Szene aus "Così fan tutte" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller. An Mozarts Oper "Così fan tutte" haben sich schon viele Regisseure die Zähne ausgebissen, meint FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner. Aber mit ihrer klugen Inszenierung, die einige "überkommene Details" des Librettos aktualisiert, hat die französische Regisseurin Mariame Clément an der Oper Frankfurt alles richtig gemacht: "Etienne Pluss hat ihr auf der Drehbühne zwei identische Räume mit einem schäbigen Zwischengang geschaffen, in denen eine von Bianca Deigner mit modischen Accessoires üppig ausgestattete Hochzeitsgesellschaft der Gegenwart im Grunde permanent gegenwärtig ist, als prächtiger Chor auch das Soldatenlied anstimmt, oder auch nur stumme Zeugenschaft des absurd-verwirrenden Spiels um Liebe, Treue, Ehe und Verrat ablegt." Außerdem wäre da noch Thomas Guggeis als "Dirigent mit einem nahezu somnambulen Verständnis aller Nuancen dieser vielschichtigen Partitur mit ihren unterschwelligen Stimmungen und Emotionen."
Auch Judith von Sternburg ist in der FR sehr angetan, wie man hier dem "Irrsinn der Liebe, der Anziehungskraft und der Lust, etwas zu erleben, zuschauen kann."
Weiteres: In der SZ fragt Dorion Weickmann, warum gerade die Welt des Balletts so anfällig für toxische Verhaltensweisen und Skandale ist. In der FAZ resümiert Hubert Schulz die Ruhrtriennale, mit der Abschluss-Inszenierung des Stücks "Guerinica, Guernica" durch das Theaterkollektiv FC Bergmann. In der tazbespricht Dorothea Marcus das Stück. Besprochen wird Matthias Schulz' Inszenierung der Strauss-Oper "Der Rosenkavalier" am Opernhaus Zürich (NZZ, SZ) und Laurent Pellys Inszenierung von Verdis Oper "Falstaff" am La Monnaie in Brüssel (VAN) und Antú Romero Nunes "Hamlet"-Inszenierung am Theater Basel (NZZ).
"Antigone" am Schauspiel Frankfurt. Bild: Birgit Hupfeld. Am Schauspiel Frankfurt wird Sophokles' "Antigone" gegeben, Selen Kara inszeniert und fügt Textausschnitte aus Anna Gschnitzers Drama "Ich, Antigone" hinzu, um die Geschichte der inzest- und machtdurchrüttelten Thebener Herrschaftsfamilie zu erzählen, der nun der tyrannische Kreon vorsteht, gegen den sich Antigone auflehnt. Tilman Spreckelsen ist in der FAZ durchaus angetan: "Die Inszenierung hat Züge eines Kammerspiels auf großer Bühne, sie zittert oft vor Anspannung und ist in anderen Passagen, besonders am Ende, nicht frei von Pathos. Vor allem aber lässt sie ein Ensemble in einem Zusammenspiel glänzen, wie man es lange nicht gesehen hat. Auch dieses von Respekt geprägte Miteinander ist womöglich die Antwort auf die Frage nach der angemessenen Haltung gegenüber den Kreons dieser Welt."
In der FRfindet Judith von Sternburg besonders die schauspielerische Leistung herausragend: "Annie Nowak ist keine klassische Heroine", doch gibt sie "der Titelheldin eine Individualität, die rührt und überrascht und ihre Mission - auch den verstoßenen der beiden toten Brüder anständig zu begraben - umso zwingender erscheinen lässt. Nowaks Antigone mag ein bisschen pubertär sein, gereizt gegen den Onkel Kreon vielleicht schon vorher, aber ein pathetisches Heldinnenende dürfte das Letzte sein, was ihr vorgeschwebt hat. Sie ist nicht stramm und rigoros, nicht rechthaberisch. Zittert ihre Stimme nicht sogar? Aber sie macht nicht mit." Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla kann sich dem Lob nur anschließen: "Annie Nowak scheint sich am schwersten mit der auferlegten Regelhaftigkeit zu tun. Sie, die dann am meisten strahlt, wenn sie improvisierend über die Stränge schlagen darf. Genau deswegen ist sie hier womöglich am genau richtigen Platz, als eine, der man die Nötigung der Unterordnung anmerkt."
Besprochen werden außerdem Werner Bräunigs Romanfragment "Rummelplatz" als Oper im Theater Chemnitz, inszeniert von Ludger Vollmer und Jenny Erpenbeck (FAZ, Nachtkritik), Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" in einer Inszenierung von Sebastian Hartmann am Staatstheater Cottbus (Nachtkritik), Markus Thielemanns "Von Norden rollt ein Donner", inszeniert von Jan Friedrich am Theater Magdeburg (Nachtkritik), Pınar Karabulut und Rafael Sanchez inszenieren "Like Lovers Do" von Sivan Ben Yishai und Beat Sterchis Roman "Blösch" am Schauspielhaus Zürich (SZ), Andrew Lloyd Webbers "Jesus Christ Superstar", inszeniert von Andreas Homocki an der Komischen Oper Berlin (taz, SZ) und Milo Raus "Die Seherin" an der Berliner Schaubühne (taz).
Szene aus "Blösch". Foto: Krafft Angerer Rafael Sanchez eröffnet die Ära der neuen Intendanz Karabulut/Sanchez am Schauspielhaus Zürich mit einer Adaption von Beat Sterchis Bauernroman "Blösch" - auf Schweizerdeutsch, mit Chalet, Hund, Jodlern und Ländlerkapelle. "Meinen die das ernst?" fragtnachtkritiker Tobias Gerosa und bläst die Backen auf. Dabei hat das Stück offensichtlich Potential: "Kühe sind hier alle immer wieder, schließlich ist der Titelheld Blösch die Leitkuh des wortkargen Bauern Knuchel. Ihr gilt die erste Bemerkung - 'Himmelheilanddonner!', dass sie schon wieder nur ein Stierenkalb auf die Welt bringt - und auch die letzte, dass ihr ungenießbares Fleisch nur noch entsorgt werden könne. Blösch begrüßt als erste den spanischen Gastarbeiter Ambrosio, der als Melker bei der Bauernfamilie Knuchel anheuert, und als sie später in den Schlachthof geführt wird, ist das für Ambrosio der Anlass, die für Fremde wie ihn unwirtliche Schweiz wieder zu verlassen. Das umreißt die beiden Welten des Romans und auch der Theaterfassung, sie ist explizit aufgeteilt in Bauerntheater und Schlachttheater."
Weiteres: Jakob Hayner trifft sich für die Welt mit der Theaterregisseurin Lena Brasch, die über Antisemitismus, Familie und Arbeit spricht.
Im van Magazin stellen Kai Hinrich Müller und Rebecca Schmid Marc Blitzsteins Oper "Parabola and Circula" vor, die 96 Jahre nach ihrer Entstehung am kommenden Sonntag beim Musikfest Berlin uraufgeführt wird. Das Besondere an "Parabola and Circula": Es ist "eine Oper, die im Zeichen der Geometrie steht, mit dem Herz und Schmerz typischer Opernhandlungen versehen ist und beides in bemerkenswerter Weise zusammenführt. In einem Land abstrakter Formen wird die tragische Geschichte zweier geometrischer Figuren erzählt. Im Mittelpunkt steht das Schicksal von Parabel (Parabola) und Kreis (Circula), den Adoptiveltern von Rechteck (Rectangula) und Punkt (Intersecta). Sie leben glücklich vereint, verlieren sich aber am Ende der Oper mit dem Tod Circulas. Zelebrieren sie zunächst eine perfekte Beziehung, kommt nach und nach der Zweifel in ihr Leben - in Diskussionen mit ihren Freunden Prism, Linea und Geodesa, die über das Beziehungsglück der beiden urteilen. Es beraube sie der Selbstständigkeit, ihr Liebesverhalten sei zudem bedrückend für den modernen Geist. Aus dem wachsenden Zweifel Parabolas wächst ein schwarzes pyramidenähnliches Projektil, das Circula am Ende tötet. Der Vorhang fällt."
"Leichter Gesang" mit Franziska Kleinert in Lila am Deutschen Theater Berlin. Foto: Jasmin Schuller
Am Deutschen Theater, wo FX Mayr Nele Stuhlers "Leichten Gesang" inszeniert hat, stimmt Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) begeistert in den Publikumschor ein: "Das Publikum gibt sich Mühe, aber Franziska Kleinert, einer von vier ausgeliehenen Rambazamba-Stars, die zusammen mit drei DT-Ensemblemitgliedern auf der Bühne stehen, ist nicht zufrieden: 'Das war nicht gut. Nochmal.' Wer Kleinert kennt - und wer in Berlin täte das nicht? - wird spätestens beim zweiten Versuch mitsprechen. Sie ist eine Autorität. Mit fester Stimme. Festem Blick. Und einem Ingrimm, der seine Herkunft in der Spielwut nie verleugnen kann. Also nochmal: 'Stock im Po, Stock im Po, Stock im Po, Balsamico!'. Nein, es wird nicht besser." Toll, wie das DT "mit der akrobatischen Defragmentierung von verkrusteten Sinnhierarchien" aufräumt, freut sich Seidler. "Der Text ist wie aus einer interessant missprogrammierten Strickmaschine gefallen. ... Ein paar Bedeutungskrümel bleiben immer noch kleben und verbinden sich zu einer Textur, die irgendwie (manchmal auch mit Hilfe von gröbsten Kalauern) Neusinn oder Quersinn oder Fremdsinn oder Unsinn ergeben."
Weiteres: Die französische Regisseurin Mariame Clément spricht im Interview mit der FR über ihre Frankfurter "Così fan tutte"-Inszenierung und Frauen in der Oper: "Man sagt oft, 'Così' sei frauenfeindlich. Ich finde das nicht. Ich finde, es geht nicht darum zu beweisen, dass alle Frauen schlecht sind, sondern dass alle Frauen nicht anders sind als Männer. Also, dass Männer und Frauen gleich sind. Das hat für mich eine feministische Seite." Besprochen wird eine Ausstellung zur Geschichte des Festivals d'Avignon im Maison Jean Vilard (FAZ).
Weiteres: In der FAZ fragt Jürgen Kesting, ob die Intendanz von Tobias Kratzer der Hamburger Oper zu neuem Erfolg verhelfen kann. Andrea Pollmeier war für die FR auf der Wiesbaden Biennale, wo sie unter anderem Manuela Infantes Inszenierung von "Vampyr" gesehen hat. Besprochen wird Philipp Rosendahls Inszenierung von Ayed Akhtars Stück "Der Fall McNeal" im Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ).
Esther Slevogt macht sich in der nachtkritik Gedanken über das Tragische - beziehungsweise dessen weitgehende Abwesenheit im Theater der Gegenwart. Es mag Gründe geben, Kategorien wie "Schicksal" für überholt zu halten. Aber "ebenso wenig, wie der Realismus sich dafür interessiert, ob die Welt irgendwie real ist oder doch eher ein unfassbarer Albtraum, oder ob der Einzelne irgendetwas davon hat, dass die Philosophie (und der Kapitalismus) das Individuum für nicht existent erklärten, interessiert sich das Schicksal dafür, ob irgendwelche Checker oder Checkerinnen es für eine Angelegenheit halten, die tendenziell der Ideologiekritik zuzuführen ist. Es ist da, ereignet sich, produziert Ohnmacht oder Verzweiflung. Und die dunkle Aura des Tragischen eben. Für diesen Aggregatzustand aber gibt es im Theater kaum noch einen Ort, und auch kaum Bilder oder Formen, die das noch zu (anzu)fassen versuchen. Hier aber liegt vielleicht auch ein Unvermögen, eine Leerstelle." Ausnahmen, fährt Slevogt fort, gibt es zum Glück aber auch, früher etwa René Pollesch, jetzt Florentina Holzinger.
Außerdem: In der Welt ist Jakob Hayner sehr angetan davon, was Jan Philipp Gloger an seinen ersten Abenden am Wiener Volkstheater auf die Beine gestellt hat. Die tazbringt eine Doppelbesprechung zweier Stücke, die am Schauspiel Frankfurt die Saison eröffnen - Shirin Sojitrawalla ist weder von Ferdinand Schmalz' "Sanatorium zur Gänsehaut" noch von Björn SC Deigners "So langsam, so leise" allzu begeistert.
Weiteres: Greta Haberer resümiert für die taz das Festival Tanznacht Berlin 25 in den Uferstudios. Besprochen werden Jan Philipp Glogers Inszenierung der Jura-Soyfer-Revue "Ich möchte zur Milchstraße wandern!" am Wiener Volkstheater (SZ), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Henrik Ibsens "Die Wildente" an der Berliner Schaubühne (SZ), das Stück "subjoyride" von Boglárka Börcsök und Andreas Bolm in den Sophiensælen Berlin (taz) und das Stück "Radikal Jung" des Theaterkollektivs Polyformers im Theater unterm Dach Berlin (taz) und Iván Fischers Inszenierung der Mozart-Oper "Don Giovanni" am Festspielhaus Baden-Baden (FAZ).
Ein dementer Vater, seine prekär beschäftigte Tochter und eine verschwundene Kultur: Davon erzählt Luise Voigt in ihrer Inszenierung von Björn SC Deigners "So langsam, so leise" am Schauspiel Frankfurt in originellen Bildern, wie FR-Kritikerin Judith von Sternburg festhält. Dabei knirscht es "bedrohlich in Gebälk und Fundament, die Menschen im Gebäude hören und spüren es, und das Publikum hört und spürt es auch. Erstaunlich, wie stimmungsvoll, nämlich wie plastisch das in der Inszenierung von Luise Voigt vermittelt wird. Es reicht ein Lichtflackern, ein Innehalten, ein Haltsuchen."
Nachtkritiker Michael Laages findet die Bilder des Stückes, in dem auch eine Regenwolke in der Wohnung und ein zotteliger Hund ihren großen Auftritt haben, auf Dauer ein wenig zerfasert, wenn auch nicht kraftlos: "Motive und Strukturen in Deigners Geschichte sind ziemlich offen und deutlich markiert für die Bühne - im Neben- und Durcheinander der überwölbten Wirkungs- und Bedeutungsebenen aber verliert die Aufführung deutlich an Klarheit. Immer öfter entwickelt sich der Zusammenklang von Stimmen und Atmosphären deutlich stärker als die szenischen Vorgänge - und fast sind wir im Hörspiel angekommen."
In der FRberichtet Stefan Scholl, wie russische Regisseure versuchen, trotz Repression kritisches Theater zu machen: "Auch staatlich gefeierte 'Volkskünstler der Russischen Föderation' wie Konstantin Raikin oder Jewgenij Mironow winden sich jetzt bei Interviewfragen, warum sie noch kein Stück über die Spezialoperationskrieger inszeniert haben. Noch entziehen sie sich. 'Viele künstlerische Leiter heucheln verbal Ergebenheit', sagt eine Theaterjournalistin, die selbst nach Australien emigrieren möchte. 'Aber sie demütigen sich nur, um die schöpferischen Freiräume ihrer Truppen zu retten.'"
Szene aus "Nachspiel": Foto: Anna Sorgalla Nachdem Kay Voges vergangenes Jahr die AfD-Recherche von Correctiv auf die Bühne des Berliner Ensembles brachte (unsere Resümees) inszenierte er nun, als neuer Intendant des Kölner Schauspielhauses, ein "Nachspiel" zur Recherche ebenda. Aber boten die anderthalb Stunden, in denen Schauspieler Andreas Beck die medialen und juristischen Reaktionen resümierte, auch etwas Neues, fragt Alexander Menden in der SZ und antwortet: definitiv. "Die saftigste Passage ist ... der Nachvollzug eines internen Streits zwischen dem rechtsnationalen Publizisten Götz Kubitschek, dem AfD-Abgeordneten Maximilian Krah und dessen ehemaligen Social-Media-Berater Erik Ahrens. Dieser eskalierte im Laufe dieses Jahres, Ahrens wendete sich von seinen ehemaligen Mitstreitern komplett ab. Nun, und das ist die Pointe der Veranstaltung, hat Ahrens eine eidesstattliche, notariell beurkundete Versicherung unterzeichnet, in der er als Teilnehmer des Potsdam-Treffens erklärt, dass das von Sellner vorgestellte 'Remigrations'-Konzept auf 'ethnische Säuberungen bzw. Vertreibungen' auch von deutschen Staatsbürgern hinauslaufe - 'freiwillig oder unfreiwillig'. Ein interessantes und erhellendes neues Detail eines, detailreichen und komplexen, weitgehend verständlich aufgearbeiteten Sachverhaltes."
Davon wusste man schon seit August, winkt indes Jakob Hayner in der Welt ab, den das Stück nicht nur als "Werbeblock für ein AfD-Verbot" nervt: "Mit müder Stimme und im Gestus des Naiven erzählt Beck, dass er 'scheißewütend' gewesen sei, als sowohl bei Übermedien als auch in der Zeit kritisch über die Correctiv-Recherche berichtet wurde. Das klingt vor allem enttäuscht, dass aus dem eigenen Lager nicht nur Applaus kam. ... Selbst das Prinzip Zweifel, von dem man annehmen könnte, es wäre die Voraussetzung aller kritischen Geisteshaltung, wird dann folgerichtig als rechte Strategie bezeichnet." "Eine neue Dimension von politischem Theater", erlebte hingegen Dorothea Marcus in der taz.
Weitere Artikel: Im NZZ-Gespräch mit Ueli Bernays zum Einstand ihrer Intendanz am Zürcher Schauspielhaus sprechen Pinar Karabulut und Rafael Sanchez über die Vorteile einer Doppelintendanz, Intendanten, die zugleich inszenieren und die geplante Rückkehr zum klassischen Theater. Sanchez sagt: "Provokation - das war in den neunziger Jahren. Jetzt haben wir 2025, wir sind gesättigt mit Provokation. Provokation ist langweilig."
Besprochen werden außerdem Simon Solbergs Inszenierung "Die Odysee" nach Homer am Theater Bonn (nachtkritik) und Falk Richters Inszenierung "Pride" am Staatstheater Hannover (nachtkritk).
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