Im großen NZZ-Gespräch mit Andreas Scheiner erzählt der Filmproduzent MartinMoszkowicz nicht nur die Geschichte, wie sein Vater in Auschwitz überlebt hat, und warum er sowohl den Ehrenbären der Berlinale für die BDS-Unterstützerin TildaSwinton als auch JonathanGlazers Film "Zone of Interest" für fragwürdig hält, sondern er kommt auch auf die Lage des Kinos zu sprechen. Die sei in Deutschland nämlich nicht so schlecht wie viele behaupten. "Global haben wir einen Rückgang von 35 Prozent bis 40 Prozent in den Produktionsvolumina für Fernsehen und Streaming, aber nur etwa 5 bis 10 Prozent im Kinobereich. Ich kann allen Marktteilnehmern nur raten, sich nicht nur auf die Forderung nach mehr Unterstützung zu konzentrieren, sondern auch selbst entsprechend zu investieren. Die Märkte der Zukunft werden heute - in der Krise - verteilt." Denn "gerade mit Kino" werde Geld verdient, "weil man dort eine entsprechende 'Upside' hat. Das große Problem bei den Streamern, aber auch beim klassischen Fernsehen und Pay-TV ist, dass man die erfolgreichste Produktion der Welt realisieren kann, aber als Hersteller verdient man deswegen kaum mehr daran."
Aktuelle Erfolgsserien wie "Silo" oder "Severance" schließen an den Erzählmodus der "Mystery Box" an, wie er durch Serien wie "Twin Peaks", "Akte X" oder "Lost" etabliert wurde, schreibt Kristoffer Cornils auf Zeit Online. In diesen Serien geht es um dunkle Mächte, politische Latenzen und andere Krisen der Realitätsauffassung, Cornils sieht daher darin den Ausdruck einer Zeit, die für Verschwörungstheorien anfällig ist. "Mystery-Box-Shows reflektieren nicht nur Tendenzen des verschwörungstheoretischen Denkens, sie nutzen sie auch für sich. Denn das Publikum wird Teil der paranoiden Dynamik: In Online-Foren wie Reddit spekulieren Hunderttausende Fans, die die von ihnen aufgeworfenen Rätsel kollektiv lösen wollen, und die hartnäckiger noch als in anderen Fandoms wirklich jedes Detail auseinanderpflücken, jede Storyline weiterdenken. ... Im Kontext der 2020er-Jahre deuten 'Silo' und 'Severance' zuvorderst an, wie wir in der Breite unseren Bezug zur Realität zu verlieren drohen."
Weitere Artikel: Die Schweizer Autorin KatjaMeier hat zwar ein preisgekröntes Drehbuch für eine Serie geschrieben, produziert wird diese aber dennoch nicht, weil mögliche Produzenten Wert darauf legen, dass die weibliche Hauptfigur statt 59, 35Jahrealt sein sollte, berichtet Pascal Blum im Tagesanzeiger. Thomas Klein erinnert im Filmdienst mit einem Essay an SamPeckinpahs Westernklassiker "The Wild Bunch". David Kothenschulte schreibt in der FR einen Nachruf auf RichardChamberlain. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod von YvesBoisset.
Besprochen werden OliverHaffnersvom ZDF online gestelltes Biopic über HansRosenthal, der morgen vor 100 Jahren geboren wurde (taz), KurdwinAyubs "Mond" (JungleWorld, unsere Kritik), NathalieBorgers' auf der Diagonale gezeigte Dokumentation "Narben eines Putsches" über den Militärputsch in der Türkei 1980 (Standard), JaumeCollet-Serras Horrorfilm "The Woman in the Yard" (BLZ, unsere Kritik), die Apple-Serie "The Studio", in der SethRogen Hollywood satirisch aufs Korn nimmt (Welt), und die ZDF-Comedyserie "Späti" (taz).
Valerie Dirk resümiert im Standard die Diagnole in Graz. Cosima Lutz (Welt) und Nadine Lange (Tagesspiegel) schreiben zum Tod des Schauspielers RichardChamberlain.
Besprochen werden JoshuaOppenheimers postapokalyptisches Musical "The End" mit Tilda Swinton (Standard, unser Resümee), die ZDF-Serie "Die Affäre Cum-Ex" (NZZ) und EkremEngizeks unabhängig produzierter, deutscher Knastfilm "Haps" ("ein Indiefilm, aberinhart", schreibt Philipp Bovermann in der SZ).
Owen Cooper als Jamie Miller und Erin Doherty als Briony Ariston in "Adolescence". Foto: Netflix
In Großbritannien bestimmt die Netflix-Miniserie "Adolescence" über einen mordenden Jungen das Gespräch auf der Straße, in den Medien und in der Politik, berichtet Michael Neudecker in der SZ. Die Serie handelt auch von dem Einfluss, den Figuren wie AndrewTate und ihre maskulinistischeIdeologie via Social Media insbesondere auf sexuell frustrierte Männer ausüben, die sogenannten "Incels". "Propagiert wird eine krude Form von Gesellschaftshierarchie, in der ganz oben die gut Aussehenden stehen, darunter der Durchschnitt und ganz unten eben die, die kein Mädchen will. Die Männer sind dabei sowieso den Frauen überlegen, deren primärer Lebenszweck darin liegt, hübsch zu sein und für Sex bereitzustehen. Wobei Frauen potenziell auch gefährlich sein können - und dann müssen sich die Incels wehren. Zur Not mitGewalt. ... Wie sehr die Andrew Tates der Welt ihre Gemeinde im Griff haben, das übrigens haben auch die 'Adolescence'-Macher selbst erlebt. JackThorne, der Drehbuchautor, ein glatzköpfiger, sanft sprechender Mann mit Brille, erzählte vor ein paar Tagen in der BBC, dass er online mit Hass-Postings überzogen wurde. Fotos von ihm wurden geteilt, dazu die Frage, ob er zu viel Östrogen in sich habe, Tenor: Der da, das ist doch gar kein Mann."
Weitere Artikel: Michael Ranze spricht für den Filmdienst mit JoshuaOppenheimer über dessen postapokalyptisches, aktuell auch im Tagesspiegelbesprochenes Musical "The End" (mehr zum Film bereits hier). Valerie Dirk spricht für den Standard mit den Dokumentarfilmemacherinnen IvetteLöcker und AthinaRachelTsangari, deren Filme auf der Diagonale in Graz gezeigt werden (Infos dazu hier und dort). Außerdem blickt Marian Wilhelm für den Standard in die Diagonale-Retrospektive, die sich Querschlägern im österreichischen Kino der Siebziger und Achtziger widmet. Thomas Combrink stöbert für "Bilder und Zeiten" staunend in der rund 25.000 Objekte umfassenden Sammlung des 2017 verstorbenen Experimentalfilmers WernerNekes zur Vor- und Frühgeschichte des Films, die nach dessen Tod auf drei Institutionen verteilt wurde. In der FAS erinnert die Dokumentarfilmemacherin Regina Schilling an HansRosenthal, der kommenden Mittwoch vor hundert Jahren geboren wurde. Felicitas Kleiner stellt im Filmdienst die Neuzugänge im kommenden Monat beim Arthaus-Streamer Mubi vor. In der FAZgratuliert Maria Wiesner dem Schauspieler BrendanGleeson zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden Kurdwin Ayubs "Mond" (SZ, unsere Kritik), SimonHelblings in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Game Over - Der Fall der Credit Suisse" (NZZ) und die DVD-Ausgabe von BuddBoettichers "Blutige Hände" aus dem Jahr 1956 (SZ).
Eisiges Blau: "Breaking Hearts" von Gilles Lellouche Mit großer Wucht bringt GillesLelloucheNevilleThompsons Roman "Wilde Liebe" unter dem Titel "Beating Hearts" in die Kinos. Verlegt ist die Geschichte aus Irland ins Frankreich der Achtziger. "Ein Film in Großbuchstaben und in schreienden Farben, viel eisiges Blau und brennendes Rot", schwärmt Fritz Göttler in der SZ. "Die Geschichte einer jugendlichenLiebe, erzählt mithilfe von zweiSonnenfinsternissen, einem brutalen Überfall auf einen Geldtransport und einem Sportwagen, der gemein von der Fahrbahn gedrängt wird und sich spektakulär überschlägt. ... MalloryWanecque und MalikFrikah sind wunderbar als liebende Kids, genauso später AdèleExarchopoulos und FrançoisCivil, wenn beide junge Erwachsene sind."
"Lellouche legt die Liebesgeschichte von Jackie und Clotaire episch an", schreibt Dunja Bialas auf Artechock. "Mit einem erhabenenCinemascope-Blick auf eine gigantische Industrieanlage mit brennenden Schloten hebt der Film an. Dann klotzen in signalroter Farbe die Titel über die ganze Breite der Leinwand. Die Kraftmeierei setzt sogleich die Tonlage: Die Liebesgeschichte ist episch und vergeblich, ist schicksalshaft und tragisch, ist poetisch und brutal. ... Lellouch formuliert auf der B-Seiteseinesschwelgerischen Films Emotion immer wieder als Verlust, als Gefühlslage der Unwiederbringlichkeit angesichts einer vergangenen Jugend, die sich in voller Geschwindigkeit verausgabt hat." Weitere Besprechungen auf critic.de, in der FAZ und im Tagesspiegel.
Außerdem: Die Artechocker Dunja Bialas und Rüdiger Suchsland erhalten vom DOK.FestMünchen fünf Antworten auf fünf nachhakende Fragen dazu, dass künftig die Ehefrau des bisherigen Leiters das Festival leiten wird. Esthy Baumann-Rüdiger porträtiert in der NZZPatrickSchwarzenegger, der sich in der Serie "White Lotus" sein Image als "Nepo-Baby" vom Leib spielen will. SZ-Kritikerin Johanna Adorján bekommt zumindest sanftes Bauchdrücken, wenn sie sieht, dass DemiMoore auf Instagram private Fotos des an Demenz erkrankten BruceWillis präsentiert. Rüdiger Suchsland erinnert auf Artechock an die Schauspielerin ÉmilieDequenne, die vor kurzem überraschend und viel zu jung gestorben ist. Wolfgang Hamdorf berichtet im Filmdienst vom Filmfestival in Málaga. Felicitas Kleiner bietet im Filmdienst einen Überblick über die neuenSerien des kommenden Monats. Und Valerie Dirk führt im Standard durchs Programm der Diagonalein Graz.
Besprochen werden LarsHenrikGass' Buch "Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft" (taz), KurdwinAyubs "Mond" (Artechock, unsere Kritik), JoshuaOppenheimers "The End" (Artechock, mehr zum Film bereits hier), DavidAyers Actionthriller "Working Man" nach einem Drehbuch von SylvesterStallone (Artechock), JaumeCollet-Serras Horrorfilm "The Woman in the Yard" (Artechock, unsere Kritik), MarcoLaVias und HannaLadouls "Das Gelbe vom Ei" (Artechock) und die Apple-Serie "The Studio" mit Seth Rogen (Standard).
Verdrängtes Trauma auf engem Raum: Tilda Swinton in "The End" JoshuaOppenheimer kennt man bislang vor allem für seine hervorragenden Essayfilme "The Act of Killing" und "The Look of Silence", die sich beide mit den Massakern im Indonesien der Sechzigerjahre auseinandersetzen. Mit "The End" legt er nun einen Spielfilm vor - ein postapokalyptischesMusical mit TildaSwinton, das in einem Bunker für Reiche spielt. Diese "Annäherung an das Genre des Endzeit-Dramas fehlte nicht viel zu einer grellen Satire, doch Oppenheimer hat anderes im Sinn", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Nie lässt er die Absurditäten ins Schrille hochkochen, sondern hält sie unter dem Deckel einer Form, deren Strenge zur dekadenten Disziplin dieser Oberschicht passt. Man stelle sich Harold Pinter vor im Stil eines Technicolor-Hollywoodmelodrams, unterbrochen durch altmodische Musical-Couplets. So viel Verfremdung ist vielleicht nichts für jeden, in den USA wurden Kritik und Publikum nicht warm mit diesem außergewöhnlichen Film, der mit großen Gesten von Unausgesprochenem erzählt. ... Oppenheimer führt durch eine Art Spiegelkabinett zwischen Erinnerungs- und Verdrängungskultur vor dem Hintergrund schwerster Verbrechen und taucht noch einmal in die Thematik seiner Dokumentarfilme ein: der Gleichzeitigkeit von verleugneter Schuld und verdrängtem Trauma auf engstem Raum."
Der Film "misslingt fundamental", ächzt Kamil Moll im Filmdienst. "Nur allzu deutlich möchte sich der Film nämlich von dem, was er irrigerweise für eskapistischeGenre-Elemente hält, jenem kunstvollen Formüberschwang also, der Musik- und Tanzfilmkombinationen seit jeher auszeichnet, absetzen. Wo in klassischen Musicals die gesungenen Lieder stets die Funktion einer expressiven Überhöhung von emotionalen Zuständen und Bedürfnissen erfüllen, verweigert sich "The End" mit einer geradezu einfallslosen Widerborstigkeit jeglichen Affekten. Stattdessen bietet er immer wieder aufs Neue Songs, die jeglicher musikalischen Finesse und Eingängigkeit betont enthoben sind und von den Schauspieler:innen in einer mal affektiert stoischen, mal im Tonfall unpassend gefühlsmäßigen Art gesungen werden. ... 'The End' ereilt damit das gleiche Schicksal wie zahlreiche andere Dekonstruktionen filmischer Formen vor ihm: Er gerät trotz aller bilderstürmenden Absichten lediglich zu einem schlechtenPastiche." Weitere Kritiken in taz, FAZ und SZ.
Besprochen werden KurdwinAyubs "Mond" (Perlentaucher, Welt, critic.de, mehr dazu bereits hier), JaumeCollet-Serras Horrorfilm "The Woman in the Yard" (Perlentaucher), die derzeit kontrovers diskutierte Netflix-Serie "Adolescence" (NZZ), Chandler Levacks "I Like Movies" (critic.de), der von JörnGlasenapp und FrancescaPistocchi herausgegebene Band "Nach Fassbinder: Das bundesrepublikanische Kino der 1980er Jahre" (FD), HannaLadouls und MarcoLaVias Tragikomödie "Funny Birds" mit CatherineDeneuve (FR), MimiCaves auf Amazon gezeigter Film "Holland" mit NicoleKidman (FAZ) und die Apple-Serie "The Studio" mit SethRogen (taz, Zeit Online). Außerdem blickenTagesspiegel und Filmdienst auf die wichtigsten Kino-Neustarts der Woche.
Gefangen in einem systemischem Käfig: Florentina Holzinger in "Mond" KurdwinAyubs thrillerartig erzählter "Mond" lässt eine österreichische Kampfsporttrainerin (gespielt von der Choreografin FlorentinaHolzinger in ihrem Filmdebüt) in Jordanien aufschlagen, wo sie drei junge Frauen einer wohlhabenden Familie trainieren soll, die von der Außenwelt abgeschottet sind. Ayub spielt bewusst "mit dem WhiteSaviorComplex", schreibt Carolin Weidner in der taz, "sie kalkuliert den Clash zwischen Wirklichkeit und Rettungsfantasie und macht damit eine Erfahrung möglich, die uns mit eigenen Erwartungen und Fehlschlüssen konfrontiert". Der Film handelt von der "Ohnmacht, die man angesichts der systemischen Unterdrückung von Frauen empfinden kann. Sowie die Erkenntnis, dass auch die Bereitschaft zu Heldentaten nur schwer an einem Fundament zu rütteln vermag, das derart fest verankert ist. Sich in Erzählungen zu flüchten, in denen Einzelnen Großartiges gelingt, trösten, inspirieren möglicherweise. Mit den Tatsachen haben sie oft nichts gemein. Ayub offeriert all dies niesüffisant, nieherablassend. Sie setzt auf ihre Protagonistinnen, schenkt ihnen Mumm und Widerständigkeit."
Jens Balkenborg (FAZ) verortet den Film in Ayubs Theater- und Filmschaffen: Die Filme der kurdisch-österreichischen Regisseurin "lassen Kulturen crashen, stellen Fragen zu Migration und Religion, zu Heimatlosigkeit, (patriarchaler) Macht und (digitalen) Identitäten. Ihre Figuren sind Gefangene in systemischen Käfigen, manche wollen raus, manche haben sich eingerichtet. Dass es Systeme gibt, wie 'Mond' zeigt, die ohne Intervention von außen unüberwindbar scheinen, verleiht diesen sehr kinematographischen Werken etwas erschlagendWahrhaftiges."
Weiteres: Dass der (wie der Standardmeldet, nun wieder auf freien Fuß gesetzte) Fotograf und Regisseur HamdanBallal bei einer Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und israelischen Siedlern im Westjordanland verletzt und vom Militär verhaftet wurde, erinnertFAZ-Filmkritiker Bert Rebhandl an Szenen aus dem Dokumentarfilm "No Other Land", an dem Ballal beteiligt war. Marco Fründt blickt für die taz auf die aktuelle Ausgabe des GriechischenFilmfestivalsin Hamburg. Welt-Kritikerin Marie-Luise Goldmann erfährt in der neuen Staffel von "WhiteLotus", warum Trio-Freundschaften untereinander gerne übereinander lästern, sobald das Trio zum Duo schrumpft.
Der "Duce" als lächerliche Figur: "M. Der Sohn des Jahrhunderts" (Sky) Der SchriftstellerDavideCoppoberichtet in der NZZ davon, wie in Italien die Miniserie "M. Der Sohn des Jahrhunderts" über Mussolini (lose nach der Romanserie von AntonioScurati) wahrgenommen wird. Dass der Regisseur Joe Wright und die Autoren Stefano Bises und Davide Serino den italienischen Diktator als lächerlicheFigur darstellen, findet Coppo zwar "interessant und mutig", aber dieses Manöver "erfordert einen gut geschulten kritischen Geist. Denn allzu leicht könnte man sich in jenen Mann einfühlen. ... So schrieb etwa Marco Travaglio, Chefredaktor von Il Fatto Quotidiano: 'Es besteht die Gefahr, dass die Zuschauer denken, der Duce und die historischen Figuren, die um ihn kreisen, seien wirklich so: Marionetten, Parodien und Silhouetten aus dem Puppentheater oder der Groteske.' Und der Corriere della Sera fühlte sich zu dem Hinweis bemüßigt, dass 'der Faschismus keine Komödie, sondern eine Tragödie' sei. Der chaotische Pulsschlag der Kommentare in den sozialen Netzwerken lässt anderseits erkennen, dass vor allem Nostalgiker oder Bewunderer des Duce über das Porträt empört waren. Von den Fratelli d'Italia scheint niemand Zeit gehabt zu haben, sich mit der Serie auseinanderzusetzen."
Im Kunstmuseum Stuttgart ist aktuell ChristianMarclays mittlerweile legendäre Installation "The Clock" zu sehen, die einmal alle 24 Stunden abläuft und dabei zu jeder Uhrzeit des Tages einen Ausschnitt aus der Filmgeschichte zeigt, in dem gerade genau diese Uhrzeit herrscht. Am Stück nur für Athleten des Kinositzens zu packen, weshalb sich um diese Installation ein regelrechter Tourismus entwickelt hat von Menschen, die, wann immer sich die Möglichkeit dazu bietet, ein paar Stunden mitnehmen, um so den Eindruck allmählich zu vervollständigen. Für den Filmdienstwar Patrick Holzapfel in den frühen Morgenstunden dort. "Gerade das Wieder-Reinkommen zählt zu den schönsten Momenten, die man mit 'The Clock' verbringen kann. Plötzlich stellt sich so etwas wie Parallelität ein, man bekommt das Gefühl, dass das Kino geblieben ist, während man weg war, und dass es für einen immer läuft, wenn man es braucht. ... Immer zur vollen Stunde verdichtet sich dann das Geschehen. Countdowns setzen ein, Duelle werden ausgefochten, abfahrende Züge müssen erwischt werden. Das Kino liebt dievollen Stunden."
Weiteres: Hamdan Ballal, der palästinensische Co-Regisseur des Dokumentarfilms "No Other Land", soll laut einer dpa-Meldung bei einem Scharmützel im Westjordanland von israelischen Siedlern verletzt und im Anschluss in Gewahrsam genommen worden sein - der genaue Ablauf der Geschehnisse ist allerdings noch unklar. Besprochen werden die Netflix-Serie "Adolescence", die gerade wegen ihres Themas - Gewalt gegen Frauen - und ihrer Inszenierung - jede Folge wirkt wie in einer Einstellung gedreht - für sehr viel Aufsehen sorgt (taz), KurdwinAyubs "Mond" mit Volksbühnen-Schauspielerin Florentina Holzinger (Tsp) und MarcWebbs Realfilm-Remake des Disneyklassikers "Schneewittchen" (taz).
De Niro meets de Niro: "The Alto Knights" Hollywood-Klassizist BarryLevinson erweckt mit seinem in den Fünzigern angesiedelten "The Alto Knights" (nach einem Drehbuch des "Casino"-Autors NicholasPileggi) das große New Yorker Mafia-Epos wieder zum Leben. Stilecht hat er sich dafür Robert de Niro vor die Kamera geholt, der zudem in einer Doppelrolle gleich beide verfeindete Mafiabosse in diesem Film spielt. Bert Rebhandl bekommt in seiner Kritik (online nachgereicht von der FAZ) dennoch Bauchschmerzen: "Levinson fährt noch einmal all das auf, was man erwarten darf: chromblitzende Limousinen, schwere Anzüge, markigeVisagen, eleganteGangsterbräute". Er "schwelgt noch einmal so richtig in Eindrücken von einem New York, das es vielleicht nie gab." Doch "wirkt das alles nun auch schon so, als wäre es nur mehr Zitat. In Martin Scorseses 'Casino' war noch jede Faser der Anzüge, die De Niro trug, von Bedeutung. Nun aber wirkt alles schon ein wenig so, als wäre es ein Grabtuch, und was darunter rumort, ist keine wirkliche Spannung mehr, sondern Unklarheit, woran man sich halten sollte. Kann ein Genre auch dement werden, bevor es stirbt?"
SZ-Kritiker Fritz Göttler kann sich am doppelten De Niro derweil kaum sattsehen: Er hat "wie besessen Nuancen erarbeitet, um Frank und Vito voneinander abzugrenzen, das Bürgerliche vom Ordinären - der Haaransatz, die Brille, der Gehstock. Was beide Figuren verbindet, ist der vertraute nörgelige De-Niro-Sound, wenn er zu erklären anfängt, und eine geringschätzige Verbissenheit, eine grummelnde Grimmigkeit, eine stirnrunzelige Bösartigkeit, erschreckend unberechenbar. Er wächst in diesem Film endgültig, über die individuelle Figur hinaus, der Mafia-Archetyp des Hollywoodkinos."
Morbide Melancholie: "Der Leopard" (Netflix) Georg Seeßlen ärgert sich in seinem sehr großen Jungle-World-Essay über die auf Netflix gezeigte Serien-Neuverfilmung von Giuseppe Tomasi de Lampedusas Roman "Der Leopard", der von Visconti einst kongenial und episch auf die Leinwand gebracht wurde. Demgegenüber fällt dieses Industrieprodukt erheblich ab - nicht nur, aber auch, weil es sich (anders als Visconti) gar nicht erst daran versucht, eine Position zum Italien der Gegenwart einzunehmen, sondern sich stattdessen als "Nationalepos" empfiehlt, so Seeßlen: "Vom Verfall, der in Viscontis Film überall spürbar ist, bleiben nur Dekors: die Behauptung einer gewissen 'Morbidität' oder Melancholie. ... Es ist schon eine negative Meisterleistung, den Stoff ausgerechnet in diesen Jahren der globalen ebenso wie der nationalen Krisen so fundamental zu entpolitisieren. ... Man wird nun nicht gleich 'Der Leopard' als melonistische Propaganda ansehen müssen, aber die Zähmung dieses widerspenstigen Stoffs entspricht doch einem neuen kulturpolitischen Mainstream: Förderung von prestigeträchtigen Großprojekten, Kürzungen bei unabhängigen und eigenwilligen Szenen. ... Das Geld, das man in 'Der Leopard' sieht, fehlt woanders."
Weitere Artikel: Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit GillesLellouche über dessen Gangster-Liebesfilm "Beating Hearts". Andreas Scheiner resümiert in der NZZ die Verleihung des SchweizerFilmpreises. Georg Seeßlen schreibt auf Zeit Online zum Tod des Schauspielers RolfSchimpf, der viele Jahre den "Alten" im ZDF gespielt hat. Auf FAZ.netgratuliert Andreas Kilb der Schauspielerin LenaOlin zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden LarsHenrikGass' Buch "Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft" (FD), die ZDF-Serie "Die Affäre Cum-Ex" (Welt) und die auf Arte gezeigte Mini-Serie "Unschuldig - Mr. Bates gegen die Post" (taz).
Thomas Klein führt für den Filmdienst ein ausführliches Werkstattgespräch mit dem Tonmeister MatthiasLempert, der gerade an TomTykwers aktuellem Film "Das Licht" (unsere Kritik) mitgearbeitet hat. Über die Zukunft seines Berufs insbesondere auch als Geräuschemacher macht er sich wenig Sorgen - schon der Computer hat ihn nicht arbeitslos gemacht: "Der Schwerpunkt der Geräuschemacher ist die Vertonung der Bewegungen und Aktionen der Schauspieler. Der Klang ihrer Schritte, ihrer Kleidung, der Dinge, die sie in die Hand nehmen. Das ist dermaßen individuell und es sind so viele Details darin, wie etwa auch das Material und in welchem Zustand es ist. Ein guter Geräuschemacher trifft diese Geräusche instinktiv richtig. Wenn man versuchen würde, diese aus Archivtönen zusammenzubauen, wäre das total unwirtschaftlich und würde noch nicht mal gut werden. Das ist ein Bereich, der wird immer Handarbeit bleiben."
Außerdem: Manfred Rebhandl fragt die Regisseurin IvetteLöcker, was sie gerade liest. Besprochen werden GiaCoppolas "The Last Showgirl" (Standard, mehr zum Film hier), die ARD-Serie "Marzahn Mon Amour" nach dem gleichnamigen Roman von KatjaOskamp (Welt) sowie die beiden Paramount-Serien "NCIS: Origins" (FAZ) und "Happy Face" (FAZ).
Valerie Dirk spricht für den Standard mit TomTykwer über dessen neuen, in der FAZ besprochenen Film "Das Licht" (unser Resümee). In epdFilmempfiehlt Gerhard Midding ein mit historischen 35mm-Filmkopien bestrittenes Italowestern-Wochenendeim Berliner Zeughauskino. Besonders "Tepepa" mit TomásMilián und OrsonWelles legt er uns ans Herz - der "fürwahr furiose Western" steht für alle Nicht-Berliner auch legal auf Youtube:
Besprochen werden BarryLevinsons Mafiathriller "The Alto Knights" mit Robert de Niro in einer Doppelrolle (Tsp, BLZ, SZ), GiaCoppolas "The Last Showgirl" mit Pamela Anderson (Welt, SZ, unser Resümee), CélineSallettes Biopic "Niki" über die Künstlerin Niki de Saint Phalle (taz, SZ) MarcWebbs Realfilm-Remake von Disneys Zeichentrickfilmklassiker "Schneewittchen" (NZZ, SZ), WeiShujuns chinesischer Thriller "Only The River Flows", der in Deutschland schon seit knapp einem Monat läuft (NZZ), die Netflix-Serie "Adolescence", die gerade weltweit die Charts stürmt (Welt), die Netflix-Serienadaption von GiuseppeTomasidiLampedusasRomanklassiker "Der Leopard" (NZZ) und ShondaRhimes' auf Netflix gezeigte Krimikomödie "The Residence" (FAZ).