"Wallenstein" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic. Schillers "Wallenstein", inszeniert an den Münchner Kammerspielen von Jan-Christoph Gockel, beschert SZ-Kritiker Egbert Tholl fünfeinhalb Stunden "reines, wunderschönes Theaterglück". Die Geschichte des Feldherrn, der nicht weiß, wann es genug ist mit dem Krieg, wird ergänzt um Erzählstränge, die Wallenstein mit dem Söldner-Führer Jewgenij Prigoschin parallel setzen. Gespielt wird Wallenstein von Samuel Koch: "Seine Sprachbehandlung ist ein Ereignis. Er denkt jeden Schiller-Satz bis zur äußersten Konsequenz, neben Annette Paulmann ist er darin aber auch der Einzige an diesem Abend. Im Rollstuhl sitzend vermittelt Koch die Not des Feldherrn, sein Grübeln, Zaudern und Zögern (…) Der schönste Moment ist Wallensteins Traum. Ein kleines Figürchen, geführt vom genialen Puppenspieler Michael Pietsch, hüpft über die Bühne, man sieht es groß, wie vieles hier, auf zwei Bildschirmen, es hüpft zu Samuel Koch, erweckt ihn liebevoll aus dem Schlaf. Und unendlich zärtlich richtet Pietsch den Schauspieler auf. Reiner Zauber."
Auch Nachtkritikerin Susanne Greiner hält Koch für eine "geniale Besetzung", die der Regisseur kongenial nutzt: "Seine Lähmung nutzt Gockel als Sinnbild eines Mannes, dessen Willen durch seine Söldner realisiert wird. Und Gockel dreht dieses Verhältnis noch weiter. Buttler, der Wallenstein töten wird, wird von Kochs persönlichem Assistenten Daniel Hascher gespielt. Ein jeder ist hier in der Hand des anderen, ausgeliefert. Warum vertraut man einem Menschen sein Leben an? Die Antwort findet Max Piccolomini, wunderbar begeisterungsfähig von Annika Neugart gespielt, in der Stimme seines Herzens. Koch formuliert das als 'Chemie, die stimmen muss'."
Weiteres: Nikolaus Bernau geht im Tagesspiegel auf Spurensuche, welche (NS-)Geschichte das Geld von Klaus-Michael Kühne mitbringt, der in Hamburg einen neuen Opernbau sponsern will.
Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von "Hamlet" mit Texten von Heiner Müller, das Schauspielhaus Hamburg eröffnet damit die Spielzeit (FAZ, SZ, ZEIT, Nachtkritik), Ella Rothschilds "Wounds of Autumn", das vom dänischen Kammerballetten im Festspielhaus Baden-Baden getanzt wird (FAZ), Johann Strauss' "Die Fledermaus", inszeniert von Stefan Herheim am Theater an der Wien (FAZ, Standard), das von Axel Schneider geschriebene und inszenierte Stück "Nächstes Jahr Bornplatzsynagoge" an den Hamburger Kammerspielen (taz), Raphaela Bardutzkys "74 Minuten" am Staatstheater Nürnberg, inszeniert von Hannah Frauenrath (Nachtkritik), Ludger Vollmers und Jenny Erpenbecks Opern-Adaption von Werner Bräunigs Roman "Rummelplatz" am Theater Chemnitz, inszeniert von Frank Hilbrich (FR) und Christian Thielemanns Eröffnung der Saison an der Staatsoper Unter den Linden mit Wagners "Ring des Nibelungen" (Berliner Zeitung, Tagesspiegel).
Szene aus "Das Rote Haus". Foto: Thomas Aurin Ersan Mondtag eröffnet die neue Saison am Gorki Theater mit "Das Rote Haus": Der Titel bezieht sich auf jenes Gebäude in der Kreuzberger Stresemannstraße, das von der Firma Telefunken seit den 1960er Jahren als Wohnheim für migrantische Arbeiterinnen genutzt wurde, verrät uns Christine Wahl im Tagesspiegel. Und die Inszenierung will nicht weniger als die Lebenswege der Frauen nachzeichnen, verdichtet in fünf Charakteren - angereichert mit Motiven aus Romanen von Emine Sevgi Özdamar, die selbst dort lebte. Und das gelingt prächtig, staunt Wahl: "In animierten scherenschnittartigen Schwarzweiß-Bildern auf einen Gaze-Vorhang projiziert, rasen die Lebens- und Familienhintergründe der Arbeiterinnen vorbei. Ein antiquierter Fernseher spuckt in regelmäßigen Abständen einen üblen Sound aus Nachrichten, Politikerreden und Ressentiments aus, die sich durch die Jahrzehnte hindurch bis in die Gegenwart ziehen."
Anders sieht das Nachtkritikerin Elena Philipp: "'Das Rote Haus' ist ein Clash der ästhetischen Kulturen: Mondtags Handschrift - düstere Kulissen und schummriges Licht; reduzierte Sprache, geisterhaft verfremdet durch Mikroports; ein von Gewalt und Traumata gesteuerter Wiederholungszwang, der sich hier nur andeutet -, steht Genres wie Horror und Mystery nahe. Das passt nicht zu Emine Sevgi Özdamars dem Alltag abgelauschter Prosa, deren sprachspielerischer Humor mit seinen (selbst-)ironisch tänzelnden Beobachtungen eher dem Geist der Nouvelle Vague entspricht."
Szene aus "Hamlet". Foto: Just Loomis Nicht weniger als ein "überbordendes Fest des Theaters in unsicheren Zeiten" erlebtNachtkritiker Stefan Forth am Hamburger Schauspielhaus, wo Frank Castorf Shakespeares "Hamlet" mit allerhand Verweisen auf Heiner Müller, Antonin Artaud und Dante anreichert, um in über sechs Stunden von den "Ruinen Europas" zu erzählen. Castorf "schlägt mit Heiner Müllers Hilfe Bögen von der Antike bis nach Auschwitz, vom Kommunismus in den Kapitalismus, vom Ersten Weltkrieg bis zur Angst vor einem dritten. Konsequenterweise hat Aleksandar Denić gleich auch noch einen kleinen Atombunker auf die wirkmächtig gestaltete Bühne gebaut. … Wie soll an diesem Ort des Misstrauens so etwas wie Liebe möglich sein?"
Besprochen werden außerdem das Stück "Radikal jung" der Theatergruppe Polyformers im Berliner Theater unterm Dach (SZ) der Abend "Claire Waldoff: anders als die andern" von Ulrike Kinbach in der Volksbühne im Großen Hirschgraben, Frankfurt (FR) und Susanne Kennedys und Markus Selgs Inszenierung von Wagners Parsifal am Theater in Gent (FAZ).
Szene aus "Die Ermittlung". Foto: Ingrid Hertfelder Sechzig Jahre nach der Uraufführung wurde im Stuttgarter Landtag noch einmal Peter Weiss' dokumentarisches Stück "Die Ermittlung" über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse gezeigt - und die TheaterkritikerInnen verneigen sich vor der Regie von Burkhard C. Kosminski, der ganz auf Effekthascherei verzichtet. Es ist ein Kunststück, wie er das Spiel austariert, lobt Judith von Sternburg in der FR: "Einerseits spröde, ohne den Versuch einer Nachempfindung, die hier immer eine Spielfilmidisierung wäre, andererseits aber kein Vortrag, kein Deklamieren. Hier eine kleine Geste oder ein Augenblick der Verzweiflung, da ein regionaler Anklang, die Angeklagten nicht höhnisch lachend, aber doch minimalistisch feixend. Es gelang, sowohl eine Nähe herzustellen, Menschen zu zeigen, sich aber nichts von dem Leid anzueignen. In einer grauenhaften Situation muss man das dennoch feinsinnig nennen."
Ähnlich urteilt Egbert Tholl in der SZ, der das Stück in allen sechzehn deutschen Landtagen aufgeführt sehen möchte. Gerade die Schauspieler beeindrucken ihn: "Alle, die hier sprechen, vermeiden Pathos und Emotion, sprechen klar, sachlich, erschütternd objektiv. ... Im Frankfurter Prozess ging es nicht nur um die konkreten Täter, um die Blockführer, Ärzte, den Adjutanten des Lagerkommandanten, es ging auch um die Gesellschaft, in der deren Taten möglich waren." In der tazurteilt Björn Hayer: "Man hat großes Theater erlebt, durchaus. Aber eben auch ein Requiem, das einen noch lange danach schaudern lässt." Nachtkritiker Thomas Rothschild hebt die Aktualität der Inszenierung hervor, denn: "Wer hätte es in den sechziger Jahren für möglich gehalten, dass 'Argumente', die den Nationalsozialismus und die massenhafte systematische Ermordung von Juden relativieren, in Deutschland irgendwann einmal zwar nicht mehrheitsfähig, aber doch wieder geäußert und geduldet werden könnten?"
Mit dem Mega-Spektakel "Jesus Christ Superstar" von Andrew Lloyd Webber eröffnete die Komische Oper im Tempelhofer Flughafen ihre aktuelle Saison, veranschlagt wurden 3,4 Millionen Euro Gesamtausgaben für die Produktion - das Geld stammt unter anderem aus dem sogenannten "Migrationsetat" von jährlich 3,26 Millionen Euro, weiß Hartmut Welscher bei VAN. Gedacht war der Etat eigentlich für die Mietkosten im Schillertheater, aber: "Tatsächlich fließt der Großteil des Migrationsetats aber nicht in das Schillertheater, sondern die sogenannten Außenspielstätten, allen voran die Großproduktionen im Tempelhofer Flughafen: Laut aktueller Vereinbarung zwischen Bauverwaltung und Oper vom März 2023, die VAN vorliegt, werden jährlich fast 3 Millionen Euro, und damit über 90 Prozent des gesamten Migrationsetats, für Miete, Betriebskosten und Instandsetzung der Außenspielstätten verwendet. Demgegenüber stehen nur etwa 280.000 Euro für die Bereiche, für die der Etat offiziell veranschlagt wird: Zusatzlager, Transport- und Logistikkosten im Schillertheater."
Weitere Artikel: In der Zeit singt Florian Zinnecker ein Loblied auf Tobias Kratzer, der mit Robert Schumanns Oratorium "Das Paradies und die Peri" seine Intendanz an der Hamburgischen Staatsoper eröffnet. Backstage Classicalveröffentlicht indes die Eröffnungsrede, die Elfriede Jelinek zur Eröffnung der Hamburger Opernsaison hielt und in der sie eine "neue Ära" unter Tobias Kratzer beschwört.
Besprochen werden außerdem das Stück "The Rocky Horror Drag Show", das das RambaZamba Theater in Berlin präsentiert (taz) und Julia Huebners Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache" am Stadttheater Hagen (FAZ).
Über Barrie Koskys Kafka-Collage "K.", die am Berliner Ensemble zu sehen ist, war an dieser Stelle bereits gestern jede Menge zu lesen. Noch nicht allzu viel allerdings über die Darstellerin der Titelrolle: Kathrin Wehlisch brilliert als Josef K., jubelt heute in der SZ Peter Laudenbach: "Das Tolle an Wehlischs Spiel ist, wie sie gleichzeitig wie Chaplin und mit dessen Tempo, Melancholie und Charme als ein von den Zahnrädern der Macht zerquetschtes, wehrloses Wesen um ihr Leben zappelt und kämpft. Über das, was ihrer Figur zustößt, staunt sie fassungslos - und grundiert das alles mit trockener Komik. Dabei behält ihr Spiel eine atemberaubende Leichtigkeit, als wäre das alles ein Tanz, auch wenn es ein Tanz über dem Abgrund ist."
Weitere Artikel: Sebastian Frenzel unterhält sich auf monopol mit Shermin Langhoff, die nach der laufenden Saison als Indendantin des Maxim Gorki Theaters abtritt. Dominik Straub berichtet in der FR über Proteste gegen die Ernennung Beatrice Venezis zur Leiterin des venezianischen Theaters La Fenice (siehe auch hier): Venezi gilt als Vertraute Giorgia Melonis mit entsprechendem Rechtsdrall.
Besprochen werden Ludger Vollmers "Rummelplatz"-Inszenierung an der Oper Chemnitz (nmz; "ein fabelhaftes ... Ensemble, ... allesamt in Hochform und sozusagen mit dem Herzen dabei"), Susan Kennedys "Parsifal" an der Oper Gent (van; "wunderbar hemmungsloser religiöser Kitsch"), Volker Schmidts "Brand" am Theater Braunschweig (taz; "nett gemeint, aber auch etwas anbiedernd"), Smetanas "Die verkaufte Braut" in der Inszenierung Dirk Schemdings an der Wiener Staatsoper (FAZ; "auf die Dauer etwas eintönig") und Kay Voges "Imagine" am Schauspiel Köln (SZ; "mäandert ein wenig bedrückend vor sich hin").
Für taz-Kritikerin Katharina Granzin dauert es ein wenig, bis der Abend an Fahrt aufnimmt, dann aber ist sie ganz dabei: "Im zweiten Teil des Abends verdichtet sich die Atmosphäre unbestimmter Bedrohung, die den 'Prozess' durchwabert, zu atemberaubender Unentrinnbarkeit. Das abstrakte Prinzip des 'Gesetzes' nimmt übergroße, bühnenfüllende Form an, wird visuell verdeutlicht zu einem talmudischen Über-Ich. Kathrin Wehlisch verliest die 'Vor dem Gesetz'-Passage aus 'Der Prozess' auf Hebräisch. Constanze Becker doziert mit faschistischer Kälte über die Funktionsweise des tödlichen Folterinstruments aus 'In der Strafkolonie', der finstersten aller Kafkaschen Erzählungen." "Geistreiches Musiktheater" mit "Witz und Chuzpe" lobt Irene Bazinger in der FAZ. Und auch Nachtkritikerin Esther Slevogt ist hingerissen.
Szene aus "Das Paradies und die Peri". Foto: Monika Rittershaus. Zu Beginn seiner Intendanz an der Hamburger Oper überraschte Tobias Kratzer Publikum und Kritiker mit Robert Schumanns kaum bekanntem Oratorium "Das Paradies und die Peri". Reinhard J. Brembeck hält sich in der SZ mit einem abschließenden Urteil zurück, ist aber auf jeden Fall musikalisch überzeugt: "Vera-Lotte Boecker als Peri liegt im weißen Kleid schon gleich zu Beginn auf der kahlen hellen Bühne. Ein paar Federn um sie herum deuten an, dass dieses Engelswesen wohl recht unsanft aus dem Paradies geworfen wurde. Den Grund erfährt man nicht, auch Kratzer vermeidet jede Erklärung. Boecker singt nuancenreich engelsgleich, reiht Sehnsucht an Verzweiflung an Strahlen an Jubel. Und Dirigent Omer Meir Wellber ist der ideale Mann an ihrer Seite. Er folgt ihr und den anderen Sängern bis ins Leiseste nach und lässt die wunderbar Schumanns Romantikton treffenden Hamburger Philharmoniker dann wunderbarerweise noch leiser spielen."
Jürgen Kesting klingt in der FAZ ein wenig ambivalent: "Geht es in der Inszenierung, wie es zur Erklärung der Stoffwahl hieß, um globale Krisen wie die Pandemie, die Blutkirmes des Krieges und die Klima-Krise? Nein, sie ist weit entfernt von den Banalitäten pseudo-aktueller Analogien. Die Peri erlebt und durchlebt Situationen, in denen existentielle Erfahrungen codiert sind. Der szenisch-erzählerische Reichtum Kratzers scheint unerschöpflich. Aber er führt dazu, dass der Regisseur Bilder und Effekte dergestalt aneinanderreiht, dass die Inszenierung zu ihrem eigenen Gegenstand wird - und zum Selbstgenuss eines Regie-Virtuosen."
Besprochen wird außerdem Cosmea Spellekens Inszenierung von Irmgard Keuns Roman "Nach Mitternacht" am Münchner Residenztheater (SZ).
Einem "Nachtschattentraum" gibt sich SZ-Kritiker Egbert Tholl mit Barbara Freys Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Münchner Residenztheater hin, das die Handlung auf das Oktoberfest verlegt hat: "Da stehen nun der Kasimir und die Karoline, weit auseinander auf der Bühne, die sich manchmal dreht wie zu einem müden Totentanz. So weit sind sie voneinander entfernt, dass man gleich weiß, die Liebe ist hin. (…) Simon Zagermann und Anna Drexler spielen ihre Figuren, als wären dies die Rollen ihres Lebens. Zagermann ist ein Trumm von einem Mann, aber der Orden, den er beim Hau-den-Lukas erwarb, hängt wie Hohn an ihm. (…) Drexlers Karoline ist kein Hascherl, eher eine scheiternde Idealistin, die einen Traum vom Glück noch nicht aufgegeben hat. Sie leuchtet leise vor sich hin, er kämpft permanent an gegen ein Auseinanderfallen."
Simon Strauss feiert in der FAZ vor allem die weibliche Hauptrolle: "So wie Anna Drexler die Karoline spielt, ist sie eine Schicksalsschaumschlägerin, die unbedingt erfahren will, was es heißt, das Spiel noch einmal ganz anders anzufangen. Nie, auch nicht in den Momenten größtmöglicher Demütigung, wenn sie, von lüsternen Männerblicken bedrängt, einen Schnaps nach dem nächsten trinkt, umgibt sie auch nur der Hauch einer Unsicherheit. Sie kippt die Shots mit großer Genugtuung, sie wechselt die Männer mit lustvoller Härte, sie schaut herablassend auf alle Melancholie - ihr Gemüt ist zum eigenständigen Erleben entschlossen."
Besprochen werden: "Imagine" von Kay Voges am Schauspiel Köln (taz), Tobias Kratzers Intendanz an der Hamburgischen Staatsoper beginnt mit dessen Inszenierung von Robert Schumanns "Das Paradies und die Peri" und, gemeinsam mit Matthias Piro inszeniert, die Kinderoper "Die Gänsemagd" von Iris ter Shiphorst, Libretto von Helga Utz (FR), Ayad Akhtars KI-Stück "Der Fall McNeal" am Deutschen Theater Berlin, Regie führt András Dömötör (SZ), Barrie Koskys "K." mit Texten von Franz Kafka am Berliner Ensemble (Nachtkritik, Tagesspiegel), "Glaube Liebe Hoffnung oder Leistung muss sich leider lohnen" von Gerlinde Steinbuch auf Basis von Ödön von Horvath am Theater Konstanz, inszeniert von Nina Mattenklotz (Nachtkritik) und Dostojewskis "Spieler" in einer Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum (Nachtkritik).
Tobias Kratzer "ist das Beste, was der Oper passieren konnte", jubelt im Spiegel Sebastian Hammelehle über den frisch gebackenen Intendanten der Hamburger Staatsoper. Künstlerisch hat er sich "viel vorgenommen. Die Spielzeit eröffnet er mit 'Das Paradies und die Peri' (streng genommen keine Oper, sondern ein sogenanntes weltliches Oratorium), einem selten inszenierten Werk von Robert Schumann aus dem Jahr 1843. Darin geht es um ein engelsgleiches Fabelwesen, die Peri, das versucht, ins Himmelreich zurückzukommen. Ein weiterer Höhepunkt folgt im Februar 2026 mit der Uraufführung von 'Monster's Paradise' , einer neuen Oper der zeitgenössischen, in Wien lebenden Komponistin Olga Neuwirth. Das Libretto um eine Art Trump-Figur hat die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gemeinsam mit Neuwirth verfasst. Klassische Publikumsrenner sind auf Kratzers Premierenliste für seine erste Spielzeit kaum zu finden."
Thilo Komma-Pöllath, der sich für die FAS mit Kratzer unterhalten hat, ist besonders von der "Peri" begeistert: Es ist "ein Stück der Stunde", meint er, denn es geht um Krieg, Pandemie und um "die große Frage, ob eine ältere Generation in der Lage ist, Empathie zu zeigen mit der jüngeren." Zur Begrüßung und Kontaktaufnahme zur Stadt hat sich Kratzer auch was ausgedacht: Es "war es mir wichtig, die übliche Trennwand zwischen Darstellenden und Publikum durchlässig zu machen. Im Schauspiel hat man das oft, in der Oper aber sehr selten. Die Menschen, die in den Saal kommen, werden von den Darstellern direkt gefilmt. ... Der Zuschauer schaut auf die Bühne, die Bühne schaut aber auch zurück. Wir sitzen an diesem Abend alle im selben Boot, setzen uns mit denselben Fragen auseinander. Es gibt eine kontinuierliche Rückkopplungsschleife, keine einseitige Berieselung."
Paul Jandl hat für die NZZ die Beisetzung Claus Peymanns im Nieselregen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begleitet. Die war würdig, aber nicht so schön wie Peymanns Verabschiedung in Wien: "'Theater, das bin ich!' ist so ein Peymann-Satz, der sich in den letzten Tagen zum letzten Mal bewahrheitet hat. Seit Peymanns Tod sind über zwei Monate vergangen, aber da gab es eben auch noch das Protokoll des Wiener Burgtheaters. Der prägende Hausherr der Jahre 1986 bis 1999 war Ehrenmitglied, und das heißt: Als Leichnam dreht man noch eine Ehrenrunde um das Haus am Ring. Aber nur innerhalb der regulären Spielzeit. Im Sommer ist Pause. Also warten. Dann, am Montag: Pomp, wie ihn nur das katholische und theaterselige Wien kann. Aufbahrung im schlichten schwarzen Holzsarg auf der Burgtheater-Feststiege. Blumen, Fackeln. Die Fahrt des Sargs Berlin-Wien und zurück. Insgesamt 1.500 Kilometer, aber man stirbt eben nur einmal." In der Berliner Zeitungberichtet Wiebke Hollersen.
Besprochen werden Bonn Parks an Ödön von Horvath angelehntes Stück "Glaube Liebe Roboter" am Münchner Volkstheater ("Obwohl Parks Formwille groß ist, gelingt es allen Darstellenden, ihren Figuren Individualität und damit sich selbst mitzugeben", lobt Egbert Tholl in der SZ, mehr hier), Max Frischs "Graf Öderland" in der Inszenierung von Claudia Bossard am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ) und Vegard Vinges Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" an der Berliner Volksbühne, die gestern schon die nachtkritikwürdigte ("Die Bildsprache und die szenischen Mittel der geschlossenen Welt des Vinge-Müller-Kosmos sind so hermetisch, dass sie nur von Inszenierung zu Inszenierung weiterwuchern können. Formal sind das Gesamtkunstwerk-Opern", staunt Peter Laudenbach in der SZ. "Schon jetzt einer der Höhepunkte der Theaterspielzeit", ruft Jakob Hayner in der Welt. Wozu Ibsen spielen, wenn man ihn nicht mehr erkennt, fragt sich hingegen FAZ-Kritikerin Irene Bazinger: "Personen ohne Gesicht und Stimme staksen wie ferngesteuert über die Bühne, und niemand weiß, woher und wohin", kurz: eine "brutale Show derRegie-Eitelkeiten").
Szene aus "Peer Gynt" an der Volksbühne. Foto: Julian Röder
Nachtkritikerin Elena Philipp hat acht Stunden "Peer Gynt" an der Berliner Volksbühne durchgesessen und sich offenbar nicht gelangweilt. Wer will das Totaltheater von Regisseur Vegard Vinge, Bühnenbildnerin Ida Müller und Komponist Trond Reinholdtsen auch toppen? "Peer, der sich in seinem Teenie-Zimmer ausmalt, wie er den wilden Bock über den Gendingrat reitet, wird von seiner Mutter Aase in die Ecke geprügelt. 'Peer, du lügst!', jault sie schrill, so wie die Sau, auf der ihr Junge mit der Trollprinzessin davonreiten wird. Fast synchron zu ihren Schlägen dreschen die von der Technik eingespielten Brutalo-Western-Sounds auf Peer und das Publikum darnieder. Schwer atmend verlässt der Junge nach der Tracht Prügel das schnuckelige Papphaus - und haut wahllos einen vor der Bar sitzenden Gast von der Bank. Gewalt erzeugt Gewalt. Schlüssig, den 'Peer Gynt' als Coming-of-Age-Geschichte zu lesen. 'König, Kaiser will ich werden': jugendliche Allmachtsphantasien eines 'Gernegroß'. Beeinflusst ist der Knabe von Popkultur, daher die Filmplakate, die Ida Müller für eine instagrammable Ausstellung wandhoch ins Foyer gemalt hat. 'Taxi Driver', 'Rocky' oder 'Pulp Fiction' - alles nichts für schwache Mägen. Nur, dass Uma Thurman, lasziv auf dem Bett ausgestreckt, Hitlers 'Mein Kampf' liest."
Szene aus "Glaube Liebe Roboter" am Münchner Volkstheater. Foto: Arno Declair
Total hingerissen ist nachtkritiker Leon Frei am Münchner Volkstheater von Bonn Parks an Ödön von Horvath angelehntes Stück "Glaube Liebe Roboter", das die Handlung in ein SciFi-Universum versetzt: "Es ist vielleicht die größte Leistung des Stücks, dass darin alles derartig hoffnungslos scheint, ja bretthart apokalyptisch - dass man der allgemeinen Verzweiflung angesichts der deprimierenden Gegenwart draußen vor den Theatertüren Ausdruck verleiht, und man doch am Ende kollektiv kathartisch summend in die Nacht hinaustritt." Park lässt die in die Prostitution getriebene Elisabeth, die in Horvaths Stück "aus Hoffnungslosigkeit stirbt", als Roboter weiterleben. "Ein Roboter, der anschließend von Stromkabeln zu Emotionen stimuliert wird, die Henriette Nagel mit so reduzierten Mitteln und doch so eindrücklich spielt, dass sie alle Blicke bannt. Und ist das nicht absurd? Fühlt man mit den sympathischen, singenden, lachenden und weinenden Robotern, mit diesen körperlichen, selbständigen, künstlichen Intelligenzen?"
Weitere Artikel: Moritz Rinkeerinnert sich im Tagesspiegel an seine späten Begegnungen mit Claus Peymann. Judith von Sternburg unterhält sich für die FR mit dem neuen Intendanten der Hamburgischen Staatsoper Tobias Kratzer über seine Pläne.
Besprochen werden außerdem Yousef Sweids Solo-Performance "Between the River and the Sea" am Berliner Gorki-Theater (SZ), Paula Lynn Breuers Inszenierung von Guillaume Poix' Stück "Die Stille" am Zürcher Theater Neumarkt (NZZ) und zwei Premieren am Thalia Theater in Hamburg - Jorinde Dröses Inszenierung von Jarka Kubsovas "Marschlande" und Ran Chai Bar-zvis Adaption von Klaus Manns Roman "Frommer Tanz" (taz).
Der Regisseur Tobias Kratzer und der Dirigent Omer Meir Wellber unterhalten sich im Zeit-Interview mit Christine Lemke-Matwey und Florian Zinnecker über ihre künstlerischen Pläne für die Oper Hamburg. Omer Meir Wellber hofft, dem Orchester mehr Identität verleihen zu können: "Ein Thema ist die Persönlichkeit des Orchesters, und das ist ein Problem. Ich will, dass das Hamburgische Staatsorchester wieder wird, was es ist: ein deutsches Orchester mit einem deutschen Klang. Das bedeutet nicht, dass das Orchester diesen Klang nicht hat, aber die Prioritäten im Musikbetrieb sind derzeit andere. Alles ist so international. Und ich bin gegen jede Form von Internationalismus. Das technische Niveau von fast allen guten Orchestern auf der Welt ist enorm hoch, viel höher als früher. Aber sie klingen fast alle gleich. Das ist schade. Früher wusste man beim ersten Ton, sitze ich in Moskau im Konzert oder in Paris oder in New York. Das meine ich mit Persönlichkeit, mit Identität, mit Individualismus. Den haben wir verloren."
Außerdem: Robin Passon resümiert in der FAZ den Saisonauftakt an den Schweizer Bühnen.
"Gute Nacht, Herr Direktor" verabschiedet sich Christoph Ransmayr vom Theatermann Claus Peymann, dem das Wiener Burgtheater eine fulminante Trauerfeier widmet. Mittendrin Ransmayr, dessen Abschiedsgruß an Peymann in der FAZ abgedruckt ist: "Ach, Herr Direktor, Sie waren nicht nur ein ausdauernder Gefährte auf dem Weg ins Gebirge, sondern für so vieles zu haben, sogar für eine Verfluchung des Theaters! (…) Gleichgültig, ob ich mich diesseits oder jenseits des Bühnenportals wiederfand - am Ende eines Abends spürte ich stets den Drang, den kürzesten Weg ins Freie zu nehmen. Auch Sie, Herr Direktor, schienen diesen Weg ins Verschwinden manchmal zu bevorzugen, keiner im Theater wird schließlich dramatischer, großartiger unsichtbar als der Held eines Stücks in der Kulisse." Peymann stand dem Burgtheater zwischen 1986 und 1999 vor. Außerdem berichtet in der FAZ Andreas Platthaus von der Wiener Trauer-Sause.
Bei SZ-lerin Christine Dössel, die ebenfalls vor Ort war, liest sich das alles ein bisschen nüchterner: "Es war eine bewegende Trauerfeier, eine ohne falsche Lobhudeleien. Was hier gelang, war eine zu Peymann passende Konzentration auf das Wesentliche: nämlich auf die Sprache und die Akteure. Also auf die, die auftreten, die spielen und sprechen. Der amtierende Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann ließ in seiner persönlichen Rede schon auch den 'Dinosaurier' und 'Patriarchen' Peymann aufscheinen, nicht nur den Theaterverführer, auf dessen Plakat zur 'Hermannsschlacht' einst der gültige Satz stand: 'Theater ist schöner als Krieg'." Für Zeit Onlineist Peter Kümmel vor Ort.
Weitere Artikel: Patrick Wildermann besucht für den Tagesspiegel die Vorabpräsentation der Artisten-Show "Alizé", die ab dem 20. November am Theater am Potsdamer Platz aufgeführt wird. Für die BlZ ist Birgit Walter vor Ort. Ebenfalls in der BlZfreut sich Michael Maier darüber, dass sich in Zürich die Oper ein Wochenende lang dem Volk öffnet. Auf Backstage Classicalhofft Axel Brüggemann, dass die Theater in unmoralischen Zeiten wieder moralische Anstalten werden.
Besprochen werden außerdem zwei Produktionen am Hamburger Thalia-Theater, mit denen Christiane Lutz in einem SZ-Doppelverriss kurzen Prozess macht: Jarka Kubsovas "Marshlands" ("schwummrig, zu grell, konturlos. Und: nicht lustig") und Anne Lenks "Was ihr wollt"-Inszenierung ("Ein bisschen Genderfluidität hier, ein bisschen Queerness da, was bei Shakespeare ja kein rasend neuer Ansatz ist."), außerdem Valentin Schwarz' Kleist-Doppel "Penthesilea & Der zerbrochene Krug" am Deutschen Nationaltheater Weimar ("Sogar Thüringer Bratwürste fliegen durch die Luft", freut sich Manuel Brug in der Welt), das von Ivan Uryskyi inszenierte ukrainische Stück "Die Hexe von Konotop", das an der Berliner Urania gastiert (FAZ), "Der Hauptmann von Köpenick", inszeniert von Sebastian Hartmann am Staatstheater Cottbus ("eine große Harlekinade", lobt in der taz Torben Ibs), "Jesus Christ Superstar" in Andreas Homokis Inszenierung an der Komischen Oper Berlin, die den alten Flughafen Tempelhof bespielt ("Erstklassige Musical-Darsteller singen sich die Seele aus dem Leib", feiert Eleonore Büning in der NZZ) und Peter Wittenbergs "Eichmann vor Gericht" am Landestheater Linz (Standard).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Antonio Scurati: M. Das Ende und der Anfang Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Am 28. Juli 1943 wird Benito Mussolini nach Ponza deportiert. Er hat alles verloren, hegt keine Hoffnung mehr - bis er durch…
Linea Maja Ernst: Fast Abend, immer noch hell Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. An der Uni waren Sylvia und ihre Freunde unzertrennlich, jetzt haben sie Jobs, Beziehungen, manche sogar Kinder. Doch eine Sommerwoche…
Dirk Laabs: Armee der Einzeltäter Der neue Terror - warum Minderjährige tötenImmer mehr Anschläge werden von jungen frustrierten Männern verübt. Sie radikalisieren sich inzwischen fast ausschließlich im Internet,…
Jan-Werner Müller: Straße, Platz, Palast Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Mit zahlreichen Abbildungen. Menschen gehen auf die Straße. Die Öffentlichkeit wird als Marktplatz der Ideen beschrieben. Parlamente…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier