Magazinrundschau - Archiv

L'Express

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Magazinrundschau vom 26.07.2004 - Express

L'Express setzt seine Reihe von Gesprächen mit dem Kulturhistoriker Michel Pastoureau über die Geschichte der Farben fort. Heute ist Grün dran, das lange als Farbe der Instabilität galt, weil die meist aus pflanzlichen Stoffen gewonnene Farbe am Licht schnell verblasste, erklärt Pastoureau. Und eine Mischung aus gelben und blauen Stoffen wäre kaum in Frage gekommen: "Das ist eine ganz junge Idee. Niemals wären unsere Vorfahren vor dem 18. Jahrhundert auf die Idee gekommen, grüne Farbe durch solch eine Mischung zu produzieren. Sie wussten sehr gut, wie man sie direkt erzeugen konnte, und auf ihrer Farbskala situierten sie sie keineswegs zwischen Gelb und Blau. Die verbreitetste Farbskala war die des Aristoteles: weiß, gelb, rot, grün, blau, schwarz.. Erst die Entdeckung des Spektrums durch Newton gab uns eine andere Klassifizierung."

Für großen Ärger sorgte der Aufruf Ariel Scharons an die französischen Juden, wegen des angeblichen Antisemitismus im Lande nach Israel zu emigrieren. Jacques Attali schreibt in der neuen Nummer des Express einen empörten offenen Brief an den israelischen Ministerpräsidenten. Und Marc Epstein versucht Scharons Attacke aus den demographischen Problemen Israels zu erklären. Das Land braucht neue Bürger: "Und heute, da die Wellen der Emigration aus Mitteleuropa und der ehemaligen Sowjetunion beendet sind, sind die Länder mit der größten jüdischen Bevölkerung die USA und Frankreich. Folglich ist es im Interesse der israelischen Führung, das Gefühl der Unsicherheit unter den Juden Frankreichs zu verstärken."

Magazinrundschau vom 12.07.2004 - Express

Der Express hat eine ganz hübsche Idee fürs Sommerloch, das in Frankreich immer besonders ausführlich gähnt: Dominique Simonnet unterhält sich in aller Ausführlichkeit mit dem Kulturhistoriker Michel Pastoureau über Farben. Diese Woche ist "rot" dran: "Von roter Farbe sprechen", sagt Pastoureau, "ist fast ein Pleonasmus. Gewisse Wörter wie coloratus in Latein oder colorado im Spanischen bedeuten zugleich 'rot', aber auch einfach 'farbig'. Im Russischen bedeutt krasnoi zugleich 'rot', aber auch 'schön' (etymologisch gesehen ist der Rote Platz der 'schöne' Platz). Im symbolischen System der Antike, das um drei Pole kreiste, stand Weiß fürs Farblose, Schwarz für den Schmutz, und Rot für die Farbe, die einzige, die des Namens würdig war. Die Überlegenheit des Rots hat sich dem ganzen Westen aufgedrängt." Letzte Woche ging's um die Farbe Blau.
Stichwörter: Latein, Pastoureau, Michel

Magazinrundschau vom 07.06.2004 - Express

Sichtlich beeindruckt untersucht der L'Express das "System D", genauer: die Erfolgsgeschichte von Sternekoch Alain Ducasse. Der hasse es, wenn man sein Unternehmen - 20 Restaurants in Europa, Afrika, Asien, Amerika und im mittleren Osten, 950 Angestellte, davon 430 in der Küche, 21 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr - als "Empire" bezeichne. Was es allerdings zweifellos ist. Das Geheimnis, erklärt sich der L'Express, bestehe in "einer unglaublichen, zugleich dokumentarischen und menschlichen Ausgangsbasis", die Ducasse sich geschaffen habe. "Im dritten Unterschoss des Hotel Monte-Carlo gibt es einen Raum, der Tonnen von Presseausschnitten, aus allen Ecken der Welt zusammengehortete Speisekarten bis hin zu den Rezeptheften aus seiner Anfangszeit enthält. Er wirft nichts weg, und dieses gewaltige Archiv hilft ihm bei der Zukunftsplanung. Außerdem bescheinigt ihm nahezu jeder, ein quasi unfehlbares Händchen dafür zu haben, mit wem er sich umgibt." Wer will, kann sich auf der Homepage von Ducasse einige seiner Haute-Cuisine-Restaurants näher anschauen oder hier eine Videoreportage über ihn sehen.

Magazinrundschau vom 01.06.2004 - Express

Jean-Paul Gaultier stellt in der Fondation Cartier aus. Und die Austellung ist dem Brot, genauer, der Baguette gewidmet, die Gaultier zu Kleidern und Korsetten inspirierte: Diese Ausstellung, sagt der Modeschöpfer im Inteview, "schließt an meinen ersten Kindheitswunsch an. Als ich ganz klein war, lange bevor ich davon träumte, Kostüme zuu schneidern, lange bevor ich meinen Teddy als Tänzerin der Folie-Bergeres verkleidete, träumte ich davon, Bäcker zu werden. Und dann ist die Baguette auch Symbol der Stadt Paris und des Parisers, der ich bin." Nebenbei erfahren wir, dass die Filmemacherin Tonie Marshall einen Dokumentarfilm über Gaultier gedreht hat.

Magazinrundschau vom 03.05.2004 - Express

Ein paar ziemlich dezidierte Ansichten äußert der Terrorismus-Historiker Gerard Chaliand ("Histoire du terrorisme" bei Bayard) im Gespräch mit L'Express. Zur Kopftuch-Debatte sagt er: "Für die Islamisten ist das Verbot des Kopftuchs an den Schulen eine Kriegserklärung. Sie sehen es als einen Angriff auf die moslemische Frau, der man untersagen will, keusch zu sein. Die moslemischen Gesellschaften haben ein echtes Problem mit den Frauen, es herrscht dort eine quasi pathologische sexuelle Frustration. In Frankreich versuchen sie, uns ein Schuldgefühl zu geben... Der Druck des Islamismus manifestiert sich aber durch die Kontrolle der Frauen. In den fünfziger Jahren kannte ich ein Agypten, in dem die Frauen nicht verschleiert waren. Heute tragen in Kairo achtzig Prozent der Frauen das Kopftuch."

Außerdem in L'Express ein Porträt des "unsinkbaren" Charles Aznavour, der mit seinen achtzig Jahren mal wieder eine Reihe von Konzerten in Paris gibt.

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - Express

Der Historiker Pierre Vidal-Naquet, bis heute bekannt für sein Engagement gegen den Algerienkrieg, legt ein Buch über die Genozide im 20 Jahrhundert vor, "Le choix de l'histoire" (Arlea). Zu den Genoziden zählt er neben dem Holocaust den Mord an den Armeniern, die Vernichtung der Khmer-Bevölkerung in Kambodscha und den Mord an den Tutsi. Hier ein kurzer Auszug aus dem Gespräch: "Frage: Müssen wir befürchten, dass der Terrorismus Völkermordabsichten hat? Vidal-Naquet: Es kann geschehen. Wer Bomben in Zügen wie in Madrid explodieren lässt, um willkürlich zu töten, ist nicht mehr weit vom Völkermord entfernt. Ganz gewiss handelt es sich hier um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Frage: Während im Fall der Juden der Völkermord von einer Minderheit von 'Technikern' verübt wurde, ermordete in Ruanda ein Teil der Bevölkerung einen anderen. Vidal-Naquet: Es handelt sich, wenn man so sagen darf, um eine Demokratisierung des Genozids. Das Wort ist fürchterlich, aber es stimmt, dass die Hutu, ein Teil der Bevölkerung, einen anderen Teil der Bevölkerung umgebracht hat. Eine schreckliche Warnung für die nahe Zukunft."

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - Express

Ein höchst interessantes Gespräch über den Begriff und die Realität des Globalisierung führt Sabine Delanglade mit dem linksliberalen (auch das gibt's in Frankreich!) Wirtschaftswissenschaftler Daniel Cohen, der sich die "Altermondialisten" gleich mit ein paar ehernen Sätzen zu Feinden macht: "Die Feinde der Globalisierung irren sich, egal ob es sich um die Mullahs handelt, die die westlichen Werte zurückweisen, oder die Feinde des Kapitalismus, für die die Globalisierung eine Ausweitung des Klassenkampfs auf globaler Ebene bedeutet. Sie denken, dass die Globalisierung den Völkern ein Modell auferlegt, das sie ablehnen. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Die Globalierung erzeugt eine Erwartung - nämlich die eines geteilten Reichtums. Und das Drama ist, dass sie diese Erwartung nicht erfüllen kann." Im einzelnen legt Cohen seine Thesen in dem Buch "La Mondialisation et ses ennemis" dar.

Der Express bringt außerdem sehr ausführliche Auszüge aus einer neuen Einstein-Biografie von Francois de Closets "Ne dites pas a Dieu ce qu'il doit faire" (bei Le Seuil) und ein langes Gespräch mit Jack Nicholson.

Magazinrundschau vom 12.01.2004 - Express

In der heutigen Ausgabe des Express: Rythm? and Blues! Denn in dieser Woche kommt das Kollektivwerk "Martin Scorsese Presents the Blues - A Musical Journey " in die Kinos (eine ausführliche Besprechung lesen Sie hier). Eine Art "musikalisches Mosaik", sagt Martin Scorsese in einem langen Interview und erklärt: "Ich habe schnell kapiert, dass ich nicht ganz alleine einen Film über die bewegte Geschichte des Blues machen konnte. Daraus wäre ein 10-stündiger Dokumentarfilm geworden. Stellen Sie sich das vor! Ein Alptraum! Der Blues begreift tausende von Dingen in sich ein: er ist zugleich Musik, eine Art zu leben, eine Art zu fühlen, er ist die Sprache der Revolution und für manch einen ist er die afro-amerikanische Geschichte, die bisher nicht geschrieben wurde. Um all diese Facetten filmisch zu reflektieren, brauchte ich einfach mehrere Filmemacher... Ich wollte keine trockene Geschichte des Blues abliefern, sondern mich langsam im Chaos einem Phänomen annähern und zwar aus den individuellen Blickwinkeln einzelner Regisseure." So kam es, dass sich auch Wim Wenders mit "The Soul of a Man" den vergessenen Helden des Blues annahm (eine weiteres Interview lesen Sie hier). Der Film feiert übrigens das (vergangene) Jahr des Blues.

Interessant auch eine lange Reportage von Vincent Hugeux über die Zustände auf Haiti im Jahr der Revolutionsfeierlichkeiten: "La trahison d'Aristide".

Magazinrundschau vom 15.12.2003 - Express

Der Express bringt ein spannendes Gespräch mit dem Harvard-Historiker Michael Ignatieff (mehr hier und hier und hier), der den Irak-Krieg unterstützte, obwohl er sich zur Linken zählt. Ein Interventionsrecht des Westens leitet er aus der Tatsache ab, dass Terroristen heutzutage über Massenvernichtungswaffen verfügen können - "die UNO ist hierfür nicht gemacht worden". Sehr scharf kritisiert Ignatieff die Position Frankreichs und der EU: "Europa enttäuscht mich seit dem Jugoslawienkrieg: Es hat vier Jahre und 200.000 Tote abgewartet, bevor es intervenierte. Dieser Skandal hat viele liberale Intellektuelle in den USA desillusioniert. Ihr Europäer habt die Last des Verteidigungsbudgets auf die Amerikaner abgewälzt, und nun zieht ihr die USA aus Antiamerikanismus durch den Dreck! Das muss aufhören. Wenn Europa eine multilaterale Welt will, muss es militärische Kapazitäten aufbauen und bereit sein, sie zu nutzen. Wenn Europa tugendhaft sein will, muss es aufhören, französische Bauern auf Kosten der Bauern des Südens zu subventionieren. Europa darf keine Gesellschaft von Altachtundsechzigern werden, die sich wie egoistische Rentiers an ihre Privilegien klammern."

Durch die Ereignisse ein klein wenig überholt wirkt der Titel des Express: Er zeigt George W. Bush unter der Überschrift: "Der Mann, der uns dieses Jahr verdorben hat." Der Anfang des Artikels: "Er hat seine Kriegsziele im Irak nicht erreicht, er hat die Terroristen nicht terrorisiert, und er hat es nicht geschafft, ein wenig Ordnung in den Nahen Osten zu bringen."

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - Express

In Frankreich ist eine neue historische Studie über den Algerienkrieg erschienen und das ganz ohne medialen Wirbel, freut sich Jacques Duquesne. Der Band "Des hommes et des femmes en guerre d?Algerie" (erschienen hier) ist aus einem Kolloquium hervorgegangen, das deutsche und algerische Wissenschaftler im Oktober 2002 veranstaltet haben. "Man irrt sich heute, wenn man von dem einen Algerienkrieg spricht", schreibt Duquesne und weiter: "Denn es hat mindestens drei Kriege gegeben: den algero-algerischen, den franko-algerischen und den franko-französischen Krieg. Und wenn man dieses dichte Buch liest, stellt man fest, dass jeder dieser Kriege noch mehrere andere Konflikte in sich barg. Der Algerienkrieg war also vielschichtiger, als man denkt. Man muss die historischen Forschungen in diese Richtung treiben, wenn man die Gewalt ergründen will, die von diesen Gruppen und Untergruppen ausging." Das Vorwort lesen Sie hier.

Weitere Artikel in der Bücherschau: Alain Finkielkraut wurde neulich in der FAZ über den "neuen Antisemtismus" interviewt, der einem Antirassismus entspringe. In Frankreich ist gerade seinh Buch zum Thema erschienen, das hier kurz vorgestellt wird.


Anlässlich eines Auftrittes an der Opera de Lille im Dezember, bringt der Express ein langes Interview mit dem Tänzer Bill T. Jones. "Just make it!", war sein Motto, erzählt er, sich an den Anfang seiner Karriere erinnernd. "Wir waren vom abstrakten Film, vom Expressionismus, von den Arbeiten Oskar Schlemmers, den sich wiederholenden Strukturen einer Lucinda Childs und der Musik von Philipp Glass beeinflusst. Wir suchten nach einer stilisierten Form des menschlichen Körpers und nach einer anderen Dimension von Zeit und Raum." Doch später wusste er: Tanz ist sexuelle Energie!

Und: Wer hat den Blätterteig erfunden? Genau, der große Koch Antonin Careme, geboren 1784. Und jetzt hat der teuerste (aber auch der beste?) Koch Frankreichs, Alain Ducasse, ein Buch über ihn geschrieben, "Le roi Careme", das der Express ausführlich bespricht. Das erste Kapitel lesen Sie hier.