Gleichsam mythisches Drama: "Die Saat des heiligen Feigenbaums" MohammadRasoulofs "Die Saat des heiligen Feigenbaums", der diesen Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, ist im Hinblick auf den (nur vorerst) gescheiterten Aufstand der Frauen im Iran vor zwei Jahren der "Film, der diese Zäsur, diesen Epochenbruch für alle Zeit markiert, indem er den Aufstand der Töchter gegen die Väter atemberaubend realistisch in eine einzelne Familie verlegt", schreibt der SchriftstellerNavidKermani in der Zeit. "Allein an den Gesichtszügen der jungen Schauspielerinnen MahsaRostami und SetarehMaleki lässt sich die Entwicklung einer ganzen Gesellschaft ablesen: von den Selfie-Schmollmündern über die zunächst naive Erregung, als die ersten Videos von demonstrierenden Mädchen von Smartphone zu Smartphone gehen, bis hin zum Schock, als die eigene Freundin von Streumunition ins Auge getroffen wird. Und zwischen Vater und Töchtern steht die Mutter, in ihrem Mitläufertum ebenfalls großartig gespielt von SoheilaGolestani. Den Glauben an die herrschende Ordnung, der sie den sozialen Aufstieg verdankt, verliert sie nicht, als ihr Mann zum Täter wird - sondern erst, als ihre Töchter Opfer sind. Mit diesen vier Personen, einer ziemlich typischen Kleinfamilie des heutigen Irans, führt Rasoulof ein gleichsam mythisches Drama auf." Für die Weltbespricht Amira Aslani den Film.
Außerdem: Das Team von critic.deresümiert die schönsten Kinomomente des Jahres. Valerie Dirk macht sich im Standard Gedanken über "Der Zauberer von Oz" und dessen Prequel "Wicked", das gerade im Kino läuft (unsere Kritik). Christoph Amend und Jochen Wegner plauschen für Zeit Online mit HapeKerkeling, der gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Tilman Spreckelsen wirft für die FAZ einen Blick auf die aktuellen Weihnachtsmärchen der Öffentlich-Rechtlichen.
Besprochen werden LucaGuadagninos Burroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (Tsp, FD), Michaela Krützens Buch "Zeitverschwendung. Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur" (NZZ) und die Netflix-Serienadaption von GabrielGarcíaMárquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (NZZ).
Schaut einer Familie beim Zerbersten zu: "Die Saat des heiligen Feigenbaums" von Mohammad Rasoulof MohammadRasoulofs heimlich im Iran gedrehter Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums" über die Familie eines Mannes im Staatsdienst ist "ein kleines Wunder", ruft Susan Vahabzadeh in der SZ. "Man merkt dem Film nie an, welch schwierigen Umständen er abgetrotzt wurde. Ganz nebenbei ist er auch noch ein Zeitdokument, virtuos sind Bilder aus der iranischenWirklichkeit in das fiktive Familiendrama eingewoben. ... Man sieht, fast drei Stunden lang, einer zunächst intakt erscheinenden Familie beim Zerbersten zu." Doch Rasoulof "verfilmt keine Schlüsselgeschichten mehr, wie so viele seiner Künstlerkollegen, die noch den Weg gehen, die Problematik innerhalb der iranischen Gesellschaft zu verklausulieren. Rasoulof adressiert, mit wachsender Wut, die Probleme selbst. ... Das Spannungsfeld zwischen drinnen und draußen, den Konflikt zwischen dem, was die Töchter mit ihren eigenen Augen gesehen haben, und der staatstreuen Sichtweise des Vaters hat Rasoulof ganz organisch inszeniert, wie einen Horrorfilm - und die Gewalt gegen die Protestierenden gibt dem eskalierenden Familienstreit seine Erdung."
Dies "ist ein ebenso zynischer wie künstlerisch eindrucksvoller Kommentar zur Protestbewegung und ihrer gewaltsamen Niederschlagung", schreibt Jürgen Kiontke in der Jungle World. "Originalaufnahmen von blutigen Straßenkämpfen werden mit den fiktiven Szenen zusammengeschnitten. Rasoulof und seine Mitarbeiter, zu denen auch seine Tochter Baran gehört, haben im Wortsinn Kopf und Kragen riskiert für einen Film, der geradewegs aus dem Innern des iranischen Protests kommt."
Der im vergangenen Mai ins deutsche Exil geflohene Rasoulof hegt "keine nostalgischen Gefühle" für seine Heimat, verrät er Christiane Peitz im Tagesspiegel-Gespräch: "Der Iran ist in meinen Augen ein besetztes Land. Ich habe meine Heimat nicht verloren, ich muss sie nur neu finden, als kulturellenIran, auch in meinem filmischen Schaffen." Zu seinem Film inspiriert hat ihn während seiner Haft im Evin-Gefängnis "ein Gefängnisbeamter, eine Zufallsbegegnung. Er sprach darüber, dass er über Suizid nachdenkt und wie seine Kinder ihn mit Fragen nach seiner Arbeit und den Gefangenen unter Druck setzen. Davon wollte ich erzählen, vom Zwiespalt innerhalb einer Familie, der die gesellschaftliche Situation im Iran widerspiegelt."
Jörg Taszman führt für den Filmdienst durch das ungarische Gegenwartskino unter Viktor Orbán. Der aus den USA als Filmförderer importierte Hollywoodproduzent Andrew G. Vajna ("Rambo", "Terminator") hatte dem ungarischen Film zur allgemeinen Überraschung tatsächlich zu einigem Ansehen verholfen. Doch als nach Vajnas Tod der ehemalige Filmemacher CsabaKaél zum Regierungsbeauftragten für Film ernannt wurde, "merkt man verstärkt die politische Einmischung". Der von der Filmförderung ausgeschlossene Filmemacher "GáborReisz bringt es auf den Punkt: 'In den ersten fünf Jahren habe ich den Druck nicht gespürt. Doch was dann im Filmbereich und der Filmkultur passierte, änderte vieles.' Die Fidesz-Politiker vertragenkeineKritik und fragen immer wieder ganz offen, warum sie jemanden finanziell unterstützen sollen, der sie kritisiere. Reisz betont: 'Sie nehmen alles persönlich. Ein Film sollte auch Probleme reflektieren. Wenn er das nicht tut, gibt es keine Veränderung, keine Entwicklung. Im Sozialismus haben die damaligen Genossen durchaus einiges zugelassen. Heute aber wird Kritik einfachunterdrückt.' ... Im heutigen 'Orbán-Regime' ist es primär das Geld, das als Druckmittel gegen unliebsame Filmemacher eingesetzt wird. Wer in Ungarn politische oder unbequeme Filme drehen möchte, muss entsprechend kreativ werden", so "liefen allein in diesem Jahr mehr als ein halbes Dutzend unabhängige ungarische Filme an".
Weitere Artikel: Valerie Dirk unterhält sich für den Standard mit der indischen Regisseurin PayalKapadia über deren Film "All We Imagine As Light" (unsere Kritik). Die FAZ hat Bert Rebhandls Porträt über HughGrantonline nachgereicht. Der seit der Berlinale im vergangenen Jahr skandalisierte Dokumentarfilm "No Other Land" ist "nicht antijüdisch oder gar antisemitisch", allerdings fehlt ihm "die politische Analyse", kritisiert Ulrich Gutmair in der taz. Das Kino wandte sich zuletzt auffallend häufig Dirigentinnen und Dirigenten zu und bewegt sich dabei "auf einem hohen künstlerischen Niveau", bemerkt Kirsten Liese im Filmdienst. Lara Marmsoler blickt für die SZ auf Abomodelle für Kino-Flatrates, mit denen den Streamern der Kampf angesagt werden soll. Wolfgang Hamdorf schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf die spanische Schauspielerin MarisaParedes. Daniela Tan klärt in der NZZ über die Ursprünge des japanischen Begriffs des Jahres einer japanischen Fernsehserie auf. Claus Löser empfiehlt in der Berliner Zeitung für die kommenden Wochen die beiden Berliner Aufführungen der DEFA-Filme"Silvesterpunsch" und "Hochzeitsnacht im Regen".
Besprochen werden Matthew Browns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit AnthonyHopkins als SigmundFreud (taz) und die NDR-Doku "Lebensader Autobahn" (FAZ).
Kommenden Donnerstag startet MohammadRasoulofs in Teheran unter klandestinen Bedingungen gedrehter, in Cannes uraufgeführter Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums". Der Regisseur ist seitdem in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus seiner Heimat nach Deutschland geflohen, sein mit deutschem Geld finanzierter Film wurde für die Oscars eingereicht. Julia Vladimirova spricht für die taz mit dem Filmemacher, den die jüngste Generation iranischer Regisseure sehr staunen lässt: "Ich bin tief berührt von all diesen wunderbaren iranischen Filmemachern, die derzeit in Iran unter allerhand Repressionen, trotz Finsternis und Unterdrückung Filme machen. Das unabhängige Filmschaffen nimmt viele verschiedene Formen an, es bedeutet nicht unbedingt, dass man Filme im Untergrund macht. Es gibt sogar sehr gute Filmemacher, die immer noch versuchen, innerhalb des offiziellen iranischen Kinos zu arbeiten. Die Zensur wird von Tag zu Tag schlimmer, und selbst dann versuchen einige immer noch, Filme zu machen, die sich an die Zensur halten, ohne sich ihr zu unterwerfen, sondern Wege finden, sie zu umgehen, sie zu unterwandern."
Für die FAS hat Mariam Schaghaghi mit Rasoulof gesprochen, unter anderem darüber, dass sein Film für Deutschland ins Oscar-Rennen geht - was manche Kritiker schwer irritiert hat. "Das ist auch ungewöhnlich", sagt Rasoulof. "Das Oscar-Komitee gibt damit dem Begriff der Herkunft eines Films eine neue Bedeutung: Sie hat nichts mehr mit der Geografie zu tun, dem Staub eines Landes, dem Blut, das in ihm fließt. Diese Wahl hatte für mich eine andere Botschaft: Deutschland ist eine Heimat für alle Geschichten geworden, in denen es um die Verletzung menschlicher Grundrechte geht. Das ist eine Ermutigung für Filmemacher weltweit, die in einer ähnlichen Situation wie ich leben: Es gibt offene Türen."
Weitere Artikel: Lukas Foerster berichtet im Filmdienst vom Kölner Symposium "Eskalation" über das Verhältnis zwischen Film und die PolarisierungderGesellschaft. Elmar Krekeler porträtiert für die WamS den Schauspieler DevidStriesow, der aktuell im ARD-Weihnachtsfilm "Bach - ein Weihnachtswunder" zu sehen ist. Bert Rebhandl erzählt in der FAS von seiner Begegnung mit HughGrant.
Besprochen werden MatthewBrowns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit Anthony Hopkins als Sigmund Freud (Jungle World, Presse), die von der ARD online gestellte Neu-Adaption von "Ronja Räubertochter" (FAZ, Welt) und die auf Sky gezeigte True-Crime-Doku "Das Phantom. Auf der Jagd nach Norman Franz" (FAZ).
Mehr als kurz vor knapp haben die früheren Ampelkoalitionäre obschon nicht die Reform der Filmförderung, so doch zumindest deren Novelle beschlossen. Damit können auch ab Januar noch Filme gefördert werden. Zufriedenheit macht sich (außer in der Pressemitteillung von Claudia Roth) indessen nicht breit. Rüdiger Suchsland von Artechock hat sich in der Branche umgehört: Für viele dort ist dieser Kompromiss "so faul, dass er zum Himmel stinkt. Oder wie einer, der es wissen muss, formulierte: 'Ein Desaster auf allen Ebenen.' ... Es ist schon eine große Ironie: die Grünen sind die im Kulturbetrieb wohl beliebteste deutsche Partei. ... Und gerade unter der ersten Kulturstaatsministerin, die diese Partei stellen kann, wird die Axt in einer Weise an die deutsche Kultur gelegt, wie es in der Geschichte der deutschen Demokratie ohne Beispiel ist."
Auch Andreas Kilb (FAZ) sieht in diesem Beschluss allenfalls einen Torso der ursprünglichen Pläne umgesetzt, der nicht viel mehr leistet, als den Geldfluss ab Januar auf eine rechtliche Grundlage zu stellen. Für das geplante Steueranreizmodell und der Investitionsverpflichtung für Streamingdienste und TV-Sender ist die Zeit indessen vorerst abgelaufen. Doch ohne diese beiden Säulen "kommen auch die Förderungsautomatismen, die das neue FFG vorsieht, und die geplante Stärkung der Berliner Filmförderungsanstalt nicht wirklich zum Tragen. Die Kinobranche bleibt auf die bisherigen Fördertöpfe des Bundes angewiesen. ... Der Nachteil dieser Fondsstrukturen besteht darin, dass sie starr sind: Ist der Topf leer, fließt nichts mehr nach. Die Folgen dieser Erstarrung hat die Branche in den letzten Jahren zu spüren bekommen. Der Produktions-Exodus von Edward Bergers Oscar-Kriegsfilm 'Im Westen nichts Neues' nach Tschechien ist nur das krasseste Beispiel ihres ökonomischen Scheiterns auf dem Weltmarkt. Dass die jetzige Gesetzesnovelle die Misere beheben wird, glaubt deshalb niemand; sie wird sie nur nicht noch schlimmer machen."
Die SZ bringt seit Anfang des Monats am Donnerstags kein eigens gewidmete Filmseite mehr. Filmkritiken gibt es zwar weiterhin, doch diese diffundieren nun allgemein ins Feuilleton. Für Rüdiger Suchsland von Artechocksteht dies im Zusammenhang einer allgemeinen Kahlschlagpolitik auch im Kulturjournalismus, wie sie auch hinter den Plänen, 3sat in Arte aufgehen zu lasen, stecken. "Das trifft Journalisten und zum Beispiel Filmkritiker: Was hat das für Folgen für die freien Autoren, wenn den einzelnen Freien die Arbeitsmöglichkeiten weggenommen werden? Weniger Vielfalt schafft weniger Vielfalt. Die Vielfaltsfetischisten und Diversitätsverteidiger erkennen nicht, dass ihre ganzen Diversitätsideen längst keine Existenzgrundlage mehr haben. ... Es wäre eigentlich im Interesse aller Beteiligten, auch der kommerziellsten unter den Kommerziellen Verleihern und Produzenten, für die Filmkritik zu kämpfen, auch für eine öffentlich-rechtliche."
David Steinitz spricht für die SZ mit dem Regisseur ChrisColumbus unter anderem über dessen Weihnachtsklassiker "Kevin - Allein zu Haus", dessen Erfolg er maßgeblich den Kohlenbogenlampen zuspricht, mit dem sie beim Dreh das Set ausgeleuchtet haben: Deshalb hat er diese "warmen, einladenden, prächtigen, einfach weihnachtlichenFarben." Kohlenbogenlampen "wurden 1990 eigentlich längst nicht mehr verwendet, das war ein Ding aus der Stummfilmzeit. Sie sind sehr laut, wenn man sie zündet, deshalb ist es schwer, Tonfilme damit zu machen. Man braucht einen eigenen Mitarbeiter nur für diese Lampen. Aber wir haben es trotzdem gemacht, und deshalb hat der Film einen so zeitlosen und warmen Look." Allerdings war dies so aufwändig, dass "das Filmstudio uns bei der Fortsetzung 'Kevin - Allein in New York' dann auch verboten hat, die Lampen zu benutzen."
Weitere Artikel: Das Artechock-Team gibt Tipps zum MünchnerKinogeschehen. Besprochen werden PayalKapadias "All We Imagine as Light" (Presse, NZZ, Artechock, unsere Kritik), BarryJenkins' "König der Löwen"-Prequel "Mufasa" (NZZ, Artechock, unsere Kritik), MattBrowns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit Anthony Hopkins als Sigmund Freud (Standard, Welt), FlorentBernards "Es liegt an dir, Chéri" (Artechock), die neue "Ronja Räubertochter"-Serie in der Mediathek der ARD (taz) und die Serie "Rivals" (NZZ).
Viel Aufregung in der Filmwelt heute. Der Bundestag diskutiert heute über die Reform der Filmförderung und ob etwa die Incentive-Initiative oder eine Abgabe für Streamer beschlossen wird. Mögen sie doch all dies trotz Ampel-Aus beschließen, fleht Volker Schlöndorff in der FAZ die Parlamentarier an, denn es geht "schlichtweg um das Überleben des Films in unserem Land, des Films als Wirtschaft, des Films als Kulturgut und des Films als Unterhaltung. ... Die Programmkinos darben, die Multiplexe schließen oder kämpfen ums Überleben, die Produktionsfirmen wie die technischen Betriebe melden Insolvenz an, auf internationalen Festivals ist kein deutscher Film vertreten, und die Studios stehen leer. Babelsberg, das größte von ihnen, mit privaten Investitionen aus Frankreich und Hilfen aus Brüssel für 500 Millionen Euro tipptopp saniert, steht seit zwei Jahren ohne Kunden da. Warum? Weil der Standort nicht mehr wettbewerbsfähig ist."
David Steinitz gießt in der SZ hingegen Wasser in den Wein: Mehr als "ein paar kosmetische Verbesserungen" verspricht er sich von der Reform nicht. Ein viel triftigeres Problem sieht er darin, dass Filmförderung Wirtschafts- und Kulturförderung zugleich sein soll. Und das führt zu Selbstzerfleischungen: "Je mehr Förderung egal welcher Art es gibt, desto mehr Filme werden hergestellt und desto mehr Filme bekommen Mittel für mindestens eine kleine Kinoauswertung." Doch "aktuell spielen sehr wenige Filme sehr viel Geld ein, und sehr viele Filme sehr wenig - bis nahezu gar nichts. Wären es insgesamt weniger Filme, gäbe es vielleicht einen solideren Mittelbau von Arthouse-Filmen, die sich nicht alle gegenseitig kannibalisieren." Die Herausforderung ist also: "Wie kann man die staatlichen Subventionen so verteilen, dass insgesamt weniger Filmen geholfen wird - diesen aber besser?" Außerdem sorgt sich Ole Kaiser in der FAZ um den Fortbestand der DeutschenFilmbewertungsstelle in Wiesbaden.
Stets etwas zu entdecken: "All We Imagine as Light" Filme laufen diese Woche auch noch an. Zum Beispiel PayalKapadias in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneter "All We Imagine as Light", der von der Freundschaft dreier Frauen in Mumbai erzählt. "Die Stadt ist überall", schreibt Tilman Schumacher im Perlentaucher. In diesem Film "steckt viel von der alten Idee eines realistischenKinos, das freilich nicht einfach die Kamera aufstellt und drauflosfilmt, aber doch möglichst viel von dem 'aufschnappen' möchte, was es auch ohne Kamera und Mikrofon im Leben tatsächlicher Menschen des Hier und Jetzt zu sehen und hören gäbe. ... Trotz des Hässlichen, das Mumbai uns preisgibt, ist der Film von sinnlicherSchönheit erfüllt. Schön sind seine neonlichtfunkelnd bläulichen Bilder, die sich ähnlich wie im Kino des philippinischen Großstadtmelodramatikers LinoBrocka nicht mit dem 'Lebensnahen' begnügen, sondern jedem einzelnen Bild eine solche Sorgfalt zukommen lassen, dass aus ihm ein Kinobild wird. Markante Farbakzente, spannende Raumstaffellungen; man soll in diesen Bildern stets etwas entdecken können." Weitere Kritken schreiben Daniel Kothenschulte (FR), Maria Wiesner (FAZ) und Philipp Stadelmaier (SZ). Thomas Abeltshauser hat für den Freitag mit der Regisseurin gesprochen.
Es herrscht Katerstimmung im Prestige-TV, stellt die SchriftstellerinNelePollatschek in der Zeit fest. Dabei war das Fernsehen ihrer Kindheit in den Neunzigern, bevor mit "Sopranos" und "The Wire" Serien als "neuer Roman" ausgerufen wurden, doch mal richtig schön und unterhaltsam. Auch waren diese "procedurals nicht so dumm. Man muss genau eine Folge 'BostonLegal' schauen, um das zu begreifen. ... Wer Woche für Woche eigentlich die gleiche Geschichte erzählt ('Anwälte verhandeln einen Fall'), muss sich ständig überlegen, welche Komplexität man noch ausleuchten kann, muss die Story ständig anreichern mit Gedanken, denn die sind nicht nur frei, sondern kosten vor allem auch nichts. Das Ergebnis ist eine Serie, in der selbst die schwächeren Folgen ihre Themen komplexer durchleuchten als Polit-Talkshows oder der ein oder andere Zeitungsartikel."
Besprochen werden BarryJenkins' "König der Löwen"-Prequel "Mufasa" (Perlentaucher, Standard), GáborReisz' "Eine Erklärung für alles" (taz), MatthewBrowns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit AnthonyHopkins als Sigmund Freud (FR, online nachgereicht von der FAZ), FriedrichMosers Dokumentarfilm "How to Build a Truth Engine" (Presse), die DVD-Ausgabe von NikhilNageshBhats indischem Actionsplatter-Film "Kill" ("Kein Knochen bleibt in diesem Film ungebrochen", verspricht Ekkehard Knörer in der taz), der ARD-Weihnachtsfilm "Bach - Ein Weihnachtswunder" mit Devid Striesow (FAZ) und SönkeWortmanns "Der Spitzname" (SZ).
Kathleen Hildebrand und Susan Vahabzadeh fragen sich in der SZ, ob allzu spannende und vielleicht auch etwas gruseligere Kinder- und Jugendfilme ihr primär anvisiertes Publikum traumatisieren können und holen Rat bei Prüfern der FSK, dem Medienpädagogen Christian Exner und dem Filmforscher Tobias Kurwinkel ein. Letzterer "sieht sogar etwas Gutes in einem gewissen Grusel: 'Furcht ist nicht nur negativ. Im bildungspsychologischen Sinne gehört der Umgang mit ihr zu den Entwicklungsaufgaben - es ist wichtig für Kinder, sagen zu können: 'Ich kann das aushalten.'" Und "auch Christian Exner sieht im Film großes Potenzial, gerade für sensible junge Menschen. ... 'Gerade Kinder, die sich schnell ängstigen, können sich über Filme relativ kontrolliert mit schwierigen Themen auseinandersetzen' - und Techniken des Selbstschutzes trainieren: Augen zuhalten, das Gespräch mit und die Nähe zu vertrauten Personen suchen. Sich distanzieren, mit der Erkenntnis: 'Ist doch alles nur ein Film...'"
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit der Regisseurin PayalKapadia über ihren in Cannes mit dem "Großen Preis der Jury" ausgezeichneten Debütfilm "All We Imagine As Light", der von der Freundschaft dreier Frauen in Mumbai erzählt. Mit "Love Sucks" (ZDF), "Der Upir" (Joyn) und "Oderbruch" (ARD) bestimmt in diesem Jahr das Vampirmotiv die deutschenSerien, stellt Caroline O. Jebens in der Welt fest, findet aber nur "Oderbruch" wirklich überzeugend: Die Serie "bricht nicht nur die Sehgewohnheiten im deutschen Fernsehen auf, sondern findet neue Bilder für unersättliche Vampire". Martin Ostermann resümiert im Filmdienst den Wettbewerb des Menschenrechts-Filmpreises 2024. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schauspielerin MarisaParedes. Der Musiker ThomasAmper verklagt Disney, weil er mehr Geld für seine deutschen Versionen der Songs in Disney-Filmen haben möchte, meldet David Steinitz in der SZ.
Besprochen werden AlPacinos Memoiren (online nachgereicht von der FAZ), MatthewBrowns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit AnthonyHopkins in der Titelrolle (Tsp, FAZ), BarryJenkins' Animationsfilm "Mufasa", der die Vorgeschichte zum "König der Löwen" erzählt (Welt) und der ARD-Weihnachtsfilm "Bach - ein Weihnachtswunder" mit DevidStriesow (FR).
"Die Saat des heiligen Feigenbaums" von Mohammad Rasoulof Im SZ-Gespräch mit David Steinitz erzählt der iranische, vor dem islamistischen Regime nach Berlin geflohene Regisseur MohammadRasoulof unter anderem, wie man in seiner Heimat heimlich einen Film dreht. Seinen aktuellen Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums", der von deutscher Seite für die Oscars eingereicht wurde, hat er ohne Genehmigung am Regime vorbei fertiggestellt. "Natürlich versuchten wir, alles heimlich zu machen. Aber am Ende ist es eben doch eine Gruppe, man hat Kontakte, man hat Kollegen, man spricht darüber, und deshalb kann man nicht alles geheim halten. ... Mir war bewusst, dass wir nicht überall in der Stadt oder im ganzen Land drehen konnten. Und es war mir bewusst, dass ich nicht viel technisches Equipment würde verwenden können. ... Ich achte darauf, was ich habe, was ich machen kann. Erst als wir fertig waren, konnte ich Menschen kontaktieren, von denen ich wusste, dass sie interessiert sind an dem Film. ... Eine unserer Sicherheitsmaßnahmen war, dass ich nie direkt am Set anwesend war. Die Entfernung war mal größer, mal weniger groß, aber ich war nie direkt da, sondern nur in der Nähe. Bei Außendrehs dachten manche Passanten, dass meine Hauptdarstellerinnen in ihren Hidschabs vom nationalen Fernsehen seien, und haben uns sogar wüstbeschimpft. Das war eine guteTarnung."
"Das Budget ist eine Herausforderung", sagt die neue Berlinale-Intendantin TriciaTuttle im Welt-Gespräch mit Hanns-Georg Rodek über die kulturpolitisch bedingte, finanziell angespannte Lage (nicht nur) ihres Festivals. "Wir müssen realistisch bleiben: Es wird hart werden in den kommenden Jahren." Noch vor kurzem etwa klaffte ein riesiges Loch in der Finanzierung des kommenden Festivals, das bislang auch nur zum Teil gestopft ist. "Ja, es gab einmal eine alarmierendeLücke, aber das sind stets Momentaufnahmen. Der Austausch mit dem Bund darüber und die Suche nach Sponsoren ist unser täglich Brot. Unsere Finanzabteilung muss jeden Monat das Budget revidieren, Einnahmen wie Ausgaben, nach unten, nach oben."
Weiteres: BrettStorys und StephenMaings Dokumentarfilm "Union" über den gewerkschaftlichen Kampf gegen die harten Arbeitsbedingungen bei Amazon findet in den USA keinen Verleih, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ: "Weil auch in Hollywood ganze Industriezweige von Amazon abhängen, will man sich wohl die Finger nicht verbrennen." Maria Wiesner spricht für die FAZ mit DenisVilleneuve über dessen "Dune"-Saga. Josef Schnelle schreibt im Filmdienst zum Tod von WolfgangBecker (weitere Nachrufe hier).
Besprochen werden Bert Schmidts Buch "SohrabShahidSaless - Film im Kopf" (taz), EllenKuras' "Die Fotografin" mit Kate Winslet (Intellectures) und die britische Netflix-Thrillerserie "Black Doves" mit KeiraKnightley (FAZ, online für die SZ vom TA).
In der SZ verabschiedet sich der Schauspieler DanielBrühl von dem eben verstorbenen Regisseur WolfgangBecker. Weitere Nachrufe auf Becker schreiben Cosima Lutz (Welt), Georg Diez (Zeit Online) und Maria Wiesner (FAZ). Jörg Seewald spricht für die FAZ mit dem Schauspieler MarcusMittermeier.
Besprochen werden RobertZemeckis' "Here" (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu bereits hier und dort), die Netflix-Serienadaption von GabrielGarcíaMárquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (taz, mehr dazu bereits hier), KenjiKamiyamas Animationsfilm "Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim" (Standard), die auf Amazon gezeigte Krimikomödien-Serie "The Sticky" (Presse), die im ZDFgezeigte Sportdoku-Serie "The Wagner Brothers" (FAZ), Sönke Wortmanns Komödie "Der Spitzname" (Tsp) und der ARD-Weihnachtsfilm "Bach - Ein Weihnachtswunder" mit DevidStriesow (Welt).
Der Filmregisseur WolfgangBecker ist tot. Mit der in späten Neunzigern gemeinsam mit DaniLevy und TomTykwer gegründeten Produktionsfirma "X Filme" erneuerte er um 2000 das deutsche Kino. "Good Bye Lenin" von 2003 zog nicht nur in Deutschland ein Millionenpublikum. "Becker besaß ein Gespür fürs richtigeTiming und wusste, dass eine Pointe am besten trifft, wenn sie auf kollektive Gefühle zielt", schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel. "Mit ihm kehrte ein Hauch vom Lubitsch-Touch ins deutsche Kino zurück." Er "galt als detailversessener Perfektionist. Künstlerische Kompromisse wollte er eher nicht machen." Erst 2015 kehrte er daher mit der Kehlmann-Verfilmung "Ich und Kaminski" ins Kino zurück. "Zuletzt hat Becker noch seinen Film 'Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße' über eine Massenflucht aus Ost-Berlin abgedreht, nach dem Buch von MaximLeo."
David Steinitz erinnert in der SZ an die Aufbruchstimmung, die mit "X Filme" auf einmal im deutschen Kino herrschte: "Anfang, Mitte der Neunzigerjahre hatte laut Becker eine 'Jammerzeit' im deutschen Kino geherrscht, immer dieselben Geschichten, dieselben Gesichter - und dieselben schlechten Marktanteile für deutsche Filme. Becker und Konsorten wollten mit einer Firma dagegenhalten, die 'mehr als die Summe unserer Einzelteile' sein sollte." So entstand "nicht weniger als ein kleines Kinowunder. ... Neben Beckers "Das Leben ist eine Baustelle" (das Drehbuch hatte er gemeinsam mit Tom Tykwer geschrieben) bildeten Tykwers "Lola rennt", Dani Levys "Alles auf Zucker!" und schließlich Beckers "Good Bye, Lenin!" das Fundament einer neuen, selbstbewusstenAutorenfilm-Ära im deutschen Kino."
Weiteres: Kamil Moll durchforstet mit Löwenherz für den Filmdienst das weite Feld der "komischen Filme aus Deutschland, die sich auf aktuellegesellschaftlicheProbleme stürzen". In der FAZgratuliert Hubert Spiegel EvaMattes zum 70. Geburtstag. Und der Filmdienstkürt die 20 besten Serien des Jahres.
Besprochen werden RobertZemeckis' "Here" (FAZ, mehr dazu hier und dort), GalderGaztelu-Urrutias Reichen-Satire "Rich Flu" (SZ, FD) und der von JanBöhmermann produzierte und geschriebene ZDF-Film "Hallo, Spencer - Der Film" (Zeit Online). DirkvonLowtzow hat darin einen Auftritt mit den Quietsch Boys.
Rüdiger Suchsland resümiert für Artechock die Vergabe des EuropäischenFilmpreises - und fragt sich, was das heute eigentlich noch heißt, "europäischerFilm". Die Preisträger jedenfalls zeigen, dass europäische Filme in alle Welt diffundieren - aber wenig Resonanzraum für die eigene Herkunft bieten. "Europäisches Kino - das heißt also hier nicht künstlerische Identität, sondern es heißt Wirtschaftsstandort. ... Wo ist denn all das, was es einst gab: EuropäischesGenre-Kino, also Science-Fiction-Filme, Gangstermovies und Horror aus Europa - Anlass dazu gäbe es schließlich genug? Wo sind denn die Stars, die dem europäischen Kino jenseits der geschickten Kombination von zehn europäischen Fördertöpfen aus acht Ländern auch eine Seele einhauchen? Die das Potenzial haben, ganz Europa zu vereinen durch ihre Schönheit und ihr Charisma - so wie das einst ein Marcello Mastroianni, eine Romy Schneider oder eine Jeanne Moreau vermochten? Das europäische Kino hat auch zu den aktuellen Problemen und Sorgen von Europa recht wenig zu sagen." Normaler Sterblicher kurz vorm Sterben: "Hundert Jahre Einsamkeit" auf Netflix Der Produktionsaufwand, mit dem Netflix "Hundert Jahre Einsamkeit" von GabrielGarcíaMárquez als Serie inszeniert ist zwar mitunter "atemberaubend", schreibt Hernán D. Caro in der FAZ. Aber die Atmosphäre des magischenRealismus aus Márquez' Familienepos will sich nicht einstellen. Zum Beispiel, weil die Figuren - anders als im Roman - unentwegt plaudern und plappern. "Das Resultat ist problematisch: Jene Texte, die García Márquez geschrieben hat, klingen in der Serie hölzern; jene, die sich die Drehbuchautoren ausdenken mussten, klingen oft banal oder ordinär. ... Während die Figuren im Buch sich oft wie zeitlose, heroische oder amoralische und nicht selten auch lächerliche gefallene Götter und Göttinnen anfühlen, werden sie in der Serie notwendigerweise zu konkreten Menschen aus Fleisch und Blut, zu Schauspielern mit künstlicher Gesichtsbehaarung und geschichtsgetreuer Verkleidung, ja, was soll man sagen: zu normalenSterblichen."
Weitere Artikel: VolkerSchlöndorff, TomTykwer und WimWenders fordern den Bundestag in einem "Weckruf" auf, die Filmförderung ab Januar 2025 in trockene Tücher zu bringen, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Valerie Dirk feiert im Standard die Schauspielerin CynthiaErivo, die aktuell in "Wicked" (unsere Kritik) zu sehen ist und alle Herzen im Sturm erobert. Im Filmdienst empfiehlt Sonka Weiss eine gemeinsame Retrospektive des Filmmuseums München und des Österreichischen Filmmuseums in Wien mit Filmen der Frauen aus der georgischen Familie Gogoberidse. Andreas Hartmann verabschiedet sich in der taz vom KinoArsenal, dessen Pforten am Potsdamer Platz in Berlin sich allmählich schließen, um (hoffentlich) in einem Jahr im "Silent Green" in Wedding wieder zu öffnen.
Besprochen werden RobertZemeckis' "Here" (Welt, Standard, Artechock, mehr bereits hier und dort), Jon M. Chus Musical "Wicked" (Artechock, Zeit, Presse, unsere Kritik), JoannaArnows BDSM-Komödie "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" (Artechock, unsere Kritik), GuanHus "Black Dog" (Artechock, mehr dazu hier), FriedrichMosers Anti-Fake-News-Doku "How to Build a Truth Engine" (Standard), GalderGaztelu-Urrutias Reichen-Satire "Rich Flu" (Artechock), IrenevonAlbertis Matriarchatsfarce "Die geschützten Männer" (Artechock, SZ), KenjiKamiyamas Animationsfilm "Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim" (Artechock, SZ) und die Netlix-Krimiserie "Achtsam Morden" mit Tom Schilling (FAZ).
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