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Essay

Für Open Access in den Geisteswissenschaften

Von Hubertus Kohle
16.09.2013. Die Kulturzerstörer finden sich nicht unter denjenigen, die das Internet auch publizistisch verwenden, sondern eher unter denjenigen, die sich ihm unter dem Deckmantel des Bewahrenwollens verweigern.
Das Internet, in der Inkubationsphase ein militärisches, in der Frühphase ein wissenschaftliches Netzwerk, hat sich nach gut vierzig Jahren seiner Existenz zum global player im Handel mit Produkten aller Art entwickelt. Dass es damit seine früheren Funktionen nicht verloren hat, liegt auf der Hand. Die militärische Bedeutung steht im Zentrum von vielfältig angestellten Überlegungen zum zukünftigen Cyber-Krieg. Die wissenschaftliche aber bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung unterbelichtet, obwohl die Wissenschaft verantwortlich ist für die meisten Entwicklungsschübe des Netzes. Vor allem in einer Hinsicht ist das Internet für die Wissenschaft ein unverzichtbares Medium, und zwar dort, wo es um die Veröffentlichung wissenschaftlicher Forschungen geht.

Open Access heißt hier das Zauberwort, und das meint den einfachen und kostenlosen Zugriff auf Publikationen im Netz, die zuvor als gedrucktes Buch oder gedruckter Zeitschriftenaufsatz kostenpflichtig waren. In den Naturwissenschaften ist Open Access durchaus anerkannt und verbreitet, davon zeugen riesige Publikationsplattformen wie PLOS. In den Geisteswissenschaften dagegen fristet Open Access weiterhin das Dasein eines Mauerblümchens. Gründe dafür werden immer wieder einmal genannt, bei genauerem Hinsehen sind es alles Ausreden. Der eigentliche und einzige Grund ist nämlich Unwissen. Unwissen über das, was Open Access eigentlich ist, und Unwissen über die angeblich zerstörerischen Wirkungen, die Open Access in der Verlags- und Buchhandelslandschaft bewirkt.

In den fast 600 Jahren seiner Existenz hat das Buch in seiner gedruckten Form ein derartig großes symbolisches Kapital in sich vereint, dass der Verzicht auf es naturgemäß nicht leicht fällt, insbesondere unter historisch bewussten Vertretern, als die sich Geisteswissenschaftler gewöhnlich definieren. In dieser Situation scheint die elektronische Veröffentlichung problematisch, obwohl sie es eigentlich gar nicht ist. Das Interessante an allen digitalen Produkten: Sie lassen sich leicht in alle möglichen anderen Erscheinungsformen konvertieren, unter anderem eben auch ausdrucken. Niemand muss darauf verzichten, neben der online zugreifbaren Veröffentlichung ein buchförmiges Duplikat herstellen zu lassen und über die normalen Vertriebskanäle zu verbreiten, seien es Bibliotheken oder Buchhandlungen. Untersuchungen zeigen, dass dessen Verkaufsmöglichkeiten übrigens nicht etwa unter der Tatsache leiden, dass man sich eine kostenlose elektronische Version besorgen kann. Im Gegenteil: Diese erzeugt überhaupt erst Aufmerksamkeit für das neue Produkt, so dass sich - scheinbar paradoxerweise - die Absatzzahlen der gedruckten Version sogar erhöhen. Das ist ein Geschäftsmodell, das auch den Verlagen mit ihren Lektorats- und Marketingkompetenzen Spielraum lässt. Im übrigen aber darf man vielleicht auch einmal darauf hinweisen, dass die Wissenschaft in erster Linie an der Verbreitung ihrer Ergebnisse interessiert sein muss, nicht an der Alimentierung eines Wirtschaftszweiges.

Gegenüber der Textorientierung der klassischen Geisteswissenschaften kommt in den jetzten Jahrzehnten verstärkt eine Bildorientierung hinzu, die mit dem klassischen gedruckten Buch nur unzureichend zu bedienen ist. Vor allem dort, wo (wie in der Architekturgeschichte) dreidimensionale Modelle hilfreich sind, aber natürlich auch in den vielen Bereichen, die es mit bewegten Bildern oder mit Tönen zu tun haben, kann die digitale Veröffentlichung entschieden adäquatere (Audio-)Visualisierungen liefern, als das Gedruckte. Hinzu kommt, dass die elektronische Veröffentlichung auch ganz andere, in ihren Dimensionen noch gar nicht wirklich erschlossene Formen der wissenschaftlichen Publizistik ermöglicht, also etwa die kollektive und kollaborative Produktion von wissenschaftlichen Inhalten.

Die Möglichkeiten, mit geisteswissenschaftlichen Publikationen Geld zu verdienen, sind vorhanden, aber viel beschränkter, als das derjenige zu verstehen scheint, der die fabelhaften Verkaufszahlen etwa von Jürgen Osterhammels "Verwandlung der Welt" staunend zur Kenntnis nimmt. Die allermeisten wissenschaftlichen Publikationen bringen außer Renommee (oder Verriss) gar nichts oder müssen sogar durch Zahlung eines zusätzlichen Geldbetrages ("Druckkostenzuschuss") überhaupt erst druckfähig gemacht werden. Viele meiner Kunsthistoriker-Kollegen haben leidvoll erfahren, dass ein solcher Zuschuss durchaus einmal einen Betrag erreichen kann, für den man auch einen gebrauchten Ferrari kaufen könnte (an dem sie als Kunsthistoriker normalerweise aber ausdrücklich nicht interessiert sind). In manchen Fällen wird dieser Betrag sogar (teil- und unverständlicherweise) von Förderinstitutionen wie der DFG übernommen, die eigentlich alle möglichen Erklärungen zur Durchsetzung von Open Access unterschrieben haben. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch Open Access-Publikationen kosten Geld, aber hier wäre der Druckkostenzuschuss erheblich sinnvoller eingesetzt (und im übrigen in der Regel niedriger)

Online greifbare Versionen von wissenschaftlichen Texten werden nachweislich entschieden häufiger zur Kenntnis genommen und zitiert. Fachleute wissen, wie wichtig die Zitierhäufigkeit auch für das eigene standing ist, so dass sie diese Tatsache in hohem Maße positiv bewerten. Es ist viel leichter, in verschiedenen Kontexten immer wieder auf die eigene Veröffentlichung hinzuweisen bzw. sie in die unterschiedlichsten Kontexte einzubinden, als das beim gedruckten Buch der Fall ist. Aus dem gleichen Grund sind auch die sozialen Medien für die Wissenschaft interessant: Twitter und Weblog eignen sich unter anderem eben auch dafür, die eigene Publikation in der relevanten Diskussionsabläufe einzuspeisen. Erst mit Open Access wird Wissenschaft wirklich zu dem, was sie eigentlich immer zu sein schon beansprucht: Teil eines sich entwickelnden diskursiven Prozesses.

Zu beobachten ist in dem Feld momentan eine Entwicklung, die ermutigend scheint, aber eher alarmieren sollte: Es gibt immer mehr Ebooks, also elektronische Bücher, die über das Internet gegen Bezahlung angeboten werden. Das Schlechte der neuen digitalen verbindet sich hier mit dem Schlechten der alten analogen Welt: Für Geisteswissenschaftler ist ebook und open access meistens sowieso das Gleiche, halt alles elektronisch oder irgendwie online. Aber das Versprechen des Internets, seine Offenheit und Kooperativität, wird hier unterlaufen. Die von einigen Verlagen schon jetzt ins Auge gefassten Möglichkeiten, nicht nur den Verkauf von Büchern über das Internet zu organisieren, sondern bei den Bibliotheken die abstrusesten Formen von pay per view zu definieren oder ein Buch dann erneut kostenpflichtig zu machen, wenn es mehr als eine bestimmte Anzahl von Malen angefragt wird, sind genauso phantasievoll wie schreckenerregend. Die meisten aber werden das leider erst merken, wenn das Kind schon ins Wasser gefallen ist. A propos Bibliotheken: Dass viele der Vorkämpfer des Open Access hierher kommen, hat einen einfachen Grund: Die deutschen Bibliotheken sind seit Jahren Opfer von drastisch steigenden Preisen vor allem bei Zeitschriften, die manchem Verlag einen Kapitalrendite erbringen, von denen andere nur träumen.

Ein Vorteil der Open Access-Publikation, der selten angesprochen wird, dürfte auch wissenschaftspolitische Konsequenzen haben. Es hat mit dem leidigen Problem zu tun, dass auch die Geisteswissenschaften inzwischen erst dann wirklich Resonanz finden, wenn sie in englischem Gewand daher kommen (zukünftig vielleicht in chinesischem, aber aller Voraussicht nach nicht in deutschem). Die automatischen Übersetzungen wirken an vielen Stellen bisher noch einigermaßen hilflos, aber die Fortschritte, die hier gemacht werden, haben trotz aller gegenteiligen Unkenrufe mit der massiv steigenden Rechenkraft der Computer zu tun. So gesehen stellt sich das Problem der Wissenschaftssprache gar nicht mehr. Jeder kann in seiner eigenen Sprache schreiben und in der Sprache des jeweiligen Lesers rezipiert werden. Dass hier in den Geisteswissenschaften besondere Probleme entstehen, da das Verstehen der Geisteswissenschaften gegenüber dem Erklären der Naturwissenschaften spezielle Anforderungen auch an die sprachliche Verfassheit stellt, bleibt hiervon unbenommen.

In Zeiten allgemeiner Austerität ist es nicht selbstverständlich, dass die Wissenschaft ihre staatliche Finanzierung hält oder sogar ausweitet. Open Access bietet die Möglichkeit, einer interessierten Öffentlichkeit das zu präsentieren, was diese Öffentlichkeit aus ihren Steuermitteln bezahlt. Mehr noch: Im Rahmen einer citizen science bindet es diese Öffentlichkeit an manchen Stellen in den Forschungsprozess ein, was inzwischen in vielfältigen crowdsourcing-Projekten aus Natur- wie Geisteswissenschaft demonstriert wird. Nicht alle Bereiche der Wissenschaften sind so komplex, dass sie der Öffentlichkeit den Zugang verweigern. Und eben diese Öffentlichkeit verfügt andersherum über Fähigkeiten, die vor allem in ihrer Massierung auch die Wissenschaften voranbringen können. Die Vorstellung, dass Wissenschaft in Teilen zu einem Prozess gemeinschaftlich organisierten Fortschritts wird, hat etwas Elektrisierendes, die Zivilität der Gesellschaft Beförderndes.

Und das wichtigste Argument für Open Access: Lehrern an Schule und Universität fällt auf, dass ihre Schüler und Studierenden immer mehr dazu neigen, wissenschaftliche Inhalte nur dann wahrzunehmen, wenn sie diese im Internet finden. Die sich daraus ergebende These, dass das, was nicht im Internet ist, zukünftig tendenziell nicht mehr existieren wird, klingt von daher gesehen absurder, als sie ist. Dass die wikipedia alle anderen Lexika auf die Seite gedrängt hat, hängt nicht nur mit ihrer überraschenden Qualität zusammen, sondern schlicht und ergreifend mit der Tatsache, dass sie eben online zugreifbar ist. Der status quo ist in dieser Hinsicht ansonsten aber ausgesprochen unbefriedigend. Der Verzicht auf eine Publikation von qualitätvollen Inhalten im Internet führt dazu, dass die Qualität von dem, was dort zu finden ist, im Durchschnitt entsprechend bescheiden ist. Das hindert die genannten Schüler und Studierenden nicht daran, sich trotzdem dort ihre Anregungen zu holen. Das Ergebnis muss nicht eigens beschrieben werden. Die Kulturzerstörer finden sich daher nicht unter denjenigen, die das Internet auch publizistisch verwenden, sondern eher unter denjenigen, die sich ihm unter dem Deckmantel des Bewahrenwollens verweigern.

Hubertus Kohle
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