
Olivia Laing
verneigt sich vor den
großen Säuferinnen der Literaturgeschichte wie Elizabeth Bishop, Jean Rhys oder Patricia Highsmith. Sehr bewegend schildert sie auch das Leiden der
Marguerite Duras, die ihre schreckliche Kindheit in Indochina mit dem "Liebhaber" nicht verarbeitet bekam: "Wie später veröffentlichte Versionen zeigen, konnte sie wieder und wieder zu der Urszene ihrer Kindheit zurückkehren und in fast unerschöpflichen Reichtum an Farben nachmalen: mal erotisch und romantisch, mal brutal und grotesk. Immer wieder erzählte sie dieselbe Geschichte, immer wieder kam sie auf den Stoff, der sie kaputtmachte, zurück. Diese repetitiven Akte, fruchtbare wie destruktive, ließen den Kritiker Edmund White fragen, ob Duras nicht unter dem leide, was Freud einen
Wiederholungszwang nannte. "Das Verlangen, getötet zu werden, ist mir vertraut. Ich weiß, das es das gibt", sagte sie in einem Interview, und
diese Intensität, diese absolute und kompromisslose Sicht unterscheidet ihr Werk von dem der anderen. Zugleich wirft dieses Statement ein Licht darauf, wie sie den Alkohol gebrauchte: als einen Weg, ihrem eigenen Masochismus und ihren Selbstmordgedanken nachzugeben, während sie zugleich
die Wildheit betäubte, die sie überall auf der Welt am Werk sah."
Zoe Williams
erzählt, wie sie mit aller Macht versuchte, bei der großen Londoner Schau
Marina Abramovics nicht in den Bann der Kunstschamanin gezogen zu werden: "Dann sah ich Alexandra, die über das ganze Gesicht strahlte; zuerst dachte ich, sie würde auf eine Wand sehen und hätte ein
Erlebnis der Transzendenz. Dann bemerkte ich, dass sie ihren Bruder anlächelte. "Ist das nicht Wahnsinn?", wisperte sie. Es war ein Moment
reiner Geschwisterlichkeit, die früheste Solidarität, die Freude am Teilen, die Überzeugung, verstanden zu werden. Welch Ironie, dachte ich, während mir die Tränen das Gesicht herunterliefen und auf mein Schlüsselbein tropften. Ich bin nur hergekommen, um mich über die heulenden Menschen lustig zu machen, und jetzt bin ich die einzige, die heult."