelten Welt hat.""

Colin Kidd betrachtet das Verhältnis von Literatur und Nationalismus in Schottland sowie die Tatsache, dass sich eigentlich nur Joanne K. Rowling mit ihrer Millionenspende hinter die Kampagne "Better Together" gestellt hat.

Magazinrundschau vom 15.07.2014 - Guardian

Hunderte von Männer und Frauen hat der einstige BBC-Moderator Jimmy Savile in seinem Leben vergewaltigt, noch mehr Kinder in den Studios der BBC sexuell missbraucht. Weil Dan Davies" umfassend recherchierte Biografie "In Plain Sight" zeigt, wie das System Savile funktionierte, macht sie nicht depressiv, beteuert David Hare: "Unter normalen Umständen würde jeder öffentliches Misstrauen erregen, der erklärt, er sei in seinem Leben nie so glücklich gewesen wie in den fünf Tagen, die er allein mit dem Sarg seiner Mutter verbrachte - "Bis dahin musste ich sie mit anderen Menschen teilen. Aber als sie tot war, gehörte sie mir allein". Das würde auch jedem so ergehen, der nach vier Bypass-Operationen als erstes die Brüste einer Krankenschwester betatscht. Aber da hatte Savile schon den brillanten Trick entwickelt, seine offensichtliche Verrücktheit zu einem Teil seines Charisma-Pakets zu machen: "Niemand kann sich vor mir fürchten. Es wäre unter jeder Würde, sich vor jemandem zu fürchten, der sich kleidet wie ich." ... Wie ein Beamter der Metropolitan Police sagte: "Er hat eine ganze Nation mitgeschnackt.""

Weiteres: David Goldblatt setzt an, die Fifa und ihre WM als ökonomische und politische Machtsmaschinerie zu analysieren, endet dann aber mit einer hübschen Hymne auf den neuen deutschen Fußball: "Brillant organisiert, aber auf Anhieb flexibel, die Individuen agieren so versiert wie das Netzwerk telepathisch..." Gaby Hinsliff preist die gesammelten Kolumnen "Unspeakable Things" der Feministin Laurie Penny.

Magazinrundschau vom 08.07.2014 - Guardian

Zadie Smith revidiert ihre einstige, feministisch grundierte Ablehnung des SF-Autors J.G. Ballard und feiert ihn als kritischen Autor von eiskalter Präzision: "Mit fünfzehn Jahre verließ er das entvölkerte Shanghai, wo er die Kriegsjahre verbracht hatte, um im englischen Cambridge Medizin zu studieren, und verständlicherweise fand er es schwer, England ernst zu nehmen. Das unterschied ihn von seinesgleichen, die England in der Regel schrecklich ernst nehmen. Doch ginge es nur um seinen Skeptizismus, dann wäre Ballard nicht so ein außergewöhnlicher Schriftsteller. Man denke nur an die berühmte Einstellung in David Lynchs "Blue Velvet", wenn sich die Kamera unter den sorgsam getrimmten Vorstadtrasen gräbt, um das dystopische Gewimmel darunter zu enthüllen. Ballards Intention ist ähnlich, aber gewagter. Bei Ballard ist die Dytopie nirgendwo verborgen. Sie ist auch nicht - wie in so vielen dystopischen Fiktionen - eine Vision der Zukunft. Sie ist nicht der Subtext. Sie ist der Text."

Weiteres: Jeannette Winterson lernt von Sarah Boseley, dass die Briten derzeit nicht gut in Form sind. Im Gegenteil, sie werden immer fetter: "Zwei Drittel von uns sind übergewichtig." Tracey Emin, Yinka Shonibare, Wolfgang Tillmans und andere Künstler eruieren, was ein gutes Museum ausmacht.

Magazinrundschau vom 01.07.2014 - Guardian

Susan Pedersen blickt mit Helen McCarthys "Women of the World" auf die vergeblichen Kämpfe britischer Diplomaten zurück, Frauen aus dem Foreign Service rauszuhalten: "Viel Zeit wurde auf das Problem "betrunkener Seeleute" verwandt (mein persönlicher Favorit): Die Frage, ob Frauen mit unbändigen Einheimischen und streitsüchtigen Briten zurechtkommen würden, denn Matrosen nahmen in den Konsulaten viel Zeit in Anspruch. Und es gab das Problem des diplomatischen Ehemanns - die Angst, das weibliche Beamte an Männer mit lockerer Zunge geraten könnten, die - anders als nützliche Frauen, nicht kontrolliert werden könnten."

Weiteres: Mancher Humor ist gar nicht original britisch, sondern römisch, lernt Mary Beard beim Blick in die antike Witzesammlung "Philogelos". Allerdings fragt sie sich mit Unbehagen, ob die Kalauer über Kreuzigungen damals wirklich für witzig gehalten wurden. Isabel Hilton empfiehlt nachdrücklich den neuesten Roman "I am China" der chinesischen Autorin Xiaolu Guo, die seit 2002 im britischen Exil lebt und mittlerweile auf Englisch schreibt.

Magazinrundschau vom 24.06.2014 - Guardian

Der Schriftsteller Will Self versucht das Geheimnis von Stonehenge zu erklären, das die English Heritage Foundation zu einer Pilgerstätte für Hippies, Esoteriker und Millionen von Touristen gemacht hat: Dabei stößt Self auf einige schlagende Gemeinsamkeiten mit den Vorfahren: "Sie kamen über die See; wir erreichen normalerweise Stonehenge über die A303. Sie mögen bei der Siedlung Durrington Wall gerastet haben, wir parken direkt am Besucher-Center. Sie marschierten zu Fuß mehrere Kilometer von Ost nach West; wir fahren die zwei Kilometer mit unserem Land Rover von der Lastzug-Station. Höchstwahrscheinlich bezahlten sie mit ihrem Leben für diese Erfahrung; wir legen 13,90 Pfund oder 32 Pfund - wenn wir das Stone Circle Access-Ticket wünschen - auf den Tisch. Sie befolgten wahrscheinlich einen von den Steinen vermittelten Ritus - wir tun es definitiv ... Je mehr man darüber nachdenkt, desto offensichtlicher werden die Parallelen zwischen dem Neolithischen und Neoliberalen: Archäologen sind sich darüber einig, dass die Architektur des Monuments auf einen Ahnenkult verweist; was uns angeht, besteht kein Zweifel: wir verehren die Idee ihrer Ehrerbietung. Wir sind gefangen in unserer entwürdigten Meta-Ahnen-Anbetung."

Weiteres: Sheila Fitzpatrick liest in Peter Finns und Petra Couveés Buch "The Zhivago Affair" nach, wie die CIA mit der turbulenten Veröffentlichung von Pasternaks Roman "Doktor Schiwago" zur obersten Kulturförder-Institution im Kalten Krieg wurde. Im Interview mit Emma Brockes spricht der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller Teju Cole über Lagos, New York und seinen zweiten Roman "Every Day is for the Thief".

Magazinrundschau vom 17.06.2014 - Guardian

Olivia Laing verneigt sich vor den großen Säuferinnen der Literaturgeschichte wie Elizabeth Bishop, Jean Rhys oder Patricia Highsmith. Sehr bewegend schildert sie auch das Leiden der Marguerite Duras, die ihre schreckliche Kindheit in Indochina mit dem "Liebhaber" nicht verarbeitet bekam: "Wie später veröffentlichte Versionen zeigen, konnte sie wieder und wieder zu der Urszene ihrer Kindheit zurückkehren und in fast unerschöpflichen Reichtum an Farben nachmalen: mal erotisch und romantisch, mal brutal und grotesk. Immer wieder erzählte sie dieselbe Geschichte, immer wieder kam sie auf den Stoff, der sie kaputtmachte, zurück. Diese repetitiven Akte, fruchtbare wie destruktive, ließen den Kritiker Edmund White fragen, ob Duras nicht unter dem leide, was Freud einen Wiederholungszwang nannte. "Das Verlangen, getötet zu werden, ist mir vertraut. Ich weiß, das es das gibt", sagte sie in einem Interview, und diese Intensität, diese absolute und kompromisslose Sicht unterscheidet ihr Werk von dem der anderen. Zugleich wirft dieses Statement ein Licht darauf, wie sie den Alkohol gebrauchte: als einen Weg, ihrem eigenen Masochismus und ihren Selbstmordgedanken nachzugeben, während sie zugleich die Wildheit betäubte, die sie überall auf der Welt am Werk sah."

Zoe Williams erzählt, wie sie mit aller Macht versuchte, bei der großen Londoner Schau Marina Abramovics nicht in den Bann der Kunstschamanin gezogen zu werden: "Dann sah ich Alexandra, die über das ganze Gesicht strahlte; zuerst dachte ich, sie würde auf eine Wand sehen und hätte ein Erlebnis der Transzendenz. Dann bemerkte ich, dass sie ihren Bruder anlächelte. "Ist das nicht Wahnsinn?", wisperte sie. Es war ein Moment reiner Geschwisterlichkeit, die früheste Solidarität, die Freude am Teilen, die Überzeugung, verstanden zu werden. Welch Ironie, dachte ich, während mir die Tränen das Gesicht herunterliefen und auf mein Schlüsselbein tropften. Ich bin nur hergekommen, um mich über die heulenden Menschen lustig zu machen, und jetzt bin ich die einzige, die heult."

Magazinrundschau vom 11.06.2014 - Guardian

Als sehr lesenswert, aber extrem deprimierend empfiehlt Julia Lovell im Guardian Leta Hong Finchers Report "Leftover Women" über die Diskriminierung von Frauen in China. Der Titel, erklärt Lovell, bezieht sich auf eine hässliche Kampagne der staatlichen Medien gegen Frauen über 27, die mit aller Macht in die Ehe gedrängt werden sollen: "Obwohl Chinas Medien so viel Lärm um die Epidemie von Single-Frauen im Land machen, gibt es tatsächlich - wegen der traditionellen Präferenz für Söhne und der selektiven Abtreibungspraxis - weitaus mehr "übriggebliebene" Männer in China. 2012 kamen 117,7 Jungen auf 100 Mädchen. "Die wachsende Zahl von unverheirateten Männer im heiratsfähigen Alter", gibt die Parteizeitung Peoples Daily zu, "erhöht die Gefahr sozialer Instabilität und Unsicherheit." In diesem Kontext, schreibt Hong Fincher, "bedrohen ausgebildete Frauen das moralische Gewebe..., denn sie sind freie Akteure, die ihrer Pflicht nicht nachkommen, Kinder zu gebären und einen rastlosen Mann zu zähmen." Der offen eugenische chinesische Staat ist besonders auf die Verheiratung von hochqualifizierten Frauen bedacht, um Kinder mit überlegenen genetischen Anlagen zu produzieren."

Giles Foden liest den Roman "All Our Names" des äthiopisch-amerikanischen Autors Dinaw Mengestu wie auch Chimamanda Ngozi Adichies Roman "Amerikanah" als ein Zeichen dafür, dass sich die afrikanische Literatur vom postkolonialen Diskurs abwendet, um Fragen der eigenen Leistung zu verfolgen.