Szene aus "Between the River and the sea" am Gorki Theater Berlin. Foto: Ute Langkafel MAIFOTO Ein lustiges Stück über Nahost? Ein heikles Unterfangen, meint Anna Vollmer in der FAS. Yousef Sweid, selbst arabischer Israeli, bekommt es aber im von Isabella Sedlak inszenierten Solo-Abend "Between the River and the Sea" am Gorki Theater in Berlin hervorragend hin - denn Witze macht er nicht, um "die Situation zu verharmlosen, sondern sie zu ertragen". "Er werde ohnehin nicht über den Krieg im Nahen Osten reden, sondern über seine Scheidung. An dieser Stelle kommen die ersten Lacher, und es werden noch viele folgen, denn es gibt einige wirklich gute Pointen in diesem Stück (...) Und weil er ein palästinensischer Israeli (oder, da fängt es schon an, ein Palästinenser mit israelischem Pass?) ist, ist das Private selbstverständlich politisch, und um die Scheidung geht es dann gar nicht so viel. Es ist ein autobiographischer Abend, er beginnt mit Sweids Kindheit, in der er sowohl jüdische als auch arabische Schulen besuchte und er schon damals oft eins war: dazwischen. Wie er, nachdem ein jüdisches Kind ihn im Kindergarten als 'stinkenden Araber' beschimpft hatte, zum ersten Mal lernte, was das überhaupt ist, ein Araber, und ins Nachdenken kam: Werde ich gemobbt, weil ich Araber bin? Ist der Lehrer streng, weil ich Araber bin? Bekomme ich Süßigkeiten geschenkt, weil ich Araber bin?"
Weitere Artikel: Elmar Krekeler unterhält sich in der Welt mit dem Bariton Benjamin Appl.
Hofesh Shechters "Red Carpet" im Palais Garnier. Foto: Julien Benhamou "Sie tanzen, als wäre es die letzte Party ihres Lebens", ruft FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster beim Besuch von Hofesh Shechters Choreografie "Red Carpet" im Palais Garnier in Paris. Der israelische Choreograf ist wirklich ein Könner, versichert Hüster, und in diesem Theater am richtigen Platz: "Auf einem erhabenen, runden Podest mit einem schmalen Geländer thronen die vier Musiker seiner Live-Band über der Bühne, zu ihren Füßen tanzt das Ensemble in Chanel, in roten Pailletten, Samt, Tüll und schwarzer Seide und Strumpfhaltern für manche Männer (...) Es ist eine laute, schweißtreibende Angelegenheit. Das Licht ist schummerig, schwere, plüschrote Vorhänge teilen sich, das Palais Garnier ist verwandelt in einen alten Nachtklub oder ein Boudoir." Die Tänzer hat er "in ein paar Wochen zu einer eingeschworenen Gemeinschaft gemacht mit seinem erdenschweren, hüftgesteuerten Tanz, bei dem die Arme geschwungen werden wie Lassos im Rodeo. Alle diese luxuriös gekleideten, muskulösen Körper gehen wie in eine Trance, people under the influence."
Besprochen wird Marc Beckers Inszenierung von Carlo Goldonis Stück "Der Diener zweier Herren" am Staatstheater Mainz (FR).
Szene aus "Elias" am Opernhaus Zürich. Egbert Tholl freut sich über eine "brillante" Abschiedsinszenierung von Andreas Homoki am Zürcher Opernhaus: Nach dreizehn Jahren als Intendant ist Mendelssohns Oratorium "Elias" eine "bemerkenswert bescheidene Wahl", findet Tholl, die Inszenierung gelingt um so besser: Christian "Gerhahers Prophet ist grantig, schlecht gelaunt, oft zornig. Er verhöhnt das dumme Volk, vor allem aber grübelt er über sich, hadert auch mit Gott, mit seiner ihm von diesem zugedachten Rolle. Jedes einzelne Wort, das Gerhaher singt, ist ein Ereignis von Schönheit und Klarheit, oft endet er die Phrasen offen, hält den Ton oben, als setze er ein Fragezeichen (...) Das Bühnenbild sieht aus, als hätte es der Schweizer Architekt Peter Zumthor und nicht Hartmut Meyer gebaut, eine Trommel von harter, skulpturaler Wucht. Die an sich unaufgeregten Kostüme von Mechthild Seipel sind eine Sensation: Jeder Solist findet seine Entsprechung, seine Gruppe im Volk. Die Präzision ist fast abstrakt, öffnet den Gedankenraum Richtung Verführbarkeit des Volks, Klimakrise, religiöser Wahn."
Staatstheater Mainz - Underdog. (c) Andreas Etter Sylvia Staude erfreut sich im Staatstheater Mainz an Alan Lucien Øyens Tanzstück "Underdog". Schön altmodisch ist die Inszenierung geraten, und auch das Dekor überzeugt sie: "Es ist ein Stück in Winterfarben. Die Kostüme von Stine Sjøgren weiß, schwarz, blaugrau. Überwiegend tragen die Tänzerinnen und Tänzer sehr weite Hosen, was ihre ausgreifenden Bewegungen fantastisch akzentuiert. Die Rückwand der Bühne von Åsmund Færavaag erscheint als Schneefläche, doch nicht blendend, sondern matt. Eine dünne Holzwand mit Baumumriss kommt dazu, der Baum wird sich herauslösen, zur melancholischen Skulptur werden. Und es kommen Stühle zum Einsatz (49 insgesamt), mal säuberlich in Reihe, mal werden ihre Beine zu Igelstacheln."
Demis Volpi, Intendant am Hamburger Ballett, wurde zuletzt von Tänzern im eigenen Haus kritisiert; andernorts war gar von "Hexenjagd" die Rede (unsere Resümees). Nun ist er gegangen worden. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda ist offensichtlich zum Entschluss gelangt, dass Volpi nicht mehr tragbar ist. Wiebke Hüster zitiert in der FAZ die Tänzerin So-Yeon Kim: "Manche waren der Ansicht, da Volpi nicht körperlich gewalttätig war, müsste man ihn nicht entlassen. Die Wahrheit ist aber, dass viele Tänzer und Theatermitarbeiter unter Volpis Charaktermängeln und Inkompetenz nicht nur gelitten haben, sondern in der Konsequenz ihr Engagement und manche ihre Karriere verloren haben. Sein Verhalten hat das Leben von Tänzern ruiniert." Manuel Brug ist sich in der Welt deutlich weniger sicher, wie die Lage zu bewerten ist. Er betrachtet den Abgang Volpis vor allem als einen Sieg derjenigen, die dem gefeierten langjährigen Leiter John Neumeier, Volpis Vorgänger, hinterher trauern: "Soll jetzt das Neumeier-Regententum mit seinen Satrapen und Speichelleckern, bei denen der Altmeister von hinten an den Strippen zieht, auf ewig verlängert werden? Das kann es nun wirklich nicht sein. Das Ballett ist kein Erbhof." Warnendes Beispiel laut Brug: Wuppertal, wo seit Pina Bauschs Tod das Chaos regiert.
Weitere Artikel: Christine Wahl blickt im Tagesspiegel auf die "Autor:innentheatertage 2025", die im Juni Deutschen Theater Berlin stattfinden. Andreas Thamm spricht auf nachtkritik mit John von Düffel, der in der Spielzeit 2025/26 das Bamberger ETA Hoffmann Theater übernimmt.
Besprochen werden Barry Koskys "Hotel Metamorphosis" auf den Salzburger Pfingstfestspielen (FAZ, "unheimlich-komisch"), Philipp Preuss' Kafka-Interpretation "Der Prozess" am Staatstheater Darmstadt (FR, "schöne Distanz zum übergroßen Text") und Andreas Homokis Inszenierung des Mendelssohn-Oratoriums "Elias" am Opernhaus Zürich (NZZ, "betont einfache, unpathetische Bilder").
Szene aus "Hotel Metamorphosis". Bild: Monika Rittershaus Es klingt wie eine Sensation: Die Uraufführung einer Vivaldi-Oper mit dem Titel "Hotel Metamorphosis" mit Angela Winkler, Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky auf der Bühne der Salzburger Pfingstfestspiele. Zu verdanken ist das Regisseur Barrie Kosky und Dramaturg Olaf A. Schmitt, die aus diversen Opern Vivaldis, zwanzig Arien, vier Ensembles, ein paar Chören, darunter zwei neu erfundenen, ein Pasticcio zusammenstellten, erklärt uns Egbert Tholl in der SZ. Unterlegt ist das Werk mit Geschichten aus Ovids "Metamorphosen", und die Mischung gelingt prächtig, staunt Tholl. Man hört "nur (gut ausgewählt) umfassend betörende Musik, voller melodischer Einfälle und viel Raffinesse in der Instrumentation. Im Orchester 'Musiciens du Prince - Monaco' spielen auch Salterio und Chalumeau mit, eine Zither das eine, eine Art Ur-Klarinette das andere. Unter Capuano zaubert das Orchester eine Fülle an Farben, an poetischen Einfällen, meist fein und leicht, oft zart wie ein Gespinst."
Ein "kluges wie wunderschön visualisiertes Barockopernexperiment", jubelt auch Manuel Brug in der Welt: Musikalisch erlebt Brug ein "vehementes Plädoyer für Vivaldi nicht als Notenserienfabrikanten, sondern farbenreichen, rhythmisch mitreißenden Innovator und Klangpsychologen". Aber auch das schauspielerische Element überzeugt: "Statt Rezitative steuert die große, alte Angela Winkler als fluider Orpheus im Anzug verbindende wie erklärende Ovid- wie Rilke-Texte bei. Oper als beglückendes Nachdenken über die abendländische Zivilisation, kontemplativ, packend, immer wieder mitreißend durch die Originalität der Ideen wie überraschungsvoll ideal passenden Soundfiles. Einen besonders opulenten Auftritt haben zu Beginn des zweiten Teils Otto Pichlers energetisch stringent choreografierte Tanztruppe und der tolle Projektchor Il Canto d'Orfeo. Denn der bekiffte Narziss verliert sich in einer Sixties-Orgie im Fellini-Satyricon-Look, die auch ein Kleiderfest für den sonst mit seinen Damenroben prunkenden Klaus Bruns ist."
Als "Stück der kommenden Stunde" erlebt Judith von Sternburg (FR) an der Oper Frankfurt derweil Aileen Schneiders Inszenierung von Aribert Reimanns 1956 uraufgeführter Oper "Melusine", die, basierend auf einem Stück von Yvan Goll von Naturzerstörung im Kapitalismus erzählt: Schneider verbindet die "durchaus ironisierten Märchenelemente und das bedrohlich Gegenwärtige/Zukunftsweisende eines zerstörten Ökosystems zu einem feinen, selbst einen Futurismus der 20er Jahre noch sanft hineinbauenden Science-Fiction-Drama. (…) Die Sci-Fi-Atmosphäre bekommt Reimanns Musik, die selbst aus der Zukunft herüberwinkt, namentlich in der Titelpartie, einem gleißend hohen, gezackten und dramatisch aufreibenden Sopran." Auch FAZ-Kritiker Wolfgang Fuhrmann sieht eine Oper "die die Zerstörung der Natur anklagt, ohne belehrend und platt zu wirken, in der die Ausbeutung der Umwelt zum Untergang in einem Flammenmeer führt und der es dennoch gelingt, zugleich eine vielschichtige und poetisch-rätselhafte Geschichte zu erzählen."
Besprochen werden Annette Luboschs Inszenierung des Musicals "Hello, Dolly" bei den Burgfestspielen Bad Vilbel (FR), Chris Jägers Inszenierung von Purcells "King Arthur" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Leo Meiers Kammerspiel "Fünf minuten stille" am Schauspiel Frankfurt (FR), Maurice Ravels "Konzert für die linke Hand", getanzt vom Ballett am Rhein unter der Leitung von Choreografin Bridget Breiner an der Oper Duisburg (FAZ), die Performance "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief" von Olaf Nicolai in der Synagoge Stommeln (FAZ), das Live Art Festival auf Kampnagel in Hamburg (taz), Jan Friedrichs Stück "Onkel Werner" bei den Autor:innentagen in Berlin (taz), die 10. Ausgabe der Programmreihe Macht Kritisches Theater (MKT) im Berliner Ringtheater, bei für ein antifaschistisches Theater geworben wurde (taz), Holger Potockis Inszenierung von Walter Braunfels' Oper "Die Vögel" am Oldenburgischen Staatstheater (taz) und Alexander Flaches Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" Am Theater Alternburg in Gera (nachtkritik).
"Sauhund", Foto: Armin Smailovic. Lion Christs "Sauhund", inszeniert von Florian Fischer an den Münchner Kammerspielen ist für Egbert Tholl in der SZ "ein fantastischer Schauspielabend für die Freiheit": Im Bayern der 80er Jahre spielt das Stück, als München eine "schwule Metropole" war. Der Protagonist Flori kommt aus einem bayrischen Dorf und erlebt die Schrecken von AIDS bis hin zu engstirnigen Dorfbewohnern hautnah mit: "Fischers Inszenierung ist mit dem grandiosen Musikhintergrund von Ludwig Abraham auch ein Requiem. Einmal sieht man im Video ein vielleicht letztes, überbordendes Konzert von Queen, aber dann hört man Marvin Gayes 'Inner City Blues' als sanfte, rein instrumentale Erinnerung, während sich Flori endgültig als strahlender Schmetterling entpuppt. Aber der Abend bleibt nicht in der Erinnerung kleben, er setzt vielmehr aus dieser heraus dem drohenden Ende der Wokeness etwas entgegen. Es geht ja nicht ums Schwulsein allein, sondern um alles, was dem Heteronormativen, auch dem Prüden und Faden, entgegensteht. Dazu braucht man nicht einmal in ferne Länder zu blicken." Eine weitere Besprechung findet sich in der Nachtkritik.
"Die Seherin", Foto: Nurith Wagner Strauss. Bei den Wiener Festwochen sieht FAZ-Kritiker Martin Lhotzky "Die Seherin", das Milo Rau, durch Sophokles inspiriert, mit Ursina Lardi auf die Bühne bringt. Das Stück über eine Kriegsreporterin, die unter anderem über den IS berichtet hat, ist eine Koproduktion mit der Berliner Schaubühne: "Wie schon bei der mythischen Kassandra werden auch die Warnungen und Vorhersagen der Kriegsfotografin kaum je ernst genommen. 'Die Seherin' ist eher ein Dokudrama als ein Theaterstück. Es handelt vom IS, verschweigt aber auch nicht die Kriegsverbrechen der Amerikaner und Europäer. Erschütternd und beunruhigend, in wenigen Punkten auch übertrieben, aber eben ziemlich dicht und präzise dran an der Wirklichkeit unserer Welt."
Nachtkritiker Jakob Hayner reflektiert diesen dokumentarischen Darstellungsmodus: "Was soll man in einer Welt der schamlosen Medialisierung von Gewalt noch enthüllen, wie es die gute alte Kriegsfotografie einst als aufklärerisches Ideal gehabt haben mag? Oder das gute alte Dokumentartheater, das ist übertragbar. Die ethische Geste des Zeigens, das einen zum Zeugen macht, hat sich erschöpft, wo alle immer schon Zeugen sind, nur keine Ethik mehr daraus folgt. Man mag bestreiten, dass der Massenkonsum von Gewaltpornografie ein Problem für das Theater als solches ist, doch für das Theater von Milo Rau ist sie mit Sicherheit eines. Weil Rau sich nämlich den Vorwurf gefallen lassen muss, selbst einem Gewaltfetischismus zu frönen, der seinen Arbeiten den gewissen Kick verleiht. (…) Der Abend macht keinerlei Anstalten, dem Vorwurf, von dem Elend zu leben, das man anprangert, auszuweichen, sondern setzt einen kaum erträglichen Schilderungen von Gewalt aus. Schlimm? Ja, so wie die Wirklichkeit." Eine weitere Besprechung findet sich im Standard.
Weiteres: Die tazstellt die deutsch-armenische Schauspielerin Nairi Hadodo vor, die im Gorki-Theater Kim Kardashian in "Kim" auf die Bühne bringt.
Besprochen werden: Die Dresden Frankfurt Dance Company tanzt William Forsythes "Undertainment" und Thomas Hauerts "Playing with Sergei, Martha and the Others" am Schauspiel Frankfurt (FR), "Mirage" von Jalet und Nawa auf Kampnagel in Hamburg (FAZ), "Schicklgruber" von und mit Nikolaus Habjan am Deutschen Theater Berlin (NZZ).
Besprochen werden Luis Dekants Inszenierung von Maria Lazars Stück "Der blinde Passagier" am Staatstheater Mainz (nachtkritik, FR), Nikolaus Habjans und Manuela Linshalms Puppenspiel "Schicklgruber" am Deutschen Theater Berlin (NZZ) und Jan Lauwers' Musiktheater "Lee Miller in Hitler's Bathtub" im Künstlerhaus der Wiener Staatsoper (FAZ).
Szene aus "Perzen". Foto: Kurt van der Elst Hoffnung machen an diesem Abend nur die abschließenden Umarmungen der israelischen und palästinensischen Schauspieler, seufzt Wolfgang Kralicek bei den Wiener Festwochen. "Kühn" verbindet Regisseur Chokri Ben Chikha in seiner Inszenierung "Perzen" Aischylos' Drama "Die Perser" mit dem Nahostkonflikt. "Das Stück spielt im Jahr 2030, und das Zukunftsszenario wird einigermaßen dystopisch gezeichnet: Trump ist immer noch im Amt, Putin auch, Russland hat die Ukraine und große Teile Polens besetzt. Nach einem Nukleareinsatz ist nicht nur der Gazastreifen, sondern auch Israel zerstört; Benjamin Netanjahu lebt im Exil in Deutschland, der Staat Israel existiert nicht mehr, es gibt nur noch eine israelische Zone in einem Gebiet, das H.U.M.U.S. heißt. Das steht für 'Human Unified State' und ist wohl als eine Art Zweistaatenlösung zu interpretieren." Ob das alles so gut funktioniert? Krischke will sich nicht festlegen, wichtige Fragen werden aufgeworfen, aber oft zuckt der Kritiker auch zusammen, wenn zum Beispiel die Zerstörung in Gaza mit den Warschauer Ghettos verglichen wird. Einen "Triumph der Empathie", so der Untertitel des Stücks, kann der Kritiker hier beileibe nicht erkennen.
Weitere Artikel: Stella Schalamon und Florian Zinnecker berichten in der Zeit detailliert über die Affäre um den Intendanten des Hamburg Balletts Demis Volpi (unsere Resümees).
Ein ganzes Festival richtet das Oslo Opera House derzeit für den begnadeten Choreographen Jiří Kylián aus. Sylvia Staude war für die FR vor Ort und ist hin und weg, so viel gab es für sie zu entdecken: "Man nehme 'Gods and Dogs' aus dem Jahr 2008, zu (Streichquartett-)Musik von Beethoven. Eine Kerze brennt am vorderen Bühnenrand, ein Wolfshund trabt als Video-Schemen auf das Publikum zu, ein Vorhang aus silbernen Fäden wippt und schwingt. Dazu ist die Bewegungssprache elegisch, aber auch klar, expressiv, ohne dick aufgetragen zu sein. Es geht um die beiden Seiten, die zwei Bestandteile des Menschen, das Geistige, das Tierische. Wenn man das nicht weiß, wird man doch vieles gleichsam durch Osmose aufnehmen."
Weitere Artikel: In San Francisco wird bald ein Musical die Geschichte Luigi Mangiones, den zum Internetstar avancierten CEO-Mörder, erzählen, berichtet Max Fluder in der SZ. Holger Noltze besucht für vanWagner-Aufführungen in Dortmund und Wien. Christian Schachinger blickt für den Standard voraus auf die Revue "Save the Last Waltz for Me" im Wiener Konzerthaus, Helmut Ploebst freut sich im gleichen Medium auf das Queer Performance Festival Vienna. Esther Slevogt berichtet auf nachtkritik über eine Skandal-Performance während des 1250-Jahre-Westfalen-Jubiläums in Paderborn. Nachtkritiker Wolfgang Behrend wiederum überlegt sich, warum sich Dramaturgen und Kritiker oft nicht mögen.
Besprochen werden Neville Tranter und Nikolaus Habjans Puppenstück "Schicklgruber" am Deutschen Theater Berlin (FAZ; "besticht (...) mit der dumpfen Abgründigkeit der Situation und der Charaktere") und Filipe Portugals "Carmen"-Version, die in der Klosterkirche Köngsfelden in Windisch zur Aufführung kommt (NZZ; "von exquisiter Feinheit ist (...) die Musik").
Ganz glücklich wirdtaz-Kritiker Uwe Mattheiss nicht mit den Wiener Festwochen unter Milo Rau. Er hat ja nichts dagegen, dass Rau sich dem Widerstand verschrieben hat - und damit ein "verwaistes Terrain radikaler linker Positionen im kulturellen Feld besetzt", aber: "Rau negiert die Differenz von ästhetischer Erfahrung und politischem Handeln. Er tut dies zur Beschleunigung von Arbeitsprozessen auf Kosten jener Momente, die an der Kunst nur über den Umweg der Form lesbar sind. Ist ihre Eigengesetzlichkeit doch das, was die Widersetzlichkeit von Kunst ausmacht, das das Einvernehmen mit dem Bestehenden erschüttert. Das allerdings ist für Rau gerade Ausweis einer identitär gebliebenen bürgerlichen Kunst und als solches lässlich, steht sie dringenderen Inhalten scheinbar im Weg."
Szene aus "Der Gipfel". Foto: Mathias Horn Abende von Christoph Marthaler sind "Abende der misslingenden Kommunikation, der unerfüllten Sehnsüchte und des unstillbaren Verlangens nach Sinn", hält Hubert Spiegel in der FAZ fest, nachdem er dessen neustes Stück "Der Gipfel" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen gesehen hat. Und so versucht der Kritiker einmal mehr den Sinn zu finden, wenn sechs Gäste auf einer Alpenhütte in drei Sprachen Smalltalken und Phrasen dreschen "über Fuschl und Ischgl, Champagner und Kaviar. (…) Mehr als bei Marthaler sonst üblich erweckt dieser Theaterabend den Eindruck, der Regisseur habe sich ein wenig ziellos treiben lassen von seinen Einfällen und Assoziationen und den Talenten seines großartigen Ensembles"… Für die nachtkritik bespricht Andreas Wilink das Stück.
Weitere Artikel: Zum 150. Todestag von Georges Bizet erzählt Manuel Brug in der Welt die Geschichte von Bizets letzter Oper "Carmen". Für die FAZ spricht Jan Brachmann mit dem neuen Intendanten der Händelfestspiele Halle, Florian Amort über Opern von Georg Friedrich Händel und Reinhard Keiser.
Besprochen werden außerdem Maria Lazars "Die blinde Passagierin" am Düsseldorfer Schauspielhaus, inszeniert von Laura Linnenbaum (Welt), Sonja Trebes' Inszenierung von Leos Janáceks Oper "Jenufa" am Theater Heidelberg (FR), das Festival "Innovationslabor Zukunft" zum Thema Künstliche Intelligenz am Schauspiel Stuttgart (FR), Jakab Tarnóczis Inszenierung von Asiimwe Deborah Kawes "Das Gelobte Land" am Münchner Residenztheater (nachtkritik) und die große Retrospektive "Wings of Time", die das Norwegische Staatsballett dem tschechischen Choreografen Choreografen Jiří Kylián widmet (Tsp).