Keine Frage, Grigorovich hat Spuren in der Geschichte der Tanzkunst hinterlassen, meint Dorion Weickmann in der SZ. Aber er hatte in gut drei Jahrzehnten am Bolschoi eben auch "Zeit genug, jeden nur denkbaren Fauxpas zu begehen: falsche Tänzer zu promovieren, öde Ballettschinken zu produzieren und daneben rundum für Furcht und Stagnation zu sorgen." In der FAZ erinnert Wiebke Hüster an Grigorovich.
Außerdem: Merle Kralfeld unterhält sich auf van mit Annina Machaz, die in Florentina Holzingers "Sancta" auf der Bühne steht. Die Berliner Bühnen sind Spitzenklasse, freut sich Rüdiger Schaper im Tagesspiegel anlässlich eines Rückblicks aufs Theatertreffen. Patricia Kornfeld befragt auf nachtkritik den Schauspieler Matthias Leja über seine Rolle in Dea Lohrers "Frau Yamamoto ist noch da". Ebenfalls für die nachtkritikmacht sich Atif Mohammed Nour Hussein Gedanken über Adornos Text "Jene Zwanziger Jahre" und dessen Aktualität unter anderem für theaterpolitische Debatten. Bojan Budisavljevic schreibt auf nmz über die Zwischenspielzeit 2025/26 an der Deutschen Oper Berlin.
Besprochen werden eine Bühnenversion von Annie Ernaux' "Die Jahre" am Thalia Theater Hamburg (FAZ, "Bei Ernaux sprechen die Dinge, bei Jette Steckel dagegen plappern sie so vor sich hin"), die Uraufführung von Unsuk Chins Oper "Die dunkle Seite des Mondes" an der Staatsoper Hamburg (FAZ, "Von Zauber, Poesie oder Anlass zur Ergriffenheit ist an diesem Abend aber keine Spur", Anno Schreiers Oper "Die blaue Sau" am Theater Bonn (nmz, "ein großer Spaß", auch wenn die Handlung etwas arg sprunghaft geraten ist) und Johann Adolph Hasses Oper "Serpentes ignei in deserto" an der Berliner Philharmonie (BZ, "musikalisch reichhaltig und differenziert gegliedert").
Szene aus "Burgtheater". Foto: Tommy Hetzel. "Was für ein Trio infernal!" ruftNachtkritiker Reinhard Kriechbaum angesichts der Stars, die er in Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Burgtheater" ebendort zu sehen bekommt. Vierzig Jahre durfte das Stück über die Nazi-Verwicklungen der Hörbiger-Familie nicht aufgeführt werden (unser Resümee), nun treten bei Rau "Birgit Minichmayr als Paula Wessely, Caroline Peters als Attila Hörbiger und Mavie Hörbiger als Paul Hörbiger (ihr Großvater) auf. (...) Milo Rau lässt die Jelinek-Abschnitte, die gut die Hälfte der Spieldauer ausmachen, quasi als Satyrspiele ablaufen, in extrem schrillem Ton, mit krasser Outrage, meilenweit über die Grenzen bloß karikierender Überhöhung hinaus." Nicht nur hier geht Rau dem Kritiker ein bisschen zu weit - der Regisseur hat so viele verschiedenen Elemente und Themen in diese "Posse mit Gesang" gepackt, dass Kriechbaum geradzu "nach Luft japsen" muss und im "übervollen Wimmelbild" den roten Faden sucht.
Jürgen Kaube sieht es in der FAZ ähnlich, auch die moralisierenden Anekdoten hätte es für ihn nicht gebraucht. Vielleicht hätte sich Rau auf seine tollen Schauspieler verlassen sollen: "Wenn Minichmayr einen Filmmonolog der Wessely voll nationalen Sirups und einen ihrer Nachkriegsauftritte als Jüdin in 'Der Engel mit der Posaune' (1948) nachspricht, hält man den Atem an ob der perfekten mimischen Nachahmung von verlogenem Pathos. Doch das ist Schauspielertheater und genügt dem Regisseur nicht. Den Hörbigers wird vorgeworfen, die nationalsozialistischen Emotionen in die Herzen ihrer Zuschauer hineingespielt zu haben: Aufputschmittel und Valium fürs Volk. Er selbst will dasselbe mit dem Antifaschismus tun. Dem Spiel selbst traut er diese Wirkung aber nicht zu, weswegen von der Bühne herab gepredigt werden muss." In der SZ enthält sich Egbert Tholl einer eindeutigen Wertung, freut sich aber über "faszinierende, ruhige Momente", wenn es mal nicht drunter und drüber geht. In der tazbespricht Uwe Mattheis das Stück, in der NZZschreibt Bernd Noack.
Besprochen werden Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Wagners "Parsifal" an der Oper Frankfurt (FAZ), Unsuk Chins Musiktheater "Die dunkle Seite des Mondes" als Abschiedsvorstellung des Generalmusikdirektors Kent Nagano an der Staatsoper Hamburg (SZ, Welt), Karsten Wiegands Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" Staatstheater Darmstadt (FR) und Lukas Bärfuss' Inszenierung seines Ein-Mann-Stückes "Sex mit Ted Cruz" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ).
Gebannt verfolgtNachtkritiker Tim Schomacker Jette Steckels Inszenierung von Annie Ernauxs "Die Jahre" am Thalia Theater. Ein "Schauspieler- und Schauspielerinnen-Septett" erzählt Ernauxs Geschichte davon, als Frau in Frankreich aufzuwachsen und von der Schwierigkeit, ein eigenes Selbst auszubilden: "Jette Steckels von einer schier unerschöpflichen Vielzahl an Mikroideen, Rand- und Nebengesten gespickte Bühnenfassung präsentiert uns Ernaux' Ich-Text, der vor lauter konkreter Verallgemeinerung ungern Ich sagen möchte, fast als eine Art Maschine. (…) So entsteht ein trauriger Maschinenraum, der die weibliche Gemeinschaftsfigur immer wieder an ihrer eigenen Originalität zweifeln lässt, so sehr wird 'sie' von den Repräsentanten von 'Gesellschaft' unter Kuratell und Regelwerk, unter Beobachtung und Erwartung gestellt."
Obwohl Barbara Bürk die psychologischen Tiefen von Henrik Ibsens "Frau vom Meer" in ihrer Inszenierung am Schauspiel Frankfurt eher links liegen lässt, ist Judith von Sternburg in der FR ziemlich zufrieden mit dieser Neuauflage des Stücks. Es geht um eine "Undine-hafte Frau, die durch eine alte Verlobungsgeschichte mit einem Fliegender-Holländer-haften Mann in ihrer Ehe mit einem braven Witwer und Vater zweier Mädchen nicht heimisch und glücklich werden kann." Das Stück wird inszeniert "mit so einer Zärtlichkeit dem Stoff und den Figuren gegenüber, dass es in den Kammerspielen ein besonderer Abend wird. (…) Bürks Zärtlichkeit: Sie schickt das Ensemble als skurriles Trüppchen auf die kleine Bühne, die älteren Figuren sind peinlich, die jüngeren sind unglücklich. Aber es sind doch Menschen."
Elisabeth Orth ist tot: Ronald Pohl trauert im Standard um die Großmeisterin des Wiener Burgtheaters, die aus der Schauspieldynastie Hörbiger kommt. Nicht nur an ihre Schauspielkunst, sondern auch an ihre Haltung erinnert Pohl: "Mit wenigen, kräftigen Strichen baute sie Figuren wie aus dem Nichts. Sie widerstand der überwältigenden Übermacht des Unglücks, etwa als Julie in Büchners Dantons Tod (1982, unter Achim Benning). Sie verkörperte grundsätzlich Widerstandsgeister. Orth half als Schauspielerin mit beim Zerstören von Illusionen, allen voran derjenigen, dass Österreich das erste 'Opfer' des Nazi-Terrors gewesen sei. Noch eine Grille verscheuchte sie: dass Schauspieler, überhaupt darstellende Künstler, allen Fragen der Moral enthoben seien. Dass ihre Eltern an netten Komödien mitgewirkt hätten, nur um die Menschen den Alltag in der Diktatur vergessen zu lassen. Bis an ihr Lebensende trat Orth ein für die Anerkennung jener Verantwortung, die auch Mitläufer zu tragen haben." Weitere Nachrufe bei Zeit Online, in der SZ und in der FR.
Weiteres: Peter Laudenbach zeigt sich in der SZ vergleichsweise unterwältigt vom diesjährigen Berliner Theatertreffen.
Besprochen werden: Giacomo Puccinis "Turandot" inszeniert von Gianluca Falaschi am Staatstheater Mainz (FR), "Anne Sophie Melita - Stimmen" vom Ensemble Kortmann & Konsorten in den Landungsbrücken Frankfurt (FR), "Sew Me to Your Pillow, Maman" von Raha und Ala Dehghani Vinicheh im Frankfurter Mousonturm (FR), "Das Letzte Jahr" vom Performanceduo Signa bei den Wiener Festwochen (Nachtkritik, Standard), Shakespeares "Der Sturm" am Staatstheater Braunschweig in einer Version von Sharon Dodua Otoo, inszeniert von Dagmar Schlingmann (Nachtkritik), Shakespeares "Romeo und Julia" inszeniert von Elsa-Sophie Jach am Münchner Residenztheater (SZ) und Robert Carsens Inszenierung von "Oedipus in Kolonos" und Roberto Andòs "Elektra" im Amphitheater Syrakus (FAZ).
"Aufgeben ist keine Option", hält Anna Fastabend (taz) angesichts der Kürzungen des Berliner Kulturbudgets fest, nachdem sie beim 62. Berliner Theatertreffen feststellen kann, mit welcher Aktualität und Relevanz sich das Theater auch gegen den Vorwurf behauptet, man betreibe nur Nabelschau des eigenen Milieus: "Das mag zwar hier und da zutreffen, möchte man erwidern, aber nicht nur die 62. Ausgabe dieser wichtigen Werkschau für die darstellenden Künste bemüht sich um einen jüngeren, diversen Anstrich, indem sie Nachwuchstalente aus Paraguay, Tel Aviv oder Kyjiw einlädt." Für die FAS trifft sich Julia Encke mit Mavie Hörbiger, die in Milo Raus Inszenierung des in Österreich 40 Jahre gesperrten Jelinek-Stücks "Burgtheater" über die NS-Verstrickungen des Hörbiger-Clans am Burgtheater auf der Bühne stehen wird. Ebenfalls in der FAS denkt Katja Petrowskaja in der Bild der Woche-Kolumne über Romeo Castelluccis Inszenierung von Pergolesis "Stabat Mater" in Genf nach.
Besprochen werden Annalisa Enghebens Theatermonolog "Ich bei Tag und du bei Nacht in der Konditorei 'Patisserie Chaim Soutine' nach Josef Winkler am Stadttheater Klagenfurt (Standard) und Roberto Andòs Inszenierung der "Elektra" des Sophokles sowie Robert Carsens Inszenierung von "Oedipus in Kolonos" bei den Festspielen in Syrakus (FAZ).
Im Jahr 1985 veröffentlichte Elfriede Jelinek ihr Stück "Burgtheater", in dem sie die NS-Verstrickungen des Hörbiger-Clans offenlegte, fortan wurde sie in Österreich geschmäht und als "Nestbeschmutzerin" beschimpft, erinnert Verena Mayer in der SZ. Vierzig Jahre später hat Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, das Stück zunächst als Lesung, dann als Boulevard-Komödie mit Birgit Minichmayr in der Hauptrolle auf die Bühne des Burgtheaters gebracht. Warum gerade jetzt, erklärt er Mayer im Gespräch: "Weil man gerade 80 Jahre Kriegsende begehe und das Stück davon handle, 'inwieweit man in Österreich verstanden hat, was in der Vergangenheit passiert ist: Krieg, Mitläufertum und Holocaust'. Und wie es sein könne, 'dass man nach dieser Erfahrung eine extrem rechte Parteidie Mehrheit erobern lässt'. Zwar werde in Österreich vieles auf einer symbolisch-rhetorischen Ebene verarbeitet, sagt Rau, 'aber eine tiefere Verständnisschicht wird dabei nicht berührt'."
Weitere Artikel: Am Sonntag feiert Wagners "Parsifal", inszeniert von der Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender und dirigiert von Thomas Guggeis, an der Frankfurter Oper Premiere, für die FRspricht Judith von Sternburg mit den beiden über ihre erste Begegnung mit Wagners letzter Oper. Die nachtkritik führt ihren Liveblog zum Berliner Theatertreffen 2025 fort. In der FAZ berichtet Wiebke Hüster vom inzwischen dritten Brief an Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, in dem nun Ensemblemitglieder des Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg ihre Kollegen am Hamburger Ballett bei ihren Beschwerden über den neuen Ballettdirektor Demis Volpi unterstützen. Im Standardporträtiert Margarete Affenzeller das dänisch-österreichische Duo Signa und Arthur Köstler, das bei den Wiener Festwochen ihr Stück "Das letzte Jahr" zeigt.
Besprochen werden Anne Lenks Inszenierung von Ernst Tollers Kriegsheimkehrer-Drama "Hinkemann" am Deutschen Theater in Berlin (Welt), Marco Moraus Choreografie "Notte Morricone", getanzt von der italienischen Company Aterballetto bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR) und die Produktion "Kindheiten" des Kollektivs vorschlag:hammer am Berliner Ballhaus Ost (nachtkritik).
In der FAZ resümiert Wiebke Hüster den Streit um den Musikalischen Direktor des Stuttgarter Balletts Mikhail Agrest, dessen Vertrag nicht verlängert wird, was das Ballett fünfzigtausend Euro kostet. In der NZZ schaut Christian Wildhagen den ESC-Kontest aus der Sicht eines Opernkritikers.
Staatsschauspiel Dresden: Peer Gynt. Foto: Sebastian Hoppe Elena Philipp berichtet auf nachtkritik vom Theaterfestival "Augenblick mal!", das Produktionen für Kinder und Jugendliche produziert. Toll ist die Vielfalt, in der sich das junge Theater hier in Berlin zeigt. Besonders gelungen findet Philipp unter anderem eine "Peer Gynt"-Inszenierung der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden: "Ibsens Peer Gynt, der sich selbst sucht und doch nicht finden kann, wird bei Joanna Praml und ihrem jugendlichen Ensemble als Figur aktualisiert: zu einer jungen Person, die gerne in den Sozialen Medien ankommen möchte, zugleich aber die hohlen Personae der Influencer durchschaut und die Einsamkeit zwischen den Dopamin-Höhenflügen fürchtet. Wobei: Alle zehn Mitwirkenden sind Peer Gynt, alle wollen sie die Hauptrolle spielen und fighten auf offener Bühne erst einmal um ihren Platz im Ensemble. Form und Inhalt sind aufs engste verschränkt: Peer Samuelsson wedelt mit einem Pass - er ist der richtige Peer, trägt er doch den selben Vornamen; und Norwegisch spricht er auch."
Michael Stallknecht ist in der NZZziemlich überzeugt davon, wie Romeo Castellucci am Grand Théâtre de Genève Pergolesis "Stabat Mater" auf die Bühne bringt. Besonders gut machen ihre Sache die beiden Solisten, Sopranistin Barbara Hannigan, die außerdem als Dirigentin fungiert, und der Counter-Tenor Józef Orliński. Die beiden "gehen durchaus unterschiedlich an Pergolesis Musik heran: Hannigan vertieft sich fast veristisch in die Schmerzen Marias, lässt Konsonanten knattern, bohrt sich in Spitzentöne hinein, führt die Stimme auch in extreme Piano-Regionen, in verhauchte Klänge. Orliński wählt feinere Mittel, arbeitet mit abschattierten Vokalfarben und subtil geschärften Intonationstrübungen, verlässt sich daneben aber vor allem auf den Klang seiner Stimme, einer der schönsten Counterstimmen der Gegenwart."
Weitere Artikel: Ester Slevogt denkt auf nachtkritik darüber nach, welchen Tonfall Kulturschaffende bei ihren Protesten gegen Budgetkürzungen anschlagen sollten. Intendanten sollten dem Opernpublikum auch ideologisch fragwürdige Stoffe zumuten, findet Holger Noltze auf van.
Besprochen werden Schuberts "Winterreise" in der Choreographie Christian Spucks am Staatsballett Berlin (taz, "schön anzusehen ..., aber dann doch auch etwas einseitig und konventionell") und eine Bühnenfassung von Heinz Strunks Roman "Sommer in Niendorf" am Hamburger Schauspielhaus (taz, "Das Monströse der Hauptfigur und die Substanz des Buches bleiben ... auf der Strecke") und eine Inszenierung von Antonio Vivaldis "Griselda" am Königlichen Theater Kopenhagen (die FAZ hebt in einer ansonsten ambivalenten Besprechung die hervorragende Arbeit des Dirigenten Lars Ulrik Mortensen hervor).
Szene aus "Drei Winter" am Theater Osnabrück. Foto: Joseph Ruben. In "vielstimmigen Wimmelbildern puren Lebens" erlebt taz-Kritiker Jens Fischer in Kathrin Mayrs Inszenierung von Tena Štivičićs Stück "Drei Winter" am Theater Osnabrück die Geschichte Kroatiens. Und zwar als "stimmungs- wie humorvolles und emotionssattes" Familienepos: "Ein Szenenreigen der Streitereien - zwischen Generationen, Geschlechtern sowie werdenden, scheidenden und nicht zusammenkommenden Paaren. Wobei offenbar wird, dass die Konflikte häufig auf unterschiedlichen Erlebnissen in unterschiedlichen Gesellschaftsformen beruhen (...) Die Beziehung von Einst und Jetzt verdeutlichen Szenen aus drei politischen Wendejahren Kroatiens. 1945: Die im 2. Weltkrieg Traumatisierten gehen als glühende Kommunisten an den neuen Aufbau Jugoslawiens. 1990: Rosa wird begraben und der durch den Titoismus sozialisierte Nachwuchs traumatisiert vom eskalierenden Nationalismus, dem Zerfall Jugoslawiens und dem Balkankrieg. 2011: Die Jüngsten docken mit dem Beginn der EU-Beitritt-Verhandlungen Kroatiens als Täter und Opfer vollends an den globalisierten Kapitalismus an."
Besprochen wird Jessica Glauses Adaption von Saša Stanišićs Roman "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" am Theater Freiburg (taz), Lucien Haugs Adaption von Olga Tokarczuks Roman "Empusion" am Theater Basel (NZZ) und die One-Man-Show "Zack. Eine Sinfonie" mit Wolfram Koch bei den Ruhrfestspielen (FAZ).
Carl Hegemann ist tot: Der "führende Kopf der Volksbühne", wie Christine Dössel ihn in der SZ nennt, wurde 1949 in Paderborn geboren, hat Philosophie und Soziologie studiert und ist dann zum Theater gekommen, wo er unter anderem mit Frank Castorf und Christoph Schlingensief eng zusammengearbeitet hat. Dössel hat an ihm geschätzt, "dass man ihn jederzeit zu einem Thema aus dem Bereich Theater und Kunst anrufen konnte, und sogleich sprudelte er drauflos, geistreich, klug, begeistert. Er zückte Hilfreiches aus seinem reichen Wissensfundus und anekdotisch Funkelndes aus seinem Erfahrungsschatz, holte aus, schweifte ab. Er war dabei immer lustig, freundlich und persönlich." Jakob Hayner fügt in der Welt zu seiner Arbeitsweise an: "Er ließ die Tradition des Geistigen lebendig werden und mit der Gegenwart zusammentreffen. Als Dramaturg war er kein stiller Zuarbeiter der Regie, sondern die Instanz, die über das Verhältnis von Theater und Welt, von Realität und Schönheit Auskunft zu geben hatte. Und das konnte manchmal dauern, war jedoch stets erkenntnisreich." Peter Kümmel erinnert in der Zeit an einen Mann, für den das Theater ganz selbstverständlicher Teil des (öffentlichen) Lebens war: "Den Dramaturgen, den Theatermann, den listigen In-Theaterfoyers-Herumsteher und Das-Kunstbiotop-Beäuger spielte er mit Genuss. Er wollte, dass das Theater ein 'organischer Teil der Stadtentwicklung' ist. In seinen Worten: 'Wenn die Stadt Berlin eine Theaterstadt ist, dann gibt es keinen Grund, warum hier nur Architekten bauen, im Monumental-Stil oder im Adlon-Stil. Dann müssen auch Bühnenbildner in der Stadt wirken.'" Weitere Nachrufe im Tagesspiegel, in der Nachtkritik, der FAZ, der FR und der Taz.
"Le Petit Pauvre d'Assisi." Foto: Jochen Quast.
Dass der Intendant Kay Metzger und sein Generalmusikdirektor Felix Bender Charles Tournemires Oper "Le Petit Pauvre d'Assisi" 86 Jahre nach ihrer Fertigstellung am Theater Ulm uraufführen, ist für FAZ-Kritiker Jan Brachmann nicht weniger als ein "Wunder": Die Geschichte von Franz von Assisi erzählt Tournemire mit Texten von Joséphin Péladan "franziskanisch in der Ästhetik durch und durch, karg, konzentriert, zart, aber von glühender Radikalität. Dass ein Werk von solcher Eindringlichkeit mehr als vier Generationen verschütt bleiben konnte, ist schwer zu erklären, vielleicht durch den baldigen Tod des Autors, den Rezeptionsabbruch des Zweiten Weltkriegs und den Lärm der Nachkriegsavantgarden, die jeden Blick zurück ästhetisch kriminalisierten (…) Die syllabischen, leichtfüßigen Dialoge werden von Bender und dem Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm gleichsam getupft grundiert. Aber in den Verwandlungsmusiken kann sich die hymnische Gewalt Tournemires entfalten, die trotzdem vor sensuellem Kitsch und spiritueller Pornographie einer parfümierten Boudoir-Symphonik zurückschreckt. Mit zarten, aller funktionsharmonischen Erklärbarkeit entrückten Streicherakkorden nach dem Tod des Heiligen, die gleichermaßen kühn wie taktvoll nur andeuten, was wir nicht wissen können, endet die Oper so berührend wie verstörend." Weitere Besprechung in der Neuen Musikzeitung.
Besprochen wird außerdem CathyMarstons neuer Ballettabend "Countertime" am Opernhaus Zürich (NZZ).
Szene aus "Collateral Damage" am Schauspiel Köln. Foto: Ivan Kravtsov. Ein "rasanter kleiner Thriller mit Anflügen von 'Succession'" ist Yael Ronen mit ihrem Stück "Collateral Damage" am Schauspiel Köln gelungen, nickt SZ-Kritiker Alexander Menden. Mit ihrer Story um eine Familie, die berät, wie sie mit dem problematischen Erbe (einem in einem schmutzigen Deal erworbenen Goya-Gemälde) des sterbenden Vaters umgehen soll, hat sich Ronen ziemlich viel auf einmal vorgenommen, findet Menden. Aber es funktioniert größtenteils hervorragend, vor allem, weil Ronen "einfach mal die Aristotelischen Einheiten von Zeit, Raum und Handlung einhält". "Dass sich dieses moralische Ringen vor dem Hintergrund diverser angedeuteter kataklysmischer Ereignisse im ganzen Land, ja: der Welt abspielt, verleiht ihm nicht nur Dringlichkeit. Es wird dadurch auch zu einem Sinnbild der Auflösung von Sicherheiten und Gewissheiten der Protagonisten. Das kann nur apokalyptisch enden. Der titelgebende Kollateralschaden sind am Ende aber weniger das Gemälde oder irgendwelche anderen materiellen Dinge, sondern jeder ethische Anspruch, den die Figuren jemals an sich selbst gestellt haben mögen."
Weiteres: nachtkritikveröffentlicht "Shorties" (kurze Besprechungen) zum Berliner Theatertreffen, unter anderem zu Florentina Holzingers "Sancta". Besprochen werden Charlotte Sofia Garraways Inszenierung von "Handbuch gegen den Krieg" nach dem Essay von Marlene Streeruwitz am Theater Hof (nachtkritik), Sara Ostertags Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Angabe der Person" am Landestheater St. Pölten (nachtkritik), Johannes Pölzgutters Inszenierung von Jüri Reinveres Oper "Peer Gynt" an der Oper Bremerhaven (FAZ) und Lies Pauwels Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" an den Münchner Kammerspielen (FAZ).