Ganz glücklich wirdtaz-Kritiker Uwe Mattheiss nicht mit den Wiener Festwochen unter Milo Rau. Er hat ja nichts dagegen, dass Rau sich dem Widerstand verschrieben hat - und damit ein "verwaistes Terrain radikaler linker Positionen im kulturellen Feld besetzt", aber: "Rau negiert die Differenz von ästhetischer Erfahrung und politischem Handeln. Er tut dies zur Beschleunigung von Arbeitsprozessen auf Kosten jener Momente, die an der Kunst nur über den Umweg der Form lesbar sind. Ist ihre Eigengesetzlichkeit doch das, was die Widersetzlichkeit von Kunst ausmacht, das das Einvernehmen mit dem Bestehenden erschüttert. Das allerdings ist für Rau gerade Ausweis einer identitär gebliebenen bürgerlichen Kunst und als solches lässlich, steht sie dringenderen Inhalten scheinbar im Weg."
Szene aus "Der Gipfel". Foto: Mathias Horn Abende von Christoph Marthaler sind "Abende der misslingenden Kommunikation, der unerfüllten Sehnsüchte und des unstillbaren Verlangens nach Sinn", hält Hubert Spiegel in der FAZ fest, nachdem er dessen neustes Stück "Der Gipfel" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen gesehen hat. Und so versucht der Kritiker einmal mehr den Sinn zu finden, wenn sechs Gäste auf einer Alpenhütte in drei Sprachen Smalltalken und Phrasen dreschen "über Fuschl und Ischgl, Champagner und Kaviar. (…) Mehr als bei Marthaler sonst üblich erweckt dieser Theaterabend den Eindruck, der Regisseur habe sich ein wenig ziellos treiben lassen von seinen Einfällen und Assoziationen und den Talenten seines großartigen Ensembles"… Für die nachtkritik bespricht Andreas Wilink das Stück.
Weitere Artikel: Zum 150. Todestag von Georges Bizet erzählt Manuel Brug in der Welt die Geschichte von Bizets letzter Oper "Carmen". Für die FAZ spricht Jan Brachmann mit dem neuen Intendanten der Händelfestspiele Halle, Florian Amort über Opern von Georg Friedrich Händel und Reinhard Keiser.
Besprochen werden außerdem Maria Lazars "Die blinde Passagierin" am Düsseldorfer Schauspielhaus, inszeniert von Laura Linnenbaum (Welt), Sonja Trebes' Inszenierung von Leos Janáceks Oper "Jenufa" am Theater Heidelberg (FR), das Festival "Innovationslabor Zukunft" zum Thema Künstliche Intelligenz am Schauspiel Stuttgart (FR), Jakab Tarnóczis Inszenierung von Asiimwe Deborah Kawes "Das Gelobte Land" am Münchner Residenztheater (nachtkritik) und die große Retrospektive "Wings of Time", die das Norwegische Staatsballett dem tschechischen Choreografen Choreografen Jiří Kylián widmet (Tsp).
"Krieg und Frieden" am Theater Magdeburg. Bild: Kerstin Schomburg.
FAZ-Kritikerin Irene Bazinger nimmtCharly Hübners Regiedebüt am Theater Magdeburg, Tolstois "Krieg und Frieden" in einer Fassung von Roland Schimmelpfennig, freudig zur Kenntnis. Die Geschichte um die Sinnlosigkeit des Krieges wird ins Magdeburg unserer Zeit versetzt: "Hübner verlässt sich nicht auf erwartbare Aktualisierungen, sondern horcht lieber in die Figuren hinein, die in dieses Geschehen gezogen werden oder es bestimmen, ob es um Hochzeiten oder finanzielle Probleme, Ideen oder Pläne geht. Es wird getanzt und gesoffen, fröhlich intrigiert und amüsant auf dem trockenen Boden Schlittschuh gelaufen." Das Ende überrascht: "Die letzte Szene mündet in das Familienfest des Anfangs, wo inzwischen im Garten gegrillt und gechillt wird. Die Enkel rappen munter los, und schließlich johlt das ganze Ensemble mit, bis 'Krieg und Frieden' zum überschwänglich versöhnlichen Mehrgenerationenprojekt wird: 'Gewinner Versager /lass alles los'. Das kommt angesichts der Vorgeschichte etwas unvermutet, entspricht aber Charly Hübners Regiedevise: Menschen sind wir alle. Und Menschen sind eben so."
Auch Egbert Tholl ist in der SZ mit der "krachenden Theaterexplosion für den Frieden" glücklich: Hübner habe "das Ensemble im Raum verortet, Platz genug ist vorhanden, es steht nicht viel Ausstattung herum. Und dann schuf er offenbar Freiheit. Die Freiheit eines grandiosen Miteinanders. Das zehnköpfige Ensemble spielt 34 Rollen, spielt wie Paris Saint-Germain im Finale der Champions League, es gibt also nur Stars oder gar keine, die Empfindung tendiert eher zu nur Stars." Eine weitere Besprechung findet sich in der taz.
Weiteres: Der Preis der 50. Mülheimer Theatertage geht an Maria Milisavljević, die am Schauspielhaus Zürich das Stück "Staubfrau" inszeniert, melden FAZ und Nachtkritik.Backstage ClassicalinterviewtTobias Kratzer, den designierten Intendanten der Staatsoper Hamburg, zu seinen Plänen für seine erste Spielzeit.
In der FAS unterhält sich Wiebke Hüster mit dem amerikanischen Choreographen Trajal Harrell über seine Arbeit und den Schlüsselmoment Ende der neunziger Jahre, als er beim Besuch einer Modenschau die Möglichkeit einer Erneuerung des Tanzes sah: "Das hat mich einfach umgehauen. Weil das für mich wie postmoderner Tanz aussah. Ich sagte mir, da ist das Gehen, das Laufen auf dem Laufsteg, da ist die kulturelle Repräsentation, da ist Feminismus, man konnte all das darin entdecken, nur befanden wir uns nicht in einem Theater. Es war erstaunlich, aber das sah postmoderner aus als alles auf dem eigentlichen Gebiet des Theaters." In diesem Moment sah er "die Verbindung von Mode und Ballettgeschichte. Ich verstand, wie interessant die Operation war, mit der die Voguing-Szene Modenschauen in Tänze verwandelte. Wir betrachteten Voguing, als wäre es Ballett. Gleichzeitig studierte ich den frühen postmodernen Tanz. Für mich war das ein und dasselbe."
Weitere Artikel: In der SZ unterhält sich Christiane Lutz mit Roswitha Quadflieg, Tochter des Schauspielers Will Quadflieg, über die Edition seiner Tagebücher, die gerade erschienen ist. nachtkritikerin Elena Philipp resümiert die "55. Woche des Slowenischen Dramas" in Kranj. Besprochen wird Charly Hübners Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" am Theater Magdeburg (nachtkritik).
Szene aus "Das letzte Jahr". Foto: Erich Goldmann Das Künstlerduo Signa steckt Jakob Hayner (Welt) bei den Wiener Festwochen in "Das Letzte Jahr" für sechs Stunden im Leibchen in die David Lynch-Version eines Pflegeheims, damit er sich auf sein "pflegebedürftiges Ich" und den Tod vorbereite; in Görlitz landet der Kritiker dank Daniel Morgenroths "Gatsby"-Inszenierung am Gerhart-Hauptmann-Theater in den 20ern. Danach muss er gestehen: Immersives Theater ist mehr als nur Unmittelbarkeits-Kult: So "werden in 'Das Letzte Jahr' echte Tränen vergossen, wohl mehr als bei den meisten anderen Theaterbesuchen. Für die Besucher gibt es zahlreiche Möglichkeiten zur seelischen Selbstentblößung, die dankbar angenommen werden. Was ermöglicht solche intimen Gefühlsausbrüche vor Fremden? Ist es gerade das strenge Korsett der zugewiesenen Rolle? Die geschlossene Künstlichkeit dieser todeslastigen Welt? Oder die Unmittelbarkeit des Erlebens, die die üblichen Kontrollinstanzen ausschaltet? Was im immersiven Theater erlebt wird, kann unter die Haut gehen - und zwar ohne Umwege über die Reflexion."
Szene aus "Richard III." Bild: Daniel Kaminsky Ebenfalls bei den Wiener Festwochen zeigte der israelische Regisseur Itay Tiran seine bereits vor dem 7. Oktober entstandene Inszenierung "Richard III.", die er von Anfang an als "eine Art Anklage gegen Netanjahu und dessen Verbündete" angelegte, wie Martin Lhotzky in der FAZ von Tiran erfährt: "Mittlerweile freilich sähe er den Premierminister im skrupellos intriganten Lord Buckingham, anfangs Verbündeter, dann aus besonders berechnenden Motiven Erzfeind von Richard, Duke of Gloucester, dem späteren König Richard, noch besser verkörpert."
Weitere Artikel: Die taz druckt die sehr persönlich Trauerrede, die Navid Kermani, enger Freund des im Alter von 76 Jahren gestorbenen Chefdramaturgen Carl Hegemann, zu dessen Beerdigung hielt. Peter Laudenbach gibt in der SZ ein Update zum Fall um den Intendanten des Hamburger Balletts, Demis Volpi, dem Mitglieder des Ensembles Machtmissbrauch vorwerfen (unsere Resümees): Die Hamburger Kulturverwaltung will jetzt eine "Gefährdungsbeurteilung" vornehmen, renommierte Ballett-Intendanten anderer Häuser sprechen gegenüber der SZ indes von einer "Hexenjagd", so Laudenbach.
Besprochen werden Giulia Giammonas Inszenierung von Leonora Carringtons Musiktheaterstück "Judith" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Nikolaus Habjans und Neville Tranters Puppentheaterstück "Schicklgruber" am Deutschen Theater in Berlin (nachtkritik,Welt) und die Internationalen Festspiele im norwegischen Bergen, die divers, aber ganz ohne "demonstrativen Aktivismus" auftreten, freut sich Jan Brachmann in der FAZ.
Peter Blaha verabschiedet sich in der FAZ von zwei Dirigenten, die die Wiener Häuser demnächst verlassen. Vor allem Philippe Jordan gibt in Lydia Steiers "Tannhäuser"-Inszenierung an der Staatsoper eine hervorragende Abschiedsvorstellung. Unterstützt wird er dabei von einer "sehr guten Besetzung, allen voran von Clay Hilley, der mit seinem imposanten Material und seiner ausdrucksstarken Stimme Tannhäusers Tragik hörbar machte. Und von wegen keuscher Elisabeth - Malin Byström machte als sinnliche Frau mit ihrem dunkel schattierten, glühenden Sopran der Liebesgöttin durchaus Konkurrenz. Szenisch wurde Venus stark aufgewertet: Sie erscheint Tannhäuser auch im zweiten Akt, und zwar immer dann, wenn sich seine Sängerkollegen mit ihren prüden Ansichten über die Liebe blamieren." Auch die Volksoper verliert einen Dirigenten, und zwar Omer Meir Wellber. Dessen Abschiedsvorstellung gerät weniger glücklich: Lotte de Beers Inszenierung des "Figaro" sorgt zwar "mit brachialer Komik (...) für einzelne Lacher, überspannt dabei zuletzt jedoch den Bogen."
Weitere Artikel: Leonard Haverkamp liest sich für nachtkritik durch diverse Regieanweisungen. An selber Stelle interviewt Elena Philipp die Schauspielerin Nele Stuhler und den Regisseur Fx Mayr, die gemeinsam das Sprechstück "Und oder" erarbeitet haben. In einem dritten nachtkritik-Text denkt Shirin Sojitrawalla über Theater im Fernsehen nach - eine gute Sache, findet sie. Alexander Menden besucht für die SZ das derzeit noch von Francis Hüser geleitete Theater Hagen, das demnächst eine Bühnenversion von Diane Foleys vielbeachtetem Selbstbericht "American Mother" auf die Bühne bringen wird: Geschrieben wird das Stück von niemand geringerem als Colum McCann, eine Wahl, mit der man auf der auch sonst die hochkulturellen Herausforderungen nicht scheuenden Bühne Mut und Ambition beweise.
Besprochen wird Benjamin Verdoncks Stück "All Before Death Is Life" bei den Wiener Festwochen (Standard, "Verdonck führt vor, wie er bei seiner Darstellung eines Scheiterns auf so gewinnende Art versagen kann, dass das Publikum in Rührung gerät und dabei weitgehend aufweicht").
Szene aus "Undertainment". Bild: Stephan Floss Mit Thomas Hauerts "Playing with Sergej, Martha and the others" und William Forsythes "Undertainment" sieht Wiebke Hüster in der FAZ gleich zwei Uraufführungen der Dresden Frankfurt Dance Company im Hellerauer Festspielhaus, aber weder Hauert noch Forsythe, der auf Musik und Bühnenbild komplett verzichtet, hauen Hüster wirklich um: "Allein die Tänzer erzeugen mit ihren Körpern räumliche Situationen, Geräusche und Klänge. Sie schnipsen mit den Fingern, blasen die Luft an den Fingern vorbei durch die Lippen, sie schreien unisono wie eine Kampfsportgruppe oder wie eine ganze Yogaklasse beim 'Löwen'. Vogelrufe werden ausgestoßen, man summt, ba-ba-ba-mmt, ba-ba-woppt, pfeift. (…) Die Tänzer machen das alles gut, es sieht alles richtig aus, aber nirgends so wirklich spontan gefühlt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nicht unzufrieden zieht Jakob Hayner in der Welt eine Zwischenbilanz der Wiener Festwochen unter der Leitung von Milo Rau, auch wenn er sich bisweilen fühlt wie auf einem "1980er-Jahre-Friedenskonzert". Für den "Kontrapunkt zum Kitsch" sorgt dann die PhilosophinLea Ypi, die in ihrer "Rede an Europa" kritisiert, "dass sich politische Rhetorik heute nur noch auf Fragen der Zugehörigkeit beschränke. Dem nationalen Wir der Rechten halten die Linken ihr buntes Wir entgegen. Weil die Linke jedoch vergessen habe, über Interessen oder Klassen zu sprechen, besitze sie keine zukunftsweisende Idee, so Ypi... Am mit Israel-Flaggen geschmückten Judenplatz verteidigt Ypi den Universalismus der Aufklärung, wie sie ihn bei jüdischen Intellektuellen wie Gotthold Ephraim Lessing beschrieben findet."
Weitere Artikel: Die Koalition aus CDU und Grünen in NRW hatten eine Erhöhung des Kulturetats um 50 Prozent versprochen, der freien Theaterszene droht allerdings jetzt eine Kürzung um 50 Prozent, berichtet Andreas Wyputta in der taz. In der Berliner Zeitungschreibt Ulrich Seidler den Nachruf auf die Alter von 71 Jahren gestorbene Theater- und Opernregisseurin Konstanze Lauterbach.
Besprochen werden außerdem Peter Konwitschnys 25 Jahre alte Stuttgarter Inszenierung der "Götterdämmerung" am Opernhaus Dortmund (FR), Charlotte Sprengers Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" (taz) und das Will-Quadflieg-Tagebuch "Ich will lieber schweigen" (nachtkritik).
"Der Sandmann" am Schauspiel Frankfurt. Bild: Birgit Hupfeld.
Lilja Rupprecht inszeniert am Schauspiel FrankfurtE. T. A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann": Die "Geschichte über die Angst vor einer Gruselgeschichte" um den psychisch kranken Nathanael und seine Partnerin Clara, die er im Wahn zu töten versucht, weißFR-Kritikerin Judith von Sternburg trotz stellenweiser Harmlosigkeit prinzipiell zu überzeugen, zum Beispiel "mit der Begegnung mit einem manipulativen Betrüger und einer Automate, die durch eine Brille jenes Betrügers für Nathanael zur schönsten Frau der Welt wird. Alle anderen wissen Bescheid, so dass nebenbei noch ein Beschämungsalptraum mitläuft. Für den traumatisierten und retraumatisierten jungen Mann wird das böse enden. Für die glücklichen oder unglücklichen Nachgeborenen wurde 'Der Sandmann' hingegen zur fantastischen Vorschau auf psychotherapeutischen Bedarf und Künstliche Intelligenz. Auch wenn der Holzroboter Olimpia keineswegs intelligent ist. Allen anderen außer Nathanael ist das klar. Darum ist uns die Romantik so unangenehm nahe: Weil sie längst nicht mehr naiv ist, sich aber dennoch willig in alles Unmögliche verwickeln lässt." Eine weitere Besprechung findet sich in der FAZ.
Robert Menasses Roman "Die Erweiterung" kommt im Nationaltheater Mannheim auf die Bühne, inszeniert von Anna-Elisabeth Frick, freut sich Björn Hayer in der taz. Dass die Romanhandlung, die einen möglichen Beitritts Albanien zu EU verhandelt, mit vielen Perspektivwechseln einhergeht, macht die Adaption für die Bühne nicht gerade einfach, was aber vielleicht auch ein ganz treffendes Bild für die Lage der EU ist, deren Staatschef sich auf Kreuzfahrten zu einigen versuchen: "Auf dem Schiff hat sich ein Magen-Darm-Virus ausgebreitet, der die sich erbrechenden Ego-Player dahinrafft. Inmitten sämtlicher umgeworfener Requisiten - vom Spielzeughund mit Wischmoppfell bis zu Holzrosen - liegen die Darsteller:innen am Boden. Treffender könnte man einen Staatenbund im Siechtum gar nicht in Szene setzen. Dazu erklingt kaum hörbar von einer Violine die Europahymne aus Beethovens 9. Sinfonie. Sie, ein Ruf aus einer verschütteten Vergangenheit, verhallt im Nichts. Oder ist sie doch eine leise Melodie der Hoffnung? Es bleibt offen, genauso wie der Ausgang von Menasses Trilogie. Diese furiose Premiere lässt Vorfreude aufkommen auf deren noch nicht erschienenen dritten und letzten Part."
Weiteres: Die nachtkritikliefert einen Überblick über die Wiener Festwochen. Die Berliner Zeitungerinnert sich anlässlich ihrer Jubiläumsausgabe daran, was sich in den letzten 80 Jahren alles auf den Berliner Bühnen abgespielt hat.
Besprochen werden: Florentina Holzingers Inszenierung "A Year Without Summer" an der Berliner Volksbühne (Welt), "The Visitors" auf den Maifestspielen Wiesbaden, inszeniert von Constanza Macras (FR), Philipp Arnold erzählt Mary Shelley neu in "Frankenstein oder Schmutzige Schöpfung" am Volkstheater München (SZ), Armin Petras inszeniert "Tesla, die Spree und der Kirschgarten" mit Motiven aus Tschechows "Kirschgarten" am Staatstheater Cottbus (Nachtkritik).
"Das Ungeheuer singt", staunt FAZ-Kritiker Hubert Spiegel. "Es ist die Klage eines kindlichen Wesens und eines furchterregenden Menschenfressers, halb Mensch, halb Stier, der seines Schicksals müde ist, sich nach Erlösung sehnt und weiß, dass nur der Tod sie bringen kann." Wer da so ergreifend singt, ist der britische Musiker Phil Grainger, der mit Alexander Wright bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen die zweiteilige musikalische Theaterperformance "Half Man / Half Bull" hinlegt: "Es sind Studioprojekte, entstanden, als alle Bühnen in Großbritannien geschlossen waren: zwanzig Songs über zwei antike Mythen auf einem Doppelalbum, das Wright und Grainger zusammen mit Oliver Tilney aufgenommen und zunächst nur über das Internet vertrieben haben. Erst nach dem Ende der Pandemie wurde daraus ein zweistündiger Theaterabend, von vier charismatischen Bühnenperformern dargeboten als höchst eigenwillige, mitreißende und wohl einzigartige Melange aus Schauspiel, Musiktheater, Rap, Sprechgesang und Poesie."
Weitere Artikel: In der nachtkritikberichtet Dorothea Marcus über die Antrittspressekonferenz von Kay Voges am Schauspiel Köln. In der FAZ erinnert Jürgen Kaube an den Verbrecher Jonathan Wild, der heute vor 300 Jahren hingerichtet und von Bertolt Brecht als Peachum in der Dreigroschenoper verewigt wurde.
Besprochen werden außerdem Anna-Elisabeth Fricks Adaption von Robert Menasses Roman "Die Erweiterung" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Florentina Holzingers Choreografie "A Year without Summer" an der Berliner Volksbühne ("Kaum eine Künstlerin sonst trifft aktuell so sehr den Nerv junger Theaterbesucher. Und zwar, weil sie gerade kein zynisches Feuilletontheater macht, sondern eines, das empowert", ist sich taz-Kritikerin Anna Fastabend sicher), Lydia Steiers Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" an der Staatsoper Wien (Standard), Raquel Nevado Ramos' Choreografie "Plié" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR), Peter Quilters Stück "Fisch sucht Fahrrad" in der Frankfurter Komödie (FR), Jetske Mijnssens Inszenierung von Wagners "Parsifal" in Glyndebourne (FAZ) und ein Opernverismo-Abend mit Ruggero Leoncavallos "Pagliacci" und Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" an der Staatsoper München (SZ-Kritiker Helmut Mauró stürzt von einem Gefühlsbad ins nächste - "Das könnte man nur mit schlechterer Musik verhindern").
Deutlich weniger angetan ist Manuel Brug in der Welt nach der Premiere dieses "pornografischenKrankenschwester-Musicals": "Das Holzinger-Theater, es ist eine behäbig kreiselnde Zitaten-Zentrifuge, die alles klein und matschig kriegt. Die aber immer stärker vor allem selbstreferenziell um das eigene Ego kreiselt." In der FAZ vermisst Wiebke Hüster nicht nur eine Dramaturgie dieses Stückes, das irgendwie um Empowerment, Schönheits-OPs und Unsterblichkeitswünsche kreist - sie wundert sich auch: Sich von einem "'Macht kaputt, was euch kaputt macht'-Splatter-Feminismus zu einer Art Harald Welzer oder Richard David Precht des deutschen Tanztheaters zu entwickeln, darin hatten wir Holzingers Zukunft nun nicht unbedingt gesehen." Dorion Weickmann rät Holzinger in der SZ indes dringend zu einer Pause. Weitere Besprechungen in Standard und Tagesspiegel.
Besprochen werden außerdem Silvia Costas "Otello"-Inszenierung an der Oper Stuttgart (FR) und die von Unsuk Chin komponierte und von dem Regiekollektiv Dead Centre inszenierte Oper "Die dunkle Seite des Mondes" an der Hamburger Staatsoper (NZZ).
Für die SZ trifft sich Florian Hassel mit Ihor Tulusow, Generaldirektor der Charkiwer Oper, der zu Kriegsbeginn in das Operngebäude zog und den Betrieb seit 2024 unermüdlich aufrechterhält. Zwar ist der 1500-Zuschauer-Saal für Aufführungen gesperrt, aber "mehrere Stockwerke tiefer haben die Opernleute einen früheren Abstellraum zum Theater umgewandelt. (…) Werke russischer Komponisten, die vorher rund 40 Prozent des Repertoires ausmachten, sind in Charkiw wie auf anderen ukrainischen Bühnen seit einem entsprechenden Gesetz vom Juni 2022 tabu. Kein Tschaikowski, kein Rachmaninow, kein Rimski-Korsakow mehr. Stattdessen kommen die ukrainische Nationaloper 'Natalka Poltawka' oder von westlichen Komponisten stammende Evergreens wie 'Tosca', 'La Traviata' oder die 'Zauberflöte' zur Aufführung - wenn auch meist nur ausschnittsweise, denn oft fehlen passende Sänger oder männliche Tänzer ..."
Weitere Artikel: In der nachtkritiksendet der Regisseur Johannes Müller, derzeit Fellow im Thomas-Mann-Haus in Los Angeles, einen Theaterbrief aus den USA, in dem er schildert, wie die Theater versuchen, sich gegen Trumps geplante Streichungen des National Endowment for the Arts (NEA) und die verschärften Förderrichtlinien zur Wehr zu setzen. In der FAZ berichtet Frauke Steffens derweil, dass die Mitarbeiter des Kennedy Centers, dessen Vorstand Trump umbauen und sich zum Vorstand wählen ließ (unser Resümee), eine Gewerkschaft gründen wollen. Im Tagesspiegelbilanziert Rüdiger Schaper sehr zufrieden das Berliner Theatertreffen.
Besprochen werden Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Skandalstück "Burgtheater" am Wiener Burgtheater (Zeit, mehr hier), die von Rugile Bardziukaite inszenierte litauische Supermarktkassen-Oper "Have a Good Day!" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR) und Inszenierungen des Oratoriums "Solomon" und der Oper "Tamerlano" bei den Händel-Festspielen in Göttingen (FAZ).