Reiche Ernte: "Hier" von Robert Zemeckis Lukas Foerster ist in einem epischen Longread auf critic.devöllig begeistert von RobertZemeckis' neuem Film "Here", der auf dem gleichnamigen Comic von RichardMcGuire basiert und dessen Konzept - die Geschichte eines Wohnzimmers aus starrer Perspektive mit historischen Einblendungen und Kontextualisierungen - als medienexperimentelles Setting übernimmt. "Tatsächlich ist 'Here' nicht zuletzt ein Film über die fluide Visualität digitaler Medien. Stasis und Dynamik bedingen sich dabei gegenseitig: Der Film setzt einen starren Rahmen - innerhalb dessen dann alles möglich ist. ... Wir haben es mit einem architektonischen, oder, warum nicht, ackerbaulichenBlickregime zu tun: Die Leinwand als eine Fläche, die bewirtschaftet wird. Konflikte werden gesät, reifen heran, werden geerntet - nur um in der nächsten Generation, dem nächsten Jahrhundert, der nächsten naturgeschichtlichen Epoche durch neue ersetzt zu werden. Freilich sind wir, die wir im Kino sitzen, nicht selbst der Landwirt, sondern diejenigen, die die Früchte der Unternehmung genießen. 'Here' ist ein Film für alle, die noch nicht verlernt haben, der WundermaschineKino zu vertrauen."
Weitere Artikel: Die wegen des Ampel-Aus zuletzt sehr wackelnde Reform der Filmförderung wird nun wohl doch noch allerkürzestens vor knapp mit den Stimmen der alten Regierungskoalition beschlossen, meldet Helmut Hartung in der FAZ. Doch "das Filmförderungszulagengesetz und das Investitionsverpflichtungsgesetz, haben indes keine Chance, in dieser Legislaturperiode den Bundestag zu passieren." Das Kinojahr2024 stand ganz im Zeichen des Horrorfilms, stellt Julia Lorenz in der Zeit fest, was sie im Zeitalter permanenter Multikrisen nicht weiter verwundert: "Seine Stärke liegt darin, zeitspezifische Fragen mit einer gewissen Ungeduld zu formulieren." In seiner Filmdienst-Reihe über Heist-Movies erinnert Leo Geisler an BarbaraLodens Indieklassiker "Wanda".
Besprochen werden JoannaArnowsBDSM-Komödie "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" (Perlentaucher, taz), JonM. Chus in der Zauberwelt von Oz angesiedeltes Musical "Wicked" (Perlentaucher, taz, FR, NZZ, Freitag, mehr dazu bereits hier), GuanHus "Black Dog" (taz, FR, mehr dazu hier), GalderGaztelu-Urrutias Reichen-Satire "Rich Flu" (Jungle World), KenjiKamiyamas Animationsfilm "Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim" (FAZ) und PavelCherepinsArte-Doku "Inside Saporischschja - Ein Atomkraftwerk im Krieg" (BLZ).
Flamboyant, traurig-schön: "Wicked" kehrt zurück nach Oz Inga Barthels legt sich im Tagesspiegel nach dem Genuss von JonM. Chus Musical "Wicked" zunächst einmal das Büßergewand an: Dass Musicals nicht gerade Hochkultur sind, räumt sie reuig ein, bevor es dann doch aus ihr rausbricht: Der Film "ist magisch". Erzählt wird eine Para-Geschichte des Über-Hollywoodklassikers "Der Zauberer von Oz", genauer: die Geschichte der bösen, grünhäutigen Hexe Glinda, die in dieser Variante nun als gar nicht mehr so böse dargestellt wird - sondern als jemand, der erst durch Diskriminierung böse gemacht wurde. Das geht mit sehr viel Augenflausch einher: "Die Welt, die hier geschaffen wird, sieht atemberaubend aus. ... Die Glizz-Universität erweist sich als Mischung aus Hogwarts und dem Barbie-Traumhaus, die Smaragdstadt funkelt grün, die Oscars für das beste Szenenbild und die besten Kostüme sind 'Wicked' quasi sicher. Es ist alles ein bisschen drüber, aber auch toll." Es ist "der richtige Film in Zeiten populistischerSchuldzuweisungen und vereinfachenderNarrative."
Mit Filmen dieses Zuschnitts, die bestehende Geschichten aus sanft verschobenem Blickwinkel noch einmal neu perspektivieren, konnte man sich im Kino in den letzten Jahren durchaus den Magen verderben, schreibt Sarah Pines in der Welt. Doch ganz anders dieser Film: Er "ist wunderbar, flamboyant, traurig-schön - bei aller Kritik, er sei zu lang, zu perfekt, zu moralisierend, zu feministisch, zu woke, zu identitätspolitisch, zu gewollt antirassistisch." Und man kann 'Wicked' auch als einen Kommentar auf die VergangenheitslosigkeitunsererGegenwart deuten. Niemand verstehe mehr, was einst war, aber alle träumten von der Zukunft, sagt Elphabas und Gildas Geschichtslehrer Dr. Dillamond." In der FAZbespricht Dietmar Dath den Film ein bisschen sehr undurchdringlich, aber er verteilt hier und dort Bestnoten.
Außerdem: Wenke Bruchmüller spricht in der taz mit der Regisseurin IrenevonAlberti über deren Farce "Die geschützten Männer", bei der eine Virusinfektion die Männer dahinrafft und mit einem Mal das Matriarchat ausbricht. Die FAZkürt die bestenSerien des Jahres.
Besprochen werden SamMendes' und ArmandoIannuccisSky-Serie "The Franchise", die die Produktion eines Blockbusters persifliert (taz), die auf dem National Geographic Channel gezeigte Doku "Sugarcane" über indigenes Leid an einer kanadischen Schule (FAZ) und die Netflix-Doku "Churchill At War" (TA).
Wenn sich das Leben in einem einzigen Winkel des Wohnzimmers abspielt: "Here" von Robert Zemeckis Mit "Here" adaptiert RobertZemeckisRobertMcGuiresgleichnamigen Avantgarde-Comic sowie dessen strenges Gestaltungskonzept gleich mit: Erzählt wird die Geschichte eines Wohnzimmers und der Leute, die darin wohnten - in einer starren Einstellung mit vielen Ein- und Überblendungen aus verschiedenen Zeitebenen. Mitten drin: TomHanks (68) und RobinWright (58), die hier dank CGI und De-Aging über weite Strecken wieder in ihrer Jugend Maienblüte zu sehen sind. In dieser Technikverliebtheit liegt für die Kritiker auch die Crux des Films: "Die Technik sieht immer noch mindestens unbeholfen, wenn nicht gar gespenstisch aus", schüttelt sich David Steinitz in der SZ. "Außerdem wird man partout das Gefühl nicht los, dass die Filmemacher sich deutlich mehr mit den technischen Aspekten beschäftigt haben als mit den emotionalen. Aufgrund des Prinzips der einen Einstellung muss alles, vom Sex bis zum Streit, von der Geburt bis zum Tod, ausschließlich im Wohnzimmer stattfinden - was oft nur noch mäßig gut motiviert wirkt." Dem Schauspiel der in den digitalen Jungbrunnen gefallenen Schauspieler "haftet etwas Starres an", seufzt Simon Rayß im Tagesspiegel. Das will sich alles "nicht recht mit Leben füllen."
Rassismus und Zivilisationsverachtung? Bruce LaBruce' "The Visitor" eckt an Mit "The Visitor" hat der für seinen queeren Provokationen berüchtigte Regisseur BruceLaBruce eine Art Remake von Pasolinis "Teorema" gedreht. Timo Lindeman zeigt sich in der Jungle World nicht zuletzt durch den rustikalenpolitischenGestus des Films sehr irritiert: Man sieht "plakative Parolen, die in greller Leuchtschrift während der Sexszenen eingeblendet werden. Von der 'sexuellen Revolution des Proletariats' ist da die Rede, von 'analer Befreiung', von 'offenen Grenzen und offenen Beinen'. ... Es wird dazu aufgerufen, revolutionären Sex statt kolonialer Kriege zu betreiben, bevor dann die Parole 'Black is beautiful' endgültig einen exotisierendenKitsch beschwört, wie man ihn selbst in Kreisen queerer Antikolonialer kaum für möglich gehalten hätte. Das ist alles so dermaßen daneben, dass man es mit viel gutem Willen für eine Persiflage der politischen Urteilskraft jener Szene halten könnte, würde ihr Bruce LaBruce nicht so durch und durch angehören. Nimmt man die Parolen hingegen ernst, laufen sie auf die Forderung nach einer sexuellen Unterwerfung des Westens durch den als unvermittelt und tierhaft triebfixiert halluzinierten 'Globalen Süden' hinaus und sind darin an Rassismus und Zivilisationsverachtung schwer zu überbieten."
Weitere Artikel: Eva Ladipo sorgt sich in der SZ um die abgehängten Männer der Unterschicht, denen es viel zu leicht gemacht wird, sich bei den Rechtspopulisten und maskulinistischen Manfluencern einzureihen. Auch im Kino lasse sich das nachvollziehen: "Der Zeitgeist hat wenig Interesse an ihnen und macht sich, wenn er sie überhaupt wahrnimmt, gern über sie lustig. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich orientierungslose Jungs aus der Arbeiterschicht in SylvesterStallone, AlPacino, ArnoldSchwarzenegger, RussellCrowe, MelGibson oder BruceWillis wiederfinden konnten." Hanns-Georg Rodek erzählt in der Welt online nachgereicht, warum es trotz Schriftsteller-Jubiläum und Bildungsauftrag dann doch keine Fortsetzung von HeinrichBreloers "Die Manns" im Fernsehen gibt, sondern nur als Buch: Die Kosten waren zu hoch. "Die Zeit für deutsche Kulturgeschichte im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen war offenbar abgelaufen, ob das nun am Budget oder einem unterstellten Desinteresse der Zuschauerschaft lag." Besprochen werden GianlucaButtolos Comicbiografie über Laurel und Hardy (FD), die Arte-Serie "La Mesías" (FAZ), die ARD-Serie "Paartherapie" (Welt) und die auf Amazon gezeigte Animationsserie "Secret Level" (taz).
Bei der Verleihung des EuropäischenFilmpreises hat JacquesAudiards Musical "Emilia Pèrez" (unsere Kritik) groß abgeräumt. Als bester Dokumentarfilm wurde "No Other Land" ausgezeichnet - die Ansprache der beiden Co-Regisseure BaselAdra und YuvalAbraham verlief offenbar noch etwas drastischer als vor fast einem Jahr auf der Berlinale, worauf damals eine heftige Kontroverse folgte. "Dass man in der internationalen Filmgemeinschaft selbsterklärte Agitprop für auszeichnungswürdiges dokumentarisches Schaffen hält, ist vielsagend", findet Andreas Scheiner in der NZZ. "Die Europäische Filmakademie ist Teil einer Kulturszene, die keine Gelegenheit auslässt, sich ihrer guten, das heißt: propalästinensischenGesinnung zu vergewissern. ... Für die Verurteilung von islamistischemTerror sieht man sich in der Kulturwelt nicht zuständig. Für die Ukraine offenbar auch nicht mehr. ... Pro Palästina zu sein, scheint angesagter." Auch dass MohammadRasoulof, der seinen Politthriller "The Seed of the Sacred Fig" klandestin in Iran gedreht hat, bevor er aus seiner Heimat fliehen musste, "in Luzern leer ausging, irritiert. Dafür versicherte man sich sonst beflissen der eigenen weltpolitischenErgriffenheit. 'Schaut aus dem Fenster, schaut die Nachrichten', so begann die Akademiepräsidentin JulietteBinoche ihre Ansprache."
Weitere Artikel: Josef Nagel orientiert sich für den Filmdienst beim Festival in Coimbra im aktuellen portugiesischenKino. Maria Wiesner (FAZ) und Alexander Menden (SZ) gratulieren der Schauspielerin JudiDench zum Neunzigsten.
Besprochen werden GuanHus "Black Dog" (Standard, mehr dazu hier), MichaelWechs Dokumentarfilm "13 Steps - Die unglaubliche Karriere von Edwin Moses" (Welt), JohnM. Chus Musical "Wicked", das die Vorgeschichte vom "Wizard of Oz" erzählt (Standard), BarbraStreisands Memoiren (NZZ) und die zweite Staffel der ARD-Krimiserie "Die Toten von Marnow" (FAZ).
Die Maske als Identität: "Abendland" von Omer Fast In "Abendland", dem dritten Spielfilm des auf experimentelle Formate spezialisierten Regisseurs OmerFast, landet eine Frau mit Angela-Merkel-Maske in einem Wald und stößt dort auf eine ebenfalls durchweg maskierte Kommune, die sich sonderbaren Ritualen unterwirft. Dass die Masken nicht abgenommen werden, ist gerade der Witz an der Sache, sagt Fast im Filmdienst-Gespräch mit Jens Hinrichsen. "Die Erkenntnis über die menschliche Natur ist oft banal. Die Psychotherapie verspricht dir, dass du etwas Verborgenes über dich herausfinden kannst, unsichtbare Mechanismen ins Licht holen, hinter die Maske schauen, und so weiter. Mit 'Abendland' wollte ich diese Erwartung nicht erfüllen. Insofern sind die Kommunarden ehrlich: Die Masken sind Teil ihrer Identität. Es ist okay, wenn man keine Lust mehr hat, 'Ich' zusein. Dann leiht man sich eine neue Identität aus dem Kollektiven, indem man eine neue Maske anlegt. Vielleicht wurde die Möglichkeit der 'fluiden Identität' immer mehr ins Internet outgesourct. Dank KI müssen wir nicht mal mehr da sein. Dabei sollte ich aber zugeben, dass ich selbst überhaupt kein Leben online führe. ... Ich bin eine digitale Null."
"In letzter Zeit gab es so viele Geschichten über starke Frauen", doch "jetzt wäre es mal Zeit für etwas anderes", sagt NoraFingscheidt im SZ-Gespräch mit Anke Sterneborg. Die Regisseurin, deren aktueller Film "The Outrun" gerade angelaufen ist, wünscht sich mehr "ehrliche Geschichten über männliche Verletzlichkeit, mit einer Auseinandersetzung mit dem modernen Männerbild: Was bedeutet es in der heutigen Zeit, ein Mann zu sein? Wie erziehen wir unsere Söhne? Was bedeutet toxische Männlichkeit? Die Netflix-Serie 'Baby Reindeer' ist da ein großartiges Beispiel, weil Opferperspektive und Missbrauchserfahrungen aus einer männlichen Perspektive so brutal ehrlich erzählt werden. Ich bin gespannt auf Geschichten, die noch mal ganz anders aufs Mann-Sein blicken."
Weitere Artikel: Angesichts zahlreicher Unklarheiten bei der Reform der Filmförderungglaubt Christian Meier in der Welt, dass diese auch ohne das Ampel-Aus kaum mehr in diesem Jahr zu bewältigen gewesen wäre. Besprochen werden der Netflix-Weihnachtsfilm "Maria" (Welt), die Sky-Serie "The Franchise" (FAZ) und die ARD-Dokuserie "Paartherapie" (WamS).
Valerie Dirk verneigt sich im Standard vor der Schauspielerin SaoirseRonan, die aktuell in NoraFingscheidts, auf Artechockbesprochenen Alkoholikerinnendrama "The Outrun" zu sehen ist. Mariam Schaghaghi erzählt in der NZZ von ihrer Begegnung mit TildaSwinton. Auf Artechock geht die Diskussion um BaselAdras, YuvalAbrahams, HamdanBallals und RachelSzors Westjordanland-Dokumentarfilm "No Other Land" mit einem Beitrag von Dunja Bialas weiter.
Besprochen werden AaronSchimbergs "A Different Man" (Artechock, FAZ), OmerFasts "Abendland" (Artechock), KlaudiaReynickes "Reinas - Die Königinnen" (Artechock), die zweite Staffel von HolgerKarstenSchmidtsARD-Polizeiserie "Die Toten von Marnow" (Welt), die Apple-Serie "Before" (FAZ), die Amazon-Serie "The Agency" (Freitag), die Paramount-Serie "Zorro" (FAZ), die ZDF-Serie "Fünf Freunde" (FAZ) und die Netflix-True-Crime-Serie "Cold Case: Wer ermordete JonBenét Ramsey?" (Presse).
Sensibler Schmerzensmann: "Black Dog" von Guan Hu Subversiv ist GuanHus in der Wüste Gobi angesiedelter Film über einen kriminellen Hundefänger, der sich mit den Hunden verbrüdert, trotz "kleinen Spitzen gegen die Fortschrittsrhetorik Chinas" zwar nicht, schreibt Lukas Foerster in der Presse. Aber manchmal reicht auch einfach "eine herzenswarme - und wirklich wunderschön fotografierte - Ballade von einem Mann und einem Hund", schwärmt er. "Getragen wird 'Black Dog' weniger von der Handlung - ein Krimiplot, der mit Langs Knastvergangenheit zu tun hat, nimmt nicht viel Raum ein und verschwindet gegen Ende fast ganz - als von atmosphärisch-ausgeblichenenBreitwandbildern und dem tierischen wie menschlichen Personal. Lang vor allem ist eine tolle Hauptfigur; unter seiner breitschultrigen, wortkargen Schale kommt alsbald ein sensibler Schmerzensmann zum Vorschein."
Weitere Artikel: Dietrich Leder würdigt im Filmdienst die TV-Krimis von LarsBecker, die im "Einerlei" des ZDF-Programms hervorstechen: "Becker ist neben DominikGraf der bestedeutscheKrimi-Regisseur." Pascal Blum plaudert für den Tagesanzeiger mit Richard Gere. In Hollywood sehen derzeit alle wieder wie20 aus, stellt Valerie Dirk im Standard fest.
Besprochen werden KazuhiroSodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Gokogu-Schrein" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), Dea Kulumbegashvilis beim Berliner Festival "Around the World in 14 Films" gezeigter Film "April" (Perlentaucher), Aaron Schimbergs "A Different Man" (Welt, FR), Nora Fingscheidts Alkoholikerinnendrama "The Outrun" mit SaoirseRonan (FR, Zeit Online, taz, BLZ), die DVD-Ausgabe von JoachimHaslers DEFA-Film "Chronik eines Mordes" aus dem Jahr 1965 (taz), RichardCurtis' Netflix-Animationsfilm "Ein klitzekleines Weihnachtswunder" (Presse) und die beiden im Streaming abrufbaren Spionagethriller "The Agency" und "Black Doves" (taz).
Telegen und elegant: Ein Filmstar aus "Die Katzen vom Gogoku-Schrein" Diese Woche startet KazuhiroSodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Gogoku-Schrein", der bereits auf der Berlinale die Herzen von Publikum und Kritik eroberte. Der japanische Filmemacher erzählt dabei von der Katzen- und der Menschen-Community, die sich in seinem Wohnort, dem Küstendörfchen Ushimado, gebildet hat - und wie beide miteinander auskommen oder auch nicht. "Beobachtende Filme" nennt Soda seine Methode, für die er sich selbstauferlegte Regeln unterwirft - keine Vorbereitung einerseits, keine Fremdfinanzierung andererseits. "Sehen und Hören sind die wichtigsten Elemente des Dokumentarfilmschaffens, aber sie werden oft vernachlässigt, weil viele Regisseure eine Agenda haben und diese Agenda priorisieren, sodass sie die Realität auf ihre Pläne hin zuschneiden", sagt Soda Lukas Foerster im Filmdienst-Gespräch. Deswegen taucht er auch selbst in seinen Filmen auf: "Es ist nicht möglich, sich selbst von der Realität, die man zeigt, zu trennen. Dadurch, dass man anwesend ist, verändert man etwas. Ich will da ehrlich sein, und außerdem ist die Dynamik zwischen dem Filmemacher und der Realität, die er filmt, oft sehr interessant; deshalb zeige ich auch Interaktionen zwischen mir und den Menschen in meinen Filmen."
Die Methode geht glänzend auf, freut sich Barbara Schweizerhof in der taz: "Sehr, sehr herzig" findet sie es etwa, wenn eine Katze unvermittelt nach Sodas Mikrofon fischt und es abzuschlecken beginnt. Und "Man lernt tatsächlich die Gegend kennen: die Treppe hinauf zum Schrein, der Parkplatz am Ufer, den von Bäumen beschatteten Hügel darüber. Es kommt zu diversen Begegnungen vor der Kamera. Zum einen natürlich mit den Katzen, die pittoresk herumliegen oder in allen möglichen Ecken und Nischen kauern, um vorm Regen Schutz zu suchen. Es sind Straßenkatzen, weshalb sie mit ihren von Verletzungen gezeichneten 'Visagen' in Nahaufnahmen oft ein weniger social-media-freundliches Bild abgeben. Dann wiederum sind Szenen, in denen sie den Anglern am Hafen den gefangenen Fisch stibitzen und unter sich verteilen, allerliebst."
Besprochen werden außerdem NoraFingscheidts Alkoholikerinnendrama "The Outrun" mit SaoirseRonan (FAZ), QuentinDupieuxs vorerst nur in Österreich startender, neuer Ironiestreich "Le Deuxième Acte" mit Léa Seydoux (Standard), die neue "StarWars"-Serie "Skeleton Crew" (Welt, Zeit Online) und die Sky-Serie "Get Millie Black" (taz).
Thomas Klein schreibt im Filmdienst zum Tod des Komödienregisseurs JimAbrahams. Besprochen werden die ZDF-Anthologie-Serie "Uncivilized" (FAZ), die ZDFneo-Serie "Hungry" (taz) und die Autobiografie von BarbraStreisand (FAZ).
Karin Baal ist gestorben, einer der größten Stars des deutschen Nachkriegsfilms. Nachdem sie schon fast vergessen war, wurde sie in den achtziger Jahren von Fassbinder, Wenders, Thomas Brasch, Margarethe von Trotta und Hans-Christoph Blumenberg wiederentdeckt. Berühmt wurde sie jedoch in den Fünfzigern, erinnert in der FAZ ein bewundernder Andreas Kilb: "Dabei führen die reißerischen Verleihtitel der Filme - 'Der Jugendrichter', 'Die junge Sünderin', 'Vertauschtes Leben', 'Straße der Verheißung', 'Und sowas nennt sich Leben' - oft in die Irre. In vielen der Geschichten geht es um weibliche Selbstbestimmung, Aufhebung von Klassengrenzen, sozialen Aufstieg, und in fast allen ist Baals Figur die treibende Kraft der Veränderung. Ihre Schönheit wird durch die Entschlossenheit, mit der sie ihre sogenannten Reize einsetzt, gleichsam scharfgestellt, und auf einmal sehen die Mannsbilder der Fünfziger neben ihr allesamt ziemlich alt aus."
Dass Baal "nicht die Brigitte Bardot oder Jean Seberg des deutschen Films wurde, lag nicht an ihr, sondern am deutschen Film, der sich solche realistischen Ausrutscher" - wie Tresslers "Die Halbstarken", in dem sie 1956 als 16-Jährige debütierte - "nicht wieder leisten wollte", bedauert in der SZ Willi Winkler: "Die Unsicherheit merkt man ihr in ihrem Debüt noch an. Sie scheint nicht zu wissen, was ihr da mit den Burschen und ihrem kriminellen Treiben zustößt. In der Espresso-Bar starrt die Kamera auf ihren Hintern und die Hand, die Buchholz besitzanzeigend drauflegt, aber dann tanzen sie sich beide frei. Als die Musikmaschine beim Plattenwechsel anschließend einen gut preußischen Marsch auflegt, fordert Buchholz 'im Gleichschritt!', und die ganze Bande zieht davon, die erledigte alte Zeit parodierend. Die wahre Siegerin ist Karin Baal, sie schießt auf den alten Mann, den sie ausrauben wollen, und sie schießt auch ihren Freund nieder. Mehr nouvelle vague war nie: Von den 'Halbstarken' ist es nicht mehr weit zu Godards 'Außer Atem'." In der FRschreibt Harry Nutt einen kurzen Nachruf auf Baal.
Hier ist sie mit Horst Buchholz, in "Die Halbstarken":
In der NZZ wundert sich der russische Ökonom Wladislaw L. Inosemzew nicht, mit welcher Eilfertigkeit westliche Regisseure in Russland auftreten, wie zum Beispiel kürzlich Luc Besson, Oliver Stone und Emir Kusturica auf einem Moskauer Forum für Medien und Kultur. Denn nach dem internationalen Bann russischer Filme habe der russische Staat viel Geld in die Filmindustrie gesteckt, die jetzt boome: "In Moskau versucht die zuständige Sonderbehörde Moskino die Stadt in ein globales Zentrum der Kreativwirtschaft und der Produktion von Film- und Videoinhalten zu verwandeln" und hat zu diesem Zweck ein milliardenstarkes "Darlehensprogramm für Filme aufgelegt, die in der Stadt gedreht werden. Der Staat garantiert den Banken eine 95-prozentige Rückzahlung von Krediten, die für Filmaufnahmen aufgenommen wurden, und hält als Sicherheit die Rechte am geistigen Eigentum. Die ersten Ergebnisse sind staunenswert ... Ende 2023 lag der Anteil russischer Filme an den Einspielergebnissen bei über 72 Prozent, was einem Umsatz von etwa 300 Millionen Schweizerfranken entspricht."
Weiteres: Die Regisseurin Aelrun Goette spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über ihren Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt", der die Ost-Berliner Modeszene zum Thema hat. Claus Löser stellt in der Berliner Zeitung neue Filme aus Slowenien vor, die das Berliner Sputnik-Kino gerade zeigt. Besprochen werden Markus Steins Doku "Entsichertes Herz" über das Leben des Fotografen Jürgen Baldiga, einem Chronisten der Westberliner Schwulenszene (taz), die Netflix-Serie "The Madness" (taz) und Soi Cheangs "City of Darkness" ("Der Film ist ein Glück für Fans von bildgewaltigen Martial-Arts-Spektakeln, denn man sieht ihm an, mit wie viel Liebe zum Detail er entstanden ist", schwärmt Sofia Glasl in der SZ).
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