Magazinrundschau

Ehrenwerte Ziel

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.08.2023. Das russische Investigativmagazin Projekt deckt in einer umfassenden Recherche auf, welche Oligarchen welche Waffen für Russland im Ukrainekrieg herstellen und liefern. Im New Yorker schreibt Masha Gessen über die illegale Zwangsumsiedlung vieler Ukrainer durch russische Soldaten. Himal stellt das tamilische Gegenwartskino vor. New Lines porträtiert einige der Silberschmiedinnen in Oman. Quillette erzählt die Geschichte des Pelzhandels in Kanada. Die London Review wägt die Vor- und Nachteile der Affirmative Action in den USA ab.

Projekt (Russland), 31.07.2023

Das von dem russischen Investigativjournalisten Roman Badanin gegründete Magazin Projekt (mehr dazu hier) veröffentlicht eine umfassende Recherche über die Geschäfte der Oligarchen - damit diese später nicht behaupten können, sie hätten nicht gewusst, wessen Waffen in Butscha oder Mariupol benutzt wurden. Projekt weist Unternehmern wie Roman Abromowitsch nach, dass sie den Krieg gegen die Ukraine unterstützen und maßgeblich davon profitieren. Dabei greifen sie das Beispiel des Unternehmers Aleksej Mordaschow auf, der sich als einer der wenigen öffentlich zum Krieg geäußert hat, aber das auch erst, nachdem er von der EU sanktioniert worden war: "In seinem Kommentar vom 28. Februar 2022, der Forbes über einen Sprecher übermittelt wurde, bezeichnete Mordaschow den Einmarsch Russlands in die Ukraine als 'eine Tragödie zweier brüderlicher Völker' und versicherte, dass er sich aus der Politik herausgehalten und 'sein ganzes Leben damit verbracht hat, für die Unternehmen, für die er in Russland und im Ausland tätig war, wirtschaftliche Werte zu schaffen'. 'Ich habe mit dem Entstehen der aktuellen geopolitischen Spannungen nichts zu tun. Ich verstehe nicht, warum Sanktionen gegen mich verhängt wurden', sagte der Oligarch. In der Vergangenheit hat Mordaschow alle wichtigen Projekte Putins eifrig mit Geld unterstützt, aber seine Versuche, sich von dem Krieg zu distanzieren, sind verständlich, da der Geschäftsmann durch die EU-Sanktionen ein Rekordvermögen von 8,2 Milliarden Dollar, eine Villa auf Sardinien und seine Lieblingsyacht Lady M (65 Meter) im Wert von 27 Millionen Dollar verloren hat. Im Sommer 2022 kam Mordaschow jedoch 'zur Vernunft' und sagte auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum, dass 'es notwendig ist, den Schwung zu nutzen, um die Wirtschaft zu entwickeln'. Putin nahm dies zur Kenntnis und förderte die Rückkehr des 'verlorenen Sohnes': Im August 2022 verlieh der Präsident Mordaschow den Orden der Freundschaft. Ein weiterer prominenter Zulieferer der Rüstungsindustrie, der Milliardär Viktor Raschnikow, erhielt 2022 von Putin den Titel 'Held der Arbeit'. In Wahrheit haben sowohl Mordaschow als auch Raschnikow und die anderen oben genannten Personen seit langem eng mit dem militärisch-industriellen Komplex in verschiedenen Branchen und bei der Herstellung einer breiten Palette von Waffen zusammengearbeitet, die in allen in diesem Artikel zitierten kriminellen Episoden zu finden sind."
Archiv: Projekt

New Yorker (USA), 21.08.2023

Über Ukrainer, die in das Land des Aggressors fliehen (müssen) und die vielfältigen Ursachen dafür schreibt Masha Gessen und porträtiert dabei Schicksale wie das der Krankenschwester Olga, die bei Ausbruch des Krieges mit ihrer Familie in dem Mariupoler Krankenhaus, in dem sie arbeitet, Schutz vor russischen Bomben sucht. Russische Truppen evakuieren sie, sie kommt nach St. Petersburg: "Sie hat keinen Kontakt mehr zu einigen ihrer engsten Freunde, die sich in Westeuropa aufhalten. 'Sie sind völlig vom Krieg eingenommen,' erzählt sie mir, 'das ist alles, worüber sie sprechen.' Olga spricht mit ihren Kindern nicht über den Krieg. Sie hat ihnen erzählt, ein 'böser Mann' habe ihren Vater getötet. Während unseres Gesprächs wiederholt sie ständig, 'Ich habe diesen Krieg erlebt.' Ich beginne zu verstehen: Würde Olga nach Westeuropa oder zurück nach Mariupol gehen, hätte sie ständig das Gefühl, sich immer noch mitten im Krieg zu befinden. Sie will nur damit abschließen. Der einzige Ort auf diesem Planeten, auf dem es keinen russisch-ukrainischen Krieg gibt, ist Russland. Was die russische Regierung als humanitäre Hilfe tarnt, nennen Menschenrechtsaktivisten Kriegsverbrechen. Viele Ukrainer, mit denen ich gesprochen habe, haben Situationen beschrieben, in denen es der einzige Ausweg vor dem sicheren Tod schien, in einen der Busse zu steigen, die, von russischen Behörden gestellt, nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete fuhren. In einem Bericht von September 2022 hat Human Rights Watch solche Fälle als 'illegale Zwangsumsiedlung' bezeichnet. Nach internationalem Recht sind Zwangsumsiedlungen oder Deportationen - ersteres meint die Bewegung von Menschen innerhalb der Staatsgrenzen, letzteres über Grenzen hinweg - Kriegsverbrechen. (Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien hat mindestens drei Personen der Zwangsumsiedlung bosnischer Muslime für schuldig befunden.) Der Bericht macht deutlich, dass dieses Kriegsverbrechen auch 'Umsiedlungen in Umständen miteinschließt, in denen eine Person nur zustimmt, weil sie Konsequenzen befürchtet wie Gewalt, Nötigung, Inhaftierung, wenn sie bleibt, und die Besatzungsmacht diese zwanghaften Rahmenbedingungen ausnutzt, um sie umzusiedeln. Zivilisten zu vertreiben oder umzusiedeln, kann nicht mit humanitären Gründen gerechtfertigt werden', fährt der Bericht fort, 'wenn die humanitäre Krise, die diese Bewegungen auslöst, selbst das Ergebnis rechtswidriger Handlungen der Besatzungsmacht ist.'"

Nicht nur der Krieg beschäftigt den New Yorker weiterhin, auch die Probleme, die Konsum im Überfluss mit sich bringen - und die Chancen für Unternehmer, die damit einhergehen. "Dale Rogers, Wirtschaftsprofessor an der Arizona State University, hat zusammen mit seinem Sohn Zachary, der an der Colorado State lehrt, einen Vortrag gehalten, in dem es hieß, dass allein die Retouren der Weihnachtszeit sich in den USA mittlerweile auf einen Wert von 300 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen. Zachary sagt: 'Also sind eineinhalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA - bereits größer als das BIP vieler Länder der Erde - nur Zeug, das Leute zu Weihnachten bekommen und mit 'Hm, gibt's das auch in blau' wieder zurückgegeben haben.' Der jährliche Verkaufswert von retournierten Bestellungen in den USA nähert sich wohl eine Billion Dollar", hat David Owen in seiner Recherche über die Industrie der 'Reverse Logistics', das Geschäft mit Warenrückgaben, herausgefunden. Dahinter stehen ungeheure finanzielle Summen und eine Wegwerfmentalität nicht nur der Verbraucher, sondern auch der Hersteller: "Fast alle modernen Geräte enthalten Elektronik, die nicht nur eine begrenzte Lebensspanne hat, sondern in der Regel auch unmöglich zu reparieren und teuer auszutauschen ist. Unser früherer Handwerker hat meiner Frau und mir erklärt, dass wir immer das 'dämlichste' Gerät kaufen sollten, das wir finden können. Ein guter Rat, der aber mittlerweile fast nutzlos geworden ist, weil sogar Mixer und Kaffeemaschinen Mikrochips enthalten."

Weitere Artikel: Parul Sehgal porträtiert die Autorin Jaqueline Rose. Zech Helfand beschreibt die Faszination von Monster-Truck-Shows. Kathryn Schulz liest Gunnar Brobergs Biografie über Carl Linneus, und Alex Ross hört Monteverdis "Orfeo" open air in Santa Fe.
Archiv: New Yorker

Quillette (USA), 15.08.2023

Quillette bringt eine mehrteilige Serie des Historikers Greg Koabel über die Vorgeschichte des Staates Kanada. In diesem Teil befasst er sich mit dem Pelzhandel, der zu boomen begann, nachdem den Europäern der russische Pelzmarkt weggebrochen war, was auch die Lebensweise der Einheimischen veränderte. Und die waren oft sehr aktiv in den Handel involviert, so Koabel: "In den 1580er Jahren unterhielten die Basken auf der Ile aux Basques vier Walfangstationen, und wie in der Straße von Belle Isle gibt es Belege dafür, dass sie an diesen Standorten indigene Arbeitskräfte beschäftigten. Diese Arbeitsbeziehungen erleichterten wahrscheinlich den Handel, und die Basken erkannten schnell das Potenzial des Saguenay-Flusses. Die Innu, die das Land im Nordosten bewohnten, erkannten ebenso schnell die Vorteile, die sich aus der Kontrolle der Pelzlieferungen eines ganzen Kontinents ergaben. Während die Europäer im vergangenen Jahrhundert viel über die Handelspraktiken der Eingeborenen gelernt hatten, waren die Innu ebenfalls zu eifrigen Schülern des europäischen Handels geworden. Vor allem verstanden sie den Wert ihrer Stellung als Zwischenhändler zwischen Quelle und Käufer. In den folgenden Jahrzehnten verfolgten die Innu eine beharrliche Politik zur Aufrechterhaltung dieser privilegierten Stellung. Sie weigerten sich höflich, aber bestimmt, abenteuerlustige Europäer auf den Saguenay zu führen (und hielten damit die Mythen über das, was dahinter lag, aufrecht). Gleichzeitig verbreiteten sie in den nördlichen Eingeborenengemeinden Geschichten über europäische Bosheit und Grausamkeit: Es ist besser, wenn ihr eure Pelze flussabwärts schickt und den Innu den direkten Handel mit diesen gefährlichen Fremden überlasst."
Archiv: Quillette
Stichwörter: Indigene, Kanada

HVG (Ungarn), 10.08.2023

Der 91-jährige renommierte Theater- und Filmregisseur, sowie ehemaliger Rundfunk- und Opernintendant Miklós Szinetár kritisiert im Gespräch mit Zsuzsa Mátraház eine Kulturpolitik, in der niemand mehr weiß, wer warum welche Entscheidungen trifft: "Entweder soll eine Person mit Namen und Gesicht alles selbst entscheiden und dafür auch geradestehen, wie es vor der Wende der Fall war, oder aber der Senat, der sich aus den besten Leuten des Berufsstandes zusammensetzt, hat in Berufsfragen freie Hand. Der jetzige Zwischenzustand, dass sich jemand von überall einmischen und in der Zwischenzeit das Gesetz ändern kann, um eine bestimmte Person zu ernennen, ist Holzklassenkapitalismus. (…) Früher gab es zum Beispiel vier oder fünf Filmstudios, die von international renommierten Regisseuren geleitet wurden, und drei Fernsehstudios. Wenn das Drehbuch eines Regisseurs irgendwo nicht angenommen wurde, konnte er es an mehreren anderen Orte einreichen. Heute entscheiden in einem Wasserkopfbehörde namenlose Bürokraten über Filmideen. Man weiß nicht einmal, wer von ihnen die Entscheidung trifft, und es gibt keine Einspruchsmöglichkeit. War es nicht demokratischer damals, als eine mörderische Parodie auf meinen Film 'Rozsa Sandor' wiederholt beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde? Können Sie sich vorstellen, dass heute Parodien auf die jüngsten Propagandafilme gedreht und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden? Unvorstellbar!"
Archiv: HVG

Guernica (USA), 15.08.2023

Josh Kline, "Productivity Gains", 2016. (Brandon/Buchhalter) © Josh Kline. Photograph by Joerg Lohse; image courtesy the artist and 47 Canal, New York.

Der Künstler Josh Kline will Kunst nicht für die intellektuelle Elite machen, sondern für alle, vor allem für die, die der amerikanische Traum im Stich gelassen hat, erfährt Mengyin Lin im Interview mit Kline. In seiner Ausstellung "Project for a New American Century" im Whitney Museum integriert er die Körper und Gesichter derer, die in Ausstellungräumen meistens nicht vertreten sind: Fed-Ex Lieferanten, Kellner, Arbeitslose. Und das nicht nur theoretisch: Mit Hilfe von 3D-Technik kreiert Kline lebensechte Klone seiner Probanden. Mit seinen Modellen steht Kline in engem Kontakt, lädt sie zu seinen Ausstellungen ein und zeigt Videos ihrer Lebensgeschichten. Warum aber stellt er ihre Abbilder in Konstellationen aus, "die deren Menschlichkeit verfremden", will Lin wissen, man sieht "abgetrennte Gliedmaßen in einem Einkaufswagen, einen menschlichen Körper in einem verschnürten Recycling-Sack auf dem Boden". Das macht der Kapitalismus aus den Menschen und ihrer Arbeit, antwortet Kline: "Die Porträts von Menschen in den Recyclingsäcken - diese Arbeiten sind ein Weg, um zu veranschaulichen, wie sie zu einem Abfallprodukt in unserem Wirtschaftssystem werden. Ich komme auf diesen Begriff aus der Wirtschaftswissenschaft zurück: 'Humankapital'. Was bedeutet es, wenn Menschen als Kapital und nicht als menschliche Wesen behandelt werden? Es bedeutet, dass sie verbraucht und dann weggeworfen werden können. … Wenn Sie bei Applebee's kellnern oder Pakete für FedEx ausliefern, nehmen Sie eine Identität an, wenn Sie diese Uniformen tragen. Die Leute behandeln dich wie ein Produkt und nicht wie eine Person. Ich wollte einen Weg finden, diese Realität visuell darzustellen, damit sie beim Betrachter hängen bleibt."
Archiv: Guernica

Himal (Nepal), 10.08.2023

Sehr detailfreudig (und für Außenstehende vielleicht nicht immer ganz einfach nachvollziehbar) perspektiviert Karthick Ram Manoharan das tamilische Gegenwartskino vor dem Hintergrund seiner Geschichte und noch mehr vor dem gesellschaftspolitischen Kampf um das Kastensystem. Sein Befund: Aktuelle Produktionen (wie etwa Mari Selvarajs Polit-Thriller "Maamannan") kritisieren das Kastensystem und sind damit auch den Kinokassen erfolgreich. Sie knüpfen damit zumindest sachte an eine Welle von Filmen aus den Fünfzigern und Sechzigern an, die zumindest zwischen den Zeilen eine vorsichtige Kritik am Kastensystem durchscheinen ließen. Dass solche Entwicklungen nicht linear verlaufen, sondern Konjunkturen und Moden unterliegen, verdeutlicht der Politologe auch: Denn insbesondere das tamilische Kino der Neunzigerjahre zeichnete sich durch aggressiven Nationalismus und eine entschiedene Befürwortung des Kastensystems aus. "Neben 'Thevar Magan' waren auch "Chinna Gounder', 'Yejamaan' und 'Naataamai' im Kino erfolgreich. Die drei letztgenannten handelten von Gounders, einer gesellschaftlich und politisch dominanten Kaste im Nordwesten des indischen Staates Tamil Nadu. Der politische Kontext, in dem diese Filme veröffentlicht wurden, ist ebenfalls vielsagend. Zwischen 1991 und 1996 erlebte Tamil Nadu das erste Regime von J. Jayalalithaa, der Anführerin der Partei 'All India Anna Dravida Munnetra Kazhagam' (AIADMK), die der 'Dravida Munnetra Kazhagam'-Partei (DMK) nachfolgte. Die AIADMK genießt unter den Gounders und Thevaren erheblichen Rückhalt. Diese Gemeinschaften vergrößerten in dieser Zeit ihren politischen Einfluss. Es war auch eine Zeit, als progressive Aktivisten von der Polizei wegen angeblicher Verbidungen zu tamilischen Militanten gejagt wurden und als die Premierministerin in aller Öffentlichkeit ihre religiösen und abergläubischen Sentimente zur Schau stellte. ... Hinzu kam, dass die Neunziger auch die Zeit waren, als die wirtschaftliche Liberalisierung im großen Stil in Indien Einzug hielt. Viele Gemeinschaften in ganz Indien reagierten auf diesen Schub an Neoliberalismus und Globalisierung unter dem Eindruck, dass ihre Auffassungen von Zugehörigkeit und Tradition unter Beschuss waren. Der Erfolg solcher Filme, die ländliche Kasten verherrlichten, kann als Teil dieser Reaktion betrachtet werden."
Archiv: Himal

Tablet (USA), 10.08.2023

Orientalismus mal ganz anders. Arian Khameneh erzählt, wie schüchtern amerikanische Iran-Kundler an den amerikanischen Unis auf die Frauenbewegung im Iran reagieren. Da sie in der Regel der akademischen Linken angehören, tendieren sie zumeist zum "Humanismus-Narrativ" und setzen auf "Reformer" innerhalb des Regimes, die nicht nur in der iranischen Opposition oder Diaspora längst abgeschrieben sind. Kritik am iranischen Kopftuchzwang mögen sie nicht äußern, aus Furcht, dass ihnen das als "islamophob" ausgelegt wird. "In den Augen der Forscher geht es darum, einer 'neokonservativen Agenda' entgegenzuwirken, die den Iran dämonisiere, um die Unterstützung für einen Regimewechsel zu gewinnen. Oft hält man sich aber auch nur zurück, um karrierefördernde Quellen im Land zu sichern. Laudan Nooshin, Musikethnologin an der City Universität London, bekennt zum Beispiel, dass sie rechtliche Schritte gegen den Verleger des 'Rough Guide to World Music' androhte, nachdem dieser ihren Aufsatz mit Formulierungen eingeleitet habe, die die Kleriker beleidigen könnten, was ihren Zugang zu Feldforschungen im Iran gefährdete."

In einem weiteren Artikel fragt Joshua Tait, was von der "Alt Right"-Bewegung geblieben ist: physisch nicht viel, aber im Diskurs der amerikanischen Rechten bleibt sie verankert.
Archiv: Tablet

The Insider (Russland), 10.08.2023

Im russischen Investigativmagazin The Insider (mehr dazu hier) lässt Nikita Aronov in einem lesenswerten Beitrag zwei Oppositionelle auf die Herrschaft Slobodan Milosevics zurückblicken - seinen Aufstieg, die Auflösung Jugoslawiens, den Krieg gegen die Nato und sein Tribunal. Dabei kommen die Oppositionellen Ilya Vukelić und Ivan Marović zu Wort. Unter anderem vergleicht Marović, einer der Anführer der Otpor-Bewegung, die zu Milosevics Sturz beitrug, Milosevics Mobilisierungspolitik mit der jetzigen Putins: "Milošević musste sich auf Kriminelle verlassen. Er konnte einfach keine normalen Leute für die Armee rekrutieren. In Jugoslawien war die Kriminalität eng mit den Geheimdiensten verflochten. Einige Kriminelle dienten sogar als Offiziere bei der Geheimpolizei. Milošević unterhielt über seinen Chef eine Verbindung zu diesen Verbrechern. Dennoch wahrte er eine gewisse Distanz zu ihnen. Vielleicht ist das ein Unterschied zwischen ihm und Putin. Schließlich kommt Putin vom KGB, während Milošević nie Teil der Geheimpolizei war. Wenn Kriminelle zu Helden gemacht werden, nutzen sie ihren Status oft für normale kriminelle Aktivitäten wie Raub, Erpressung und Entführungen. Und genau das ist passiert. Die Kriminalitätsrate im Lande stieg sprunghaft an."
Archiv: The Insider
Stichwörter: Nato, Jugoslawien

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.08.2023

Der Theater- und Filmregisseur István Verebes kritisiert das Menschenbild der gegenwärtigen Bildungs- und Kulturpolitik, andererseits die Reaktion der Intellektuellen darauf: "Gesetze werden eben auch so erlassen, dass viele Menschen immer weniger Gelegenheit haben sollen, mit Büchern aufzuwachsen, was auch bedeutet, dass sie immer weniger Anreiz haben, sich mit dem Unsinn auseinanderzusetzen, der in die Schaufenster gestopft wird. Der ganze Angriff auf den Verstand, so scheint es mir, ist selbst für die gestählten Gebildeteren wenig besorgniserregend. Das Spiel des Verstandes läuft heutzutage so ab, dass auf der einen Seite des Spielfeldes die Mannschaft der 'nationalen Kooperation' sich gegenseitig wie Amateure den Ball zuspielt, anstatt zu versuchen, ein Tor zu erzielen. Auf der anderen Seite stehen die verärgerten Intellektuellen herum und beschweren sich beim überaus voreingenommenen Schiedsrichter. (Nur eine Frage: Gab es jemals einen Schiedsrichter, der zu einem protestierenden Spieler gesagt hätte: 'Sie haben Recht, ich werde meine Entscheidung ändern?') Die Fans der zivilisierten Welt wiederum starren uns von der Tribüne aus in stummem Erstaunen an. Trotz meiner begrenzten Ausbildung in Politikwissenschaft glaube ich, dass die einzige Möglichkeit, die Taktik wieder zu ändern, darin besteht, dass entweder Putin oder Trump in der zweiten Halbzeit etwas passiert. Wenn...! Wenn das 'große Große' zusammenbricht, dann brechen wir mit ihm zusammen. Ob es ein Aufräumen und dann ein Aufbauen geben wird, oder eine weitere Zerstörung von Wohlstand und schöpferischen Idealen, ist heute noch nicht vorhersehbar. Und genau diese Unvorhersehbarkeit ist es - so befürchte ich -, die das 'System der nationalen Kooperation' bis heute aufrechterhält."

London Review of Books (UK), 10.08.2023

Einen schweren Fehler nennt Randall Kennedy die Entscheidung des amerikanischen Supreme Courts, amerikanischen Universitäten die Praxis der Affirmative Action zu verbieten, die es Angehörigen historisch benachteiligter ethnischer Minderheiten erleichtern sollte, an prestigeträchtigen Universitäten zu studieren. Die rein legalistische Argumentation der von John Roberts verfassten Mehrheitsmeinung setze den Universitäten zu enge Grenzen und weigere sich, die laut Kennedy notwendige Unterscheidung zwischen negativer und positiver Diskriminierung zu treffen. Dennoch warnt er die Verteidiger der Politik davor, die Probleme von Affirmative Action zu leugnen: "Affirmative Action führt zu Problemen, denen man nur durch Selbstbetrug entkommt. Barack Obama, einer der wichtigsten Befürworter der Regelung, meinte einmal, dass diese 'solange sie korrekt organisiert ist, Möglichkeiten für Minderheiten eröffnet, ohne Möglichkeiten für weiße Studenten zu mindern'. Wie soll das funktionieren? Im Fall von Universitäten mit Zugangsbeschränkungen werden Vorteile zugunsten Schwarzer und Latinos notwendigerweise Nachteile für Andere mit sich bringen. Das bedeutet nicht, dass Affirmative Action böswillig diskriminiert in dem Sinne, dass einzelne Gruppen absichtlich aufgrund ihrer Ethnizität ausgeschlossen werden. Aber es bedeutet, dass das Verfolgen eines ehrenwerten Ziels dazu führt, dass Menschen, die keine Schwarzen oder Latinos sind, Nachteile erleiden."

CNET (USA), 06.08.2023

Dass die sogenannte "Cloud" nicht diffus wolkig über unseren Köpfen schwebt, sondern ganz im Gegenteil sehr konkret hienieden auf materiellen Grundlagen fußt, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Um die Serverfarmen und Daten-Silos zu verbinden, braucht es nach wie vor transatlantische Tiefseekabel, schreibt Stephen Shankland. Da die Ansprüche an Konnektivität, Geschwindigkeit und Masse der transportierten Informationen immer weiter steigen, sind die großen Internet-Konzerne wie Google, Amazon und Microsoft längst in dieses Geschäft eingestiegen, in dem sich zuvor nur die klassischen Telekommunikationsanbieter getummelt haben. Sehr detailliert schildert Shankland die Rahmenbedingungen, Erfordernisse und Herausforderungen bei diesem Netzausbau - denn Tiefseekabel zu verlegen ist kompliziert, aber fast noch komplizierter ist es, sie funktionsfähig zu halten. Sie "sind ziemlich zäh, aber in etwa alle drei Tage wird eines zerschnitten. ... Die Hauptschurken sind Großfischereien und Anker, die für etwa 85 Prozent aller Kappungen verantwortlich sind. ... Der menschenverursachte Klimawandel, der zu extremeren Stürmen führt, macht auch Frank Rey von Microsoft Sorgen. 'Was mich nachts wirklich wach liegen lässt, sind riesige Klima-Ereignisse', sagte er. 2012 zerschnitt der Hurrikan Sandy elf der zwölf Hochleistungskabel, die die USA mit Europa verbinden, erzählt er. ... Die Kabel sind darauf angelegt, zersetzendem Salzwasser zu widerstehen, aber keinen menschlichen Angriffen. 'Es braucht nicht viel, um diese Kabel willentlich zu zerstören. Wer Böses will, kriegt das hin', sagt SubCom-Geschäftsführer David Coughlan. ... Vor dem Hintergrund der Relevanz und Verletzlichkeit der Tiefseekabel, verwundert es nicht, dass ein Wettrennen im Gange ist, um ihre Technologie robuster zu machen. Auch deshalb gibt es Bewegungen, neue Andockstellen am Land zu schaffen. Als Hurrikan Sandy zuschlug, landeten die mächtigsten transatlantischen Kabel in New York und New Jersey an. Heutzutage gibt es weitere in Massachusetts, Virgina, South Carolina und Florida."
Archiv: CNET

New Lines Magazine (USA), 09.08.2023

Nicht nur in Griechenland, Spanien und - gerade erst - Hawaii tobten in diesem Jahr verheerende Brände, sondern auch in Algerien, berichtet Stéphane Kenech in einer Reportage. "Im dritten Jahr in Folge wird Algerien von einer Serie tödlicher Waldbrände heimgesucht. Die Brände in der Kabylei, die durch heftige Winde angefacht wurden, forderten nach Angaben der algerischen Behörden mindestens 34 Tote und 325 Verletzte, 1 500 weitere Menschen mussten ihre Häuser evakuieren. Es dauerte mehrere Tage, bis die Sicherheitskräfte die Leichen in den ausgebrannten Häusern auf den Bergkuppen gefunden und gezählt hatten. Im vergangenen Jahr starben bei Waldbränden im Osten des Landes mindestens 38 Menschen, und bei einem gewaltigen Waldbrand in der Großregion Kabylei im Jahr 2021 kamen 103 Menschen ums Leben. ... Doch während das Quecksilber jeden Sommer höher steigt und die Algerier sich auf die Flammen vorbereiten, gibt es ein weiteres Problem, auf das viele hinweisen - die Nachlässigkeit des algerischen Staates. Jahrzehntelange schlechte Landbewirtschaftungspraktiken in Verbindung mit fehlenden Mitteln zur Brandbekämpfung und mangelndem Bewusstsein oder Willen der Bevölkerung, das Brandrisiko zu verringern, haben dazu geführt, dass Millionen von Algeriern der wachsenden Gefahr von Waldbränden ausgesetzt sind."

Anna Zacharias stellt die Silberschmiedinnen von Oman vor. Auch das British Museum widmet ihnen im Oktober eine Ausstellung. Eine dieser Künstlerinnen war Tuful Ramadan, die "das Schmiedehandwerk im Alter von 14 Jahren von ihrem Schwager erlernte und zu ihrem Beruf machte, nachdem sie mit Mitte 20 verwitwet war und drei kleine Kinder ernähren musste. Die Schmiedekunst verschaffte Ramadan ein gutes Einkommen und Unabhängigkeit, bis sie 2021 verstarb." Bis in die 1990er hinein waren Frauen in dem Beruf selten, doch seitdem entscheiden sich immer mehr Männer "für Karrieren mit mehr Prestige und finanzieller Sicherheit", haben Frauen das Handwerk übernommen. "Viele omanische Männer fühlen sich unter Druck gesetzt, sich vor der Heirat ein festes Einkommen zu sichern und schon in jungen Jahren für die Hochzeit und die Mitgift zu sparen, die über 9.000 omanische Rial (23.400 US-Dollar) betragen kann. 'Der Mann ist für den Unterhalt der Familie verantwortlich', sagt der 33-jährige Hilal Al Shabani, einer der letzten männlichen omanischen Silberschmiede in der Region Ad Dakhiliyah im Landesinneren. 'Immer wenn sie das College abschließen, versuchen sie, einen Job zu finden, ein Gehalt zu bekommen und sich ein eigenes Leben aufzubauen.'"
Stichwörter: British Museum

New Statesman (UK), 10.08.2023

Zoe Strimpel berichtet von ihrem Besuch eines Festivals des von Viktor Orbáns Fidesz-Partei betriebenen Mathias Corvinus Collegium (MCC) in Esztergom. Erlebt hat sie die Veranstaltung als Mischung aus kulturellem Allerlei mit nationalistischen Untertönen und Netzwerktreffen der internationalen Neuen Rechten. Insbesondere über Antiamerikanismus und die Allgegenwart von Warnungen vor der vermeintlich allmächtigen "Woke-Kultur" weiß sie zu berichten: "Hinter dem oberflächlichen Gleichklang der Reden über Familienwerte sowie die Gefahr durch 'woke', EU und Amerikaner, traten die Widersprüchlichkeiten und auch der düstere Kern des neuen, radikalen Konservativismus zutage. Die anti-woke-Bewegung begann als berechtigter und wichtiger Kampf um Redefreieheit angesichts einer linken Rhetorik der sozialen Gerechtigkeit, die offen den Versuch unterninmmt, die Freiheit der Rede, der Gedanken und von Institutionen zu beschränken. Aber dieser Freiheitsimpuls scheint inzwischen vergessen, beziehungsweise wurde er ersetzt durch die Ambition einer transatlantisch aktiven Bande, ausschließlich die Rechte der politischen Rechten zu betonen und die Heilsversprechen konservativer Werte zu predigen - all das im hyperbolischen Modus der plumpen Verhöhnung, der Feindschaft und der exzessiven Schmähung der sogeannten 'libtards'."
Archiv: New Statesman

New York Times (USA), 08.08.2023

Das New York Times Magazine bringt ein ganzes Dossier zu fünfzig Jahren HipHop, und was soll man sagen, es ist blamabel. Den Aufmacher schreibt der Pulitzer-preisgekrönte Popjournalist Wesley Morris. Titel: "How HipHop Conquered the World". Wer jetzt erwartet, erzählt zu bekommen, wie das Genre lauter andere Länder und andere Sprachen eroberte, hat sich geirrt. Kein Wort über ein anderes Land. Kein Wort auch über die Schattenseiten des Genres, das über alle anderen Genres schwarzer Musik in den USA triumphierte, den Machismo, die Gewalt - ein Artikel im Dossier ist 63 "zu jung gestorbenen" Rappern gewidmet, nicht selten haben sie sich gegenseitig ermordet - über die Anschlussfähigkeit an Islamismus und Antisemitismus, über den obszönen Konsumkult und die weit verbreitete Homophobie. Morris kaut statt dessen - die Multimillionäre Jay Z, Will Smith und Snoop Dog fest im Blick - ausschließlich auf dem unverdaulichen Knochen namens "Rassismus" herum. Der Hiphop habe zwar die Welt erobert, und doch trage "so mancher Rapper, so mancher Rap-Fan eine Last auf der Schulter. Denn es heißt schon was, nach einem halben Jahrhundert immer noch fürchten zu müssen, dass die Dinge, die man geschaffen hat, womöglich mehr geschätzt werden als die Menschen, die sie geschaffen haben. Dies ist natürlich ein kontinuierliches Problem: Jede Phase schwarzer künstlerischer Errungenschaften durchläuft diese Zone der kognitiven Dissonanz. Das Negro Spiritual ist die andere große amerikanische Musik, deren Existenz ein Verbrechen beleuchtet. Aber die Spirituals suchten die Erlösung von der Erbsünde dieses Landes. Hip-Hop erwartet keine Erlösung. Seine Macher werden von einer alternativen Realität angetrieben. Vielleicht will niemand, dass wir Erfolg haben. Also werden wir uns selbst erlösen. Lasst uns daraus ein Imperium aufbauen."

Weitere Artikel im Dossier: Tom Breihan porträtiert den 57-jährigen West-Coast-Rapper Too Short. Ein  hübsches kleines Online-Special beleuchtet, wie HipHop die englische Sprache veränderte. Niela Orr behauptet, dass die Zukunft des HipHop ab jetzt weiblich ist. Daniel Levin Becker erzählt die "kurze Geschichte des Bling".
Archiv: New York Times